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Scheute Ridingerdie Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk ?Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Die durch erdichteten Vorwand unterdrükte Unschuld. Der sich vor drei Hunden auf einen Fels gerettete Hase wird das Opfer eines herabstoßenden, in seinem Gefieder herrlich gezeichneten Falken. Radierung + Kupferstich von Martin Elias Ridinger (1730 Augsburg 1780). Nach 1767. Bezeichnet: J. El. Ridinger. inv: et del. / M. El. Ridinger. sc. et exc: A.V., ansonsten wie vor in Dt.-Lat.-Frz. 33,5 x 24,9 cm. Thienemann + Schwarz 784; Metzner-Raabe, Illustr. Fabelbuch, 1998, Bd. II (Bodemann), 123.I. – Blatt 20 der Fabeln. – Ganz herrlicher Abdruck mit wohl WANGEN-Wz. nebst figürl. Anhänger und 5-27 mm breitem Rand rundum. – Der wiederholte „.“ nach Ridinger nicht von Schwarz wiedergegeben, anstelle des hiesigen „:“ nach „inv“ dort nur ein „.“ und anstelle des dortigerseits analog zu Thienemann und entgegen hier auch für die Bll. X ff. vermerkten „:“ nach „FABUL“ nur ein Punkt. Das außerordentlich seltene Schlußblatt der geistig wie optisch überaus reizvollen „Lehrreiche(n) Fabeln aus dem Reiche der Thiere zur Verbesserung der Sitten und zumal zum Unterrichte der Jugend“, mit denen
(Stefan Morét, Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, Seite 96). Wobei Ridinger anstehenden Falles noch ein ganz anderes, nämlich gesellschaftspolitisches, Ziel ins Visier nimmt. Gibt der Titel schon mit „ Die durch erdichteten Vorwand unterdrückte Unschuld “ den Tenor vor, so heißt es in Brockes’ (1680 Hamburg 1747) separat gedrucktem Text „ Genug man schreibt dem Armen an, / Was er sein Tage nicht getan. / Und interpretierend Thienemann : „Spricht der Falke zum Hasen und erwidert dieser:
Diese Sentenz steht in engstem Zusammenhang mit Brockes’/Ridinger’s mittels der Blätter Th. 716-719 der Folge der „Kämpfe reißender Thiere“ vorgetragenen Anprangerung des absolutistischen Systems ihrer und aller Zeit(en). Siehe hierzu die hiesige 1998er „Dresdner Rede – Der verharmloste Ridinger“. Künstlerisch über all das hinaus zugleich aber auch, einen neuen Bildtypus kreierend, einmal mehr Tradition und Feld hinter sich lassend. Denn, so Ulrike Bodemann in Metzner-Raabe,
Und Regine Timm, ebda., Bd. I, Seite 171 :
Die große geistige Verwandtschaft mit dem bereits erwähnten Hogarth übrigens auch unmißverständlich zum Ausdruck kommend in Garricks Epitaph für diesen: „ Whose pictured Morals charm the Mind , And through the Eye correct the Heart.“ Zeitlich in diesem Zusammenhang interessant, daß 1726 jenseits des Kanals John Gay, berühmt-berüchtigt für seine „Beggars Opera“ (Brecht, Dreigroschenoper!), mit seinen „Fables“ „das Bedeutendste (vorgelegt hatte), was bisher von englischen Dichtern in dieser Gattung geleistet worden war“ (Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., VI, 960/II). Die Folge besteht aus zwanzig Blatt, von denen Johann Elias gleichwohl nur die ersten sechzehn veröffentlichte. Vermutlich aus stilistischen Skrupeln. Denn mit den erst vom Ältesten, Martin Elias, auf Kupfer übertragenen und postum herausgegebenen vier letzten gibt er die Überfülle der vorangegangenen, seiner überdies erst neugeschaffenen Fabel-Konzeption, weitergehend zu Gunsten einer nun auch für ihn völlig neuen, souverän konzipierten großflächigen Klarheit (beispielhaft hierfür neben hiesiger namentlich die 17.) auf, womit auseinanderzusetzen er sich schlußendlich aber offenbar scheute. Und wohin ihm noch hundert Jahre später auch Thienemann nicht folgen mochte („haben weniger Kunstwerth, sind aber dennoch schätzbar und ihre Seltenheit zu bedauern“). Was hiesigerseits hingegen als ein bemerkenswert weiterentwickeltes künstlerisches Ausdrucksvermögen gesehen wird. Gipfelnd eben in dem Fascinosum, nicht allein ein neues Fabelbild geschaffen, sondern dieses in sich noch einmal zu neuem Ufer fortentwickelt zu haben. Vergleichbar als von Ridinger wiederholt zitiert sei in diesem Zusammenhang an Watteau und hier an dessen „Gesellschaft im Freien/Park“ in Berlin erinnert, zu dem Pierre Rosenberg anmerkt: „… ist das Berliner Gemälde ein Beweis dafür , daß der Künstler sich erneuern wollte , indem er einen neuen Typus der Komposition schuf … “ (Ausstellungskatalog Watteau, Washington/Paris/Berlin 1984/85, S. 415). Für Ridinger diesbezüglich ganz exemplarisch sein in Schabkunst gearbeitetes „Memento Mori“ Schwarz 1426, für das hier erstmals drei Zustände beschrieben werden konnten, die eine radikalisierte Vergeistigung der ursprünglich niederländisch verankerten bürgerlich-schönen Bildkomposition dokumentieren. In diesem Falle durchaus begünstigt von der Notwendigkeit von Überarbeitungen der sich technisch bedingt extrem schnell abnutzenden Schabplatte, die nach Urteil des Praktikers Sandrart (1675) nur 50-60 gute Abdrucke ermöglicht. Ridinger’s generelles Fabelbild denn also ein höchst gewichtiger Meilenstein innerhalb des „rund 900 Ausgaben (ausmachenden) Grundcorpus illustrierter Fabelbücher“ bis hin zu Chagall’s 200 Jahre späterem Lafontaine-Folio mit seinen 100 Radierungen als geradezu einem Schlaglicht für die Unsterblichkeit der Fabel-Illustration. Daß Ridinger seine Folge ursprünglich gleichfalls wesentlich umfangreicher konzipiert hatte, belegen seine hier durchgelaufene Vorzeichnung zur 20. Fabel, die er mit „Fab 31“ bezeichnet hatte, jene mit „Fabel 29.“ bezeichnete zur 19. (Weigel, 1869, Nr. 384) und die Thienemann vorgelegene, mit „30“ genummerte, die gleich weiteren, unnumerierten, indes unverarbeitet blieb. Die praktisch vorprogrammiert gewesene große Seltenheit der vier Supplementblätter seit Thienemann (1856, Seite 151) literaturbekannt: sie „machen sich sehr rar, finden sich schon in manchen älteren Ausgaben nicht, und sind in der neuesten ganz weggelassen, was jedoch zu bedauern ist“. Entsprechend denn auch der 1889er Katalog der Slg. Coppenrath zu 20blätt. Exemplar: „Schöne Hauptfolge … Selten“. Und Helbing 1900 in seiner 1554blätt. Ridinger-Offerte (Katalog XXXIV): „Die letzten (4) Nummern sind höchst selten“. Und während er neben einem Komplett-Exemplar die ersten sechzehn bis auf 12 + 13 mehrfach apart besaß, so von den letzten vier nur 17 + 19 jeweils einmal zusätzlich. Am Markt denn auch bis heute meist nur die 16blätterige Grundfolge. Die die Nachauflagen dokumentierenden verschiedenen Druckzustände des Titels im übrigen schönster Beweis für den Erfolg der Arbeit, die ihre namentliche Zielgruppe, die Jugend, offensichtlich erreicht hat.
Für weitere Einzelblätter der Folge siehe „ Die Fabel gehört dem Künstler, wie dem Dichter,
(Herr J. R., 7. Juni 2004) |