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Grisone, Anderhub Wappeneinband

Grisones Reitlehre im 445 Jahre alten

Wappen-Einband-Exemplar

J. H. Anderhubs

Grisone, Friderico. IPPOKOMIKH. Künstlicher Bericht Vnd allerzierlichste beschreybung … Wie die Streitbarn Pferdt … zum Ernst vnd Ritterlicher Kurtzweil, geschickt vnd volkommen zumachen. In … woluerstendlichem Teutsch … dermassen in druck verfertiget, das dergleichen in Teutschland niemals ersehen worden. Durch Johann Fayser den Jüngern von Arnstain des Hertzogthumbs Francken vnd Bistumbs Würtzburg. Mit 3 Musiknoten als Reitsignalen,

anatomischer Holzschnitt-Falttafel (ca. 30,5 x 39 cm)

+

92 (statt 88) blattgroßen Holzschnitten

(ganz vereinzelt wiederholt) sowie zahlreichen Holzschnitt-Initialen (ca. 4 x 4 cm). Augsburg, Michael Manger für Georg Willer, 1573. Mit Röm. Kay. May. Freyhait / nit nach zutrucken. Kl.-Fol. (31 x 21 cm). Holzschnitt-Titel, 9 nn. Bll., 235 SS., Kolophon, 23 (statt 21) nn. Bll. Marmor. brauner Hldr.-Bd. a. 5 Bünden m. Ldr.-Ecken, goldgepr. Rückentitel + Braunprägung an den Bünden sowie braun marmor. Deckelbezügen mit

goldgeprägtem Wappen-Supralibros

EX BIBLIOTHECA HIPPOLOGICA

I. H. ANDERHUB

auf beiden Deckeln .

Leicht verblaßter alter Rotschnitt.

Nagler I, 94 (diese Ausgabe); Lipperheide Tc 3 (Ausgabe von 1580 bei fehlender Falttafel [so auch bei Explr. Anderhub 125] + explicit in Unkenntnis hiesiger von 1573, s. u.). – Titel in Rot + Schwarz. – Fehlerhaft paginiert die Seiten 95, 173, 176, 185, 209.

Der mit Scenen der Antike – zu Pferde u. a. Perseus, Alexander, Julius Cäsar – reichst gestaltete Holzschnitt-Titel grundlos aufmontiert. – Die weißen Unterränder hälftig und nur fallweise noch Text/Holzschnitte tangierend in einheitlicher Optik wasserrandig, abnehmend untermischt in etwa der ersten Hälfte zudem von klein(er)en Moderflecken. Darüber hinausgehende Flecken oder schwache Bräunung ganzer Seiten nur stellenweise. Die zusätzlichen letzten zwei Blatt samt folgender Falttafel neu eingehängt, kleine Randeinrisse säurefrei hinterlegt.

Dank Breitrandigkeit namentlich der Textaußenseiten – die Holzschnitte als eben blattgroß je nach ihrer Beschaffenheit teils bis an den Rand reichend, deren vier auch minimal angeschnitten – , guten Papiers und schöner, ganz satter Typographie hält das Exemplar als Ganzes, was erster Eindruck vermittelt: ein seine Jahrhunderte nicht verleugnendes , gleichwohl  gesamthaft  ausgesprochen  erfreulich  schönes  Stück . Und  ganz  complett , wie gerade bei den frühen Grisone-Ausgaben keineswegs die Regel . Und dies nicht nur bezogen auf die im Randbereich etwas Patina zeigende und rückseits dortselbst vorsorglich verstärkte

so häufig ganz fehlende oder dank Übergröße nur unerfreulich präsente

Falttafel mit dem in Oval springenden Pferd

— „die wunderbare große anatomische Tafel“ (Katalog Sarasin, 1999, 6) —

nebst 79 Erklärungen seiner Körperteile rundum ,

deren hiesige Unversehrtheit + Randeinfassung

von 13-18 mm für die Seiten + 5-9 mm für oben + unten

geradezu der Trumpf welcher ist .

Ge-i-tüpfelt nur noch von Einband + Provenienz, siehe unten. Die Tafel selbst erscheint erstmals 1566 als der ersten deutschsprachigen Ausgabe, übersetzt von den Augsburgern Hans Frölich und Veyt Tufft und gedruckt dortselbst für ersteren seitens Matthäus Franck’s (Kataloge Anderhub 123, dann Sarasin 6). Daneben nur fünf Notenbeispiele und 2 blattgroße Holzschnitte. Wie denn auch die nur kleinoktavigen frühen italienischen Originalausgaben der Ordini di cavalcare … von 1550 als erster, 1552 als zweiter, dann 1553, nur zwei Schnitte enthielten, denen erst mit der 1555er 1. Quartausgabe eine 50blätterige Holzschnitt-Folge hinzugefügt wurde. Bei der es dann zumindest bis 1620 für die italienischen Ausgaben verblieb, die zwischenzeitlichen wieder kleinoktav-, ja duodezformatigen (1569) eingeschlossen.

Die souveräne 88blätterige Folge

wie auch hier ist das generöse Ereignis der 1570er 2. deutschen Ausgabe als zugleich der 1. von Fayser „frei übersetzten und erweiterten“ (Lipperheide). Von Nagler (1835) Jost Amman (Zürich 1539 – Nürnberg 1591) zugeschrieben, gilt sie heute als von unbekannter Hand. Mit gleichfalls Provenienz Anderhub besaß Henry A. Sarasin ein Zweit-Exemplar (besagte Nr. 6 seines und Nr. 123 des 1963er Anderhub-Katalogs) der nahezu unillustrierten 1566er Ausgabe, dem eine Folge von zusätzlichen 66 Radierungen anonymer Hand beigebunden war – siehe unten – , deren Druckqualität teils flau ist, „als ob es sich dabei um wiederverwendete Tafeln aus einem früheren Werk handelt“. An eben diese Arbeiten aber lehnen sich hiesige 88 „teils sehr nahe an“ (Sarasin 6 + 8).

In „sechs Bücher bester Ordnung … (nebst) anhengung etzlicher Kampfstuck“ unterteilt, verbildlichen die Illustrationen detailreich deren Texte, also

Erkenntnis + Auswahl der Pferde
(Seiten 1-26 mit 6 Holzschnitten)

Vom Ringreiten
(Seiten 27-72 mit 14 Holzschnitten)

Vom Redoptieren
(Seiten 73-122 mit 14 Holzschnitten)

Bissbuch
(Seiten 123-150 mit 20 Holzschnitten)

Vom Zäumen und von den Tugenden + Lastern
(Seiten 151-188 mit 3 Holzschnitten)

Kunstreichste Unterweisungen
Dressurübungen

als „alle die fürnembste stuck
so einem fürtrefflichen vnd berümbten Reutter (im Kampfe) zuwissen notwendig“
(Seiten 189-234 mit 11 Holzschnitten und den drei musikalischen Reitsignalen)

„Das sibendt Buch , von Kampffstucken …
Beschluß belustigender endtschafft vnd zugab
(zu Gedächtnis Kaiser Maximilian’s I. dessen)

Ritterliche Kampffstuck vnd stechen:
wie dieselbigen jhrer Kay. May. zum thail selbs erfunden vnd dargeben ,
zum thail (bei anderen kaiserl. Gelegenheiten) zu lust vn(d) kurtzweil gebraucht worden.“
(Seite 235 + Folgeblätter mit ihren 20 erläuterten Holzschnitten)

„Besonders schön die 20 Darstellungen der ‚Kampfstuck‘
mit den verschiedenen, für das Einzelgefecht im Turnier
empfohlenen Kampfformen, die Jost Amman als Vorlage für seine Illustrationen
zu ‚Ritterl. Reutter Kunst‘ gedient haben“ (Bassenge 77/548).

Folgen 2 nicht zugehörige Blatt mit 4 weiteren Holzschnitten
jeweils eines (3, davon 2 in Sprungpositur)
bzw. zweier Reiter (Ritter mit Knappe; bezeichnet mit N).

Die drei ersten Schnitte mit identischem Einzelpferd, doch unterschiedlicher Anweisung für ein Kolorieren der Blätter, wie etwa Im illuminieren / geb der Illuminist achtung … . Gleichwohl ist hier nur ein durchgehend koloriertes Exemplar aus 1983 bekannt, während sich vereinzelt andere nur an- oder teilkoloriert finden, sodaß einheitlich Schwarz-Weiß – wie denn auch hier – letztlich die Regel geblieben und einem gewollt, doch nicht gekonnt, optisch vorzuziehen ist.

Textlich ist Grisone’s erstmals um 1550 erschienene

„ Pferdekunde und Reitlehre …

das älteste bekannte Werk ,

welches über die Vorlagen der antiken Autoren hinausging .

Es erzielte rasch weiteste Verbreitung durch Neuauflagen und Übersetzungen … Die Lebensdaten des Autors sind unbekannt, er selbst nennt sich ein ‚gentilhuomo Napolitano‘ “

(Dietrich Fröba in Pferd und Reiter in fünf Jahrhunderten – Schätze aus der Bibliothek des Deutschen Pferdemuseums, 1993, Seite 18 mit der kleinstformatigen 1569er italienischen Ausgabe als Katalog-Aufgalopp, dem dann als Pos. 2 ein uncomplettes Exemplar der 1570er deutschen Ausgabe als der ersten von Fayser besorgten folgt:

„ Johann Fayser erstellte die erste uns bekannte deutsche Übersetzung. Im Vorwort erwähnt er allerdings eine weitere Übersetzung von Veit Tufft (und Hans Frölich, Kat. Sarasin 6, s. o.) aus dem Jahr 1566, die er jedoch als äußerst mangelhaft charakterisiert.

Um derselben Gefahr zu entgehen, stellte Fayser seiner Arbeit ein (6seitiges)

Glossar italienischer Fachbegriffe und deren deutsche Bedeutung

voran “ (Fröba, wie vor, zu Pos. 2).

Gefolgt von der Vorrede des Edlen vnd Vhesten Herren Friderici Grisonis: „ Avs  den  Ritterlichen Künsten  ist die Pferdt zucht , meines erachtens , die schönist … “

Folgt 6seitig Fayser’s Zueignung an seinen Patron Georg Ludwig von Seinsheim (Landkreis Kitzingen; Haus Seinsheim als dem Ursprung der Fürsten von Schwarzenberg), unterzeichnet

„ Datum zu Augspurg … 1570, den 16. Junij: An welchem tag Theseus die zerstrewten Burger aus Attica, wiederumb in ain Stadt vnd Burgerschafft zusammen versamlet, vnd derselbigen den weitberümbten Namen Athen geben … Johann Fesser der Jünger, der Freyen Kuenst Professor daselbs. “

Mit Joan Fesser … Von Arnstain unterzeichnet schließlich die 4seitige „Vorrede an Günstigen Leser, Von der Occasion, Form vnd Gestalt diser newen Edition“, in der er eingangs auf besagte 1566er Vorausgabe eingeht, „deren doch nit mehr, als in die vierhundert (Exemplare) gedruckt worden“, und deren Übersetzer Tufft als Stallmeister Max Fugger’s nennt und den Coübersetzer Johan Frölich einen gleichfalls Augsburger Bürger.

Mit  Georg  Willer  (um 1515 Augsburg um 1594)  als  dem  Verleger  schließlich  fügt sich all den Besonderheiten eine weitere nahtlos ein. Denn er ist jener „ Augsburger Buchhändler ,

dem ein bedeutender Fortschritt

in der Entwicklung des Bücherverkehrs zu danken ist .

Er ist es nämlich, der (1564) die buchhändlerischen Meßkataloge ins Leben gerufen hat. Bis dahin hatten zwar einzelne Verleger, um ihre Verlagswerke bekannt zu machen, von Zeit zu Zeit Verzeichnisse derselben ausgegeben, wenn es hoch kam, auch Reisende gehalten oder an drittem Ort Niederlagen errichtet. Hiemit wurde aber nur eine sehr beschränkte Anzahl der neu erschienenen Schriften zu weiterer Kenntniß gebracht und dazu noch innerhalb eines beschränkten Gebietes. Darüber hinaus waren die Gelehrten auf das angewiesen, was ihr Buchhändler zufällig von der Frankfurter (Fasten- und Herbst-)Messe mitgebracht hatte, oder wovon sie durch ihren Briefwechsel mit Fachgenossen Kunde erhielten.

Diese dürftigen Verhältnisse änderten sich mit einem Schlag

für die Buchhändler wie für die Gelehrten, als W. anfing, seine Meßkataloge, d. h. Verzeichnisse der zur Frankfurter Messe gebrachten Bücher herauszugeben. Nun war die Bekanntmachung der neu erschienenen Literatur mit einem Mal vervollständigt, einheitlich gestaltet und geregelt, und nicht nur dies: es ergab sich hieraus naturgemäß auch eine  gesteigerte  Nachfrage  und  weiterhin  ein  Aufschwung  des  Buchhandels , so bedeutend nach innen und außen, daß von da an

ein neuer Abschnitt in der Geschichte (des Buchhandels) datirt “

(K. Steiff in der ADB, XLIII [1898], 268 f.).

„ W’s Söhne setzten diese Veröffentlichung fort; der letzte Katalog stammt aus d. J. 1627. W’s eigener Verlag war nicht sehr umfangreich; er war jedoch Großsortimenter, stand in regstem Verkehr mit Wien und unterhielt in München, Ingolstadt, Tübingen und Freiburg Zweigniederlassungen. Seine Söhne Elias und Georg führten das Geschäft bis 1632 fort “

(W. Olbrich in Löffler-Kirchner, Lexikon des gesamten Buchwesens, III [1937], 585).

Den letzten i-Tupfen aber setzte Jakob Heinrich Anderhub (1894-1946) durch Fassung

obigen Kanons von Wissens- , Bemerkenswertem + Schönem

in seine sammlungsspezifische , mehr noch , ganz persönliche Bindung. Ganz persönlich, weil mittels gegebenenfalls Hinzufügung weiteren, inhaltsergänzenden Drittmaterials dem jeweiligen Exemplar eine zusätzliche Note verleihend. Hier denn, woran kein Zweifel besteht, die auf ihn zurückgehende Mitbindung zweier Blätter mit vier sich nahtlos einpassenden weiteren Holzschnitten, im – was erst Sarasin 6 vermittelt – analog wappengeprägtem 1566er Grisone die Hinzufügung der Radierungen.

Von Haus aus Jurist, war Anderhub langjähriger kaufmännischer Leiter der Wiesbadener Kalle AG, aus welcher Tätigkeit zeitübergreifend sein 1941 dortselbst erschienenes Aus den Papieren eines reisenden Kaufmanns geblieben ist. Sein eigentliches Denkmal aber setzte er sich mit seiner 1963 zur Auflösung gelangten

BIBLIOTHECA HIPPOLOGICA

als einer Widerspiegelung der ganzen Bandbreite sammlerischer Leidenschaft, geistigen Erfülltseins.

Genüge zu finden also nicht allein im Titel an sich, vielmehr gegebenenfalls in dessen Spreizung seiner zeitlichen Aktualität. So waren bei Auflösung – anderes, wie auch anstehende 1573er deutsche Ausgabe und hier gleichfalls aufliegende Graphik (Yale Center for British Art: „… the bulk of this collection, with the exception of some individual prints and plates, was sold in 1963“), wurde schon früher für sich veräußert – allein von Grisone noch zehn Beispiele seiner italienischen und vier der deutschen Frühausgaben präsent !

Und jede dieser Ausgaben letztlich so selten

daß über ihre Existenz bis in jüngste Zeit hinein teils Unklarheit selbst bei prominenten Adressen besteht. So blieb hiesige 1573er deutsche Ausgabe den Neubearbeitern (1965) der Lipperheide-Bibliothek der Staatlichen Museen Berlin unbekannt, die gelegentlich der per Tc3 als präsent verzeichneten Ausgabe von 1580 nur auf jene von 1566 + 1570 verweisen, aber für „nach 1580“ auf die von 1599 + 1623, also um vollständige Nachweisung bemüht waren. Und anderwärts figurierte 1984 in Unkenntnis der 1570er Ausgabe die von 1573 als Fayser’sche Erstausgabe. Katalog Sarasin (1999, per Pos. 8) wiederum, gleich Lipperheide in Unkenntnis unserer von 1573, tituliert die 1580er Fayser’sche Drittausgabe entsprechend als die zweite.

Solchermaßen ergibt es sich von selbst, daß die Chance des Überhaupt-Besitzens zwangsläufig erste Priorität genießt. Welche Aufmerksamkeit Anderhub aber gleich anschließend dem Äußeren zuwandte, zeigen

die ganz individuell gearbeiteten Supralibros-Einbände seiner Sammlung

wie infolge diesbezüglich unverzeihlich mangelhafter 1963er Katalogbearbeitung leider nur peu à peu bekanntwerdend. Des weiteren beispielhaft genannt seien denn lediglich der Schweinsleder-Band des 1566er Grisone (Kataloge Anderhub 123, Sarasin 6) + der Pergament-Band des 1598er Ruini der Paul Mellon Collection im Yale Center for British Art (Kataloge Anderhub 285, dann Podeschi, Books on the Horse and Horsemanship – Riding, Hunting, Breeding & Racing 1400-1941, 1981, Nr. 16). In beiden Exemplaren übrigens ist der Titel aufmontiert, wie auch beim hiesigen als dem

Provenienzexemplar

von Jakob Heinrich Anderhub’s 1573er Grisone als der dritten deutschen Ausgabe generell bzw. der zweiten deutschen Fayser’schen.

„ Provenienzexemplare sind Bücher, die, wie das Supralibros, das Exlibris oder eine handschriftliche Eintragung beweisen,

aus einer berühmten Bibliothek stammen

u. zu deren Eigentümer in persönlichem Verhältnis standen “

(Löffler-Kirchner III [1937], 58).

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