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Cornelis van Noorde, Eisvergnügen

… und das sich in der Tiefe verlierende Eisvergnügen

Noorde, Cornelis van (1731 Haarlem 1795). Eisvergnügen. Beidseits bebautes zugefrorenes breites Gewässer mit vorn links subtil gestaltetem, von schlankem hohen Turm bestimmtem Kirchspiel, indes vorn rechts auf befestigtem hohen Anleger – denkbar als Trennung zweier sich hier vereinigender Zuflüsse – ein Gasthaus den Ton vorgibt, aus dessen weit geöffnetem Stalltor ein Pferd schaut, indes am andern Ende ein Zweimaster festgemacht hat, wie weitere hochmastige Boote auch am linken Ufer. Die in die Tiefe führende Häuserzeile rechtsseits indes nur zart angedeutet. Auf dem Eis Beschäftigung neben genießerisch vielfältigem Spaß mit, u. a., Einspänner-Schlitten vorn links mit einem Herrn und zwei Damen, deren kleiner Hund das Pferd zu gleichen Sprüngen ermuntern will. Die sich verjüngende Menge aber zieht’s einreihig zum tiefmittig errichteten Erfrischungszelt. Aquarellierte Federzeichnung. Bezeichnet u. l.: CVN . 154 × 241 mm (6 × 9½ in).

Sliggers, Het schetsboek van Cornelis van Noorde. Het leven van een veelzijdig Haarlems kunstenaar. (1982); Beck, Jan van Goyen IV (1991), Seite 461.

Nagler, Monogrammisten, II, 793 + Künstler-Lexicon X, 263 f.; Wurzbach, Ndl. Künstler-Lexikon II, 240 mit gleichfalls Monogramm-Wiedergaben; Thieme-Becker XXV, 509 f.; Weigel, Kunstlager-Catalog 20748, Das Zeichnungswerk des Corn. van Noorde (1856).

Sorgfältig ausgeführte blattfüllende Arbeit

mit noch feinem/feinstem Rändchen um die Einfassung und dem completten prächtigen Rund-Wz. unter Krone Heawood 3149 (Engl. [Bucks?], ca. 12-12,5 × 9,5 cm [4¾-4⅞ × 3¾ in]).

PRO PATRIA EJUSQUE LIBERTATE

mit dem auf VRYHEYT-Podest stehenden Löwen ,

mit der Linken den Stab mit dem GESSLER-HUT umfassend ,

indes die Rechte ein Rutenbündel (ital. fascis als Wortstamm für Faschismus) hält ,

von Heawood wie vor nebst abweichenden 3148 + 3150 für ENGLAND 1745-1771 dokumentiert und hier auch für Vorsatz-Papier eines englischen Incunabel-Einbandes des 18. Jhdts. der 1776 versteigerten Bibliotheca Ratcliffiana bekannt, heute Glasgow University.

Von praktisch unversehrter Erhaltung. Eine in der rechten oberen Bildecke von rückseits durchscheinende und vom Gasthaus-Schornstein zudem unterbrochene dunkle Verfärbung (2 × 3,7 cm [¾ × 1½ in]) mit zudem stecknadelkopfkleiner Dünnstelle nur kaum als unzugehörig wahrnehmbar. Eine kleine Papierdünne auch am Hausgiebel des linken Bildrandes.

Großzügig componierter atmosphärenreicher Wintertag

hellen, doch sicher von Schneeschauern durchsetzten Wetters im Stile Jan van Goyens (Leiden 1586 – Den Haag 1656), an dessen Wirtszelte (Beck, Gemälde, 55, 71 f., 77 f. u.a.m.) als unverzichtbarer Eis-Attraktion denn auch hiesiges ersten Blickes erinnert.

Cornelis van Noorde, Eisvergnügen (Ausschnitt)
(Ausschnitt)

„ Cornelis van Noorde … ist der wichtigste imitierende Nachahmer des späten Zeichenstils Jan van Goyens … ein Stil, der ihm wohl besonders lag … Zwar hat van Noorde Zeichnungen und Aquarelle

in durchaus eigenem Stil entworfen

und mit seinem Monogramm CVN bezeichnet: auf diese Zeichnungen – um eben eine solche es sich hier aber handelt – soll hier nicht eingegangen werden. Aber für seine Schöpfungen in van Goyens Zeichenart hat er – wie hier indes mitnichten – ein ligiertes Monogramm aus CVN verwendet, das richtig interpretiert werden muß; es sieht dem Monogramm van Goyens bei flüchtiger Betrachtung ähnlich … Kopien nach van Goyen sind noch nicht bekannt … “

(Beck, wie oben; kursiv/Fettsatz nicht im Original). Entsprechend schon Sliggers, s. o., und resümierend:

„ (Für einen Künstler hatte Van Noorde deutlich eine Schwäche: Jan van Goyen,

dessen Zeichenstil er meisterhaft zu imitieren verstand

… buchstabengetreue Kopien sind … nicht bekannt, wohl eine Anzahl schwarzer Kreidezeichnungen im Stil von Van Goyen, oft braun oder grau laviert, auch stofflich 17. Jahrhundert.) “

Van Goyen-Stil-Zeichnungen seiner Hand u. a. in Berlin, Kupferstich-Kabinett, Inv.-Nr. 2759; Bremen, Kunsthalle, Inv.-Nr. 60/2; Den Haag, RKD, Abt. Landschaftszeichnungen.

Seine topographischen Arbeiten generell Vor-Ort-Aufnahmen, deren, gegebenenfalls, Skizzen im Atelier malerisch ausgeführt wurden. Soweit nicht auf seiner einzigen Tour als 25jähriger von Groningen bis nach Wesel – siehe obiges als einziges erhaltenes schetsboek des Haarlemer Gemeindearchivs, das auch den Großteil seines zeichnerischen Œuvre verwahrt – entstanden, bilden Haarlem und Umfeld die Quelle, wie letzteres wohl auch für hiesige Zeichnung, deren Format übrigens dem des Skizzenbuches entspricht.

„ (Der besondere Charme seiner Arbeiten beruht auf deren Umfeld und Ausstattung. Er bevölkert die Stadt mit lebhaft sich unterhaltenden Menschen, Reitern zu Pferde, rennenden Hunden und fahrenden Kutschen … Um große Wasserpartien zu verlebendigen zaubert er alles, um in einer Winterlandschaft Schlittschuhläufer an uns vorbeiziehen zu lassen, werden Schlitten fortgeschoben … In den hohen Himmelspartien entdeckt man meistens – wie denn auch hier – einen V-förmigen Vogelzug) “

(Sliggers, a. a. O., Seite 69). – Hier denn eine jener seit jeher generell

besonders begehrten , doch selteneren , weiten niederländischen „Ijsgezigte“ ,

hochbezahlt ob Öl oder Zeichnung. So als letztere etwa Noorde’s mit 211 × 340 mm (8¼ × 13⅜ in) zwar größerer, doch mit seiner Figurenfülle im Vordergrund recht laute schon 1979er Gefrorener Canal (Amsterdam, Sotheby van Waay, 301a, 202), mit seinem Zuschlag von zwar 6200 holl. Gulden bei gleichwohl noch sichtbar höherer Erwartung (8920-13380 Hfl.). Hiesiger kleiner Hund dort übrigens einem schwer Brennholz ziehenden Manne vorausspringend. Anderwärts wiederum begegnen wir ihm beim Begrüßen eines heimkommenden Heufuders. Anmerkenswert als dergleichen von den alten Niederländern gern eingesetzte Charakteristika.

Seine winters wie sommers immer wieder gern nur schemenhafte Behandlung zurückgesetzter wie selbst vordergründiger Seitenpartien hingegen wieder ein glückliches Stimmungs-Charakteristikum, stehend für die Wertung in der Literatur:

„… machte er sich weniger durch Gemälde, als durch schöne Zeichnungen bekannt“ (Nagler 1860), „ … vorzüglich in der Nachahmung älterer Handzeichnungen durch den Kupferstich “ (von Wurzbach 1909), „ (Schön gezeichnet mit Farben) “ (Clara Welcker, s. u., 1933), „ … hat eine Reihe hervorragender Nachbildungen von Zeichnungen geschaffen “ (L’Art Ancien in den etwa 1930ern gelegentlich eines seiner zahlreich nachgeschaffenen Künstler-Porträts [Katalog 36, Ndrländ. Zeichnungen 16.-19. Jhdt., Pos. 24 mit Stinnes-Prov.]). Und Thieme-Becker gedachten 1931 des „hellen, zarten Ton(s)“ seiner Radierungen.

Sehr realer Beweggrund für Noorde’s Nachbildungen aber war, daß er „die meiste Zeit dem Unterrichte (widmete), und zu diesem Behufe … mehrere Vorlagen aus(arbeitete), welche nach und nach ein Zeichnungs-Imitationswerk bildeten, dessen Bestandteile wir bei der Bearbeitung … im Künstler-Lexicon … (mangels Kenntnis obiger Weigel-Pos. 20748 noch) nicht genau kannten … Etliche Imitationen schliessen sich an das bekannte Werk des Ploos van Amstel an“ (Nagler, Monogramm., s. o.).

Der Unterricht betraf Noorde’s Tätigkeit als Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Haarlemse Tekenacademie (1772-1792), entstanden – wie entsprechend schon 1718 in Amsterdam – als Reaktion auf den Qualitätsverfall im Zuge einer von der Tapetenindustrie übernommenen Nachwuchsausbildung. Sliggers sieht in diesem Engagement auch den Grund für die nur eine Studienreise (1756) und die Beschränkung auf Haarlem und dessen nächste Umgebung, die er schon zwischen 1761 und 1763 zusammen mit Hendrik Spilman abkonterfeit hatte als Vorlagen für die 4teilige Kupfer-Folge

Aangenaame Gezichten in de Vermakelijke Landsdouwen
nieuwelings naar’t Leven getekend ,
door de beroemde konstenaars H. Spilman en C. v. Noorde .

In welchem Zusammenhang Sliggers Noorde’s tieferes Interesse und Verständnis an und für die baulichen Gegebenheiten hervorhebt, deren etwaige Veränderungen in neuerlichen Zeichnungen Jahre später ihren Niederschlag fanden. Gesicherte Öle seiner Hand sind sehr selten. Sein Einfluß auf die realistische Topographie seiner Zeit war gering, umsomehr, als gegen Ende des Jahrhunderts der romantische Aspekt allmählich wieder eine Rolle zu spielen begann.

Hier und heute denn solch eine Arbeit eigenen Gustos .

Daß sie einem großen früheren Namen nahesteht, versteht sich, siehe oben, fast schon von selbst. Wobei das Wirtszelt auch auf einer weiteren seiner hier bekannten Wintervergnügen Fingerzeig ist. – Als in obigen Literatur-Auflistungen fehlend, sei an dieser Stelle auch auf die von Clara Welcker an Hand von Versteigerungskatalogen aus 1819 + 1812 gelisteten beiden Zeichnungen nach Avercamp-Malereien aufmerksam gemacht (Welcker/Hensbroek-van der Poel, Hendrick Avercamp … en Barent Avercamp … „SCHILDERS TOT CAMPEN“, 1933/1976, T XXIV + T XXVII). – Auflösung des künstlerischen Nachlasses 1796.

Unter den wenigen Tier-Zeichnungen obigen Skizzenbuches übrigens eine des namentlich durch Ridingers 1748er Arbeit als erster wissenschaftlichen Ansprüchen genügender bekannt gewordenen berühmten Panzernashorns Jungfer Clara, gefertigt von Noorde 1756 – adäquat auf blauem Papier – gelegentlich deren Präsentation auf der Haarlemer Kirmes. Siehe Sliggers Seiten 146 f.

Angebots-Nr. 16.183 / Preis auf Anfrage


„ mein Besuch gestern in Padingbüttel hat mir Freude bereitet. Die bei dieser Gelegenheit erworbenen (Ridinger-)Blätter sind eine Bereicherung meiner Sammlung. Ich beginne nunmehr mit der Erfassung in meiner Datenbank und bitte Sie, mir eine möglichst hoch auflösende Bilddatei der Eisbären zusenden. Vielen Dank “

(Herr M. T., 26. März 2014)