Jemandem „den Stein schneiden“ –
ein Leckerbissen niederländischer Emblematik
Leyden, Lucas Hugensz. van (1494 Leiden 1533) Der Stein-Schneider. Quacksalbernder Chirurg, einem „geistesschwachen“ Biedermann Steine hinter dem linken Ohre entfernend, die die Gehirntätigkeit des Patienten, dessen Rechte beziehungsreich auf einem Quader ruht, indes die Linke zu Vorsicht mahnt, beeinträchtigen. Mit der Rechten das Ohr haltend, führt die Linke des Meisters das Skalpell. Links eine Schale mit schon entfernten zwei größeren und einem winzigen. Kupferstich. 1524. Vergrößerte Kopie im Gegensinn in Kupferstich von oder bei Jan Claas Visscher (ca. 1550 Amsterdam 1612). Monogrammiert: ICV (ligiert) excud. 26,4 x 16,6 cm.
Bartsch, Nagler, Hollstein 156, jeweils Leyden und als Chirurg, Wundarzt; Widmann + Mörgeli, Bader und Wundarzt, 1998, Abb. S. 85 nach gleichfalls Leyden, irrtümlich als das Nackenhaar rasierender „Dorfscherer“. – Vgl. Laurens J. Bol, Adriaen van de Venne, 1989, S. 103 + Farbabb. 85 „The Stone-cutter / De Kei-snijder“. – Hiesiges Monogramm entsprechend dem von Wurzbach II, 800 erstwiedergegebenen; vgl. auch Nagler, Monogr., III, 2155 + V, 1063, auch das an das hiesige angelehnte des Cornelis Visscher Nagler V, 1079.
Wz. Krug mit Krone. – Rundum-Rändchen von 3-5 mm. – Links alt aufmontiert. – Rechts außen nicht ins Auge fallender kleiner Ausriß retuschierend hinterlegt. Hier auch bildseits kaum wahrnehmbares geglättetes feines Mittelfältchen.
Mit holländischem Fünfzeiler, mittels derer der Meister sich seiner speziellen Kunst rühmt :
„ Also inden nargonsche const niemant is myns gelycke. / Hebbe daerom vanden key te snyden … Oock vanden hooft weruel te finden soe goeden praetyke. / Als ick en quamer noyt experter meester int lant. “
„ The symbolically intended depiction of the ‚cutting of the rock‘ is based upon the fictitious claim of the surgeon who professes to be able to cure gullible folk of their feeblemindedness by the surgical removal of a stone from the head which is hampering the working of the patient’s brain. By lending himself for the pretended operation, the simpleton demonstrates his softheaded foolishness in two-fold manner. The theme is
a traditional subject found in Netherlandish painting
from Hieronymus Bosch (um 1450-1516) to Jan Steen (um 1626-1679) … “
(Bol).
Während bei Leyden/Visscher Arzt + Patient sich in einem Innenambiente befinden, findet die Operation etwa bei van de Venne’s 1630er Öl unter dem freien Himmel einer möglichen Kirmes statt. Die Szenerie ist umgeben von einer an gleichem Symptom leidenden Menge. Das dortige Bodenschild „Niemant“ „is enigmatic to us in the 1980s“ (Bol mit fundiertem Gedankengang zur Auflösung). Daß hiesiger Untertext ein, wenngleich unverfängliches, „niemant“ enthält, sei wiederholt.
„ eines der besten Blätter “ van Leydens
(Nagler), in dessen 1524er Original indes nur 11,7 x 7,4 cm messend wie auch der 1523er Zahnbrecher als Pendant, und innerhalb der Leyden-Passagen bedeutender Sammlungen immer wieder fehlend. Aber doch vorkommend! Indessen blieb
der hier anstehende , fast noch zeitgenössische Nachstich
unbekannt den obigen Leyden’schen Verzeichnissen !
Deren Autoren sich dem Sinngehalt des Blattes gegenüber im übrigen nicht minder biedermännisch erweisen als das zu heilende platte Volk. Immerhin, Quacksalber hin oder her, Leyden’s besonders reizvoller Stich ist auch
einer der frühen der Chirurgie .
Optisch adäquat zur Geltung gebracht gleichwohl erst mit
Visscher’s 400 Jahre altem , 26,4 x 16,6 cm (!) großem Nachstich !
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