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lüder h. niemeyer

- seit 1959 -

 

Die  sich  für  den  unbekannten  Ridinger

als  immer  wichtiger  erweisende

Eigenidentifikations-Arbeit

DIE  HIPPOKRENE

oder

Das  Geschenk  des  Wassers

inspiriert  von  Antoine Watteau

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Die Hippokrene. Die Roß- oder Musen-Quelle am Parnaß oder Helikon als domartig aufschießende Fontaine. Mit Quell-Architektonik, hier bewachsenem Grottenbogen, dominiert vom Quell- und Musenroß Pegasos und bevölkert von den neun Musen als den Pflegerinnen der Quelle sowie Flußgöttern als gleichfalls obligatorischem Quellen-Attribut. Radierung + Kupferstich. 34,9 x 28,7 cm.

Kunstsammlungen Augsburg, Ausstellungskatalog KUNSTREICH – Erwerbungen 1990-2000, 2001, Nr. 101 mit blgr. Gesamt- + 4 Detail-Abbildungen.

Johann Elias Ridinger, Hippokrene

Vom  Meister  verworfen  –  zum  300.  Geburtstag  erstmals  aufgelegt

als , so  eine  Museumsstimme ,

„ eine  schöne  Bereicherung  des  Œuvre  Ridingers  …

…  den  300.  auf  diese  Art  zu  feiern  und  zu  dokumentieren  (ist)

so  prachtvoll  und  charmant , weil  der  Sache  so  angemessen

…  Besonders  beeindruckt  hat  …  die  bescheidene  Auflagenhöhe . “

Einer der sechs römisch von I/VI numerierten Vorzugs-Abdrucke in Rot-Schwarz auf bedeckt-weißem Hahnemühle-Kupferdruck-Papier. Daneben existieren zehn arabisch von 1/10 numerierte Ordinär-Abzüge in warmem Schwarz auf ebensolchem bzw. getöntem Hahnemühle sowie einige Épreuves d’Éditeur von der ungereinigten Platte in auch zusätzlichen Farben und auf weiteren Papieren, sämtlichs mit der hs. Signatur des ridinger händlers lüder h. niemeyer nebst dem Datum des 16. 2. 1998 als dem 300. Geburtstag des Meister’s, sowie zwei dem Drucker verbliebene ohne diese Unterschriften. Mit Ausnahme der letzteren beiden alle zudem rückseits mit ausführlichem Editions-Stempel.

Unbeschriebene , vom Meister offensichtlich verworfene Komposition , die bei Reinigungsarbeiten auf der Rückseite der originalen Kupfer-Druck-Platte zum „Abend der Hirsche“, Thienemann 240, aus der zwischen 1743/44 + Oct. 1763 geschaffenen Folge deren „Vier Tageszeiten“ freigelegt wurde und thematisch der von Thienemann (878-881) „mythologische Pyramiden“ genannten Gruppe der „Fontainen“ als autonom lediglich nahesteht.

Mythologischer Hintergrund der hier interessierenden Zeit ist jener, als Pegasos „den beim Gesang der Musen vor Entzücken himmelwärts strebenden Helikon durch einen Hufschlag zur Ruhe brachte und zugleich damit die begeisternde Musenquelle Hippokrene hervorschlug“ (Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl.).

Unmittelbar zur einen Seite des Rosses die als selbständige gar nicht vorgesehene Muse der Malerei mit Malerstock und Palette nebst Pinseln in der Linken und mit der Rechten eine bodenhohe Tafel an sich drückend, indes die andere Thalia als später generelle Beschützerin des Theaters – hier mit der komischen Maske, doch in der erhobenen Rechten – besetzt. Was gedanklich zu Hogarth’ letztem, beider Inhalte vereinigendem Selbstbildnis als Maler mit Palette + Pinsel vor der Leinwand führt, „auf die er die Verkörperung seiner künstlerischen Inspirationen, die komische Muse mit der Maske malt“ (Hogarth-Katalog Zürich, 1983, S. 18 nebst Abbildungen SS. 17 + 135, das Öl auf ca. 1757 datierend, dem am 29. März 1758 die Kupferarbeit folgte). Denkbar, daß Ridinger letztere kannte oder über den Ölinhalt gar direkt aus London unterrichtet war (vgl. Th. 1097: „… aus London … mitgetheilet“) und ihr Thema in seine „Hippokrene“ einfließen ließ. Worauf diese zeitlich zwischen diesem Eckpunkt und October 1763 als für die Tageszeiten-Folge äußerstem anderen einzuordnen wäre.

Auf gleicher Ebene außen die das Horoskop stellende Aphrodite und Clio als Verkünderin der Historie. Nach zwei von Putten gehaltenen Vögeln als Wasserspeier – zwei reptilienartige dann ganz unten – folgen die fünf weiteren teilweise die Füße badenden Musen. Bei den beiden vorn rechts mag es sich um die namentlich der erotischen Poesie verbundene Erato, hier ohne Attribute nur stehend und aufgestützt, und die für Tanzkunst + Chorgesang zuständige Terpsichore handeln, dann aber nur mit dem Plektron. Von den beiden links angesiedelten die eine mit Meßstab. Dazwischen auf dem Wasser Flußgötter-Gruppe.

Die  Selbstidentifikation  in  der  Muse  der  Malerei

ist  unübersehbar  und  führt  direkt  zum  Eigen-Exlibris ,

Schwarz 1569 nebst Abbildung. Auf diesem stützt sich vor einer Herme der Minerva als Patronin auch der Maler ein Knabe auf den Malerstock und hält eine gleichfalls auf der Erde stehende hohe Tafel mit der Inschrift

„ Nulla  dies  sine  linea “ –  Kein  Tag  ohne  Pinselstrich

als Ausdruck also eines absoluten Lebensbedürfnisses. Entsprechend flankiert denn vom Kupferstecher-Gerät einschließlich Platte und den Utensilien der Malerei.

Und gipfelnd in Stillfried-Schwarz 1427 nebst Variante 1477 als der

Herrschaft  des  Todes .

Mit dem Malergerät nunmehr inmitten des Gerümpels. Und wiederum benachbart von großer Steintafel, der sich der Meister ja auch im herkömmlichen Werke bedient.

Womit Exlibris wie Todesherrschaft sich als letzte Stütze für die Inanspruchnahme Ridinger’s für die Hippokrene-Arbeit erweisen und damit auch die von Thienemann für die Fontainen-Gruppe offengelassene Urheberfrage beantworten.

Widerspiegelnd eine der berühmtesten der von den Gottheiten in mythologischer Ferne

„ zu  Heil  und  Nutzen  der  Menschen  erzeugt(en  Quellen) “ ,

die sie von den Nymphen oder Musen als etwas überaus Wertvolles pflegen ließen und nur die allein es überhaupt vermochten, dem Quell

„ die  Erdkräfte  zu(zuführen),

welche man als die Ursache der begeisternden und heilenden Wirkungen

des  Wassers  ansah “ .

Und bis auf den heutigen Tag ansieht und in vielfältigster Weise nutzt. Damit aber ein

HYMNUS  aufs  WASSER

als  einem  der  kostbarsten  +  köstlichsten  Geschenke  unserer  Erde .

Geschaffen von einem der größten naturnahen Künstler in schöner Nähe zu Watteau’s miteinander korrespondierenden zeichnerischen „Dianen-Tempel“ + „Die Laube“, beide etwa 1714 und von Gabriel Huquier für den Zeichnungsteil (1726) des Recueil Jullienne gestochen. Wobei die unterschiedliche Seitengestaltung des Dianen-Tempels Huquier zur Fertigung zweier gesonderter Radierungen nach diesem einluden: dem Dianen- und dem Neptun-Tempel (Nagler, Huquier 41 f.). Wie denn Wasserspiele auch bei der „Laube“ präsent sind, deren zwei kleine Wasserschütter Ridinger in besagten von Putten gehaltenen wasserspeienden Vögeln zitiert.

Auch ausweislich weiterer hiesigerseits meist erstmals belegter Beispiele war Ridinger mit dem Recueil Jullienne ausgesprochen intim vertraut und hat sich somit bei gleichwohl gänzlich anderem Ergebnis denn auch für seine Hippokrene von den dortigen obigen Vorlagen inspirieren lassen. Siehe deren teils farbige Abbildungen in den Katalogen der Watteau-Wanderausstellungen Washington etc. 1984/85, SS. 140-144, + New York etc. 1999/2000, SS. 108-111.

Nahezu formatgleich den Watteaus, gilt für Ridinger’s Hippokrene, was Margaret Morgan Grasselli im 84er Katalog zu des ersteren „Laube“ ausführt :

„ Diese Zeichnung … ist gleichzeitig

eine  seiner  vollendetsten .

Außerdem ist sie eine der relativ wenigen ornamentalen Zeichnungen (denen auch die Rotterdamer ‚Jagdhunde und totes Wild‘, Seite 106, zugehören), die ihm mit absoluter Sicherheit zuzuschreiben sind.

Jedes kleinste Detail dieser Zeichnung deutet darauf hin, daß sie aus der Zeit seiner höchsten Reife stammt: die Mannigfaltigkeit, der Einfallsreichtum … die vollendete Formgebung … die spürbare Energie, die das ganze Werk durchdringt. “

Und analog schließlich

„ … da wir keinerlei Hinweise dafür haben, daß es hierzu ein Gemälde gab, können wir davon ausgehen, daß Watteau das Projekt nie weiterverfolgt hat. “

Ridinger’s Hippokrene unterstelltermaßen denn auch hier erstmals – und in nur weltweit elitär kleiner Auflage – aufgelegt. Nicht zuletzt als ein weiteres Beispiel seiner in der Vergangenheit gänzlich ungewürdigt gebliebenen Meisterschaft phantasievollen Variierens, wie, gleichfalls auf Watteau bezogen, hiesigerseits als gesichert belegt für sein „Selbstbildnis im Walde“ (Th. XIX, 1) oder ganz souverän für seine „Cythera Dame“ (Schwarz 1471), zutreffend aber ganz gewiß auch auf seine „Dame mit der Maske“ (Schwarz 1458). Stehend für aus alter und großer Tradition gespeiste reife Kunst.

„ Große Künstler zitieren einander selten wörtlich. In einigen Fällen huldigen sie einem Vorgänger, indem sie unauffällig in ihren eigenen Schöpfungen auf fremde Ideen anspielen “

(Dirk De Vos, Rogier van der Weyden, 1999, Seite 36, mit dem Hinweis auf Dieric Bouts [um 1420 – 1475] als vermutlich erstem Beispiel „einer solchen fruchtbaren Übernahme“).

Zwecks Formatangleichs an die übrigen drei Platten der Folge der „Vier Tageszeiten der Hirsche“ könnte die hiesige Rückseitenarbeit in ihrer Komposition marginal etwas verkürzt worden sein. Deren Drucklegung erfolgte im übrigen unter aller gebotenen Rücksichtnahme auf die umseitige Hirsch-Szenerie. Eine Handhabung, die umgekehrten Falles zwangsläufig für entbehrlich gehalten worden sein dürfte, sodaß die Hippokrene-Seite nicht mehr als absolut jungfräulich anzusprechen war. Gleichwohl auch an der Wand von sehr reizvoller Optik.

Und schlußendlich über alles Obige hinaus die offenbar beabsichtigte, doch ebenso offensichtlich ins Abseits geratene und ergo verworfene Reverenz für

Augsburgs  Sankt  Ulrich

als  dem  Wasser-  und  Quell-Patron  der  Stadt

in seiner steten Präsenz in der grandiosen Basilika St. Ulrich und Afra (siehe u. a. den entsprechenden schönen Holzschnitt mit dem Heiligen im Hortus Conclusus vor einer Landschaft mit Bischofsstab und Buch mit Fisch in Berno von Reichenau’s und Adilbertus von Augsburg’s „Gloriosorum christi confessorum Udalrici & Symperti: nec non beatissimae martyris Aphrae, Augustanae sedis patronorum quam fidelissimorum historiae“, Augsburg 1516, aber auch Gabriel Spitzel’s von Johann Jacob Ridinger geschabtes Portrait von Johann Christoph Thenn, evangelischer Pfarrer der Ridinger-Zeit bei St. Ulrich).

Unterbliebene Reverenz aber auch gegenüber den zwischen 1593 + 1602 errichteten berühmten drei Brunnen der Stadt als „Hauptzierde(n) Augsburgs“ (Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., II, 87/II).

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– – – – Dasselbe in einem der zehn arabisch numerierten Exemplare in Schwarz.
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(Sign. L. B., October 18, 2007)

 

Die  Auslese  des  Tages