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Anstehende  sepiagetuschte  Version

in  Dresden  als  nur  mutmaßlich  bekannt ?

Ruisdael, Jacob van (Haarlem 1628/29 – Amsterdam 1682). Die Hirschjagd. Lichte Waldlandschaft mit ausgedehntem Sumpf, durch den im Vordergrund die Parforcejagd geht. Tier- und Figurenstaffage von Adriaen van de Velde (1636 Amsterdam 1672). Sepiagetuschte Umrißradierung von Adrian Zingg (St. Gallen 1734 – Leipzig 1816). Blattgröße 43,3 x 57,5 cm.

Kuhlmann-Hodick u. a. (Hrsg.), Adrian Zingg, Wegbereiter der Romantik (2012), 3 (partiell grau laviert, vor der Schrift; Blattgröße 46,7 x 64,9 cm) nebst Abbildung; Nagler, Zingg (1852), 4, II (von II; I vor der Schrift) und, Ruysdael, XIV, Seite 101.

Slive, Jacob van Ruisdael, 1982, per 37 bzw. Jacob van Ruisdael, Master of Landscape, 2005, per 38, beide Male unverändert  irrig  als  spiegelbildlich , obgleich 2005 ausdrücklich als Rezeptionsarbeit für die Dresdener Akademie bezeichnend, also nicht mit der von ihm gleichfalls erwähnten seitenverkehrten Radierung des Zingg-Schülers Christian August Günther für das Dresdener Galeriewerk verwechselnd. So mag sich seine Angabe auf jene kleinformatige (24 x 28,5 cm) seitenverkehrte Radierung beziehen, die in Braunschweig mit Adrian Zingg als Stecher geführt wird (Inv.-Nr. AZingg V 2.6176). Sofern er nicht einfach von der, wie die Regel, tatsächlichen Spiegelbildlichkeit der zweiten Rezeptionsarbeit Zingg’s, der Abendlandschaft mit Reisenden nach Jan Both (K.-H. 4), auf die Ruisdael-Hirschjagd schloß.

Von Zingg’s anstehender Rezeptionsarbeit wäre somit Slive nicht einmal auch nur eine Abbildung zu Gesicht gekommen. Deren ausdrücklich festzuhaltende

Bildgleichheit  mit  dem  Original  überdies  ein  Glücksfall

innerhalb der durchweg seitenverkehrten Reproduktionsgraphik. Und das denn auch noch im Falle von Ruisdael’s unendlich berühmter Dresdner Jagd, von Wurzbach (1906/11) den „bedeutendsten und schönsten (seiner Bilder), die existieren“ zugerechnet und als erstes der dortigen zwölf genannt. Wie er ihn denn praktisch unisono mit Vorgängern und Nachfolgern als

„ unbestritten  der  bedeutendste  Landschaftsmaler ,

den  die  Kunstgeschichte  kennt “

klassifiziert. Und speziell zu den Waldmotiven denkt er  an  die  Umgebung  von  Cleve , die er durchwandert haben mag.

Und Slive (1982) SS. 70 f. gedenkt Goethe’s mit den Worten

„ (Im von ihm während seines 1790er Besuchs der Dresdner Galerie annotierten Katalog von 1771 machte er keine Anmerkungen zum Dresdner ‚Friedhof‘ … Indessen machte er solche zu sechs anderen Ruisdaels der Sammlung.

Das  eine , welches  den  stärksten  Eindruck  machte

war  des  Künstlers  ‚Hirschjagd‘

‚Vortrefflich  und  das  beste  von  diesem  Meister  allhier‘ …

(doch) blieb das Bild unerwähnt in seinem sechzehn Jahre später veröffentlichten Essay ‚Ruisdael als Dichter‘. Der Wechsel in Goethe’s Geschmack für Ruisdael’s Werk kann uns hier nicht beschäftigen, aber erwähnenswert, daß seine tiefe Bewunderung für den Künstler eine lebenslängliche war und er Arbeiten von und nach dem Künstler sammelte). “

Die rechte Baumgruppe hiesiger Hirschjagd übrigens angeführt von werkvertrautem toten hohen Baumstumpf, an dem denn auch einer der Jagdburschen den Hirsch erwartet, den diesseitigen Hunden mit ausgestrecktem Arm und Finger ihr Ziel weisend. Entsprechend Nagler, Ruysdael, XIV, S. 93:

„ … und selbst in seinen heiteren Landschaften (wie hiesiger) erinnert eine Ruine oder ein morscher Baumstamm an die Vergänglichkeit des Irdischen. “

Für das Toter Baum/Jäger-Motiv in Verbindung mit einer durch ein Wasser gehenden Hirschjagd siehe auch Ridinger’s Th. 10 aus der Folge der Hetzjagden, wobei dieser Roelant Savery’s (1576-1639) zeichnerische Tiroler Boslandschap met Jagers aus 1609 zitierend weiterentwickelt. Siehe Katalog der 1968/69er Wanderausstellung Landschaptekeningen van Hollandse Meesters uit de XVIIe Eeuw … in het Institut Néerlandais te Parijs Nr. 138 + Tafel 1, noch gleichen Jahres in Kupfer umgesetzt von Ägidius Sadeler (Three Hunters and two Dogs near a Pool, Hollstein XXI, 225). Nicht minder heranziehbar des älteren Frans de Momper’s (1603-1660) malerische Hirschjagd im Walde (Beck, Künstler um Jan van Goyen, 1991, Nr. 823 nebst Abbildung.

Nicht übersehen aber auch, wenngleich ohne Vanitas-Baum, Rubens’ (1577-1640) Waldinneres mit Jäger und den hetzenden Hunden, gestochen von Schelte Adamsz. Bolswert (1586-1659). Siehe Buijs (Hrsg.), Un Cabinet Particulier – Les estampes de la Collection Frits Lugt (Fondation Custodia), 2010, Nr. 70 nebst Abb.

Zingg nun seinerseits verdankte seine Entwicklung im namentlich auch koloristischen Landschaftsfach Aberli in Bern, der ihn an Wille in Paris vermittelte, bei dem er sieben Jahre blieb und nun auch das Stechen nach Gemälden erlernte. 1766 ließ ihn Christian Ludwig von Hagedorn, dem Ridinger’s einzige eigene gestochene Dedication per der Vier Tageszeiten der Hirsche galt, als Professor für Kupferstichkunst nach Dresden berufen, dem er zeitlebens treu blieb. Wo er aber entgegen dortiger Anstellungserwartung mit den Arbeiten nach Ruisdael + Both „die einzigen großformatigen Kupferstiche nach fremden Vorlagen … schuf … (und sich vielmehr) nun selbst der Landschaft (zuwandte), die er vor der Natur zeichnete und in seiner Werkstatt reproduzierte“, so Anke Fröhlich in obigem K.-H., Seite 101.

Jacob van Ruisdael, Die Hirschjagd (Dresden)

Seine anstehende Ruisdael-Wiedergabe in der Literatur diejenige welche. Dabei der Morast gegenüber dem Original im Vordergrund ausgeweitet. Bei wundervoller Bildtiefe ist

die  originale  Ausmalung

in  ihrem  hellen  Braun  von  großem  Charme .

„ Er bildete hier viele Schüler, die meistens für seine eigenen geschäftlichen Zwecke helfen mußten, und etablirte einen schwungvollen Handel mit getuschten Sepiazeichnungen und Umrißradierungen “

(ADB XLV, 323) als „einer neuen, eigenen Art der Reproduktionsgraphik, die den

Eindruck  einer  originalen  Zeichnung

erweckte“ (Claudia Schnitzer in K.-H., Seite 37). Dazu ins Detail gehend Sabine Weisheit-Possél ebda. SS. 67 ff.:

„ Es sind vor allem drei Dinge, die beim Betrachten der Zinggschen Werke irritieren. Zum einen ist es die Tatsache, dass von den meisten großen Kompositionen zum Teil mehrere Varianten oder Bildwiederholungen existieren. Zum anderen macht die Bestimmung der Technik Probleme, da

Zeichnung  und  Druckgraphik

oft  mit  bloßem  Auge  schwer  zu  unterscheiden  sind …

Eine Verwechslung der Technik ist (Anmerkung: wie auch bei den gouachierten Bleuler-Blättern) keine Seltenheit … In den allermeisten graphischen Sammlungen finden sich als Handzeichnungen geführte Werke Zinggs, die in Wirklichkeit lavierte Umrissradierungen sind … Nach dem Druck … wurden die Abzüge per Hand laviert und

danach  bis  zum  Bildrand  beschnitten ,

sodass der sich ins Papier eingegrabene Plattenrand, das Charakteristikum der Druckgraphik schlechthin, wegfällt … All dies setzte der Künstler mit dem Ziel ein, seine beliebten Zeichnungen möglichst genau, jedoch massenhaft zu reproduzieren und ihnen zugleich die

‚ Aura  eines  Originals ‘

zu geben. “

Wobei „massenhaft“ gleichwohl sehr relativ, eher gedanklich zu verstehen ist. Denn seine Blätter sind, wie der mit 1852 viel zeitnahere Nagler als Kenner auch des Marktes von Graden überliefert, selten. Denn er „war mit den Abdrücken sparsam, da er den Erlös für seine späteren Jahre sichern wollte, falls Arbeitslosigkeit oder Schwäche eintreten sollte. Erst 1804 bewog ihn … Tauchnitz zur Herausgabe seiner Werke. Sie erschienen in 4 Lieferungen (so denn wohl auch die Hirschjagd) … vor der Schrift, und … mit derselben … Er galt lange als der grösste Landschaftszeichner der neueren Zeit, und auch seine landschaftlichen Stiche wurden als Muster gepriesen. Im Verlaufe der Jahre wurde er aber von anderen Künstlern überboten, und besonders von (William) Woollett (1735-1785) verdunkelt“.

Schlagender  Seltenheitsbeweis  anstehenden  Falles  dessen obige offensichtliche Unkenntnis in natura bei Slive und die scheinbar nur mutmaßliche Kenntnis eines getuschten Exemplars in Dresden („Auf der Akademieausstellung 1770 stellte er sicherlich eine mit Sepiatusche bearbeitete Version aus …“, so Anke Fröhlich in K.-H., Seite 100, gelegentlich des nur partiell grau lavierten Dresdner Zustandsdruckes).

Was den gegenüber letzterem sichtbaren  Randbeschnitt  hiesigen  Exemplars  umsomehr ausgesprochen relativiert, als für möglich zu halten, daß dieser original sein könnte und lediglich über den schon oben belegten Beschnitt hinausgeht. Denn die in den Eckzwickeln dreimal jeweils zwei (u. l. + o. r jeweils schräg zueinander, u. r. untereinander) und oben links einfach aufscheinenden stecknadelkopfkleinen Löchlein lassen an eine Werkstattbefestigung denken.

Gedacht sei aber auch Zingg’s Antwort 1773 auf Chodowiecki’s Frage, warum er die nach Dietrich und Geßner geschaffenen radierten Landschaften nicht ins Publikum brächte. „Er sagte mir, das könne er erst dann tun, wenn er (aus bestimmten Gründen)

die  großen  Radierungen  nach  Both  und  Ruisdael

veröffentlicht haben würde … deshalb halte er sich für verpflichtet, zunächst mit großen Blättern hervorzutreten; von den großen bekäme er aber so verschiedene Probeabzüge, daß er ganz verwirrt würde

und  nicht  mehr  wisse , was  auf  der  Platte  sei

und  was  nicht “

(nach Claudia Schnitzer in K.-H., SS. 36 f.).

Eine Erklärung für hier Fehlendes, gar ein Abdruck von verkürzter Platte ? Betroffen hier das linke Bildfeld, das knapp mit den auslaufenden Ästen des Hauptbaumes endet und auf sich anschließendes niedrigeres Torso-Baumwerk verzichtet. Verkürzt zudem unten das gegenüber dem Original ohnehin erweiterte Wasserfeld bei immerhin noch 1,5 cm Spielraum zur tiefsten Linie der beiden Linksaußen-Hunde.

Rückseits umlaufend alt mit grobem breiten Papierstreifen randhinterlegt, sind die beiden Oberecken im Braunton der Ausmalung etwas störend fleckig. In der Himmelspartie links oben 8 cm tiefer geschlossener Randeinriß, ein weiterer von 1,5 cm im Unterrand. Die linke Unterecke übersehbar berieben. Gesamthaft also wohl altersspurig, gleichwohl noch immer schön, ansehens- und rahmungswürdig, ja, ein prächtiges großes Blatt.

Résumé :

Zingg’s  adäquates  großes  Blatt

in  Original-Tuschung .

Nach einem der gefeiertsten Ruisdaels in Dresden. Und , so Wilhelm von Bode ,

„ So ist es leicht zu begreifen, wie Goethe dazu kam, ihn als Denker und Poeten zu feiern. Er schloß aus den Bildern auf den Schöpfer … Hercules Segers und vor allem Rembrandt … schildern (der Natur) imponierende Gewalt und Größe, Jacob van Ruisdael ihre erhabene Gleichmäßigkeit … “

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“ Sir, yes, (the Rubens) is closer to the one in London (recte Dresden), but the one we have is on copper. Thank you for your time. Highest regards, D… A… (and yes America could use a blessing about now) ”

(Mr. D. A., November 4, 2003)