jeden Monat neu – jeden Monat etwas anderes
— Mai 2008 —
Erst
1948 2008
Aber
„ Tief ist der Brunnen der Vergangenheit “
(Startschuß zu Thomas Mann’s Joseph und seine Brüder)
Hier denn + heute zum 60ten wieder ans Licht gepumpt als
Symbolträchtiges Gleichnis
für das Volk Israel
in den Löwengruben der Zeitläufte
Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Daniel in der Löwengrube. An dem in der Babylonischen Gefangenschaft der Juden aufgestiegenen, unter dem Perser Kyros I. von Neidern verleumdeten und der Löwengrube überantwortetem Daniel – hier inmitten elf grimmig-friedfertiger Mähnenträger –
zeigt Jehovah , der Gott Israels , seine Macht
und bringt den Hof auf der Empore zu ungläubigem Staunen. Lavierte Tuschpinselzeichnung in Graublau + Schwarz nebst Weißhöhung für Johann Daniel Herz I (1693 Augsburg 1754; ein „Kunstverleger mit Blick für Qualität“ [Rolf Biedermann, 1987], „[g]enannt seien besonders seine Blätter großen Formats“ [Thieme-Becker, 1923]). (1732.) Verlegerseits in Bister bezeichnet: Jo El. Riedinger (sic!) inv et del 1732. 837 x 533 mm + 32 x 20 mm zusätzliches Signaturfeld seitlich rechts unten.
Provenienz
Gräflich Faber-Castell
deren Ridinger-Versteigerung 1958
mit deren Lot-Nr. 2
in Rot auf dem Untersatzkarton
als spiegelbildliche Vorzeichnung zu dem von Johann Jacob Wangner („Iun.“, ca. 1703 Augsburg 1781; die zeitgenössischen Augsburger Künstler „lieferten ihm ebenfalls Zeichnungen zum Stiche“, Nagler) gestochenen und der Literatur erst 1910 durch das Exemplar der von Gutmann’schen Sammlung bekanntgewordenen, in seiner Wiedergabe gleichwohl offenbar weit hinter dem zeichnerischen Schmelz zurückbleibenden Blatte Schwarz 1440 (dessen Bildgröße bei etwas schmalerem Abschluß oben 793 x 557 [sic! oder Versehen?] mm gegenüber reiner Bildgröße hier von 820-822 x 507-509 mm).
Die entgegen der Katalogisierung Faber-Castell (irrig zudem als 1737) nicht autograph signierte Arbeit
zählt zu den größtformatigen des zeichnerischen Œuvre
und folgt der Bibelüberlieferung Buch Daniel, Kap. 6:
„ Und Dareios (recte Kyros der Ältere, siehe unten) … (setzte) über das ganze Königreich hundertzwanzig Landvögte. Über diese setzte er drei Fürsten, deren einer Daniel war …
Daniel aber übertraf die Fürsten und Landvögte alle ,
denn es war ein hoher Geist in ihm ;
darum gedachte der König ihn über das ganze Königreich zu setzen. Derhalben trachteten die Fürsten und Landvögte danach, wie sie eine Sache an Daniel fänden, die wider das Königreich wäre. Aber sie konnten keine Sache noch Übeltat finden. Da sprachen die Männer :
Wir werden keine Sache an Daniel finden ,
außer seinen Gottesdienst …
Da befahl der König, daß man Daniel herbrächte;
und sie warfen ihn zu den Löwen in den Graben .
Der (ob der Entwicklung sehr betrübte) König aber sprach zu Daniel :
„ Dein Gott ,
dem du ohne Unterlaß dienst ,

der helfe dir !“
… Des Morgens früh … stand der König auf und ging eilend zum Graben … (u)nd sprach zu Daniel: … hat dich auch dein Gott … können von den Löwen erlösen? Daniel aber redete … daß sie mir kein Leid getan haben; denn vor (Gott) bin ich unschuldig befunden … Da ward der König sehr froh und hieß Daniel aus dem Graben ziehen … und man spürte keinen Schaden an ihm;
denn er hatte seinem Gott vertraut . “
Wie dieser denn auch die ohnehin nicht mit Versklavung zu verwechselnde, die Juden gleichwohl mürbende Babylonische Gefangenschaft (597-537, also keine „70 Jahre“ wie Jeremia 25, Vers 11) seinem Volke zum Wohle gedeihen ließ, denn sie wurde
„ eine Periode der Läuterung, aus der das israelitische Volk national und religiös wie neugeboren hervorging. Der Gegensatz zu dem siegreichen, aber entarteten Heidentum stärkte das Nationalgefühl und den religiösen Glauben … (S)tatt eines beschränkten Stammgottes lernte man in Jehovah den Herrn der Welt erkennen,
unter dessen mächtiger Obhut man sich wußte “
(Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., II [1888], 207).
Unter letzterem Aspekt erweist sich denn auch das spektakuläre Löwengruben-Geschehen unabhängig seines tatsächlichen zeitlichen Ansatzes, siehe unten,
als das bis auf den heutigen Tag
fortwirkende Gleichnis
von Jehovah’s schützender Hand über dem Volke Israel ,
dessen Thema einen Ridinger angesichts dessen 1723er Reflektions-Zeichnung zu Alexanders des Großen Umkehrbeschluß am indischen Hyphasis 326 v. Chr. umsomehr fascinieren mußte, als nach biblischer Lesart
Daniel das mit Alexander zu identifizierende Großreich
eines mächtigen Königs prophezeit hatte ,
welchem er zehn Jahre zuvor seinen Alexander-Zyklus – neben der Hyphasis-Zeichnung die seitens Jeremias Wolff Erben bzw. Herz I auch im Stich veröffentlichten Blätter der Belagerung von Halicarnassos und der Überquerung des Tigris – gewidmet, und welchem Thema er in den 30ern in Gemeinschaft mit Brockes mit den ersten vier Blättern der „Kämpfe reißender Thiere“ schließlich das Halali geblasen hatte.
Aber auch rein formatmäßig steht sein
imposantes Löwengruben-Blatt
herrlichen Hochformates
in Kontext zu jenen des Alexander-Zyklusses, von denen aber eben nur die beiden „heroischen“ anderwärts gestochen und veröffentlicht wurden, da zu jener Zeit noch nicht selbst in Kupfer arbeitend und verlegend. Gleichwohl blieb es auch beim späterem Löwengruben-Blatt bei solchem Procedere.
All jenen „Fremdarbeiten“ gemein ihre …
exorbitante Seltenheit selbst noch im Stiche ,
wie denn auch für das Kupfer der „Löwengrube“ hier kein zweites Markt-Exemplar seit Schwarz (1910) nachweisbar ist. Gestochen fehlte es ausdrücklich also auch Gräflich Faber-Castell (1958).
Die Wege der Vorzeichnungen wie der Platten waren – anders als die über Generationen von den Ridingers zusammengehaltenen und schließlich geordnet weitergegebenen Arbeiten – bestimmt von wechselnden Verlegerhänden bald früher, bald später und ihr Eingebettetsein in eine sich letztlich verlierende anonyme Mischproduktion. Ob solcher Vorgaben
der Erhalt hiesiger Löwengruben-Zeichnung
ein Ereignis absoluten Grades
ist, dem der schon zu Zeiten Faber-Castells bei anschließender Verwahrung seitens lediglich einer sorgsamen Hand gegebene Erhaltungszustand nachzuordnen ist.
So neben zwei als Abreibungen sichtbar gebliebenen geglätteten Horizontalfalten oben unterhalb der Empore und mittig unterhalb des Torbogens eine Vielzahl klein(st)er Abreibungen namentlich in den Randpartien, sodann, und hier bedingt auch störend, auf 2,5-3 cm Höhe im linken Blatteil oberhalb der Mittelfalte. Vom rückseitigem überwiegend nur stippenhaftem Stockfleckenbefall vorwiegend in der oberen Blatthälfte bildseits nur vereinzelte wenig größere durchscheinend, wahrnehmbar fast nur in der nur lavierten Freifläche zwischen Torbogen und Empore. Ganz vereinzelte kleine Randeinrisse hinterlegt. Gesamthaft die schlecht zu verwahrender Übergröße und höchster Seltenheit geschuldeten, gut und gern zu tolerierenden Runzeln der Jahrhunderte, überspielt von der bildhaften Großartigkeit der Komposition samthaft die schlecht zu verwahrender Übergröße und höchster Seltenheit geschuldeten, gut und gern zu tolerierenden Runzeln der Jahrhunderte, überspielt von der mit ihren, nicht zuletzt,
10 verschiedenen meisterhaften Löwen-Physiognomien
(die des elften Löwen verdeckt).
Und wie elitär einsam
die überdies nur wenigen historischen Zeichnungen Ridingers
aus dem noch immer beachlichen Gros seiner Tierzeichnungen herausragen ,
belegt
ihr gänzliches Fehlen
in nachfolgenden opulenten zeichnerischen Ridinger-Beständen :
Weigel (1856, mit ca. 1849 Blatt – davon 17 Löwenblätter üblicher Art – umfangreichster Bestand, zurückgehend auf den 1832 von den Erben erworbenen zeichnerischen Nachlaß) – Coppenrath (1889/90, 66 Blatt) – Wawra (1890, 234 Blatt) .
Erstmalige Marktpräsenz gelegentlich anstehender Löwengruben-Zeichnung denn 1958 bei Faber-Castell , mit weitem Abstand gefolgt von obiger gleichfalls hiesiger, Kunsthistorie schreibender Alexander-Zeichnung mit dem 326er Hyphasis-Geschehen.
Erinnert sei in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auch an Hans Möhle’s bereits 1947 gegebenen Hinweis, wonach
„ die besondere Leistung des deutschen Barock auf dem Gebiet der Handzeichnung “
liege, worauf in neuerer Zeit Ruth Baljöhr wieder aufmerksam machte.
Und so bleibt als résumé
ein auch optisch großartiges Ridinger-Unikat
voll ganzen zeichnerischen Könnens
und adäquaten Inhalts
kulturhistorisch größten Tiefgangs .
Ruht doch das heutige Judentum auf eben jenen Säulen, die Früchte des, richtiger gesagt, Babylonischen Exils als Mitquelle auch der auf einem „denn er hatte seinem Gott vertraut“ basierenden Löwengruben-Manifestation sind. Denn, es sei wiederholt,
„ In fact the Jews lived quite peacefully and had plenty of opportunity to practice their faith in exile in Babylon.
The synagogue and the canonization of the Torah
have their origins in Babylonian Judaism ,
as , of course , does the Babylonian Talmud “
(Bryan S. Rennie ,
Westminster College, New Wilmington, PA, in seinem Internet-Beitrag [ca. 2005] „The Dating of the Book of Daniel“ – http://www.westminster.edu/staff/brennie/daniel.htm – bei Darlegung des sich als Nichtzeitgenosse erweisenden Autors der Überlieferung mit der Folge einer auch verwechselten Regierungsabfolge Kyros/Dareios, vor allem aber auch einer Zuweisung der Daniel-Geschichten in die Zeit des Seleukiden-Herrschers Babylons Antiochus’ IV. Epiphanes, der 167 v. Chr. den Tempel entweihte und zu dessen Zeit [176-163], die eben auch die Zeit des Autors des Buches Daniel sei, „Loyalität gegenüber den jüdischen Gesetzen und die Verweigerung der Anbetung anderer Götter – wie Ausgangspunkt des Löwengruben-Berichts – zur Frage von Leben und Tod wurde“).
Womit sich der Bericht des Löwengruben-Ereignisses als eine Verknüpfung der religiösen Drangsalen zur Zeit des Antiochus mit den historischen Gestalten des Babylonischen Exils erweist. Denn für den um Daniel besorgten König kommt zwangsläufig nicht der Tempelschänder und Religionstyrann Antiochus in Betracht, sondern eben der Perser Kyros, der 539 König von Babylon wurde und 538
das schicksalwendende Kyros’sche Edikt
(vgl. 2. Buch der Chroniken 36, Verse 22 f. bzw. Buch Esra 1, Verse 1-3) als ein
„ entscheidendes Ereignis in der Geschichte der Religion Israel’s “
(Rennie) erließ, da schlußendlich den Hebräern die Rückkehr nach Israel erlaubend.
Beide Fakten, Glaubensverfolgung unter Antiochus und königliche Hochherzigkeit unter Kyros, bilden den geistigen Gehalt des Löwengruben-Erlebnisses und dessen Botschaft,
als auserwähltes Volk Gottes
unter Jehovahs besonderem Schutze zu stehen ,
auch und gerade
in den Löwengruben der Zeitläufte .
Vgl. auch Rembrandts skizzenhafte Federzeichnung des Löwengruben-Ereignisses in Amsterdam (Kat. der ndrl. Zeichnungen des Rijksmuseums, Bd. I, Rembrandt en zijn School, 1942, Nr. 64 nebst Taf. 47) und die Zeichnung gleichen Themas seines Schülers Constantijn de Renesse in Rotterdam von „1652“, recte 1649 (Giltaij, The Drawings by Rembrandt and his School in the Museum Boymans-van Beuningen, 1988, 130 nebst [Farb-]Abb. SS. 243 + 257). Indessen findet sich für das von Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., Bd. XIV (1889), 1045 für die kaiserl. Galerie in Wien angeführte Löwengruben-Bild Frans Snyders‘ kein Hinweis bei Robels (1989).
Für die hiesige Ausführung in Blau-Grau siehe Vredeman de Vries‘ 1574er blau aquarellierte Federzeichnung „Daniel und König Cyrus im Tempel von Bel“ in Wien (Ausst.-Kat. Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden, 2002, Nr. 130 nebst Farbabb.), entstanden möglicherweise in Kontext zu seinen vier Daniel-Vorlagen zu Radierungen des 1579er Thesaurus biblicus bei de Jode (Kat.-Nr. 131). Wie sich denn generell die apokryphen Episoden Daniel’s der Aufmerksamkeit der Alten Meister erfreuten. So haben wir Rembrandt’s 1633er Öl vom besagten gemeinsamen Tempelbesuch (Gerson, Gemälde Rembrandts, 1968, Nr. 59 nebst Abb.). Und zu Daniel 14, 4-22, beispielsweise, erschien eine gestochene Folge nach Maarten van Heemskerck 1565 bei Hieronymus Cock.
Ridinger’s anstehende fulminante Zeichnung
steht solchermaßen in alter und großer Tradition .
Angebots-Nr. 14.859 / Preis auf Anfrage
1948 2008
© MFA
Ministry of Foreign Affairs – The State of Israel

Ridinger – inspiriert von Watteau
„ Ridinger hat sich mit einer Fülle von geistigen Problemen auseinandergesetzt ,
die nichts mit der Jagd zu tun hatten .
Er ist offenbar ein vielseitig gebildeter Mann gewesen “
(Wolfgang Weitz ,
Vorsitzender Richter em. + Jagdhistoriker, Träger der Verdienstnadel in Gold
des Deutschen Jagdschutzverbandes, per brieflicher Äußerung vom 30. August 2006).
“ Subject: Thanks!
Thanks for your kind reply. I wanted to comment that your thoughts on freedom (the quote that you had on the end of your message to me) are exactly the same as my beliefs.
I write, however, because I was surprised to get it from Europe … Although an American, almost all my early family were Huguenots … In fact, my relative, Jan C. is noted as the earliest C. to have arrived in N. America (in 1636, I think) … ”
(Mrs. C. F., November 14, 2003)
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