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Ein  ‚Entwurf‘  als  ‚fertiges‘  Kunstwerk

und  kostbare  Zimelie  zum  1942  verbrannten  1895er  Öl
der  Neuen  Pinakothek  München

» Kraniche  des  Ibykus «

Strathmann, Carl (Düsseldorf 1866 – München 1939). Ibykus. In von Pilzen und drei Bäumen bewachsener Wiesenlandschaft der nach rechts voranschreitende Götterfreund, gewaltig singend, die Lyra in der ausgestreckten Linken. Zu Friedrich Schiller’s Ballade Die Kraniche des Ibykus von 1797. Schwarze Feder, Aquarell + Gold auf Zeichenkarton, montiert auf Pappe, auf der die Arbeit zugleich complettiert und wiederholt eingefaßt ist. Ca. 1894/95. Bezeichnet in schwarzer Feder auf dem Zeichenkarton unten rechts: C. Strathmann. 80 × 58,5 cm (31½ × 23 in).

Literatur

Thieme-Becker XXXII (1938), 160; Vollmer VI (1962), 436; Lovis Corinth, Carl Strathmann, in Kunst und Künstler 1903, SS. 255-263 mit Wiederabdruck in Legenden aus dem Künstlerleben, 1909, SS. 71 ff. bzw. 1918, SS. 68-82; Ders., Meine frühen Jahre, 1954, S. 132.; Heusinger v. Waldegg, Grotesker Jugendstil – Carl Strathmann … Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgraphik / Katalog der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn März/Mai 1976 nebst 4seit. Ausstellungs- + Literaturauswahl (Kunst + Altertum am Rhein 63); Katalog der Ausstellung „München 1869-1958 / Aufbruch zur modernen Kunst“, Mchn., Haus der Kunst, 1958.

Einzelausstellungen

Retrospektiven: 1916/17 Berliner Secession (Sonderausstellung); 1931 Münchner Kunstverein; 1958 Galerie Wolfgang Gurlitt, München; 1976 Rheinisches Landesmuseum Bonn. – 1902 + 1910/11 Galerie Paul Cassirer, Berlin; 1907 Arnolds Kunstsalon, Dresden; 1911 Münchner Kunstverein; 1914 + 1918 Kaiser Wilhelm-Museum Krefeld; 1914/15 Kunstvereine Frankfurt/M., Augsburg, Leipzig; 1921 Leopold Hoesch-Museum Düren; 1924 Glaspalast Wien (Sonderausstellung); 1931 Münchner Kunstverein (Sonderausstellung).

Gruppenausstellungen

1892 + 1894 Galerie Fritz Gurlitt, Berlin; 1893-1922 wiederholt Internationale Kunstausstellung, München; Münchner Jahresausstellung; Münchner Secession; Große Berliner Kunstausstellung; Berliner Secession; 1894/95 Münchner Kunstverein (gemeinsam mit Walter Leistikow); 1895/96 Glaspalast Düsseldorf; 1905 2. Deutsche Künstlerbund-Ausstellung, Berlin; 1907 Deutsche Nationale Kunstausstellung, Düsseldorf; 1958 Haus der Kunst, München (München 1869-1958 / Aufbruch zur modernen Kunst).

SCHÖNE  GROSSFORMATIGE + TYPISCHE  ARBEIT

als  malerisch  ausgeführter Detailentwurf

zu  „Kraniche  des  Ibykus“

von 1895 (Katalog Bonn Abbildung 138; Boetticher, Öle, 1; ausgestellt noch gleichen Jahres auf der Münchner Jahresausstellung und der Sonderausstellung der Künstlervereinigung Laetitia in der Kunsthalle Düsseldorf + 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung; 1942 in der Neuen Pinakothek München verbrannt) als neben Salambo (1894/95) – siehe unten – und zusammen mit Der Hl. Franziskus predigt den Tieren gleichen Jahres

„ Hauptwerke  des  dekorativ-ornamentalen  Münchner  Jugendstils ,

in denen sich verschiedene Einflüsse des Kunstgewerbes, Symbolismus, Byzantinismus und Akademismus (Stucks Sensationserfolg ‚Die Sünde‘, 1893) mischen “

(Katalog Bonn, 1976, S. 9). –  Und  Lovis  Corinth  1903 :

„ Zu gleicher Zeit mit der Salambo entstand auch

sein  liebenswürdigstes  Bild :

Ibykus , der  Götterfreund .

Es  ist  nicht  unbeeinflußt  von  den  Japanern

(‚Malt in einer … von Japan beeinflußten Manier große Figurenbilder , Landschaften und Stilleben‘, Thieme-Becker). Fliegende vergoldete Kraniche nehmen die obere Hälfte des Bildes ein. Ihnen streckt Ibykus eine Hand grüßend entgegen; um das Haupt hat er einen goldenen Heiligschein, und reiche Kleider umgeben seinen Körper, eine reiche Vegetation von nicht existierenden Pflanzen und Bäumen bedeckt den übrigen Teil des Bildes.

Ich persönlich stehe nicht an,

dieses  Bild  mit  zu  den  besten  Arbeiten  unserer  Zeit

zu zählen “

(zitiert nach Katalog Bonn, S. 82).

Und eben aus 1895 als dem Jahr dessen Entstehung denn auch Corinth’s großformatiges Dreiviertel-Porträt Strathmann’s mit Zigarre nach rechts (Öl/Lwd., 111 x 81 cm) in München. Siehe Kat. Bonn 129 + Abbildung 1 als Frontispiz.

Ibykos

„ griech. Lyriker, aus Rhegium in Unteritalien (Reggio Calabria), um 530 v. Chr. blühend, führte ein Wanderleben und hielt sich längere Zeit auch in Samos am Hof des Polykrates auf. Einer Grabschrift zufolge starb er in seiner Vaterstadt; nach einer andern, durch Schillers Gedicht Die Kraniche des Ibykus bekannten Sage des Altertums soll er vielmehr auf der Fahrt zu den Isthmischen Spielen von Räubern ermordet, die Entdeckung der Übelthäter aber durch Kraniche herbeigeführt worden sein. I.’s Hauptruhm gründete sich auf seine erotischen Lieder, die eine glühende Sinnlichkeit atmen … “

(Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., VIII [1888], 867).

Hier denn Ibykus apart,

Carl Strathmann, Kraniche des Ibykus nach Schiller (Detail)

im Gegensinn nach rechts, die ungezeigt bleibenden Kraniche nicht stumm grüßend, vielmehr emphatisch bewegt, mit gewaltigem Gesang bei entsprechender Körperkurvung, starkem Aufblick und lorbeerbekränzt. Adäquat hierzu das im Öl ruhig in der Linken gehaltene kompakte Instrument hier schleifengekrönt und blütengirlandenumwunden lang gestreckt, über Bild + Goldeinfassung auf den Montagekarton ausgreifend, in der emporgestreckten Linken. Ob der Heiligenschein des Öls hier als solcher gedacht ist, erscheint zweifelhaft als hier als gewaltige goldene (eher geschehensandeutende Sonnenuntergangs-) Halbscheibe ins Blau des Himmels gesetzt, hinter die Bäume, Kopf/Brust + unteren Lyrateil, horizontal begrenzt von der nur spärlich mit Pilzen bestandenen Wiese. Wie denn auch das Gewand noch ohne Schleppe und fast monoton gehalten. Ablenkungsfrei alles konzentriert auf die geradezu hörbare gewaltige Stimme, die bildsprengende Lyra, die mächtige Goldscheibe. Kurz, gegenüber dem Liebreiz des Öls

die  von den  Augen  widergespiegelte

Carl Strathmann, Ibykus (Detail)

vorweggenommene  Dramatik  des  Kommenden ,

die Anrufung der hier nicht gegenwärtigen Kraniche als Kläger: „Von euch, ihr Kraniche dort oben, Wenn keine andere Stimme spricht, Sei meines Mordes Klag erhoben!“ (Schiller).

Womit es gleichwohl nicht sein Bewenden hat. Denn als Top des Bildes ziert den linken Oberrand der Lyra

Carl Strathmann, Ibykus (Ausschnitt: Schmetterling)

ein Schmetterling als Todesbote !

„ … Zu einem der typischen Symbole für Seelenflug und Weg ins Jenseits wurde nun – neben den Engeln – der Schmetterling. In der Antike ein Sinnbild für die den körperlichen Tod überlebende Seele (griechisch „psyche“ = Seele), hatte er bis in die Neuzeit als Zeichen für Auferstehung und Unsterblichkeit überdauert. Der Klassizismus um 1800 griff auf diese antike Tradition zurück, der Schmetterling wurde zu einem populären Symbol der Grabmalkunst … “

(Norbert Fischer, Von Engeln, Schmetterlingen und dem Übergang ins Jenseits, in Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur Nr. 100/101, I+II, März 2008).

Scheinbar konträr hierzu die — farbkompositorisch natürlich roten — Pilze als einem „Symbol für Langlebigkeit, weshalb zu Neujahr kleine Glückspilze verschenkt werden “. Vielmehr denn wohl Symbolik für die Spannweite des Lebens. Und mit der Strenge dieses Trifoliums

Augensprache , Schmetterling , Pilze

wie fehlend im Öl

verharmlost diese Detailstudie das letztere in seiner reichen Blütenpracht thematisch geradezu zu einem bildhaft wunderschönen, aber eben nur noch nicht wehe tuenden Salonbild, als ein sehr schönes Beispiel für den „streng flächenhafte(n) Bildaufbau der 1890er Jahre“, wie denn

die Arbeiten vor 1900 als die „Hochkunst“ repräsentierend

generell die entscheidenden sind .

Symbolismus + Jugendstil verhaftet, begann Strathmann in Düsseldorf, doch „(n)ach Konflikten mit den (dortigen) Lehrern …

die ihn vergeblich in das gewohnte Drillsystem hineinpressen wollten ,

siedelte er nach Weimar über, wo Graf Kalckreuth viele junge Talente an sich zog“ (Lovis Corinth).

Befreundet mit Th. Th. Heine, mit dem er der Künstlergruppe Laetitia angehörte, und Corinth. Seit 1891 in München bei Mitgliedschaften in der Allotria und dem Cococello Club sowie ab 1894 in der Freien Vereinigung als Splittergruppe der Münchener Secession,

„ deren Mitglieder … die Kerngruppe des Münchner Jugendstils (bilden) …

Gemeinsam ist diesen Malern die akademische Herkunft und die Devise ‚Die Überwindung des Naturalismus‘ “

(Kat. Bonn, S. 26), 1907 schließlich der Berliner Secession. Seit 1895 Mitarbeiter des frischbegründeten Pan, seit 1896 der Jugend sowie der Fliegende Blätter („Strathmanns Beitrag zur Buchillustration des Jugendstils ist nicht sehr umfangreich, aber qualitätvoll“).

„ Wohl kein Zweiter unter den erfolgreichen Malern unserer jüngeren Generation ist schwerer zu klassifizieren als Karl Strathmann. Er paßt in keines von den üblichen Schubfächern der Ästhetik … – er hat von allem etwas und ist dabei noch

eine  merkwürdig  eigenkräftige  geschlossene  Persönlichkeit “

(Wilhelm Schäfer 1904 in Hundert Meister der Gegenwart, zitiert nach Katalog Bonn, SS. 16 f.).

So denn auch neben dem Bett im Atelier eine erhaben gehängte Maske Ludwig van Beethoven’s (Kat. Bonn, S. 17 + Abb. 15).

Und dieses „zu Unrecht unterbewertet(en … künstlerischen Phänomens) eigenständige Position innerhalb der Stilbewegung (des namentlich Münchner Jugendstils) deutlicher als bisher aufzuzeigen“ war denn auch eines der Ziele der werkumfassenden Bonner Ausstellung, die damit zugleich auch Hans H. Hofstätters vorangegangene Auseinandersetzung mit Strathmann vertiefte. Wie denn Brigitte Lohkamp in ihrem Katalogbeitrag Strathmann in der Wertung von Forschung und Kunstkritik auch jene Stimme zitiert, die in Strathmann einen

„ bis  in  die  äußerste  Fingerspitze  geniale(n)  Zeichner  und  Dekorateur “

sieht (Seiten 72 + 74).

Dessen „grotesker“ Stil nicht zuletzt aber auch jene nachfolgenden Jüngeren packte, deren neue Stilrichtung der deutschen Kunst der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts Weltgeltung verschaffte :

„ Wie viele moderne Künstler, die bei der ‚grotesken Illustration‘ des Jugendstils (Kurt Bauch) ansetzen, darunter Feininger, Barlach, Nolde, findet auch der junge Paul Klee in seinen phantastisch-satirischen Zeichnungen um 1901 … hier seinen Ansatzpunkt … (Strathmann’s) quasi autonome(s) Spiel mit Formen tendiert in die Richtung der abstrakten Kunst im Sinne des ‚Selbstausdrucks der künstlerischen Mittel‘ (Juliane Roh) bzw. mündet in die Ausdrucks-‚Hieroglyphe‘ (E. L. Kirchner) der Expressionisten.

Viele  Expressionisten  wurzeln  in  ihrem  Schaffen  im  Jugendstil

… später gelangte Kirchner zu seiner schnittigen Formsprache: dem Expressionismus blieb es vorbehalten, die abstrahierenden Stilmittel des Jugendstils zu radikalisieren “

(Katalog Bonn, SS. 65 ff., zuvor schon, S. 64, an bemalte Postkarten Strathmann’s erinnernd, deren „phantastische Erfindungen mit realistischen Einzelformen … an Max Ernst-Collagen denken lassen“).

Entsprechend denn 2008 die exemplarische Ausstellung des LWL-Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Münster Freiheit der Linie — Von Obrist und dem Jugendstil zu Marc, Klee und Kirchner , präsentierend

„ die  allseits  bekannte  Kunst  des  ‚Blauen Reiters‘

(insbesondere Kirchner) in einem neuen Zusammenhang. Erstmals werden

die Ursprünge des Expressionismus

im Münchner Jugendstil um 1900 aufgezeigt …

Gemeinsames Thema der ausgestellten Kunstwerke ist die Bewegung. In Kunsthandwerk und Architektur , in Bildern und Skulpturen gestaltete der Jugendstil ausdrucksvolle lineare Bewegungen, die bereits durch ihre bloßen Verläufe Empfindungen darstellen …

In der Ausstellung ist (auch) ein Hauptwerk des Münchener Symbolismus zu sehen: das großformatige Gemälde ‚Salambo‘

des  exzentrischen  Künstlers  Carl  Strathmann …

von 1895 (dem Jahre, wie schon erwähnt, auch des Ibykus). Es zeigt eine Szene aus dem berühmten Roman ‚Salambo‘ von Gustave Flaubert: den Schlangenzauber … eine Harfe symbolisiert den Klang von Musik … Als das Bild 1895 dem Publikum gezeigt wurde, war es ein Skandal … Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde es schon damals ein Publikumserfolg “

(Claudia Miklis im seinerzeitigen Pressestatement des Museums).

Hinsichtlich des starken Goldelements hiesiger Ibykus-Arbeit sei schließlich an dieses als eines „Symbolwerts vom Symbolismus“, als „ein(es) Mittel(s), das jenseits alles Farbig-Natürlichen steht (und dem Kunstwerk) ‚sakrale Weihe‘ verleiht“ erinnert, mit welcher Umschreibung Hofstätter Oswald Spengler aufgreift, um im übrigen in diesem inhaltlich zu wertenden ganzen Allegorismus ein „bewunderungswürdige(s) raffinement“ zu erkennen, ein „vollendete(s) Eindringen des Kunstgewerblichen in die Malerei“. Gustav Klimt’s Goldene Adele von erst 1907 läßt als erinnerungsfrisches Spectaculum grüßen.

„ (Und g)leich dem besten Buchbinder klebt (Strathmann) Kartons — seine Aquarelle sind oft aus mehreren Stücken zusammengesetzt — oder spaltet die dünnsten Pappendeckel, wenn sie auf beiden Seiten bemalt sind, auseinander, so daß jedes Bild einzeln da ist “ (Lovis Corinth).

Unter den 128 Strathmann-Exponaten der 1976er Bonner Ausstellung

keines mit erkennbarem Ibykus-Bezug ,

woraus anstehender exemplarischer Arbeit nicht allein infolge des 1942er Untergangs des Öls

neben dem künstlerischen ein zugleich exceptioneller Belegwert

zuwächst, sondern sichtbar darüber hinaus hinsichtlich des dem Öl fehlenden Trifoliums von Augensprache, Schmetterling und Pilzen ein einzigartiger Einblick in Schaffensprocess, vielleicht auch Publikumsrücksichtnahme, mehr aber noch, ein geradezu Eindringen in Denkweise und Psyche.

Reflektierender  Mensch  in  der  Studie , Heiliger  im  Öl .

Carl Strathmann, Kraniche des Ibykus nach Schiller (Signaturdetail)

Die kursive Schreibweise der Signatur korrespondierend mit der von Mohammed auf der Flucht in München (Nr. 49 des Bonner Katalogs nebst Abb. 147; um 1900), deren Unterstrich hier bereits vom ersten kleinen t-Strich ausgeht. Ähnlich, wenn nicht gleich, auch die des verschollenen Ersten Kusses (Abb. 49 des Katalogs; um 1892/93), wie denn auch die des verbrannten 1895er Ibykus-Öls in ihrer gleichfalls Groß-Klein-Schreibung vom regelmäßigeren Usus in Versalien-Druckbuchstaben abweicht.

Denkbar frisch in der Erhaltung, dürfte der Bronzeton des Goldes gleichwohl altersbedingt sein. Der Montagekarton mit seinen verschiedenfältigen Federeinfassungen + Kompositionsabschlüssen mit einigen schwachen kleinen Schmutzstellen und vereinzelten Stockstippen im linken Unterfeld. Einherkommend im übrigen mit

jahrzehntelangem  Verwahrtgebliebensein  in  der  Lade  nur  eines  Connaisseurs .

Angebots-Nr. 14.751 / Preis auf Anfrage

Carl Strathmann, Kraniche des Ibykus nach Schiller (Detail)


“ Beautiful Rugendas colour print arrived! Thanks very much for keeping me informed. Best regards ”

(Mr. J. R. L., June 11, 2004)