English

Verdier, Hochzeits-Bankett mit Alexander dem Großen und Attalus

Alexander ,
Vater Philipp’s neuerliche Hochzeit aufmischend

Verdier, François (1651 Paris 1730). Alexander der Große (356-323 v. Chr.), 339 Vater Philipp’s neuerliche Hochzeit aufmischend. Grau lavierte und weiß gehöhte schwarze Kreidezeichnung auf blauem Papier. Ca. 252 x 493 mm.

Provenienz

Englische Privatsammlung
um 1770

aufgelegt von dieser auf beigefarbenen Untersatzbogen (38 x 60,5 cm)

mit Wz. D & C Blauw

(Heawood 3268; „England c. 1769“,
ob begleitet von den Nebenmarken Wappen + IV muß offenbleiben).

Das gute Einvernehmen zwischen Vater + Sohn trübt sich ein, als ersterer Alexander’s Mutter Olympias verstößt oder, vielleicht richtiger, sich zusätzlich mit Cleopatra, der Nichte seines Feldherrn Attalus (ca. 390-336), vermählt, welchen Alexander als seinen Todfeind anzusehen Grund hat. Vom Wein erhitzt, bringt jener denn auch während des Hochzeitsgelages den Trinkspruch aus,

„ Die Macedonier sollten die Götter bitten, daß Philipp von dieser neuen Gemahlinn (sic) einen rechtmäßigen Thronerben erhalten möchte“.

Darauf „Alexander, ohnehin zum Zorn geneigt, und jetzt durch Beschimpfung gereizt:

Verdier, Alexander + Attalus

‚ so bin ich also ein Hurensohn , du Schuft ? ‘

und  warf  ihm  zugleich  den  Becher ,

den  er  just  in  der  Hand  hatte  ins  Gesicht ,

welches jener mit dem seinigen erwiderte. Bei dem hierauf entstandenen Lermen ging Philipp, der an einer andern Tafel lag, vor Zorn, daß die Freude dieses Tages gestöhrt wurde, mit bloßem Degen gegen Alexandern loß …“

( Quintus Curtius Rufus , Alexander der Große [ca. 50 n. Chr.],
Frankfurt/M. 1783, Bd. I, Seite 69 ) .

Die beiden Kontrahenten an gemeinsamer Tafel, Alexander mittig vorn rechts, zum Wurf mit der Weinschale ausholend, beschränkt gleichwohl auf die erste große Bestürzung und das allgemeine Bemühen, Äußerstes zu verhindern. Alexander verläßt mit seiner Mutter gleichen Tages den Hof. 336 wird er seinem Vater auf dem Thron folgen und werden gleichen Jahres Attalus und Cleopatra nebst ihren beiden zwischenzeitlich geborenen Kindern den Tod finden.

Verdier, Hochzeits-Bankett mit Alexander dem Großen und Attalus
Irrige Zuschreibung: GB Corneille / Early School / Fonntainebleau / at … each

Spannunggeladene Zeichnung, rückseits seitens obiger Provenienz irrige Zuschreibung in Bleistift an GB Corneille / Early School / Fonntainebleau / at … (Radierspur) each, will heißen Jean (italien. Giovanni) Baptiste Corneille (gen. der Jüngere; 1649 Paris 1695). Die italienisch dominierte frühe oder erste Schule von F. datiert bereits von etwa 1530-1570, die niederländisch geprägte spätere oder zweite von etwa 1590-1620.

So entscheidend die berühmte erste Schule auf die Entwicklung der französischen Malerei eingewirkt hat, so atmet anstehende Arbeit – wie auch gleichartig hier aufliegende drei weitere Alexander-Zeichnungen – thematisch einen ganz anderen Stallgeruch, stehend in unmittelbarem Bezug zu

Charles  Le Brun’s

Grand  Peintre  du  Grand  Siècle

Erster  Maler  König  Ludwigs XIV.

gigantischem  Alexander-Zyklus

auf fünf Leinwänden zwischen 2,98-4,7 x 4,53-12,65 m aus den Jahren 1661-1668 – adäquate Stichversion von 1671/78 hier aufliegend als Designer-Exemplar jenseits von Gut + Böse – als einer jener Verewigungen Ludwigs XIV., für die dessen 1. Minister Colbert „keine Ausgabe zu groß war, wenn der Ruhm, la gloire, des Königs in Frage kam“. Hier denn der Sonnenkönig in gedachter Gestalt „Alexanders des Großen als Schlachtenmeister“. Dessen persönliche Ausstrahlung die Künstler allerdings in der Tat zu beflügeln vermochte. So meinte 1665 vor Ort der die Porträt-Büste schaffende große Bernini – „Besonders als Porträtist ist (dieser) um der außerordentlichen Fähigkeit willen, das Individuelle der Person wiederzugeben, der bewundertste Meister seiner Zeit gewesen“ (Thieme-Becker) – „der König habe einen Alexanderkopf“. Mit dem Ergebnis, daß „Die großartige Büste des jungen Königs … das selbstbewußte Wesen des Herrschers in unvergleichlicher Weise wieder(gibt): es ist etwas Jupiterhaftes, das aus den heitern Zügen des Monarchen spricht“ (jeweils Weigand, Der Hof Ludwigs XIV., 3. Aufl., Insel-Verlag 1925, SS. 59, 152, 43). Und so war denn auch anstehenden Falles

„ schlußendlicher  Konsens

daß  niemand  anders  als  Le Brun

Die  (Historien/Triumphe Alexander’s)  hätte  kreieren  können “.

Jene Höhepunkte des Handelns eines Mannes also, dessen Name allein schon Programm ist. „Alexandros … der ‚Männerbeschützende‘, griech. Mannesname“. Hier denn „der Große“ (356-323 v. Chr.),

„ der größte Eroberer aller Zeiten, Sohn des Königs Philipp und der Olympias … Sein erster Erzieher war Leonidas … dann von seinem 13. Jahr ab der berühmte Philosoph Aristoteles. Diesem gebührt der Ruhm, in dem leidenschaftlichen Knaben den Gedanken der Größe, jene Hoheit und Strenge des Denkens geweckt zu haben, die seine Leidenschaften adelte und seiner Kraft Maß und Bewußtsein gab. A. bewies seinem Lehrer stets die innigste Verehrung; er sagte oft, seinem Vater danke er nur sein Leben, seinem Lehrer, daß er würdig lebe … A. wurde schon bei Lebzeiten durch die bildende Kunst verherrlicht wie kein Held des Alterthums vor ihm “

(Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., I [1889], 316 ff.).

Herausgreifend die highlights Überquerung des Granikos Mai 334 – Am Morgen nach der Schlacht bei Issos im Zelt des Dareios, dessen Familie seine Aufwartung machend, November 333 – Entscheidungs-Schlacht von Gaugamela/Arbela 1. Oktober 331 – Einzug in Babylon Herbst 331 – Am Hydaspes oder Poros vor Alexander Mai 326 . All welcher Grandeur

François  Verdier

umsomehr verpflichtet war als Le Brun von Anbeginn nahestehend und schließlich auch familiär verbunden. So zunächst als Schüler an der Académie royale mit 1668 + 1671 jeweils einem 1. Preis, dann als Gehilfe in Versailles und schließlich seit 1685 durch Heirat einer Nichte Madame Le Brun’s. Wobei aus heutiger Sicht auch bei ihm wieder die Tiefe der Vertrautheit mit der alten Geschichte, hier denn dem

atemberaubend  ereignisreichen  Leben  Alexander’s

überrascht, fußend auf der Beschreibung des Curtius Rufus, dessen zwangsläufige Aneinanderreihung fascinierender Ereignisse

Verdier  zum  künstlerischen  Alexander-Spezialisten

par excellence mutieren ließ.

1668 zum Agréé und 1678 zum Vollmitglied der Académie royale ernannt, bildete sich François Verdier, Sohn des Hofuhrmachers Louis V., 1679/80 an der Académie de France in Rom weiter, an der er 1681 zum Professeur-adjoint berufen wurde und von 1684/99 als deren ordentlicher Professeur wirkte. „Zahlreiche Stecher, darunter (Le Brun’s legendärer Alexander-Stecher) Girard Audran … haben nach (seinen) Zeichnungen gestochen“ (Thieme-Becker XXXIV [1940], 233).

Seine Zeichnungen – vielfach gleichen hiesigen Formates – wohl eher nur vereinzelt signierend, benutzte er praktisch generell beigefarbene und braune Papiere, von denen sich denn

hiesige  auf  ihrem  blauen  Papier  sichtbar  abhebt ,

wie denn solche dem Sammler alter Meisterzeichnungen und Graphiken seit jeher besonders kostbar sind, nicht zuletzt als an besondere Zweckbestimung denken lassend. Als stilistisch und technisch heranziehbar diesbezüglich erinnerlich etwa auch Verdier’s auf blauem Papier gefertigte 6blätterige Folge zum Alten Testament in London (British Museum 1872,0113,763-768), die denn früher auch Charles Le Brun zugeschrieben war und deren Blatt 767 2002 zur 6monatigen Japan-Ausstellung French Drawings from the British Museum in Tokyo + Nagoya gehörte.

Seitens obiger Provenienz montiert und eingefaßt von antiker Goldpapier-Leiste und zwei Paspelierungs-Doppel in Schwarz, trägt eine der drei hier aufliegenden gleichartigen weiteren Alexander-Zeichnungen rückseits die detaillierte Montage- und Rahmungsanweisung in Bleistift: 4 w(ash)|es (lavierte Zeichnungen) / … 2/26 (26. 2.) / gold & w(ash)|lined (gezeichnete Linien) / mounts & gilt frames (& Goldrahmen) / to suit / ask R.

Die Goldpapiereinfassung oben rechts + unten links jeweils übereck 1,5-6,5 cm auslassend. Ein vom 7 cm breiten Unterrand des gesamthaft altersspurigen Montagepapiers ausgehender alter Wasserstreifen auf 4-7 cm in die Fußbodenzeichnung des Bildes auslaufend, doch dank der Farb- und Papiertönung kaum wahrnehmbar. Übersehbar schwache Faltspur ziemlich rechts außen. – Der rückseitige Oberrandklebstreifen noch 15 cm seitlich auslaufend.

Angebots-Nr. 16.120 / Preis auf Anfrage


“ … And I also received your wonderful documents on Charles Le Brun and the other wonderful images including the three-legged deer. Wonderful. Thank you so very much! … ”

(Mrs. S. W., October 21, 2008)