Aus der Heimat der Par Force Jagd
Die „französische Jagd“ im Jahrhundert nach Ridinger
– Bei Thiébaud nur spätere Ausgabe –
Vernet, Antoine Charles Horace, genannt Carle (Bordeaux 1758 – Paris 1836). (La chasse au cerf.) Folge von 24 Blatt. Kupferstiche mit Radierung von (Schwerdt: F.) Gamble (21,2-22,8 x 30,2-30,0 cm). Ca. 1804/14. Hldr.-Bd. d. Zt. m. Rückenverg. und braun marmor. Deckelbezügen.
Thiébaud 927 (in Unkenntnis der Erstzustände bei Schwerdt + Jeanson bzw. hierselbst, siehe unten); Schwerdt III, 65: „Highly interesting set“ (vor der Numerierung); Jeanson, 1987, 574 (vor Numerierung, dabei irrig Thiébaud’s „um 1830“ für dessen spätere Ausgabe übernehmend). – Nicht bei Souhart und in Slg. Schoeller.
Vernet’s 24blätterige Suite
als der
großartige Akkord

von Instruktivität , Vielfalt und Bildreichtum ,
hier im endgültigen Zustand sowohl mit der Adresse (wie schon Jeanson und zu unterstellendermaßen Schwerdt) „Déposé à la Bibliothèque Impériale“ als auch der Numerierung. Thiébaud kennt die Folge nur als gleichfalls numerierte spätere Ausgabe mit der Adresse „Paris, Veuve Turgis“ und datiert sie solchermaßen zu spät auf „vers 1830“.
Die klassische Interpretation eines neuen Jahrhunderts als Antwort auf die barocke Fülle des übermächtigen Ridinger, der sich interessanterweise außerhalb Deutschlands gerade auch in Frankreich bis zur Revolution größter Wertschätzung erfreut hatte. Nun aber Vernet. Erst hochbezahlter Meister des Adels, dann mit der roten Jakobinermütze, aber unbeirrt in der Darstellung dessen, was großer Herren Lebensart ist. Vernet der Mittlere, Sohn und zugleich Vater berühmter Kollegen.
Seine außerordentlich seltene Folge übertrifft die 1756er Ridinger’sche nominell bereits um das Anderthalbfache, läßt aber zusätzlich die Details deutlicher hervortreten. Immer ist das Geschehen selbst der Nabel, dem das Umfeld nachgeordnet bleibt. Daß ein

unvergleichlich herrlicher Pferdeaspekt
hinzutritt, liegt in der Natur des Künstlers. Vernet war ein Pferdenarr :
„ … er hatte schon in zarter Jugend eine Vorliebe für Darstellung der Pferde gefasst, und seine Schulbücher mit Pferderennen und Thierkämpfen illustrirt. Er erhielt auch schon als Knabe Reitunterricht und bald darauf ein eigenes Pferd, so dass er nach und nach ein ausgezeichneter Reiter wurde … und 1781 (gab ihm der Vater) für das Bild eines Renners eine Remuneration von 100 Fr. … unter dem 27. Jänner 1783 (schreibt ihm der Vater nach Rom), er möge sich im Reiten mässigen … kaufte ihm (nichtsdestotrotz aber) 1784 ein (weiteres) Pferd um 796 Fr. Die Frucht dieser Bemühungen war das grosse Gemälde, welches den Triumph des Paulus Aemilius vorstellt, und 1787 den Ruf des Künstlers gründete, welcher hierin nicht allein im historischen Theile, sondern namentlich auch
durch die Darstellung von Pferden Ungewöhnliches geleistet
hatte … und von dieser Zeit an vervollkommnete der Künstler unablässig das Talent … Pferde und jedweden Gegenstand, wo solche Thiere vorkommen, mit Glück darzustellen … “
(Nagler).

So sind denn auch die hiesigen Parforcepferde von einer Rasse, die den Betrachter kribbelig macht, nicht gleich aufsitzen zu können. Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., XVI, 144 hebt daneben auch die Jagden und Hunde hervor. Kurz, das ganze Spektrum einer Parforcejagd gedieh Vernet zur Lust :
„ Von Frankreich kommend … wird diese Jagd auch die ‚französische‘ genannt. Sie war eine Jagdkunstform, die ein kompliziertes Reglement und einen erhöhten Aufwand an Jägern und Hunden erforderte. Im Gegensatz zu den bisher üblichen Hetzen und eingestellten Jagen, bei denen es auf eine vielfache und effektvolle Erlegung des Wildes ankam, galt sie nur einem Jagdtier … vorzüglich … dem Hirsch. Sie verzichtet auf jegliche Festlegung des Ortes, läßt dem gehetzten Wild die Führung und zieht über weite Strecken … dahin. Im Grunde wird hier eine alte Jagdform wieder aufgegriffen, wie sie schon in der Antike und während des Mittelalters vor der Existenz der Schußwaffen ausgeübt wurde, nämlich die Hetze des Hirschs zu Pferd und nur mit Hilfe einer starken Hundemeute … Während aber bei der alten Hetzjagd die Hunde nur mit dem Gesicht jagten und aufgaben, sobald sie das Wild aus den Augen verloren, müssen die Parforcehunde auch der Fährte des angejagten Tieres folgen können. Die Jagd wurde wesentlich verfeinert: Es geht darum, nur einen bestimmten, von den Jägern vorher ausgesuchten Hirsch anzujagen … In der schnellen Verfolgung des Hirschs durch die Meute und die berittenen Jäger, in seiner Unterscheidung vom übrigen Wild und im Wiederfinden der verlorenen Spur lagen Reiz und Bedeutung dieser Jagd. ‚Es ist dieselbige eine lustige und angenehme Jagd vor diejenigen, so gerne reiten, den Laut der Hunde hören wollen, und das Blasen ästimieren‘ … schreibt … Döbel …“
(Gisela Siebert, Kranichstein, 55 f.).

Dies alles denn die Stationen dieser Folge, gebunden hier konträr zur unverständlichen Platten-Numerierung (diese zwar korrekt auf 1-24 beschränkt, doch, z. B., die einleitenden Suchjäger-Szenerien mit 21 bzw. 16, Halali + Curée gar mit 4 + 5 genummert) in vom seinerzeitigen Vorbesitzer per Bleistift wie folgt gesehenen natürlicher Abfolge, die beim gleichfalls zeitgenössisch gebundenen Schwerdt-Exemplar nur partiell anders gesehen wurde, für die Endphase des Hirschen allerdings ersichtlich fehlerhaft.

Der Eintritt des Suchjägers in den Wald (21) – Der ziehende Hund wittert ins Dickicht (16) – Noch suchen sie an dem ruhenden Hirsch vorbei (13) – Die Jagdgesellschaft (8) – Das Warten mit den Relaishunden (18) – Bestätigen der Fährte (6) – Die Attacke (9) – Der lancierte Hirsch (15) – Die Jagd (24) – Die falsche Spur (19) – Der Kapitale inmitten zweier Junghirsche nach links – die Meute nach rechts (14) – Die falsche Spur (11) – Die Verzweigung (12) – Neu gefolgt (23) – In gestreckter Verfolgung (20) – Loskoppeln von Relaishunden (22) – Der Hirsch geht ins Wasser (1) – Die Hunde bringen ihn wieder heraus (7) – Der Hirsch in der Endphase (10) – Er stellt sich (2) – Halali (4) – Die Curée (5) – Nachsuche nach Hunden (3) – Jagdhengste von morgen (17) .
Nichts, was hier ausgelassen wäre. Geradezu deutscher als ein Deutscher. Carle Vernet.
Neben der Numerierung sämtlichs mit Situationsbezeichnung, Künstler- (4 x Dessiné par C. Vernet, Rest Vernet delt.) + Stecher-Signatur (4 x Gravé par Gamble, Rest Gamble sc.) sowie dem Déposé à la Bibliothèque Impériale als Datierungshilfe. Eine solche auch seitens der Stecher-Signatur gegeben: Stecher-Familie in Paris um 1800 (Thieme-Becker, jedoch nur unter Hinweis auf Kupferstichwiedergaben von Jagdszenen des Vaters Claude Joseph Vernet).

Beim sich stellenden Hirsch (Nr. 2) das „Impériale“ gelöscht als Hinweis auf einen Abdruck zwar nach Ende des. Kaiserreichs, doch noch vor der Adresse à la Thiébaud, auch etwas schmalrandiger, jedoch auf leichterem Bütten und sehr schönen Druckes, selbst noch mit Plattenschmutz. Alle übrigen auf besonders schwerem Papier ohne Linien bei einer Breitrandigkeit von rund 3-4 cm für oben und unten bzw. 5,5 cm für die Ränder. Tafeln 8 + 3 (4 + 23 der Bindung) mit Wz.-Fragment „8“. Die
einheitlich schöne Druckqualität

nicht zuletzt bestimmt von der feinen Behandlung des Lichtes.
Die linken Plattenränder überwiegend etwas scharf eingedrückt und vorsorglich säurefrei hinterlegt. So auch zwei Unterrandeinrisse. Die breiten Papierränder zwei- bis dreiseits meist nur wenig und zudem im Außenrand stockstippig, die Innenränder mit wohl von entfernten Deckblättern herrührenden Montageresten, der vordere Vorsatz mit altem Papier erneuert. Der Einband stellenweise beschabt bzw. bestoßen, gleichwohl nicht unproper und als zeitgenössisch das durchaus noch schöne Äußere eines
thematisch „ zu den gesuchtesten Werken “ der Jagdgraphik zählenden ,
jagdhistorisch ganz herausragenden Szenariums
wie Thienemann gelegentlich der nur 16blätt. Ridinger-Suite konstatierte. Einst im Orient beheimatet, von Karl dem Großen in Deutschland bekannt gemacht, seine Wiedergeburt im Frankreich des 18. Jahrhunderts erlebend, hier nun denn die abschließende, die souveräne Gestaltung als wohl
Frankreichs letzter Verneigung vor „ seiner “ schönsten Jagd .

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