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„ Die  vermutlich  erste  Darstellung

des  Poros-Themas  in  der  Kunstgeschichte “

( Donald Posner , Charles LeBrun’s Triumphs of Alexander , 1959 )

Le Brun, Charles (1619 Paris 1690). Poros blessé amené devant Alexandre. Der in gewaltiger Reiterschlacht am Hydaspes (Dschelam/Jhelam) im indischen Pandschab im Mai 326 v. Chr. verwundete Poros wird in reichem landschaftlichen Umfeld vor Alexander getragen. Kupferstich und Radierung von 4 Platten von Girard Audran (Lyon 1640 – Paris 1703). Bezeichnet unten rechts im Bild: Ger. Audran sculp. 1678. Und im weißen Unterrand in frz.-lat. Paralleltext, wie auch der weitere Bildtext: Graué par Gir. Audran, sur le tableau de Mr. le Brun premier Peintre du Roy … . 70,5 x 158,4 cm.

AKL V (1992), 602; Thieme-Becker II (1908), 239 f.; Nagler I (1835), 189 ff. – Wortmarken- und kleines figürl. Wz.

Provenienz

Königliche Bibliothek Berlin 

deren Rundstempel „Ex / Biblioth. Regia / Berolinensi“ in Rot-Braun (nicht bei Lugt) verso.
(„ ‚Ex Bibliotheca Regia Berolinensi‘ ist also kein Markenzeichen unseres Hauses, sondern der alte Stempel der Königlichen Bibliothek “; Schreiben der Staatlichen Museen Berlin PK – Kupferstichkabinett – auf Rückfrage zu diesem Blatte vom 17. 12. 1998.)

Girard Audran, Poros blessé amené devant Alexandre

Schlußakkord von Lebrun’s für den Sonnenkönig geschaffenem „gigantischen“ (AKL) 5teiligen Bilderzyklus der „Triomphes d’Alexandre“ im königlichen Kabinett, der ihn „auf den Gipfel des Ruhmes“ erhob und den von Audran (4 Teile) stechen zu lassen er sich der Unterstützung Colbert’s versicherte. Wobei Audran „selbst nicht wenig zum Ruhme Le Brun’s beigetragen (hat), denn Audran verbesserte oft die Unrichtigkeiten der Zeichnung des Originals“ (Nagler II, 164 zu le Brun).

„ Es sind unbestritten A.s Hauptwerke (seit 1670 auf 14 Platten, vollendet  1672, 1674, 1675 + 1678). Die Exaktheit der Zeichnung, der Reichtum der  Töne , erzielt durch eine neue, subtile Mischtechnik von Radierung und  Stich, sowie die außerordentliche Größe der Arbeiten, machen sie zu

Monumenten  der  Geschichte  der  Druckgraphik .

Sie brachten ihm berechtigten Ruhm und mehr als 12000 livres ein … “

(AKL).

„ Gérard ist das berühmteste Glied dieser Kupferstecher-Familie ,

vielleicht  einer  der  größten  aller  Stecher,

die Gemälde reproduziert haben. – Vor seiner Abreise nach Rom 1666 sind  wenige Werke Gérards erwähnenswert (konträr hierzu siehe unten) … die(se) Arbeit(en sind) breit, aber noch weit entfernt von der

malerischen  und  grandiosen  Wirkung  der  ‚Batailles  d’Alexandre‘ …

Man  kann  sich  kaum  schönere  Kupferstiche  vorstellen  (als  letztere).

Nicht allein die Zeichnung des Malers ist genau wiedergegeben, sondern auch

die  Wirkungen  sind  wunderbar  genau  hervorgebracht.

Die Arbeiten sind je nach dem wiederzugebenden Sujet verschiedenartig  ausgeführt. Das Scheidewasser und der Grabstichel werden gleichzeitig  angewendet …

Der  Künstler  war  ein  Meister  der  malerischen  Wirkung;

sein breiter Stil eignete sich vorzüglich für die großen Kompositionen … Ein (anderes) Stück ist hier besonders anzuführen, weil man daran  klar erkennt, daß

die  gesamte  Kupferstecherkunst  im  18.  Jahrh.

von  A.  sich  ableitet “

(Thieme-Becker).

Entsprechend Fürstenberg, Das französische Buch, SS. 133 f.:

„ Dieser von Colbert nach Paris berufene große Meister des Kupferstichs  kann als

der  Vater der  französischen  Schule  des  18.  Jahrhunderts

angesehen werden. Er hat nicht nur die technischen und künstlerischen  Grundlagen geschaffen, sondern auch die spätere Verlags- und Handels tätigkeit geht auf ihn zurück. “

Das „wenig erwähnenswert“ Thieme-Beckers für die ab 1660 datierten Arbeiten dieses ersten Jahrzehnts korrigiert für verschiedene die gegenwärtige Forschung (AKL) mit einem „frühe Hauptwerke … Dank de(ren) Erfolges konnte er anschließend nach Italien reisen“. Wäre dem anders, hätte ihn der bereits per 1662er Nobilitierung und Berufung zum 1. Hofmaler zum „unumschränkte(n) Herrscher im Gebiete der schönen Künste“ (Nagler) aufgestiegene le Brun nicht partout zum Stecher der „Triomphes“ gewünscht und sich hierzu auch noch der Unterstützung Colbert’s als des mächtigsten Mannes der Verwaltung zu bedienen brauchen, wo doch nach Nagler „alle Talente (schon von sich aus) ihm huldigen oder seine Macht empfinden“ mußten.

Der Zyklus setzt sich wie folgt zusammen :

Die Passage des Granicos – Die Familie des Dareios vor Alexander – Die Schlacht von Gaugamela/Arbela – Alexander’s Einzug in Babylon – Alexander und Poros .

Girard Audran, Poros blessé amené devant Alexandre (Detail)

Auf letzterem hiesigen bestimmt die großfigurige Titelfiguration das Geschehen des Vordergrunds, dem sich Zeltlager wie Schlachtfeld anschließen. Letzteres dominiert von den gefallenen und verwundeten Kampfelefanten des Poros, doch auch von den Kampfwagen Alexanders und dessen bis tief in den Hintergrund gestaffelten Reiterei. Während Höhenzüge und Flußhänge – auf diesem selbst mehrere Boote – namentlich den Hintergrund bilden und malerisch zu großer Landschaft auflaufen. Dies alles mit dem ganzen Kontrastreichtum eines herrlichen Abdrucks. Für die Erstdrucke nennen Nagler die Adresse von Goydon (Wille: Goyton) und Boerner CIX, 35 im linken Untertext „Pintre du Roy“ statt „Peintre …“. Hiesiger ohne jede Adresse, auch ohne ein Bemerken einer entfernten und korrekt mit „Peintre“.

Dem Zyklus thematisch zugehörig Gerard Edelinck’s 2-Platten-Stich des Zelts des Darios. Allen gemeinsam eine seit altersher große Seltenheit, die mit der von Nagler (1835) spezifizierten pekuniären Bewertung einhergeht. Doch bereits 1762 (!) gedenkt Christian Ludwig Hagedorn in seinen „Betrachtungen über die Mahlerey“ (S. 597) unter Einschluß des Edelinck-Blattes dieser

„ Meisterstücke  des  Grabstichels “ ,

die sich

„ in  jeglichen  Abdrücken  äußerst  selten “

gemacht haben. Und Joh. Gg. Wille in Paris in Briefen an Joh. Martin Usteri vom 28. 12. 1762 + 24. 7. 1763 :

„ Die großen Schlachten des Alexanders … sind immer theur; wann die Abdrücke … herrlich sind … Jezo aber habe ich das vergnügen Ihnen zu melden,

daß  ich  endlich  so  glücklich  gewesen  bin

die  großen  Schlachten  des  Alexanders … aufgetrieben  habe “

(Wille, Briefwechsel, 1999, SS. 283 + 303).

Die Thematik des Geschehens zu Recht der künstlerischen Grandeur unterordnend, führt Hagedorn fortführend aus :

„ Gleichwohl sehe ich nicht ab, ob man das Gewühl erhitzter Pferde unter der Wuth der kämpfenden Krieger und der Niederlage der Besiegten, oder die Natur, die in einem Treffen oder Scharmützel in voller Bewegung erscheinet, einen Sturm, eine Feuersbrunst schlechterdings mit Saint=Real oder le Blanc für anstössig erklären, und die Mannichfaltigkeit der Gegenstände zu sehr einschränken sollte. Vermutlich so anstössig, als die Vorstellung eines Tänzers, der in der lebhaftesten Wendung unbeweglich auf einem Bein stehen bleibt? Nein. “

Solche „volle Bewegung“ des Kampfes ist auf anstehendem Poros-Blatt überdies schon von der geistigen Ruhe der Danach-Strategie überlagert. Gewiß sprengen im Hintergrund noch Reiter, jagen Kampfwagen. Doch die Hauptbeschäftigung betrifft im Mittelgrund bereits das Abwracken der Dickhäuter. Und die Großszenerie ganz vorn gilt schon dem morgen:

„ Poros … hatte sich mit einem großen Heer am jenseitigen Ufer des Hydaspes gelagert, ward aber im Mai 326 nach hartem Kampf trotz seiner Kriegselefanten besiegt und von Alexanders Reitern auf der Flucht eingeholt. Voll Bewunderung für den tapferen greisen Gegner bestätigte der Sieger ihn nicht nur in seiner Herrschaft, sondern erweiterte sogar sein Gebiet und gewann sich dadurch einen zweiten treuen Bundesgenossen. Dreißig Tage verweilte A. noch am Hydaspes unter Opfern und Spielen, gründete …Bukephala (in oder bei dem heutigen Dschalalpur am rechten Flußufer zu suchen) … und Nikäa … “

(Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., Bde. I [1889], 319 + III [1888], 612).

Die  letzte  vorwärtsgerichtete  Großschlacht ,

nach Arbela die zweite der der Eroberung Asiens gewidmeten beiden , als

„ die  vermutlich  erste  Darstellung

des  Poros-Themas  in  der  Kunstgeschichte “

( Donald Posner, a. a. O., in The Art Bulletin XLI, no. 3, 237 ff. )

wie denn seinerseits Ridinger mit seiner nicht im Stich veröffentlichten 1723er zeichnerischen Momentaufnahme vom Herbst 326 am Hyphasis vermutlich die kunstgeschichtlich erste Darstellung der welthistorischen Umkehrentscheidung geliefert hat.

Bukephala in Gedenken an den in der Schlacht gebliebenen Bukephalos als dem Lieblingspferd von Jugend an. Dessen Verlust als ein Zeichen der Abwendung der Götter mit eine Rolle spielte, als der König im Herbst gleichen Jahres am Hyphalis angesichts auch ungünstiger Rauchzeichen und vor allem eines meuternden Heeres umzukehren beschloß. Ein Momentum mit dem ein Weltreich seinen Zenit überschritt. Worin ein knappes halbes Jahrhundert nach Lebrun/Audran der 25jährige Ridinger den unerhörten zivilisatorischen Moment schlechthin erblickte und ihm eine erst in den letzten Jahren aufgetauchte und nun erstmals beschriebene und auch thematisch zugeordnete großformatige Schlüssel-Zeichnung widmete.

Erhaltungszustand

Umlaufend weißer Papierrand von oben 0,5-1 cm, unten 2-3, links 4-4,8 + rechts 4,5-5,5 cm. – Nach vermutlich schon früherer Vorsorge Anfang der 80er Jahre seitens des Landschaftsverbandes Rheinland papierrestauriert zwecks Versorgung einiger Bildrisse und Fehlstellen vorwiegend innerhalb der Seitenplatten. Die Ausfälle wie folgt: links vier kleine, nämlich einer mit 1,5 x 2 cm in den oberen Bildrand hineinreichend, einer von 1,3 x 1,8 cm in der Mitte und zwei 1,5-2,5 x 1-2 cm messende in der Unterpartie, dazu unten ein größerer, der mit 5 x 6 cm weißes Textfeld betrifft; rechts führt zwischen Naht- und einer Faltspur ein 3 cm schmaler Streifen durchs weiße Platten- noch 10 cm ins Bildfeld. Diese ausschließlich unwesentliche Bildpartien betreffenden Ausfälle ließen sich von geschickter Hand leicht nachzeichnend ausfüllen. Die Zusammensetzung der vier Teile trotz der etwas höheren beiden Außenplatten praktisch nahtlos. Und somit

das wandfüllende Panorama

eines  welthistorischen  Ereignisses

und  eines  künstlerischen  Monumentes  dazu .

Im übrigen nicht zu verwechseln mit den kleinformatigeren Arbeiten des Neffen Jean Audran (1667-1756), wozu Thieme-Becker II, 240 anmerken: „Die Gemälde, welche sein Onkel Girard in großen Dimensionen im Stich reproduzierte, führte Jean A. … im kleinen aus; z. B. les Batailles d’Alexandre, von Lebrun.“

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(Mr. M. P., December 8, 2008)