„ Es ist nicht unbeeinflußt von den Japanern “
( Lovis Corinth )
Ein ‚Entwurf‘ als ‚fertiges‘ Kunstwerk
und kostbare Zimelie zum 1942 verbrannten 1895er Öl
der Neuen Pinakothek München
„ Kraniche des Ibykus “
Strathmann, Carl (Düsseldorf 1866 – München 1939). Ibykus. In von Pilzen und drei Bäumen bewachsener Wiesenlandschaft der nach rechts voranschreitende Götterfreund, gewaltig singend, die Leier in der ausgestreckten Linken. Schwarze Feder, Aquarell + Gold auf Zeichenkarton, montiert auf Pappe, auf der die Arbeit zugleich complettiert und wiederholt eingefaßt ist. Bezeichnet in schwarzer Feder auf dem Zeichenkarton unten rechts: C. Strathmann. 80 x 58,5 cm.
Literatur
Thieme-Becker XXXII (1938), 160; Vollmer VI (1962), 436; Lovis Corinth, Carl Strathmann, in Kunst und Künstler 1903, SS. 255-263 mit Wiederabdruck in Legenden aus dem Künstlerleben, 1909, SS. 71 ff.; Ders., Meine frühen Jahre, 1954, S. 132.; Heusinger v. Waldegg, Grotesker Jugendstil – Carl Strathmann … Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgraphik / Katalog der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn März/Mai 1976 nebst 4seit. Ausstellungs- + Literaturauswahl (Kunst + Altertum am Rhein 63); Katalog der Ausstellung „München 1869-1958 / Aufbruch zur modernen Kunst“, Mchn., Haus der Kunst, 1958.
Einzelausstellungen
Retrospektiven: 1916/17 Berliner Secession (Sonderausstellung); 1931 Münchner Kunstverein; 1958 Galerie Wolfgang Gurlitt, München; 1976 Rheinisches Landesmuseum Bonn. – 1902 + 1910/11 Galerie Paul Cassirer, Berlin; 1907 Arnolds Kunstsalon, Dresden; 1911 Münchner Kunstverein; 1914 + 1918 Kaiser Wilhelm-Museum Krefeld; 1914/15 Kunstvereine Frankfurt/M., Augsburg, Leipzig; 1921 Leopold Hoesch-Museum Düren; 1924 Glaspalast Wien (Sonderausstellung); 1931 Münchner Kunstverein (Sonderausstellung).
Gruppenausstellungen
1892 + 1894 Galerie Fritz Gurlitt, Berlin; 1893-1922 wiederholt Internationale Kunstausstellung, München; Münchner Jahresausstellung; Münchner Secession; Große Berliner Kunstausstellung; Berliner Secession; 1894/95 Münchner Kunstverein (gemeinsam mit Walter Leistikow); 1895/96 Glaspalast Düsseldorf; 1905 2. Deutsche Künstlerbund-Ausstellung, Berlin; 1907 Deutsche Nationale Kunstausstellung, Düsseldorf; 1958 Haus der Kunst, München (München 1869-1958 / Aufbruch zur modernen Kunst).
SCHÖNE GROSSFORMATIGE + TYPISCHE ARBEIT
als malerisch ausgeführter Detailentwurf

zu „Kraniche des Ibykus“
von 1895 (Katalog Bonn Abbildung 138; Boetticher, Öle, 1; ausgestellt noch gleichen Jahres auf der Münchner Jahresausstellung und der Sonderausstellung der Künstlervereinigung Laetitia in der Kunsthalle Düsseldorf + 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung; 1942 in der Neuen Pinakothek München verbrannt) als neben Salambo (1894/95) – siehe unten – und zusammen mit Der Hl. Franziskus predigt den Tieren gleichen Jahres
„ Hauptwerke des dekorativ-ornamentalen Münchner Jugendstils ,
in denen sich verschiedene Einflüsse des Kunstgewerbes, Symbolismus, Byzantinismus und Akademismus (Stucks Sensationserfolg ‚Die Sünde‘, 1893) mischen “
(Katalog Bonn, 1976, S. 9). – Und Lovis Corinth 1903 :
„ Zu gleicher Zeit mit der Salambo entstand auch
sein liebenswürdigstes Bild :
Ibykus , der Götterfreund .
Es ist nicht unbeeinflußt von den Japanern
(‚Malt in einer … von Japan beeinflußten Manier große Figurenbilder , Landschaften und Stilleben‘, Thieme-Becker). Fliegende vergoldete Kraniche nehmen die obere Hälfte des Bildes ein. Ihnen streckt Ibykus eine Hand grüßend entgegen; um das Haupt hat er einen goldenen Heiligschein, und reiche Kleider umgeben seinen Körper, eine reiche Vegetation von nicht existierenden Pflanzen und Bäumen bedeckt den übrigen Teil des Bildes.
Ich persönlich stehe nicht an,
dieses Bild mit zu den besten Arbeiten unserer Zeit
zu zählen “
(zitiert nach Katalog Bonn, S. 82).

Hier denn Ibykus apart, im Gegensinn nach rechts, die Kraniche nicht stumm grüßend, vielmehr emphatisch bewegt, mit gewaltigem Gesang bei entsprechender Körperkurvung, starkem Aufblick und lorbeerbekränzt. Adäquat hierzu das im Öl ruhig in der Linken gehaltene kompakte Instrument hier schleifengekrönt und blütengirlandenumwunden lang gestreckt, über Bild + Goldeinfassung auf den Montagekarton ausgreifend, in der emporgestreckten Linken. Ob der Heiligenschein des Öls hier als solcher gedacht ist, erscheint zweifelhaft als hier als gewaltige goldene (eher geschehensandeutende Sonnenuntergangs-) Halbscheibe ins Blau des Himmels gesetzt, hinter die Bäume, Kopf/Brust + unteren Leierteil, horizontal begrenzt von der nur spärlich mit Pilzen bestandenen Wiese. Wie denn auch das Gewand noch ohne Schleppe und fast monoton gehalten. Ablenkungsfrei alles konzentriert auf die geradezu hörbare gewaltige Stimme, die bildsprengende Leier, die mächtige Goldscheibe. Gegenüber dem Liebreiz des Öls die von den Gesichtszügen widergespiegelte
vorweggenommene Dramatik des Kommenden ,
die Anrufung der hier nicht gegenwärtigen Kraniche als Kläger: „Von euch, ihr Kraniche dort oben, Wenn keine andere Stimme spricht, Sei meines Mordes Klag erhoben!“ (Schiller). Kurz, sehr schönes Beispiel für den „streng flächenhafte(n) Bildaufbau(s) der 1890er Jahre“, wie denn generell die Arbeiten vor 1900 als die „Hochkunst“ repräsentierend die entscheidenden sind.
Symbolismus + Jugendstil verhaftet, begann Strathmann als Schüler von Crola und Lauenstein in Düsseldorf sowie ab 1886 im moderneren Weimar von dem ihm längere Leine lassenden Kalckreuth, dessen Meisterschüler er 1888/89 ist. Befreundet mit Th. Th. Heine, mit dem er der Künstlergruppe Laetitia angehörte, und Corinth, der ihn porträtierte (Lenbachhaus München). Seit 1891 in München bei Mitgliedschaften in der Allotria und dem Cococello Club sowie ab 1894 in der Freien Vereinigung als Splittergruppe der Münchener Secession,
„ deren Mitglieder … die Kerngruppe des Münchner Jugendstils“ bilden … Gemeinsam ist diesen Malern die akademische Herkunft und die Devise ‚Die Überwindung des Naturalismus‘ “
(Kat. Bonn, S. 26), 1907 schließlich der Berliner Secession. Seit 1895 Mitarbeiter des frischbegründeten Pan, seit 1896 der Jugend sowie der Fliegende Blätter („Strathmanns Beitrag zur Buchillustration des Jugendstils ist nicht sehr umfangreich, aber qualitätvoll“).
„ Wohl kein Zweiter unter den erfolgreichen Malern unserer jüngeren Generation ist schwerer zu klassifizieren als Karl Strathmann. Er paßt in keines von den üblichen Schubfächern der Ästhetik … – er hat von allem etwas und ist dabei noch
eine merkwürdig eigenkräftige geschlossene Persönlichkeit “
(Wilhelm Schäfer 1904 in Hundert Meister der Gegenwart, zitiert nach Katalog Bonn, SS. 16 f.).
Und des „zu Unrecht unterbewertet(en) … Strathmanns eigenständige Position innerhalb der Stilbewegung (des namentlich Münchner Jugendstils) deutlicher als bisher aufzuzeigen“ war denn auch eines der Ziele der werkumfassenden Bonner Ausstellung, die damit zugleich auch Hans H. Hofstätters vorangegangene Auseinandersetzung mit Strathmann vertiefte. Wie denn Brigitte Lohkamp in ihrem Katalogbeitrag Strathmann in der Wertung von Forschung und Kunstkritik auch jene Stimme zitiert, die in Strathmann einen
„ bis in die äußerste Fingerspitze geniale(n) Zeichner und Dekorateur “
sieht (S. 72).
Dessen „grotesker“ Stil nicht zuletzt aber auch jene nachfolgenden Jüngeren packte, deren neue Stilrichtung der deutschen Kunst der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts Weltgeltung verschaffte :
„ Wie viele moderne Künstler, die bei der ’grotesken Illustration’ des Jugendstils (Kurt Bauch) ansetzen, darunter Feininger, Barlach, Nolde, findet auch der junge Paul Klee in seinen phantastisch-satirischen Zeichnungen um 1901 … hier seinen Ansatzpunkt … (Strathmann’s) quasi autonome(s) Spiel mit Formen tendiert in die Richtung der abstrakten Kunst im Sinne des ’Selbstausdrucks der künstlerischen Mittel’ (Juliane Roh) bzw. mündet in die Ausdrucks-’Hieroglyphe’ (E. L. Kirchner) der Expressionisten.
Viele Expressionisten wurzeln in ihrem Schaffen im Jugendstil
… später gelangte Kirchner zu seiner schnittigen Formsprache: dem Expressionismus blieb es vorbehalten, die abstrahierenden Stilmittel des Jugendstils zu radikalisieren “
(Katalog Bonn, SS. 65 ff., zuvorschon, S. 64, an bemalte Postkarten Strathmann’s erinnernd, deren „phantastische Erfindungen mit realistischen Einzelformen … an Max Ernst-Collagen denken lassen“).
Entsprechend denn 2008 die exemplarische Ausstellung des LWL-Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Münster „Freiheit der Linie – Von Obrist und dem Jugendstil zu Marc, Klee und Kirchner“ , präsentierend
„ die allseits bekannte Kunst des ‚Blauen Reiters‘
(insbesondere Kirchner) in einem neuen Zusammenhang. Erstmals werden
die Ursprünge des Expressionismus im Münchner Jugendstil um 1900
aufgezeigt …
Gemeinsames Thema der ausgestellten Kunstwerke ist die Bewegung. In Kunsthandwerk und Architektur , in Bildern und Skulpturen gestaltete der Jugendstil ausdrucksvolle lineare Bewegungen, die bereits durch ihre bloßen Verläufe Empfindungen darstellen …
In der Ausstellung ist (auch) ein Hauptwerk des Münchener Symbolismus zu sehen: das großformatige Gemälde ‚Salambo‘
des exzentrischen Künstlers Carl Strathmann …
von 1895 (dem Jahre, wie schon erwähnt, auch des Ibykus). Es zeigt eine Szene aus dem berühmten Roman ‚Salambo‘ von Gustave Flaubert: den Schlangenzauber … eine Harfe symbolisiert den Klang von Musik … Als das Bild 1895 dem Publikum gezeigt wurde, war es ein Skandal … Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde es schon damals ein Publikumserfolg “
(Claudia Miklis im seinerzeitigen Pressestatement des Museums).
Hinsichtlich des starken Goldelements hiesiger Ibykus-Arbeit sei schließlich an dieses als eines „Symbolwerts vom Symbolismus“, als „ein(es) Mittel(s), das jenseits alles Farbig-Natürlichen steht (und dem Kunstwerk) ‚sakrale Weihe‘ verleiht“ erinnert, mit welcher Umschreibung Hofstätter Oswald Spengler aufgreift, um im übrigen in diesem inhaltlich zu wertenden ganzen Allegorismus ein
„bewunderungswürdige(s) Raffinement“
zu erkennen, ein „vollendete(s) Eindringen des Kunstgewerblichen in die Malerei“.
Unter den 128 Strathmann-Exponaten der 1976er Bonner Ausstellung
keines mit erkennbarem Ibykus-Bezug ,
woraus anstehender exemplarischer Vorarbeit infolge des 1942er Untergangs des Öls
neben dem künstlerischen ein zugleich exceptioneller Belegwert
zuwächst.

Die kursive Schreibweise der Signatur korrespondierend mit der von Mohammed auf der Flucht in München (Nr. 49 des Bonner Katalogs nebst Abb. 147; um 1900), deren Unterstrich hier bereits vom ersten kleinen t-Strich ausgeht. Ähnlich, wenn nicht gleich, auch die des verschollenen Ersten Kusses (Abb. 49 des Katalogs; um 1892/93), wie denn auch die des verbrannten 1895er Ibykus-Öls in ihrer gleichfalls Groß-Klein-Schreibung vom regelmäßigeren Usus in Versalien-Druckbuchstaben abweicht.
Denkbar frisch in der Erhaltung, dürfte der Bronzeton des Goldes gleichwohl altersbedingt sein. Der Montagekarton mit seinen verschiedenfältigen Federeinfassungen + Kompositionsabschlüssen mit einigen schwachen kleinen Schmutzstellen und vereinzelten Stockstippen im linken Unterfeld. Einherkommend im übrigen mit wenigstens
50jähriger Marktferne in der Lade eines Connaisseurs .
Angebots-Nr. 14.751 / Preis auf Anfrage
„ Hartelijk dank voor de zorgvulige wijze … Voor mij bent u de Mercedes onder de prentenhandelaren! “
(Mijnheer P. E., 24. Januar 2008)

