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„Uns ist’s so kannibalisch wohl …“

Seltener Zeichner des Goldenen Jahrhunderts

Sagenhafte Weinseligkeit auf Pergament

Aufwartend gleichwohl mit noch ganz anderer Attraktion , s. u.

Vertangen, Daniel (Den Haag um 1598 – wohl Amsterdam 1681/84). Bacchanal. In arkadischer Landschaft die Gesellschaft der Bacchanten, Bacchantinnen und Satyrn als Gäste des Silenos als dem „Erzieher des Gottes (Dionysos/Bacchus, dieser selbst links der Silenos-Gruppe als fetter Knabe mit Weinschale in der erhobenen Linken, einer ihn umgarnenden Bacchantin zugewandt), den er zur Erfindung des Weinbaues … angehalten haben soll“, hier mit dem Panther als nur seltenerem seiner Attribute. Noch spielt die Musik (Panflöte + Violine), lachen, trinken, scherzen und kopulieren die einen, indes andere schon, bald erschöpft, bald selig schlafen oder ausspeien, wessen zu viel war. Hinüber auch schon Silenos selbst, hier als der untersetzte joviale, burleske und stumpfnasige fette Alte, wie ihn „die spätern Dichter schildern“. Gestützt von zwei Bacchantinnen, deren eine mit Tamburin als „nicht nur bevorzugte(m) Attribut für den Tanz, sondern auch Symbol für Liebe und Leidenschaft“ (Florence Gétreau, Watteau und die Musik, in Margaret Morgan Grasselli und Pierre Rosenberg, Watteau, 1984/85, Seite 549) in der erhobenen Linken, scheint er das Fest verlassen zu wollen, nicht achtend mehr der ihm von Putten, so nicht gleich selber essend, entgegengehaltenen Trauben. Unterhalb einer seitlich rechts erhöht gelegenen Ruinenanlage als

„ besondere  Ergötzlichkeit  das  Schlauchspringen “

einer zugleich eine Weinschale balanzierenden und tanzend umringten Bacchantin:

„ Man opferte einen Bock, verfertigte aus der Haut einen Schlauch, füllte diesen mit Wein, machte ihn außen mit Öl schlüpfrig und versuchte dann mit einem Bein darauf zu hüpfen. Wer herunterfiel, wurde ausgelacht, wer sich oben zu halten wußte, als Sieger begrüßt “

(Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., IV [1889], 998, wie auch schon oben aus XIV, 975).

Daniel Vertangen, Bacchanal

Siehe auch die ganz wesentlich vereinfachte, einer antiken Gemme und Vergil’s (70-19 v. Chr.) Georgica (II, 384) folgende zeichnerische Version Nicolas Poussin’s Rosenberg-Prat 208 in Windsor Castle (inv. 11992; 247 x 318 mm) von vielleicht um 1636, bei der es lediglich darum geht, auf dem eingeölten Schlauch überhaupt die Balance zu halten, nämlich stehend auf beiden Beinen und ohne Weinschale.

Graphitzeichnung auf Pergament. Bezeichnet zweizeilig unten rechts: Daniel Vert / g .inve. 333 x 395 mm.

Braun  eingefaßte  ganz  perfekte  Zeichnung  bis  hin  zur  Signatur

beglückend  herrlicher  Leichtigkeit

des  als  Zeichner  ganz  seltenen  Vertangen

( „Der Stil des [Albertina-]Blattes – Roethlisberger, Bartholomäus Breenbergh [1598/1600-1657] / Handzeichnungen, 1969, Kat.-Nr. 150 –

erinnert  an  die  seltenen , gleichzeitigen  Zeichnungen  Daniel Vertangens“ ),

den denn auch weder Bernt (1980), noch Thieme-Becker (1940) und Wurzbach (1906/11) als solchen führen/erwähnen, von dem es aber 1736 in einem Versteigerungskatalog heißt „(in Malerei wie in Zeichnung so gut wie Poelenburg)“ (nach Sluijter-Seijffert, The School of Cornelis van Poelenburch, in In His Milieu, Gedenkschrift für J. M. Montias, 2006, SS. 445 f.) und 1850 bei Nagler

„ so  sind  auch  seine  Zeichnungen  sehr  zart  behandelt “.

Beide Quellen auch sonst durchaus konträr zu Thieme-Becker, die ihn als bloßen Nachahmer seines Lehrers Cornelis van Poelenburgh (um 1586-1667) ansehen und Woermann (1879/88) mit dessen statement aufrecht erhalten „weniger klar und zart im Ton, und in der Behandlung“. Wie denn auch Bernt die gegenüber dem Lehrer etwas plumpen Figuren und den Mangel am „Atmosphärische(n) der südlichen Landschaft und (der) Lebendigkeit der Staffage“ moniert.

Daniel Vertangen, Bacchanal (Detail: Silenos)
Silenos (Ausschnitt)

Was sich schließlich auch nicht erst bei Roethlisberger’s Vergleich, nämlich auch qualitätvolle Eigenständigkeit, sondern auch anderwärts anders liest. So schon 1753 bei Houbraken („malte ganz reizende Falkenjagden, badende Frauen und tanzende Bacchanten in schönen Landschaften“, Bd. I, S. 129) zeitgleich zu Matthew Pilkington’s (1701-1774) Dictionary of Painters „(… erwies  sich  als  einer  der  ausgezeichnetsten  Jünger  der  Poelenburgh-Schule)“ (Ausgabe 1805, S. 617). Und 1935 zählt Martin Vertangen neben Johan van Haensbergen (Schülerverhältnis für Sl.-S. ungesichert) und Dirck van der Lisse zu „Poelenburgh’s beste leerlingen“. Und Laurens J. Bol (Holländische Maler des 17. Jhdts. nahe den großen Meistern, 1969, SS. 160 + 162 nebst Anmerkung 223) greift diesen Faden indirekt auf, wenn er gelegentlich der abgebildeten Zwei Badende der Sammlung Kaye ausführt

„ Das Gemälde ist nicht signiert. Sollte es aus der Schule Poelenburghs stammen, dann kommt hier der ‚Schüler‘ mit dem Meister gleich. “

Unbeschadet großen Werkstattbetriebs (Th.-B.) mit seiner „tal van leerlingen“ (Martin), stehen in der Literatur für die ‚Schule‘ aber eben nur genannte drei Namen zuzüglich, so Bol + Sl.-S., Abraham van Cuylenburgh. Und speziell Vertangen’s weit postume hohe Wertschätzung bezeugen Auktionskataloge mit Einträgen wie

„ (Ein kapitales Stück, zu sehen ein ausführlich geschildertes Bacchanal) “ (12. 9. 1708) ; „ Une Bachanale … se Tableau est délicatement peint & bien fini “ (20. 7. 1775) ; „ Eine vortreffliche (arkadische) Landschaft von Vertangen, dem berühmten Schüler Poelem(!)burghs “ (18. 10. 1790) ; und 1793 zu einer waldigen Gebirgslandschaft mit badenden Nymphen und Ruinen: „ Das Heitere in der Luft macht mit der Dunkelheit der Bäume den vortreflichsten Contrast, und ist ganz im Geschmacke eines Claude Lorrain gehalten … Es ist gewiss eines der besten Bilder diese (!) Meisters “

(nach Getty Provenance Index, Sales Catalogs).

Und Gerson (1942), der Niederländer-Sammlung des kunstsinnigen Braunschweiger Herzogs Anton Ulrich (1633-1714) gedenkend, führt Vertangen in guter Gesellschaft, wenn er schreibt

„ Ein Inventar von 1697 verzeichnet bereits Gemälde von Cornelis van Haarlem, D. Vertangen, J. Lievens, Ph. Wouwerman, R. Brakenburgh, J. de Heusch. “

„ Anton Ulrichs Hauptschöpfung … war das (1694 vollendete) Lustschloß zu Salzdahlum … mit seiner bedeutende Sammlungen von unschätzbarem Werthe enthaltenden Kunstkammer mit der (als Ganzes nicht erhaltenen)  weltberühmten  Gemälde=Galerie , einer  der  werthvollsten  Europas “

(ADB I [1876], 487 ff.).

Daniel Vertangen, Bacchanal (Detail: Schlauchspringen)
Besondere Ergötzlichkeit: das Schlauchspringen (Ausschnitt)

Von Vertangen von Poelenburgh offensichtlich gern übernommen eine rechtsaußen auf Anhöhe gelegene Ruinenanlage und linksseits oben ins Bild hineinragender Baumschlag, wie etwa auf der Flucht nach Ägypten (1625/26) in Utrecht (Bol, a. a. O., Abb. 151)., welchem Arrangement wir sowohl auf den Vertangen-Ölen Badende Nymphen in arkadischer Landschaft + Italienische Hügellandschaft mit Diana und ihren Nymphen – siehe RKD 191751 + 224424, Abbildungen 52 + 60 – wiederbegegnen, als eben auch auf hiesigem zeichnerischen Bacchanal. Das indes zusätzlich

mit  noch  ganz  anderer  Attraktion  aufwartet .

Als  mit  seiner  Silenos-Kerngruppe  nichts  Geringeres  zitierend  als

das  verlorene  Berliner  Rubens-Bacchanal

von um 1620 (Rosenberg, P. P. Rubens – Des Meisters Gemälde [Klassiker der Kunst V], 2. Aufl., 1906, Seiten 211 [Abb.] + 474 [„Wahrscheinlich unter Mitwirkung van Dycks ausgeführt“]; Staatliche Museen/Beschreibendes Verzeichnis der Gemälde im Kaiser-Friedrich-Museum … , 9. Aufl., 1931, Seite 409, Nr. 776B nebst Abb.; Bernhard, Verlorene Werke der Malerei, 1965, Seite 20 des Katalogs nebst Abb. 130), wie möglicherweise hier erstmals dokumentiert.

Die Gruppe der Erwachsenen zwar von sieben (Siebente, ganz rechts außen, nach Rosenberg mit den Zügen der Isabella Brant [1591-1626], Rubens’ erster Frau) auf fünf nebst Panther umgruppierend zurückgenommen, davon drei typentsprechend. Neu eingeführt zwei Bacchantinnen, davon eine mit Säugling an der Brust. Die vier Rubens-Putten indes auf sechs aufgestockt, davon die jeweilige Dreiergruppe vor Silenos in Anordnung und Beschäftigung einander sehr ähnlich. Praktisch identisch der rechts alleingestellte und von Rubens wiederholt verwandte urinierende Putto, bei Vertangen der Rechtsaußen der Gruppe, doch zwei weiteren Putten zugewandt, deren einer den Panther reitet – bei Rubens statt diesem ein mit dem Vorderteil links nur ins Bild hineinspringender Tiger als für Silenos aber unzugehörig, gleichwohl sicher seine gleichzeitige (um 1615-1622), weintraubenhaltende Säugende Tigerin in Wien (Rosenberg S. 131) – , und damit von gedachtem anderen Bedürfnis abgelenkt.

Die Haltung des Silenos ziemlich identisch bei stärkerer Akzentuierung dessen Trunkenheit bei Rubens, stärker vorgebeugt und eher stolpernd als gehend, wie bei Vertangen, der ihn dafür viel sichtbarer stützen läßt seitens zweier Bacchantinnen, eben auch seitens jener mit dem lediglich erhobenen Tamburin, welche sich bei Rubens allein dessen Spiel hingibt und auf der Gegenseite plaziert ist.

Rubens behandelte das Thema seit seinem ihn auch diesbezüglich inspirierenden Rom-Aufenthalt (1600-1608) wiederholt, so auf Skizze von 1611/13 in Windsor Castle (Sutton, The Age of Rubens, 1993, S. 154, Fig. 10) und in Ölen von 1606/08, 1618, um 1620, 1625/27 + 1637/40 (Rosenberg Seiten 20, 153, 211, 280, 438, dazu typvergleichend SS. 98 + 133). Inwieweit namentlich die Komposition des hier beigezogenen verlorenen Berliner Öls seine originäre Erfindung ist, sei dahingestellt und vielmehr auf Natalya Gritsay verwiesen, die gelegentlich des Bacchus in Petersburg (Hermitage Catalogue, 17th and 18th Century Flemish Painting, 2008, Nr. 329, SS. 281 ff.) detailreich generell italienischen Vorbildern und Kupfern von Zeitgenossen nachgeht. Bei gleichem Ergebnis wie schon Floerke (Studien zur niederländischen Kunst und Kulturgeschichte, 1905, SS. 147 ff.), wonach

„ noch eine andere aus dem Werkstättenbetrieb hervorgewachsene Erscheinung beachtet zu werden (verdient), umsomehr als auch sie im vollsten Gegensatz zu unseren modernen Anschauungen steht. Es ist die unfreiwillige Mitarbeiterschaft, d. h.

die  mehr  oder  minder  offene  Entlehnung  von  Partien  aus  Werken  anderer .

Alle  Jahrhunderte  niederländischer  Malerei  bieten  Beispiele  dafür  in  Fülle .

Ich rede nicht von Anregungen … Es ist die Übertragung ganzer Figuren und Gruppen, ganzer Kompositionsschemen, das Abschreiben ganzer Bilder mit grösseren und geringeren Veränderungen, das malerische Freibeutertum … “

Wie weit anstehende Zeichnung zumindest bezüglich der Rubens-Vorlage(n) von letzterem entfernt ist, sei eigens hervorgehoben. Um einen abändernd entlehnten Kern, auch noch die eine und andere Komponente,

entwickelte  Vertangen  eine  weit  ausgreifendere  Komposition  sui  generis .

Gegebenenfalls denkbar auch, daß Vertangen, so nicht gar selbst in Italien gewesen, mit der Quelle für seine Silenos-Gruppe anstehender Zeichnung via seines Lehrers Poelenburgh bekannt gemacht wurde, letzterer sich von 1617-1622 zunächst in Rom und dann bis spätestens 1626/27 in Florenz aufgehalten hatte und seinerseits Arkadien verpflichtet war. Als generell seltener viel interessanter indes

Vertangen’s eben geradezu schon didaktische Gesamtschau

des Themas, seine locker-heitere Aneinanderreihung all dessen, was sich anderwärts eher apart findet. Wie etwa sein jugendlicher Bacchus mit der Trinkschale in der erhobenen Linken, aber auch der trinkende Bacchant unten linksaußen, heranziehbar auf dem Petersburger Bacchus (Hermitage Catalogue 329 + Rosenberg S. 438) wiederbegegnen, letzterer gleichwohl fetter, sichtbar älter und mit der Trinkschale in der erhobenen Rechten sich einschenken lassend. Rechts von ihm denn auch wieder der kleine Urinierer aus dem verlorenen Berliner Gruppenbild.

Aus hiesiger Sicht unbegründet, daß anstehendes Vertangen-Bacchanal unbeschadet seiner Signatur – vorbehaltlos als Vertangen denn auch Lempertz 856 (Beratung bei Niederländern 17. Jh.: Willem van de Watering [früher RKD]), Lot 1377 als Der Triumph des Bacchus … – vom RKD (39259) nur als Zuschreibung geführt wird. Vermutlich auf Grund des inve(nit = hat es erfunden) statt eines im niederländischen 17. Jahrhundert weit überwiegenden fec(it = hat es gemacht). Was gleichwohl nicht stichhaltig ist.

So seien für ein invenit aus Bernt IV + V (Die niederländischen Zeichner des 17. Jhdts., 1979/80) folgende einschließlich Bezeichnung gesicherte Beispiele herausgegriffen:

203, Dusart, fec. et inv. / 379, Maes, inv: et del / 489, Quellinus, invent / 537, Schellinks, ivnt oder ähnlich.

Daniel Vertangen, Bacchanal (Detail: Signatur)
Daniel Vert / g .inve (Ausschnitt)

Oder für die Druckgraphik Jacob von Ruisdael’s in. f. auf den Radierungen Wurzbach 6 + 11, siehe deren Abbildungen bei Slive, J. v. R., Master of Landscape, Exh. Cat. 2005/06, Nrn. 108 + 101.

Und eine geradezu beispielhaft unreglementierte Signierhandhabung findet sich in Schäfke (Hrsg.), Wenzel Hollar – Die Kölner Jahre. Zeichnungen und Radierungen 1632-1636, 1992, bei zunächst gleichfalls durchweg dominierendem fecit. innerhalb der Folgen radierter Trachten- + Einzelfiguren, hier interessierend Sch. 41f, 41n, 42h, 53 f. (Parthey 1653, 1661, 1844, 594, 595) für W.Hollar inv: aus 1635, 1636, 1643 sowie Sch. 60 (P. 2005) für W.Hollar inu: 1635. Daneben dann wieder fec., vereinzelt auch sculps(it = hat es gestochen). Und handelte es sich um Vorlagen Dritter inv. für jene, gepaart mit dem fec. seiner selbst.

Aber auch das eigenwillig auseinandergezogene Arrangement hiesiger Vertangen-Signatur fällt nicht aus dem Rahmen und schließt auf zum V. T. G. F. bei Heller, Nagler (V, 1401) + Wurzbach, korrespondierend zudem mit dem seinerseits scharf seitlich plazierten zeichnerischen Karel dv / jardin / (1)658 Bernt 195. Überdies befleißigte sich Vertangen – siehe Wurzbach – durchaus keiner einheitlichen Signatur und zeichnete bald in Majuskeln (Versalien), bald in Majuskeln/Minuskeln, bald mit vollem Vornamen, dann diesen nur als D. oder ganz fortlassend und auf dem Schweriner Diana mit ihren Nymphen „Daniel Vertange“ (sic!). Und im übrigen: warum sollte ein Dritter in einer Weise signieren, die notfalls Aufmerksamkeit wecken kann? Zur Signatur hier noch vorsorglich angemerkt, daß deren (nur?) Ausläufer von der Randeinfassung überdeckt sind.

Hiesig  schlußendlich

Daniel Vertangen, Bacchanal (Detail: Maßlosigkeit)

die „ (stark  artikulierten  Arme  und  Beine

als  sehr  charakteristisch  für  diesen  Künstler) “

( Sluijter-Seijffert , a. a. O., Seite 446 ).

Die seitens des RKD für die Zeichnung indirekt gemachte Provenienz-Angabe Hella Robels unzutreffend und auch nicht von aus mehreren Sammlungen gespeistem obigen Lempertz-Katalog als Quelle vorgegeben. Auch figurieren die Blätter aus dem Nachlaß Robels unter dortiger Einlieferungs-Nr. 113, hiesige Vertangen-Zeichnung aber unter Nr. 7.

Über die Lebensverhältnisse Vertangen’s ist nur wenig bekannt, vor allem nichts, ob er auch selbst in Italien gewesen ist, wie zeitmäßig sein Schülerverhältnis zu Poelenburgh denkbar erscheinen ließe, letzterer sich besagtermaßen von 1617/22 in Rom, dann längere Zeit in Florenz aufhielt und erst 1626/27 wieder nach Utrecht zurückkehrte. Sl.-S. hält für möglich, daß Vertangen der Poelenburgh-Werkstatt vor 1617 als Lehrling und nach 1626/27 nochmals als Mitarbeiter verbunden war. Gesichert ansonsten ein Aufenthalt 1658 in Dänemark, wo im Schloß Rosenberg noch 1888 ein Sturm auf Kopenhagen zu sehen war, dann Amsterdam für 1673 + 1681. Und „1641 und später wird in Amsterdam auch ein Kaufmann desselben Namens erwähnt, der sich 1655 49 Jahre alt erklärt. Es ist möglich, daß er mit dem Maler identisch ist“ (Wurzbach). Eine Tätigkeit auch in Hamburg wird mit Fragezeichen versehen.

Seine Tätigkeit als Figurenmaler für Kollegen belegen drei Verweise im Getty-Index der Sales Catalogs :

Abgesehen von der Frage eines Italien-Aufenthaltes abermals viel interessanter für anstehende Arbeit deren klassische Stellung im Œuvre generell. Denn das eben ist die Stärke dieses Spezialisten:

„ Malte  arkad(ische)  Landschaften

mit  Nymphen  und  anderer  mytholog.  Staffage “

(Th.-B.) als eines von klangvollen Namen besetzten Faches mit, vielleicht, Poussin’s fülliger Werkgruppe zeichnerischer Bacchanale und Pan-Ausgelassenheiten als Zenit, dessen beispielsweise Bacchanale sous une treille, Rosenberg-Prat I, 94, sich trotz seiner Meisterschaft derb-übermütigerer Rasanz bei Betrachtung hiesigen Bacchanals spontan in Erinnerung brachte.

Fasziniert dort die geradezu orgiastische Munterkeit, so verführerisch hier die bei aller Direktheit – das kopulierende Paar zugleich Sinnbild für Dionysos/Demeter als Zeugendem/Gebärerin der antiken Frühreligion – arkadische Heiterkeit, eben Vertangen’s zarter Vortrag, unterstützt ganz wesentlich

von  Ton + Weichheit  seines  feinen  Pergaments

als in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts „eine(r) Art Neubelebung. Nicht nur, daß man fein gezeichnete Kompositionen, Genredarstellungen, Stilleben darauf ausführte, diente es besonders für eigenwertige Porträtzeichnungen, die mitunter nach Art der Landkarten zwischen zwei Holzstäbe gespannt und an die Wand gehängt wurden … Außer solchen in allen Bürgerhäusern verbreiteten Pergamentbildnissen schätzte man auch anderweitige Darstellungen auf diesem Material, sobald sie eine saubere und zierliche Ausführung aufwiesen“ (Meder, Die Handzeichnung, 1919, Seite 171). Solchermaßen sie gleich jenen schönen Wandkarten im Alltag aber auch verschlissen wurden und zu Seltenheiten gediehen.

Daniel Vertangen, Bacchanal (Detail: Pan schlafend)
Hat genug: Pan (Ausschnitt)

Mag sein, daß auch hiesige Arbeit  in  ihrem  wandtüchtig  großen  Format  und ihrer dank des durchaus noch jungen weichen Graphitstiftes

kontrastreich  malerischen  Bildwirkung

hierfür gedacht war, wofür sich aber keinerlei Merkmale finden. Denn abgesehen von nicht sonderlich auffälliger diagonaler Faltspur im unteren Bildfeld und kleiner weiterer im weißen Randfeld oben rechts ist sie von makelloser Frische.

Ihre Entstehungszeit sicher vor 1660. Denn wie zuvor schon seine beiden Con-Meisterschüler van der Lisse und van Haensbergen konzentrierte sich auch Vertangen seit den 1660ern marktbedingt ausschließlich aufs Porträtfach. Was, so Sl.-S., von den fast 500 Bildern der für die Zeit von 1630-1840 dokumentierten Auktionen gleichwohl nicht widergespiegelt würde, obgleich sich viele Porträts erhalten hätten. Deren etliche denn auch nur unter den wiederum zwangsläufig einschließlich Wiederholungen 637 Positionen des die Zeit von 1695-1943 – dominant indes 2. Hälfte des 18. und das 19. Jhdt. – beinhaltenden Getty-Index.

Doch  inmitten  solcher  malerischen  Fülle

gerade  einmal  eine  Handvoll  Zeichnungen !

Rückseits rechts unten von alter Hand in Bister: 20 Gulden. – Résumé : aus  großem  Jahrhundert

eine  der  ganz  seltenen  Vertangen-Zeichnungen .

Ebenso  prächtig  wie  auf  kostbarem  Grund.

Und damit hinsichtlich letzteren ebenso wie als Graphit/Bleistift-Technik von jener zusätzlichen Seltenheit, deren Bernt gelegentlich Pieter Quast’s (1606-1647) gedenkt: „neben der Feder bevorzugt er

wie  nur  wenige  holländische  Zeichner  Bleistift  oder  Kreide  auf  Pergament “,

zwei derselben per 484 f. abbildend. Eine gesicherte nebst weiteren Verweisungen und gleichen Vorbesitzes wie anstehende Vertangen’s auch bei Lempertz als Lot 1342 obigen Katalogs.

Nicht zuletzt aber zitierend und/oder in Erinnerung rufend große Nachbarschaft: Rubens’s verlorenes Berliner Bacchanal!

Angebots-Nr. 15.994 / Preis auf Anfrage

Daniel Vertangen, Bacchanal (Detail: Weinrebe)


„ … zugleich bedanke ich mich für alles, was Sie im alten Jahr für mich getan haben. Mit vielen Grüßen Ihr … “

(Herr W. W., 20. Dezember 2008)