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lüder h. niemeyer

- seit 1959 -

 

Und  in  seiner  Dynamik  des  Vorwärtsschreitens

Giorgio Ghisi, Orion trägt Artemis/Diana

der  Erlebniserwartung ,

kurz , der  Selbstgewißheit  der  Antike , ganz  in  thematischem  Gegensatz  zu  Hubertus  als  dem  an  seinem  Tun  zweifelnden  Christenmenschen :

Das  formatgleiche  Gegenstück

zur  Dürer’schen  Patronats-Graphik

Ghisi, Giorgio, genannt Mantuano (1520 Mantua 1582). Die Allegorie der Jagd oder Der Jäger Orion trägt die Schutzgöttin Diana. Umgeben von edler Meute, den Sauspieß in der Rechten, im Gürtel das Schwert mit Greifkopf-Knauf, dickes Netzwerk über der Linken, betritt er in löwenkopfverziertem Schuhwerk, lorbeerbekränzt, den Wald. Auf seinen Schultern Diana, den Bogen auf dem Knie haltend, den Köcher auf dem Rücken. Hinter beiden, noch im freien Feld, der Zug der Nymphen, gleichfalls mit Hunden, Saufedern und Bogen. Im von bedeutungsschwangerem Solitärbaum eingeleiteten zunehmend weiteren Hintergrund blockt ein Greif, jagen zwei Hunde den Hirsch, werden Netze gespannt, pulsiert dörfliches Leben. Kupferstich nach Luca Penni, genannt Romanus (um 1500 – Paris nach 21. 9. 1556). 1556. Bezeichnet: LVCA PENNIS .R. INVEN. GEORGIVS GHISI MNT. FA (ligiert) .M.DLVI. / Romæ Claudij Duchetti formis , ansonsten wie unten. 36,2 x 25,3 cm.

Lewis-Lewis 22, III (von IV, recte V, da in Unkenntnis des Orlandi-Zustands); Bartsch 43; Nagler V, 139 + XI, 81; Allgemeines Künstlerlexikon LIII, SS. 83 ff. – Nicht bei Schwerdt, der III, 68 nur das Pendant „Venus mit dem von der Jagd heimkehrenden Adonis“ verzeichnet. – Unterrand-Vierzeiler: IN SYLVIS HABITANS AB AMORIS CARCERE LIBER … . – Wz.: Adler in bekröntem Kreis (Briquet 207 [Rom 1573-1576]; L.-L. 13 [um 1580]).

Mit der Adresse Duchetti’s (Claude Duchet aus Orgelet/Jura, nachweisbar seit 1544, verst. Rom 19. 12. 1585; Neffe und Teilnachfolger des bereits für Ghisi arbeitenden legendären Druckers und Verlegers Antonio Lafreri [Antoine Lafréry, Orgelet 1512 – Rom 1577]), vor jenen von Giovanni Orlandi (um 1590-1640) als L.-L. unbekannt geblieben + Giovanni Giacomo De Rossi (auch Rubeis, Rosso; nach 1640).

Das  bildreiche , herrliche  Patronats-Sujet

des  vorchristlichen  Jägers ,

des  Sohnes  Poseidon’s ,

in leicht grauem Druck, wie auch anderwärts für diesen Zustand belegt, von denkbar bestem Zustand. Nur rückseits sichtbarer stippenhafter Anflug von Stockigkeit und Andeutung einer völlig geglätteten Querfalte. Ansonsten gänzlich unversehrt und mit gleichmäßig umlaufendem Rändchen von 4-5 mm.

Orion  +  Diana  (Artemis)  –  die  beiden  Großen  der  Jagd

der griechischen Mythologie bei unterschiedlicher Deutung des Herkommens Orion’s. Geläufig die des Sohnes Poseidons, nach anderer Sage ein erdgeborener Böotier, der über das Meer nach Chios wandert, wo er in Gefolge eines amourösen Abenteuers geblendet wird, doch von Eos das Augenlicht zurückerhält, bis ihn in späterer Dichtung schließlich Zeus samt seinem Hunde Sirius unter die Sterne versetzt, „von wo aus er noch heute

den  Fahrensleuten  ihren  Weg  weist .

„ Dazwischen lag ein Leben mit manch stürmischen Ereignissen (wie denn auch sein Erscheinen und Niedergehen für stürmische Zeit gut ist), die die Götterwelt beschäftigten, aber dieses starke männliche Leben nicht zu brechen vermochten. “

Um selbst jüngst noch musikalisch von „Caskens farbig-splittrige(m) Orchesterstück“ neu erzählt zu werden als dem

„ antiken Mythos von Poseidons Sohn Orion, dem Jäger (erster Teil), den Helios von seiner Blindheit heilt (‚Sea Voyage Towards the Sun‘), den ein Skorpion totsticht (scherzoartiger dritter Teil) und der schließlich ins Sternbild des Skorpions entrückt wird (ruhiges Finale in ständigem Perspektivenwechsel der Farben im vielfach aufgefächerten Orchestersatz) .“

„ Von  allen  Winterbildern  ist  der  Orion ,

der  große  Himmelsjäger ,

zweifellos  das  markanteste .“

(FAZ 4. 4. 1992 + 31. 12. 2004), das gleichwohl „ursprünglich nach Nimrod benannt“ war, dem Begründer des babylon., Reichs und „nach Josephus identisch mit dem Erbauer des babylonischen Turms“ (Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., XII, 189), nach Moses I, 10/9 „ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn“.

Hier denn nun in seinem Zenit als „ein schöner und gewaltiger Riese und Jäger“ mit der Tochter des Zeus, von dem diese sich

„ Pfeil und Bogen und alle Berge (erbat), um auf denselben zu jagen … Ihr eigentliches Gebiet ist die freie Natur mit ihren Bergen und Thälern, Wäldern, Wiesen, Quellen und Flüssen; dort treibt sie mit den Nymphen … bald als rüstige Jägerin ihr Wesen … Als ihr beliebtes Revier galt das berg- und waldreiche Arkadien, wo sie an vielen Stellen … geweihte Jagdbezirke und heilige Tiere hatte. Denn als Wald- und Jagdgöttin sind ihr … alles Wild lieb und geweiht … Als Göttin der Jagd feierte man ihr alljährlich im Frühling das Fest der Elaphebolien … 

(Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., I, 879 f.).

Dies  alles  spiegelt Luca Penni’s Sujet vollkommen wider. Der Rafael-Schule zugehörend und seit ca. 1530 in Fontainebleau tätig, wo er von 1537-1550 in den kgl. Rechnungsbüchern aufscheint. Dort auch machte Ghisi 1555/56 auf der Rückreise von Antwerpen Station und war solchermaßen „möglicherweise persönl. mit ihm bekannt“ (AKL). Überliefert ist er indes „fast nur durch Kupferstiche  nach  seinen Zeichnungen“ (Nagler, Monogr., IV, 1381), die damit „für Verbreitung des Stiles d. Raffaelschule“ (Thieme-Becker) sorgten. Hiesiges

„ schön  gezeichnetes  Blatt “

ist eines der Hauptwerke Ghisis, entstanden in zumindest zeitlich/lokaler Tuchfühlung mit Penni, also ein Jahrzehnt später, nachdem die Mittvierziger zu „zunehmnde(r) technische(r) Reife“ geführt hatten. Vor allem aber nach den geradezu zäsurartigen Antwerpener Jahren (1550/55) als

„ entscheidend sowohl für die Entwicklung eines persönl. Stils als auch die Verfeinerung seines techn. Könnens. Er bildete damit eine Ausnahmeerscheinung zu einer Zeit, als umgekehrt der Aufenthalt von nordalpinen Künstlern in Italien v. a. in Rom die Regel war (Bellini 1998).

Durch den Kontakt mit dem fläm. Umfeld entwickelt G. eine Vorliebe für L(andschafts)-Ansichten … was sich in einer zunehmenden Bereicherung seiner Komp(ositionen) durch weite und lichte Hintergründe – wie denn auch hier rechtsseits bis hin zum niederländischen Vorbildern verpflichteten Dorfensemble – zeigt, die durch nordalpine Vorbilder, Zeichn(ungen) und Drucke, inspiriert sind. Die L(anschafts)-Darst(ellung) erhält in G.s Werk nach und nach eine stärkere Autonomie (Salsi, 1991) ”

(AKL LIII [2007], 84).

Obigem 1555/56er Frankreich-Aufenthalt folgte „mit Sicherheit“ ein weiterer zwischen 1558 + 1559 und „Im Dez. 1562 ist G. noch in Paris dok(umentiert). (Brief an den [Gonzaga-]Herzog von Mantua; Bellini, 1998)“, für dessen Familie er ab 1576 offiziell tätig wird. Er gilt als

„ qualitätvollster  der  Mantuaner  Stecher “

(Albertina, Kunst der Graphik, III, 1966), „knüpft an die Technik Marcantons an und sucht ihr durch besondere Sorgfalt der Arbeit, durch größere Weichheit und Rundung der Linien … starke Plastik und farbigen, metallischen Glanz zu verschaffen“ (Kristeller 1920 in Thieme-Becker XIII, 563 f.). Sein anstehendes Blatt ist in zeitgenössischen Abdrucken einschließlich hiesigen Duchetti-Zustandes

außerordentlich  selten

und in derart perfekter Erhaltung bis hin zum noch gleichmäßig umlaufend schönen Papierrand wie hier vorliegend allenfalls schwerlichst auffindbar.

Sind Exemplare der Vorzustände I+II für die letzten Jahrzehnte hier am Markt nicht nachweisbar, so fehlte das Blatt generell innerhalb der Ghisi-Passagen Weigel (1838/57) und Davidsohn (1920/21; dort nur die Avibus-Kopie wie nachfolgend, doch ohne diese offen bei Namen zu nennen) ebenso wie anderen namhaften Altmeister-Sammlungen. Doch selbst kompetenterseits wird die ihrerseits gleichfalls seltene, spiegelverkehrte (sprich Sauspieß in der Linken!) 1563er Kopie des Caspar Avibus (Gaspare Oselli ab Avibus, Cittadella ca. 1536 – nachweisbar zuletzt 1580) als zudem auch noch von Luca Penni gestochen (!, so DJM, Kat.-Nr. 5976/Seite 222 nebst Abb. Seite 166) als das Original genommen! Deren kurzfristige Abfolge zu Ghisi zudem die sehr interessante marktwirtschaftliche Folgerung nahelegt, daß Angebot und Nachfrage in Ungleichgewicht zueinander standen. Und in der Tat ist

Ghisi’s  Orion

weit  seltener  als  Dürer’s  Hubertus ,

dem er preislich gleichwohl mit dem zwangsläufigen Abstand der unbekannteren Marke zu der des Marktführers folgt. Somit alles in allem

das  die  Jagd  preisende  formatgleiche  Gegenstück

zu  des  letzteren  christlichem  Jäger

und  ein  seltenes  Hauptblatt  der  Altmeister-Graphik  dazu .

Angebots-Nr. 15.222  /  Preis auf Anfrage

 


 

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(Sign. L. B., October 18, 2007)