Schusterhandwerk  +  Lederindustrie  als  Konkurrenten :

Wirtschafts- +  sozialgeschichtliches  Dokument

aus  der  Frühzeit  der  Industrialisierung

neun  Jahre  vor  Heine’s  „ Weberlied “

Promemoria der Lederfabrik C. W. Müller & Co. in Hamburg gegenüber einer dortigen Löbl. Cammerey als Militär-Beschaffungsamt betreffs gelieferter Stiefel. Handschrift. Hamburg 12. April 1838. Kl.-2° (32,8 x 20,6 cm). 9 Seiten zuzgl. Adresse auf 6 Blatt. Fadenheftung.

Promemoria zum Hamburger Stiefelstreit

An den Hamburger Cammerarius C. J. Johns gerichtetes Promemoria – Sr. Wohlgeboren Herrn Cammerarius C: J: Johns. Ergebenes pro mem: von C: W: Müller & Co. puto. Militair Stiefel – auf dessen Mängelrüge hin, die auf einer Futterneid-Anschwärzung eben jener örtlichen Schuster beruhte, die in dieser Sache für Müller & Co. per Contract-Bedingung des Beschaffungsamtes als verfertigende Vorlieferanten tätig gewesen sein durften, gleichwohl früher unmittelbar geliefert hatten. Immerhin handelte es sich anstehendenfalls um ein beträchtliches Auftragsvolumen, dessen abgenommener und schon bezahlter erster Posten bereits 1320 Paar ausmachte.

Das Schuster-Handwerk sah sich einem neuen Konkurrenz-Umfeld gegenüber. Und bestritt dem Amte das Recht, Schuhfertigungen einem Lederfabrikanten zu übertragen und verargte letzterem, dergleichen Aufträge anzunehmen. Worauf Müller & Co. kontern

„ Die  Schuster  haben  doch  früher  Leder  geliefert ,

warum  sollen  wir  denn  nun  keine  Stiefel liefern ?

und sind wir jetzt völlig überzeugt, daß die ganze Tendenz der Schuster dahin geht, und jedes Mittel ihnen gut ist, uns aus diesem Geschäft herauszuwerfen “ .

Und das umsomehr, als den fraglichen Schustern nur noch fürs erste ein Beteiligungsschutz ausbedungen worden war. Denn diesbezüglich sollten Müller & Co. nach Lieferung weiterer 100 Paar Rekruten-Stiefel für schon einbezogene Folgelieferungen „ganz freie Hand haben“, um die schon von Anfang an „genug gebeten“ worden sei. Denn

„ Die Sache erfordert wirklich eine ganz andere Behandlung wie bisher, worüber wir mit Vergnügen, die Ehre haben werden, Ihnen … unsere Pläne vorzulegen. – “

Promemoria zum Hamburger Stiefelstreit

Der Umfang des Promemorias ist denn auch ein beredtes Zeugnis dafür, welche Interessen hier im Spiele waren. Entsprechend sah sich das Schuster-Handwerk nicht nur „der totalen Veränderung des Militairfußzeugs“ gegenüber, sondern, und damit einhergehend und weit existenzbedrohender, einer sich abzeichnenden und die Chancengleichheit aufhebenden industriellen Fertigungskonkurrenz. Neun Jahre später würde Heinrich Heine sein „Weberlied“ schreiben.

Eingebettet in diesen Rahmen zwangsläufig eine detaillierte

Erörterung  von  Materialeinsatz  +  Kosten .

Und Hinweise auf das menschliche Miteinander zwischen dem das Material zur Verfügung stellenden Fabrikanten und seinen Handwerker-Zulieferern :

„ Bey einem der obigen Schuster, dem wir einmal unerwartet ins Haus kamen, saß er beim Aufschneiden, ein anderer, uns unbekannter Schuster saß bey ihm … Beide ergoßen sich in Lobeserhebungen, über unser schönes Leder. Auf unsere Bemerkung, dieses Leder sey so schön, daß er es auch für seine Herren Kundschaft gebrauchen könne, gieng er in die Falle, sagte, jawohl sehr gut, und holte ein Paar der schönsten Herren Stiefel herbey, die aus dem besten, namlich von den ca. 160/2 frischen Rindhäuten (die Müller & Co. für die Militair-Stiefel vorgegeben hatte) gemacht waren! Ist es beydem einen Paar geblieben ? “

Der äußere Ablauf des seitens der Schuster offensichtlich so unredlich wie ungeschickt, gleichwohl nicht ohne Not inszenierten

Hamburger  Stiefelstreits

selbst sei wie folgt zitiert :

„ Es sind 1320 Paar Infanterie Stiefel geliefert, untersucht, für gut befunden, empfangen und bezahlt! – Diese Stiefel liegen noch auf dem Magazin, und in der Caserne, und wurden geschwärzt! – Wer klagt denn jezt schon, wer hat zu klagen, und worüber wird geklagt? – Wer kann 1320 Paar neue, dem äußeren Anschein nach, gute Stiefel, die noch nicht über den Fuß gewesen sind, beurtheilen, als der Schuster, der sie gemacht hat? – / Die Schuster allein, treten jezt auf! – / Was muß man von Leuten denken, die sich vertheidigen oder entschuldigen, bevor sie angeklagt sind? Läßt das böse Gewissen den Schustern jezt schon keine Ruhe, und haben sie bei Anfertigung der Stiefel, gut oder schlecht gehandelt, wie handeln sie jezt? – Kennen wir als Lederfabrikanten unser Sach, und haben wir als rechtliche Leute, den Schustern solches Leder geliefert, welches die allgemeinste Satisfaction, bey gehöriger und gewissenhafter Verarbeitung geben muß, oder nicht? und haben wir die Schuster so gestellt, daß sie gut dabey verdienten, oder nicht? – ( … daß es sich um Stiefel à 6 .. Gr. p. Paar handelt, also der Verdienst dem Preise analog sein muß.)

Es ist uns von den Schustern, von Anfang des Geschäfts an, gerade heraus ins Gesicht gesagt,

wir  seien  ihnen  ein  Dorn  im  Auge ,

die Kammer hätte so wenig Recht, uns die Lieferung von Stiefeln zu übertragen, als wir Lederfabrikanten, die Lieferung derselben hätten übernehmen sollen,

das  sei  die  Sache  der  Schuster ! – … “

Um zu diesem Zweck ( „uns aus diesem Geschäft herauszuwerfen“ ) zu gelangen, werden die Schuster nun entweder, die obigen Stiefel, mehr oder weniger schlecht ausgeschnitten und angefertigt haben … oder, sie treten jezt, da das denselben gelieferte Leder verbraucht ist, und sie selbst seit Novbr. a. v. (anno vursz, letzten Jahres, die drei benannten Schuster benötigten also 4-5 Monate für die 1320 Paar) verarbeiteten, ohne darüber zu klagen, nun dagegen auf, und legen Ihnen zu dem Ende, einzelne absichtlich ausgewählte Stücke vor, worauf sie wünschten, das Ganze von Ihnen beurtheilt zu sehen …

Unter den Ihnen gegebenen Proben der Schuster, befindet sich nicht ein Stück, von der Haupt Partie des Ganzen, einer Partie von ca. 160/2 Häuten des schönsten, stärksten, wundervoll gegerbten, und durch unsere geschickten englischen Arbeiter, wundervoll zugerichteten frischen Rindleders, welches die Bewunderung aller Kenner erregt, wofür uns ein 23 u. 24 f per ℔ refusiert wird, und welches wir den Schustern nur zu 20 f per ℔ berechnet haben? … ist es (für die Stiefel) verwandt, oder nicht? – … Diese 160/2 Häute … nebst den besten einer andern Partie von ca. 40/2 Häuten, trockenen Wild=Rindleders auf à 20 f per ℔, und den Passendsten der Kips, hätten … ausgereicht, zu allen Stiefeln die besten und dauerhaftesten Vordertheile, oder Leder zu den Füßen zu geben … und der Rest, hätten ganz gute Schäfte gegeben …

Warum ist von den Schustern, von diesen ca. 160/2 … (gewöhnlich Fahlleder genannt) gewogen ca. 900 ℔, dem Haupt Posten, in Güte, in Qualité, in Gewicht und Betrag … nicht ein Stück bey ihren Proben gelegt?? –

Hiebey folgt ½ Haut A (= frisches Rindleder à 20 f ℔) … Die ½ Haut, die die Schuster Ihnen zur Probe gesandt, signirt à 20 f ℔, ist eine sogenannte blood bound, von den oben erwähnten 40/2 Häuten … hiebey folgende ½ Haut B (= trockenes Wildrindleder à 20 f ℔). – Das Ihnen von den Schustern vorgelegte Kip, signirt à 16 f ℔, ist ebenfalls ein ausgesucht Geringes … das beyfolgende Kip C (= Kipsleder à 16 f ℔), beweist Ihnen hinreichend, daß dieses Kipleder, gehörig angewandt, für diese Arbeit, so entsprechend ist, als möglich. – …

Was das Soolleder anbetrifft, so haben wir zu den obigen Stiefeln, nur das bestgegerbteste, von Massinge (?) in Mastricht geliefert … weiß jeder … daß das Mastr. Soolleder aus Wild Häuten gegerbt ist und daß … fast alle, auf der einen Lende, das sogenannte Brand Marck … haben. Bei den Ihnen von den Schustern gegebenen 2 Proben … ist gerade das eine Stück, eine solche, absichtlich ausgeschnittene Brand Marck Rolle, in dessen Nähe sich gewöhnlich sogenannte Speck Rollen befinden. – … Sie (Johns) haben uns gesagt, daß Ihr Sachverständiger das Mastr. Soolleder, als ganz vorzüglich gegerbt erklärt hat, das ist es auch … wie beyfolgendes Stück D (= Brandsoolleder à 8 ¾ f ℔) …

… erlauben wir uns die Bemerkung, daß (Ihr Sachverständiger) doch gewiß nicht alles Leder nach den Narben beurtheilt, und beschädigten Narben, unbedingt verwirft. Bey Fußzeug, wie Waßer, Jäger oder Fischer Stiefel, wo der Narben auswendigt kommt, darf er nicht beschädigt seyn, solche Stiefel können nicht gewichst, sondern nur geschmiert werden. Bey Fußzeug wie die Milit.=Stiefel … wo der Narben inwendigt sizt, kommt nicht viel oder wenig darauf an …

… die 3 Schuster … untersuchten (vor Vertragsschluß) jede Sorte, die Preise für Leder und Stiefel wurden scharf von ihnen behandelt, und alles schien zu deren größten Zufriedenheit abgemacht! – Bey dieser Gelegenheit schon äußerte Biehl (einer der drei), wegen eines Differenzes von ⅛ f p. ℔ auf eine Sorte, wir möchten ja nicht darauf bestehen, dann wollten sie auch machen, ‚daß wir dran bleiben‘. – … “

Spezifiziert wird schlußendlich auch der Eigenverdienst und daß die Schuster uneinsichtig meinten,

„ ein  Privilegium  für  die  hies:  Militair  Arbeit “

zu haben. Kurz,

Promemoria zum Hamburger Stiefelstreit

ein  handwerklich  wie sozial- +  wirtschaftshistorisches  Top-Dokument

aus dem Beginn der Industrialisierung, als es zu immer schärferen Interessengegensätzen zwischen Handwerkern und Fabriken kam. – Bestens lesbar, von schöner Frische. Die Zweifachfaltung praktisch geglättet, die Bugfalte unten etwas eingerissen (säurefrei hinterlegt).

Angebots-Nr. 28.290 / EUR  1007. / export price EUR  957. (c. US$ 1174.) + Versand


„ Wegen der Eile – das Werk soll Anfang nächster Woche verschenkt werden – würden wir Kurierdienst bevorzugen … Der guten Ordnung halber hier unsere Bestätigung, dass Ihr Paket … wohlbehalten bei uns eingetroffen ist … Wir würden die Verpackung ungern öffnen, weil das gute Stück gleich wieder auf Reisen gehen soll … “

(Herr F. R., 29. Aug./2. Sep. 2013)