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Beethoven  den  Deutschen

Oder

von  nationaler  Narretei  „kluger  Köpfe“  in  Sachen  Kunst

Offener  Brief

an  die  Herausgeber  der  Frankfurter  Allgemeinen  Zeitung

24. Juli 2003

 

Sehr geehrte Herren ,

 

Erich Wagner, langjähriger streitbarer Promotor der Bonner Standortpresse als Korsett der mittelständischen Blattmacher zog als résumé seines Berufslebens „Die Zeitung von gestern kann gar nicht von gestern sein“. Analog praktisch zu den „Titelseiten“ Ihres Hauses.

Weder vergessen noch vergeben sei Ihnen daher Gerhard R. Koch’s Präludium vom 12. Mai 2003 zum anstehenden Verkauf der Manuskript-Kopie von Beethoven’s Neunter aus dem Besitz des Mainzer Schott-Verlags bei Sotheby’s in London. In welchem er den auch in Ihrem Blatte stets aufs neue opportunen roten Faden vom Ausverkauf nationalen Kulturgutes weiterspann und nach dem Gesetzgeber rief. Auf daß dieser den täglich neuen Drangsalen in Sachen individueller Grundfreiheiten eine weitere Brustabschnürung hinzufüge.

Denn es zählt nicht, daß die Handschrift, ob Original oder, wie hier gar, nur Kopie (sic!) von Rechts wegen schon längst die Liste nationalen Kulturgutes hätte zieren müssen. Denn diese Liste, soweit sie den Eigentümerwechsel außer Landes untersagend reglementiert, ist bereits für sich allein ein Menetekel, ein Mastbaum der Anmaßung, ein trauriges Zeugnis von Kulturbanausentum, das der Freiheit der Kunst die Schienbeine traktiert.

Denn Kunst ist ein Synonym für Freiheit. Für die Freiheit des Einzelnen. Zuallererst der des Schöpfers, dessen Herzblut sie durchströmt. Doch nicht minder der des Sammlers, dem sie Seele ist. Geschaffen um ihrer selbst willen, ob aus Lust oder unter Qualen, doch nie unter der Prämisse kleinkarierten nationalen Grenzenmiefs. Vielmehr für alle und jeden als ein Angebot, sich ihr zu nähern, sie zu ergründen zu versuchen, sie zu lieben und zu besitzen.

» Ich war erst völlig erschrocken über so ein dummes Gesetz …

Der Gedanke ist ja nett, dass man was erhält.

Aber es ist auf der anderen Seite völlig unmodern,

eine Welt, die immer multikultureller wird und antinational,

dass man plötzlich denkt, man kann das retten.

Wir machen jetzt das ganze Gegenteil,

wir nehmen Millionen anderer auf und geben uns langsam auf.

Also, das ist schon mal der eine Gegensatz.

Und dann die Vorstellung,

dass dann Kommissionen kommen und das beurteilen,

das ist gut und das kann bleiben: Das ist Quatsch! «

Gerhard Richter

zum Kulturgüterschutzgesetz im Interview mit Stefan Koldehoff

Die Sammler kaufen nur noch Unterhaltungsquatsch

Deutschlandfunk, 25. Dezember 2015

Sie werden nicht müde, das Hohe Lied der Globalisierung zu intonieren, das Fortschreiten eines Europas ohne Grenzen als solches emphatisch zu begleiten, zeitnah zu Obigem, beispielsweise, den WELLA Aktionären die bestmögliche Verwertung ihrer hochkarätigen Anteile als Ausfluß ihres Eigentums-Grundrechtes zu bestätigen, doch will solches auch der Eigner eines geistigen Wertpapiers für sich reklamieren, verhelfen Sie dem alten, bösen Beigeschmack „Ausland“ aus den Klamottenkisten unseligsten Angedenkens zurück ans Tageslicht der gefeierten neuen Weltordnung, sobald auch nur die Möglichkeit besteht, die doch niedergerissenen Grenzen könnten in praxis unrespektiert bleiben.

Ein selbstentlarvendes geistiges Armutszeugnis all der Ritter, die die Fahnen der Globalisierung und eines Wettbewerbs ohne Grenzen vor sich her tragen. Denn deren Schäfte sind von anno toback. Provozierend des großen Lichtwark’s hundert Jahre zurückliegende und hier angepaßte Frage „Wie sieht es in den Seelen und deshalb in den (geistigen) Wohnungen unserer (Meinungsbildner) aus“.

Sie beuteln einen privaten Eigner, dessen Familie eine Trophäe über zig Generationen hinweg sorgsam verwahrt hat und sich nunmehr, ganz legitim, von ihr trennen möchte und rufen nach demselben Staat, der erst jüngst eine solche ganz anderen Kalibers, die Waldseemüller-Karte als einem Topstück eben der von Ihnen bemühten Roten Liste des Nationalen Kulturgutes, unter Umgehung eben deren Codex’, einem ausländischen Staat geschenkweise zu Füßen legte. Gerechtfertigt aus Staatsräson? Wo aus solcher geführte Kriege aller Zeiten als, bestens, Ausfluß menschlicher Unzulänglichkeit allemal mehr unwiederholbares Kulturgut aller Nationen vernichtet haben als Äonen privater Sammler es per Nachlässigkeit je vermöchten!

Sie rühren mit „ins Ausland verkauft“ an sonst so nachdrücklich angeprangerte fremdenfeindliche Instinkte und feiern gleichzeitig die Getty Foundation, die über Grenzen hinweg ihre rettende Restauratorenhand Sammlungen reicht, deren staatliche Eigentümer nicht fähig oder willens sind, unsterblichen Kunstwerken ihren Glanz zurückzugeben. Nicht fragend nach Staat und Verpflichtetem, sondern einzig nach dem Werk und allein der Devise folgend Tu es gleich.

Haben diese Brüche in Ihrem Denken und Schreiben Sie noch nie geschmerzt? Und damit aufgeschreckt? Sie gar um den Schlaf gebracht? Sich eingestehend, daß auch im kulturellen Eigentum die Freiheit unteilbar ist? Daß nicht der Standort von Kunst und Schrifttum wichtig ist, sondern allein, daß es sie gibt? Unter Hinnahme selbst, daß notfalls temporär nicht Hinz und Kunz zugänglich? Denn, wie ein Schreiber einst und für den Händler nur zu wahr anmerkte, am Ende landet doch alles in öffentlicher Hand. Erworben hier, aus Bürgersinn gestiftet dort. Mit letzterem untrennbar verbunden aber ist als A + O das Bewußtsein gesicherter Freiheit, eines Tages selbst entscheiden zu können, was und wo aus dem wird, was „die größte Freude im Leben“ war (Richard + Mathilde Schwerdt geb. von Brentano). Und mit eben dieser Freude tritt noch ein ganz anderer Aspekt ins Rampenlicht. Der des gesellschaftlichen Nutzwertes des Sammlers gleich welcher Dimension über sein ureigenstes Steckenpferd hinaus. Ein von Freude durchdrungener Mensch bedeutet potenzierte Leistungskraft. Denn

„ Freude  heißt  die  starke  Feder / In  der  ewigen  Natur .

Freude , Freude  treibt  die  Räder / In  der  großen  Weltenuhr “

(Schiller, An die Freude).

Es ist nicht zuletzt und ganz wesentlich das durch Überregulierung auf allen Ebenen bedingte zwangsweise Fehlen eben dieses Antriebs, das Deutschland seit Jahren so zu schaffen macht und Kreative das Sternenbanner als Symbol dessen hissen läßt, was in Weimar Goethe als zukunftsmächtiger ansah gegenüber „unser(em) Kontinent de(m) alte(n)“ und in Wien den Pädagogen Blöchlinger 1820 zu Beethoven geradezu prophetisch sagen läßt

„ Mir scheint, wir Europäer gehen rückwärts, und Amerika wird sich zur Kultur erheben. Wenigstens ist das jetzige Verhältnis nicht geeignet, den rechtlichen Ansprüchen auf Selbständigkeit der Amerikaner sich entgegenzustemmen “

(Kerst, Die Erinnerungen an Beethoven, 1913, Bd. II, Seite 312).

Doch  zurück  zum  Anfang .

Zur Kopie der Neunten samt Freuden-Schlußchor, die Sie auf Deutschland’s Roter Liste seines Nationalen Kulturgutes zu sehen wünschten. Geschlagen mit der Blindheit des Eiferers!

Ausgerechnet mit der Neunten spitzen Sie Ihre Feder zum Schriebe versus Engelland! Denn Dedication an Friedrich Wilhelm III. von Preußen hin, Wiener Uraufführung 1824 her, als „composed expressly“ für sich („for this society“, so auf dem Programm zu deren erster Aufführung am 21. März 1825, basierend auf Beethoven’s eigenhändiger Aufschrift auf der übersandten Kopie der Partitur „Große Sinfonie geschrieben für die Philharmonische Gesellschaft in London von Ludwig van Beethoven.“) durften sie die Londoner Philharmoniker ansehen.

Letztere den Meister am 10. November 1822 zu neuer Symphonie eingeladen hatten, worauf dieser schon vorbereitet war und diesbezüglich bereits am 6. April des Jahres an Ries geschrieben hatte. Am 20. Dezember nahm er den Auftrag an. „Das ist die Neunte Sinfonie geworden“, an der er in der zweiten Hälfte jenes Jahres die Arbeit wieder aufgenommen hatte. Und „Diese Sinfonie sandte er nach London“ (Nef, Die neun Sinfonien Beethovens, 1928, S. 256 f.). Wogegen – so ebda. Fußnote S. 257 – nach Riemann (Mannheimer Veröffentlichungen) auch nicht deren Bezeichnung als „Sinfonie allemande“ spräche, da dies „eine typische Bezeichnung für ins Ausland gehende deutsche Sinfonien“. Und, weiterführend, folgert Schmitz (Zeitschrift für Musikwissenschaft III, S. 511), daß Beethoven „im Hinblick auf den Vokalmusik und Chorwirkungen bevorzugenden Geschmack der Engländer das Chorfinale beigefügt haben dürfte“. Mit welcher Lösung der Meister sich bekanntlich schlußendlich nicht recht zufrieden zeigte.

Und Rechtstitel genereller Natur? Die Bonner Geburt, wohin erst der Großvater aus Belgien zugezogen, von wo der Meister selbst aber als 22jähriger auf Nimmerwiederkehr aufgebrochen war? Machen Sie sich nicht selbst was vor. Wenn Sie Beethoven schon, sein gefürchtetes Lachen nicht scheuend, an eine Lokalkette legen wollen, dann, bitte, an die Österreichs. Mit diesem, sprich Wien, ist er zwangsläufig untrennbar verbunden. Mit letzterem er haderte, welches er aber nicht wieder verließ. In dem sein Ruhm aufging, sein Genie waltete und zehntausende ihn zum Währinger Friedhof geleiteten. Wenn schon auf Roter Liste, dann auf solcher Österreichs. Zum Teufel gejagd hätte der Meister die eine wie die andere ohnehin. Denn

„ Rousseau wuchs wohl auf französischem Boden, gehört aber, wie jeder große Geist,

keiner  und  jeder  Nation , id  est  der  Welt  an “

(Christoph Kuffner, mit Beethoven befreundeter Dramatiker, im 61. Konversationsheft des Meister’s vom April 1826, auf dem Schindler später vorn vermerkte „Interessantes Gespräch. Beethoven nannte es (noch später) ‚sehr belehrend‘“).

Entsprechend Grillparzer’s Totenrede :

„ … bewahrte er ein menschliches Herz allen Menschen , ein väterliches den Seinen ,

Gut  und  Blut  der  ganzen  Welt . “

Analog zum Schlußchor

„ Diesen  Kuß  der  ganzen  Welt . “

Sollte dennoch eine Nation kraft des Meister’s Zuneigung und eigenen Handelns dazu ein Sonderrecht beanspruchen dürfen, so die englische. Es darf zitiert werden:

„ ‚Die Herren (eine Runde von Musikern und Literaten im Wiener Gasthaus Zum goldenen Lamm) behaupten, daß die Engländer weder gute Musik zu machen verstehen, noch sie schätzen können‘, erwiderte (der Violinist) Mayseder (auf Beethoven’s Frage, worum es ginge), ‚aber ich bin anderer Meinung‘. Beethoven sagte sarkastisch: ‚Die Engländer haben bei mir mehrere Kompositionen für ihre Konzerte bestellt und mir dafür ein schönes Honorar angeboten, die Deutschen, mit Ausnahme der Wiener, fangen erst jetzt an, mich aufzuführen, und die Franzosen finden meine Musik unspielbar; folglich liegt es am Tage, daß die Engländer von Musik nichts verstehen. Nicht wahr? Haha!‘ “

(aus der Erinnerung des „Beethoven-Derwischs“ Dr. Becher, mitgeteilt bei Kerst, a. a. O., Bd. I, Seite 88, und hier nachträglich eingefügt).

„ Er führte uns zu seinem prächtigen Fortepiano, mit dem Jubel, daß ihm die Philharmonische Gesellschaft in London dasselbe zum Geschenk gemacht habe. Das sei ein ehrenwertes Volk, das nicht blos die Kunst zu schätzen,  sondern  auch  zu  belohnen  wisse – und noch allein die Freiheit der Rede und Schrift, selbst gegen den König und mächtigsten Minister verstatte, die keine Zensoren und Zöllner (hören Sie’s in Frankfurt?!) hindern. – Er schalt sich selbst einen Toren,  daß  er  die  Einladung  der  englischen  Kunstfreunde  nicht  angenommen , aus Anhänglichkeit an Wien, wo man die Kunst wahnsinnig als eine Mode treibe, ohne die wahre Kunst zu verstehen, noch zu schätzen, oder zu belohnen. – ‚Mir entfällt,‘ setzte er hinzu, ‚manchmal ein herzliches, freies Wort; dafür hält man mich für toll‘“

(der Bremer Pädagoge W. Chr. Müller am 26. Oktober 1820 über einen Besuch bei Beethoven, wie vor, I, 261).

„ Moscheles konnte mir nicht genug versichern, zwar zum Überfluß, wie sehr man in ganz England Sie anbetet, und er traute sich nicht, nach London zu kommen, ohne den Engländern sagen zu können, er habe Sie wohl gesehen “

(Schindler Ende 1823 in den Konversationsheften, mitgeteilt ebda. II, 284).

„ Warhaftig prächtig inmitten dieser Geräte stand der Flügel des Künstlers, ein Geschenk seiner hochherzigen Verehrer in England, mit Goldschrift schaute ich die Namen der größten Künstler auf seinen Wänden eingegraben, die diesem Tonzeuge neben der gewöhnlichen Bedeutung eine geschichtliche gaben … “

(der rheinische Schriftsteller Zuccalmaglio über seinen Besuch bei Beethoven 1824 in Baden bei Wien, mitgeteilt ebda. II, 82).

„ Beethoven … hatte eine übertriebene Meinung von London und dessen hochgebildetem Einwohner: – ‚England steht hoch in der Kultur. In London weiß jeder Mensch etwas und weiß es gut, aber der Wiener, der weiß von Essen und Trinken zu sprechen und singt und klimpert Musik von wenig Bedeutung anitzo, oder die er selbst fabrizierte … Ja, ja, so ist’s.‘ – Nun ging’s auf’s Lob der Engländer, die alles zu schätzen wissen, was kräftig, gut und schön ist … ‚Ja, in England, wo man noch Sinn fürs Große hat, werden auch Kompositionen von Gehalt, wie ich vernommen, würdig aufgeführt. Ich muß auch nach London …‘ “

(der Londoner Harfenfabrikant Stumpff, der den Meister noch auf dem Sterbebett mit Händel’s Werken zutiefst beglückte, über seinen Besuch 1824, mitgeteilt ebda. II, 87-95).

„ … wo der Gigant der lebenden Komponisten … während der Sommermonate verweilt. Die Leute schienen erstaunt, daß wir uns so viel Mühe gaben (diesen zu sehen); denn so unbegreiflich es auch denen vorkommen mag, welche irgend Kenntnis von der Musik oder Geschmack dafür besitzen: in  Wien  ist  seine  Herrschaft  vorüber  , außer in den Herzen weniger Auserwählten, denen ich aber, nebenbei gesagt, noch nicht begegnet bin … “

(eine Engländerin in einem Brief vom Oktober 1825, veröffentlicht in der Londoner Zeitschrift Harmonicon, Dezember 1825, SS. 222 f.).

„ Vom 24. (März) gegen Abend bis zum letzten Hauche (am 26., viertel vor sechs abends) war er beinahe stets in delirio. Allein doch vergaß er selbst in dem furchtbaren Kampfe zwischen Leben und Tod die  Wohltat  der  Philharmonischen  Gesellschaft  nicht, wenn er nur einen lichten Augenblick hatte, und pries die englische Nation, die ihm stets so viel Aufmerksamkeit bewies “

(Schindler am 4. April 1827 an Moscheles in London dank dessen Vermittlung es zu der bekannten großherzigen Geste der Philharmonic Society gekommen war, die das Doppelte dessen ausmachte, was von dieser zwei Jahre zuvor für die Neunte an Honorar zu zahlen gewesen war, siehe Nef, S. 257).

„ Beethoven … hatte die Philharmonische Gesellschaft in London und Moscheles, der damals in England war, gebeten, für ihn ein Konzert zu arrangieren. Die Gesellschaft war großzügig genug, ihm umgehend 100 £ (= 1000 fl. Conv. Münze) zu schicken, wovon Beethoven tief ergriffen war. Sein Freund Rau erzählt:

‚ Es war herzzerreißend, ihn zu sehen, wie er seine Hände faltete und sich beinahe in Tränen der Freude und des Dankes auflöste ‘

Durch die freudige Erregung verursacht, öffnete sich in der Nacht eine seiner Wunden (was ihn nächsten Tags als von Neuwasser befreit heiter stimmte). Er hatte vor, einen Brief an die ‚edelmütigen Engländer‘ zu diktieren, die an seinem traurigen Schicksal teilnahmen. Er versprach der Philharmonischen Gesellschaft ein Werk, seine zehnte Symphonie, eine Ouvertüre, oder was sie sonst wünschen möchten. ‚Ich verpflichte mich, der Gesellschaft dadurch meinen wärmsten Dank abzustatten‘ … “

(Rolland, Ludwig van Beethoven, 1918, SS. 128 ff.).

Als dieser Vorgang ruchbar wurde, begab man sich daheim aufs selbe ölige Ausländer-Parkett, das Ihnen, sehr geehrte Herren, 180 Jahre später nicht minder vertraut ist, siehe eingangs. Hierzu Schindler in vorgedachtem Briefe weiter:

„ Und nun schreien und schreiben die Wiener laut und öffentlich, er bedurfte nicht der Hilfe  einer  fremden  Nation   usw., bedenken aber nicht … Kurz, lieber Freund, ich und Herr Hofrat von Breuning ersuchen Sie recht sehr, wenn sich  diese  abscheulichen  Räsonnements  bis nach England verbreiten, es den Manen Beethovens zuliebe zu tun und die Briefe, die Sie hierüber haben, in einem der gelesensten deutschen Blätter, z. B. ‚Allgemeine Zeitung‘ in Augsburg (als auch Beethoven’s “bevorzugter Lektüre„, Kerst II, 50 f.), öffentlich bekanntzumachen … damit man diese Skribler hier eines bessern belehre.

Die Philharmonische Gesellschaft hat die Ehre , diesen großen Mann von ihrem Gelde beerdigt zu haben , denn ohne dieses konnten wir es nicht anständig tun. Alles schrie: ‚Welche  Schande für Österreich! Das soll man nicht umgehen lassen, alles wird dazu beitragen‘, allein es blieb beim Schreien. Der Musikverein beschloß den Tag nach der Beerdigung – – – ihm ein Requiem halten zu lassen, und dies ist alles … “.

Ob sich letzteres de facto so zugetragen hat, ist in diesem Zusammenhang weniger wichtig als die in anstehenden Kontext gehörende Auslands-Aversion.

Gewiß, Schindler gilt der Literatur längst nicht mehr als die sichere Quelle welche. Insbesondere bezüglich der englischen Zuwendung hatte Rau (Erzieher und Assistent im Hause des involvierten Wiener Bankiers Eskeles) am Tage nach dem Ableben Beethoven’s Moscheles berichtet, daß die noch unberührt vorgefundenen 100 £ „bis zur näheren Verfügung von der Philharmonischen Gesellschaft beim Magistrate (zu) deponieren“ waren, daß er namentlich „die Leichenkosten aus diesem Gelde … ohne Einwilligung von der Gesellschaft nicht (habe) zugestehen“ können. So bei Kerst II, S. 226. Analog zu von Seyfried, der im hier vorliegenden autographen 1831er  Manuskript  seiner „Biographische(n) Notitzen“ über Ludwig van Beethoven als den zweitfrühesten ausführlicheren Mitteilungen –  und  nur  in  diesem , nicht also in der 1832er Druckfassung im Anhang zu den „Studien im Generalbasse“ – nach Bezifferung des gesichert günstigeren Vermögensstandes ausführt: „Aus diesem Grunde  wurde  auch die aus England großmüthig überschickte Unterstützung von (nicht genannten) Pfund Sterling durch den Testamentsvollstrecker H. Hofrath von Breuning, mit dankbarer Erkenntlichkeit remittirt.“

» Ich bin froh,

dass in Paris die Mona Lisa hängt,

nicht in Italien!

Das ist doch wunderbar!

Als Stolz der Italiener, da zu hängen! «

Gerhard Richter

im Interview mit Stefan Koldehoff

Die Sammler kaufen nur noch Unterhaltungsquatsch

Deutschlandfunk, 25. Dezember 2015

Als Relativierung der Verhältnisse in Wien akzeptiert Kerst (a. a. O. II, 224) auch Moscheles’ Notiz auf Rau’s den Geldeingang bestätigendem Brief vom 17. März, nämlich „Ich habe viele Beweise, welche Teilnahme Beethovens gefahrvoller Zustand damals in Wien erregt hat, und daß viele seiner Verehrer ihm mit Hilfe und Trost entgegengeeilt wären, wenn seine Zurückgezogenheit den Zutritt zu ihm oder seiner nächsten Umgebung nicht zu sehr erschwert hätte“. Sinngemäß generell bei Nef, a. a. O., S. IV: „ … zu einer gerechteren Beurteilung der Mitwelt des Meisters (zu) kommen, die man viel geschmäht hat, während man ihr vielmehr Anerkennung zollen sollte für die begeisterte Aufnahme, die sie den Überraschung über Überraschung bietenden Kompositionen entgegenbrachte.“

Im hiesigen Zusammenhang entscheidend bleibt gleichwohl des Meister’s obige und zumindest subjektiv richtige Einschätzung seines Wiener Umfeldes, und daß einer der bewegendsten Momente seines Lebens unteilbar England gehört. Dem er sich künstlerisch und gesellschaftlich aufs stärkste verbunden fühlte und das aufzusuchen ihm noch 1824/25 ganz konkret vorschwebte, nachdem er zuvor schon auf ein „Zu spät“ erkannt hatte. Und es bleibt auch die Befürchtung eines Vertrauten wie des Tenors Ludwig Cramolini, Beethoven wäre „am Ende gleich Mozart (und Schiller) mit fünf oder sechs andern in eine Grube gekommen“, hätten „mein Freund Jenger, Franzl Schubert, Baron Breuning (ihm nicht) ein Extragrab“ besorgt (Kerst, a. a. O., II, 236).

Und wie steht’s mit der Literatur ?

Die Biographie welche ist das Lebenswerk eines Amerikaners. Und Nef’s gedachtes 1928er opus

„ … ist merkwürdigerweise das erste in deutscher Sprache (wohlgemerkt, erst 1928!). In englischer, in italienischer, in französischer Sprache gibt es umfängliche Untersuchungen in dicken Bänden, in deutscher nur kleine Büchelchen, meist lediglich auf das Bedürfnis der Konzertbesucher berechnet … “

(Nef, a. a. O., S. III).

Nach all dem nun kommen Sie, sehr geehrte Herren, und beschlagnahmen Beethoven für Deutschland, dessen eher nur sentimental zu gedenken ihm der Rhein bei Bonn und frühe Freundschaften genügten, ansonsten seine dortigen Verleger, eben auch Schott in Mainz, ohne sich ihnen gleichwohl exclusiv zu verbinden. Er hatte neben den Wienern solche ebenso in Paris und London. Und wer am meisten zahlte, erhielt den Zuschlag. Und so kam manches erst via „Ausland“ zu Wien’s Gehör. Und nicht anders selbstverständlich müssen auch anfaßbare Kunstwerke über Grenzen hinweg vagabundieren dürfen.

Denn so wenig eine Zeitung „nicht von gestern ist“, so wenig ist für die Kunst die viel beschrieene Globalisierung erst eine Sache von heute. Nicht allein, daß Künstler nicht in Grenzen denken und für solche schaffen, nein, schon hunderte Jahre vor Beethoven schrieben sie zwar nicht über Globalisierung, lebten sie aber. Von Land zu Land, von Hof zu Hof ziehend, folgend ihren Kunden und bestrebt, neue zu finden. Und wenn Beethoven auf einen Punkt zu bringen ist, so auf den der Freiheit. Und hierin ist Schindler gewiß zu folgen (Kerst, a. a. O., I, 273):

„ Absolute Freiheit im Tun und Lassen nach jeglicher Seite … einzig und allein eingeschränkt durch das Sittengesetz – darin bestand die Lebensnorm dieses exzeptionellen Charakters. “

Mitreißend in Fidelio: Zur Freiheit , zur Freiheit … . Nein, der Londoner Verkauf – Ludwig van hätte er gefallen.

Mit der Ihnen in dieser Sache zukommenden Geringschätzung

 

LÜDER HAINFRIED NIEMEYER
BUCH- UND KUNSTANTIQUAR

 

Postscriptum :

Und wie liest sich’s in der FAZ – so am 6. 9. 2003 in Clementine Kügler’s Rückblick auf Spaniens Auktionen der ersten Jahreshälfte – tut ein anderer Staat Gleiches?

„ Der bittere Beigeschmack dieses (Goya-)Erfolgs liegt für den Markt im Exportverbot, das der spanische Staat … verhängt hatte: Es schreckt die internationalen Interessenten ab und hält die Preise niedriger. “

Kiek an. Er beanpruchte sogar Vorkaufsrecht. Aber zum Zuschlagpreis, wohlgemerkt!


“ I am very late to thank you for your kind and detailed e-mail of Sept. 21. – We are back in the US since early Oct. and are catching up with privat and business matters.

The visit with you was a pleasure and so nice to meet you in person … The advise and first pass evaluation you gave us were realistic and appreciated … ”

(Mr. + Mrs. N. Sch., November 6, 2009)