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Ridinger’s geistiges + gesellschaftspolitisches Credound mit Th. 722ein künstlerischer Höhepunkt des Spätwerks
DIE FOLGE DER BIG FIVEin der Ridinger / Brockes mit den Blättern 1-4mit deren Kühnheit gleichziehenund in Vorwegnahme der Epoche des Sturm + Drangper raffiniertestverpackter Verpackung ein denkbar aggressivesFANALFÜR FREIHEIT + MENSCHLICHKEITsetzenRidinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Kämpfe reissender Thiere. Folge von 8 Blatt. Radierungen mit Kupferstich von Joh. Elias (1-4) und Martin Elias (1730 Augsburg 1780) Ridinger. (1760.) Gr.-2° (Plattengröße ca. 38 x 29,5 cm). Büttenbezogener Ppbd.-Bd. mit Vorderdeckel-Braunprägung „Johann Elias Ridinger Anno 1760. / Mit beygefügter vortrefflichen Poesie des hochberühmten Herrn Barthold Heinrich Brockes“ in Schuber. Thienemann ( „Selten“, 1856!) + Schwarz 716-723; Katalog Weigel 16545 ( „alte jetzt nur selten vorkommende Abdrücke“, 1847!) + XXVIII (1857), 40 A (von C); Slg. Friesen 1030 (nur 2 Blatt, 1847); Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX, 1914 („Schöne Folge“, 1885); Slg. Reich auf Biehla 148 („Einige leicht fleckig“, 1894); Slg. Coppenrath 1564 (tlw. angerändert, 1889); (Ridinger-)Katalog Helbing XXXIV (1900), 1259 als „ Sehr seltene Folge “ , (mit Th. 717 in späterem Abdruck); Schwerdt III, 143; Stubbe, Ridinger, 1966, SS. 16 f. + 25 f. nebst Taf. 33 f.; Ausstellungs-Katalog Augsburg 1967 (3 Blatt) 75-77 + Abb. 15, irrig in der kompletten Stichzuweisung an Martin Elias; Ridinger-Kataloge Kielce, 1997, 126 f. (Th. 720 f.) + Darmstadt, 1999, IV.1-IV.7 (ohne Bl. 8), jeweils sämtlichs abgebildet. – Mit den Brockes-Versen (1-4) bzw. den jenem nachempfundenen im Unterrand. Szenerien wilder Schönheit der Big Five in Savanne und Felsenbergen , doch auch in der Nähe des Menschen. Darunter
„ Der wütige Leopard (recte Tiger) wie er einen Esel zerreißt “ bei Gleichsetzung des Raubtiers mit Alexander von Macedonien, denn, so Brockes,
Kein Wunder, daß die Suite jahrzehntelang zurückgehalten wurde. Denn Rolf Biedermann nimmt im Katalog Augsburg die Entstehung der Zeichnungen bereits für die 30er Jahre an, was mit Brockes’ Lebenszeit (1680 Hamburg 1747) harmoniert. Wobei es folgender, generell bislang wohl übersehener Präzisierung bedarf : Die Folge beschränkte sich ursprünglich auf die von Brockes betexteten und ausschließlich von Johann Elias auf die Platte übertragenen Blätter 1-4. Und war damit über obigen Alexander-Bezug hinaus als Ganzes das Freiheitsfanal , als das sie unten als hier erstmals im einzelnen analysiert wird. Und weswegen sie denn auch unveröffentlicht blieb. Es scheint, daß erst Martin Elias als jugendlich unbekümmerter die Herausgabe 1760 bewirkt hat. Denn die Blätter 5-8 sind allein von ihm radiert/gestochen worden. Und zwar nach erst brandfrisch hierzu geschaffenen Vorlagen des Vaters. Siehe die signierten und mit 1760 datierten Zeichnungen 389-392 des Ridinger-Appendix des 1869er Katalogs der von J. A. G. Weigel hinterlassenen Zeichnungen. Woraus zugleich gefolgert werden darf, daß nicht nur die Zeichnungen nebst Texten zu den hochbrisanten Blättern 1-4 längst fertig dagelegen hatten, sondern selbst auch schon deren Platten. Der Ergänzung jener riskanten Urfolge um vier weitere, textlich nurmehr à la Brockes und damit unverfänglich, begleitete Blätter lag neben dem Wunsche nach einer komfortableren Handelseinheit ganz sicher und wohlbewußt auch die Absicht zu Grunde, die Eklatanz der Botschaft der ersten vier weniger demonstrativ aufscheinen zu lassen. Die Aufstockung also als eine zugleich letzte Außenverpackung. In Martin Elias hierbei die treibende Kraft zu sehen, harmoniert bestens mit seiner in eben jenen Jahren für die Folge der „Wundersamsten Hirsche und anderer Thiere“ übernommenen Motorrolle. Denn als der Vater in den 50ern die Lust an diesem Großprojekt zu verlieren begann und die Folge während des 7jährigen Krieges nur noch mit ganzen fünf Novitäten dahindümpelte, war es Martin Elias, der um 1763 mit dem Hubertusburger Dachsen als Blatt 74 (Th. 316) das Vorhaben wieder unter Dampf setzte und von den letzten 27 Blättern denn in der Tat mit 21 den Löwenanteil auf die Platten übertrug. Damit aber gewinnt Martin Elias für den Ridinger-Verlag eine Kontur, die sichtbar über sein bisheriges Bild als vornehmlich nur als mitarbeitend ausführender Stecher – gleichwohl höchster Qualität, siehe hierzu im folgenden Stubbe an Hand von Th. 722 – so noch jüngst Stefan Morét im 1999er Darmstädter Ausstellungskatalog (Seiten 62/3) hinausführen. Darüberhinaus interessant in diesem Zusammenhang, daß Johann Elias es mit den zum Erscheinen gefertigten vier Folgezeichnungen – von denen die zu Th. 722 für Stubbe Demonstrationscharakter hat, siehe unten – nunmehr keineswegs sein Bewenden haben ließ. Einmal wieder aufgegriffen, schuf er, soweit datengestützt und hier bekannt, noch in 1763/64 vier gleichartige weitere Zeichnungen zu diesem Thema (Pos. 393-396 des Weigel-Katalogs; die sich dort per 397/98 entsprechend anschließenden sowohl unsigniert/undatiert als auch größeren Formates).
Aber selbst den zeitgenössisch gebildeten legendären Ridinger-Folios der hochkarätigen Pembroke Library in Wilton House, erworben wohl seitens des 10. Earl of Pembroke 1768 in Paris, fehlten die vier letzten. Hier indes komplett vorliegend in den sehr schönen frühen Abdrucken eines aufgelösten zeitgenössischen Sammelbandes mit oben und unten breiten, an den Seiten unterschiedlich weniger breiten Rändern. Die Mehrzahl derselben, tlw. auch nur stellenweise, meist nur leicht stockstippig. Zwei säurefrei hinterlegte Kleineinrisse im Unterrand. Thienemann macht auf einige irrige Bezeichnungen aufmerksam, nämlich Leopard = Tiger, Pardel wohl „der Kuguar (felis concolor, Linn.) oder der amerikanische Löwe …, den Ridinger kannte, aber immer unrichtig nennt“, Auerochs und Tieger = europäischer Wisent und Panther. – Die unverbindlich-allgemeine Einbettung der Folge zeichnet Stefan Morét im Katalog Darmstadt (S. 91) mit den Worten
Letzteres wohl eher via der einschlägigen berühmten Statuetten Giambologna’s (Giovanni Bologna, Douai 1529 – Florenz 1608), darunter denn eben auch die vor dem Hintergrund des Marmors zu sehende des Löwen mit dem Pferde als „einer ungewöhnlichen Variation des Themas“ (Katalog Prag, siehe unten) oder des vom Tiger getöteten Stiers. Vielfach nur die Entwürfe liefernd, ist erstere namentlich bekannt durch die als vermutliche Auftragsarbeit um 1600 gefertigte Bronze-Version von Antonio Susin(i), seinerzeit in der Kunstkammer Rudolfs II., wo sie etwa Roelant Savery inspiriert haben dürfte, s. u. Beide Arbeiten fanden durch Wiederholungen und Kopien weite Verbreitung, und so könnte Ridinger sie seinerseits bei den damals führenden Augsburger Silberschmieden kennengelernt haben. Seine Pferd-Löwe-Radierung der Kämpfe-Folge
ist eine weitgehendst spiegelbildliche Wiederholung der Susin-Version (siehe Katalog Rudolf II and Prague, 1997, S. 520, II/236 nebst Abb.). Und seine Folge mit diesem Schlüssel-Motiv einleitend, stellte er sie als Ganzes bewußt in eine ihm überdies vertraute Tradition, in der sie bislang nicht gesehen und, wichtiger, gewürdigt worden ist, übte er den künstlerischen Schulterschluß zur schulübergreifenden Wiederbelebung des als Fascinosum begriffenen Themas im Jahrhundert zuvor, reihte er sich ein in den Applaus für den „ Zauber der Bestien “ (Justus Müller-Hofstede in seiner Rezension der 1985er Köln/Utrechter Savery-Ausstellung [FAZ 10. 11. 1985] nebst Abbildung dessen 1628er Löwenüberfalls auf eine Kuh), allgemein parabelhaft verstanden für die Ordnung der Welt. Doch indem er seine Kämpfe mittels der Brockes-Verse bis hin zu äußerster Provokation (Bll. 1-4) thematisierte, verselbständigte er sie nicht nur, sondern vollendete sie überhaupt erst durch den Einbezug nunmehr auch des Menschen. Doch auch dieser Gleichklang zwischen Ridinger und Brockes, der das Bild zweier Männer zeichnet, wie es, zumindest bezüglich Ridinger’s, denkbar unbekannter , denkbar aggressiver , denkbar moderner kaum vorstellbar ist, blieb bis hin zu Stubbe (1966) und Morét (1999) bislang gänzlich unbeachtet. Denn was sich auf den ersten Blick „nur“ als die Verdammnis eines weit zurückliegenden Ereignisses, nämlich des Alexanderzuges (Th. 719) darstellt, lodert bei Fortnahme seiner Historie zu einem Fanal der Freiheit und Menschlichkeit auf. Dem Alexander von Macedonien als ein noch einmal in sich selbst verpacktes Synonym diente. Das Verdikt galt, zumindest gleichzeitig, eigener, absoluter Obrigkeit. Die sich ihrerseits in der Nachfolge Alexanders sah. Die alte Alexander-Verehrung trieb unverändert neue Blüten. So ließ ein gedemütigtes Antwerpen 1585 zur Begrüßung ihres Bezwingers Alessandro Farnese Vredeman de Vries den großen Ahnherrn in den Zeugenstand rufen:
(Heiner Borggrefe, Hans Vredeman de Vries, in dem von ihm und anderen herausgegebenen Braker/Antwerpener Ausstellungskatalog, Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden, Mchn. 2002, S. 21). Und hundert Jahre später war Alexander in Paris des jungen Ludwigs XIV. (1661-1715) „liebster Vergleich“ (Peter Burke, Ludwig XIV. – Die Inszenierung des Sonnenkönigs, Bln. 1993), gipfelnd in Le Brun’s monumentalen Batailles d’Alexandre, ließ in Bayern Kurfürst Maximilian II. Emanuel (1662-1726) sofort bei Regierungsantritt 1680 eine sein Schlafzimmer einbeziehende Suite der Münchner Residenz zu Alexander-Zimmern gestalten, konnte jüngst Gode Krämer in Augsburg eine dortige furiose Federzeichnung Maulbertsch’s (1724-1796) als „Alexander an der Leiche des Dareios“ und damit als ein weiteres Beispiel reger Marktnachfrage identifizieren (siehe deren Abbildung nebst überholter Interpretation SS. 316/317 des 87er Barock-Katalogs). Und so, wie sich auf zwei Entwurfszeichnungen des an der Ausführung der Deckenbilder im Ankleidezimmer Kurfürst Max II. Emanuel beteiligten Hofmalers Wolff (1652-1716) in Augsburg und Stuttgart Alexander die Kleider des 331 besiegten Persers anzieht, so legten sich die Fürsten im Geiste die Alexanders an. Um von Ridinger-Brockes derselben wieder entkleidet zu werden. Denn die Gleichsetzung des wütigen Leoparden mit Alexander ist zugleich und lediglich in einem personifizierte Verpackung, eindeutige Klarstellung des Bildes im Zielfernrohr. Weitere Szenarien gelten dem System als solchem. So heißt es zum „Pferd und der Löwe“
Und kämpferisch-machtvoll zur „bei ihren Jungen von einem Bären überfallenen Löwin“ „ Hier bricht … in lichten Flammen aus ! Wir sehen / Die Löwin … den Bären nicht entgegen gehen Entgegen fahren , springen , fliegen , u: blind vor Zorn v. Wuth entbrannt , Gefahr u. Noth u. Todt verachten , die seines Feind’s erhab’ner Stand , In vortheilhaffter Stellung droht , Sie greifft , da sie nicht anders kan , … so gar des Bären Bratzen an . “ Und jubelnd zum „Auer Ochs und de(m) Tieger“ „ Hier zeigt sich die Gerechtigkeit, hier wird die Grausamkeit gestrafft, Und manch verschlungnes Thier gerochen , Der Auer … bringt , mit nicht ungerechtem Grimm , Durch Vorsicht , Tapfferkeit u: Stärcke , den mordbegiergen Gegner üm , … Man hört sein Angst Geschrei mit Lust, u. sieht mit Anmuth seine Pein . … Und ein von seiner Mörder Seele , verlaßnes starres Aas entdecken . … Man sieht wie hier des Schauers Blick , sich an der Grausamkeit vergnüge , Wir sind dem Auer=Ochsen gut , u. nehmen Theil an seinem Siege . “ Es erstaunt, wie all dies einem so akkuraten Stück-für-Stück-Betrachter wie Thienemann verborgen geblieben sein soll. Denn diese Vierer-Gruppe, und sicher rein zufällig, doch merkwürdigerweise, ist gerade sie identisch mit den nur noch vier Blatt der Folge 1824 bei Engelbrecht-Herzberg, dürfte in ihrer massiven Gesellschaftskritik recht elitär in der Kunst ihrer Zeit dastehen. Unübersehbar denn auch die Standorte ihrer Autoren. Das im Mittelalter schon einmal über lange Zeit demokratisch regierte Augsburg und Hamburg waren Freie Reichsstädte! Sie erweisen sich hier schlichtweg als Vorhöfe von Liberty Island, deren in den „Kämpfe(n) reißender Thiere“ entzündete Flamme weiterbrennt. The Statue of Liberty Enlightening the World ! Wer die Diktaturen der Braunen und Roten unserer jüngeren Vergangenheit nicht miterlebt hat, mag diesen Betrachtungen voll Skepsis begegnen. Doch er hat die das dortige Alltagsleben erleichternden kleinen Genugtuungen eben versäumt, das Ventilklatschen nicht gehört, schallte Schillers „Geben Sie Gedankenfreiheit“ von der Bühne, jubelte es in Leonore/Fidelio „Zur Freiheit, zur Freiheit“! Übrigens war es ausgerechnet ein ostdeutscher Vorwende-Streifen zu Beethoven, der die politische Aufsässigkeit in dessen frühen Wiener Jahren selbst noch dahingehend verdeutlichte, daß man ihm nicht an den Kragen gehen könne und wolle. Thienemanns und selbst noch besagtermaßen aktueller Kunsthistoriker Augenverschluß vor Ridinger’s mutigem Prankenschlag ist umsomehr ein Sakrileg, als in gewichtiger Tradition stehend. Wie an Hand des niederländischen Freiheitskampfes von Heiner Borggrefe gebotenermaßen gewichtet und seiner Eindringlichkeit halber einfach in dieser Breite zitiert werden muß:
Und zuvor schon :
(Borggrefe, Themen und Inhalte der szenographischen Gemälde von Hans Vredeman de Vries, im obigen Ausstellungskatalog, SS. 138 ff., Fettdruck nicht im Original). Auch wenn Künstler solchermaßen Meister in der Verpackung solcher Botschaften zu sein pflegen – Eduard Beaucamp: „der Barock seinerseits öffnete die Augen für den komplizierten Umgang moderner Künstler mit der Macht“ – , höchst riskant blieb und bleibt dergleichen allemal! Zehn böseste Jahre Hohen-Asperg gabs – verkürzt auf den Punkt gebracht – bekanntlich für Schubart (1743-1791) für sein Epigramm „Als Dionys aufhörte, ein Tyrann zu sein, Da ward er ein Schulmeisterlein“. Herzog Karl Eugen von Württemberg (1728-1793) als Gründer der Karlsschule hatte sich angesprochen gefühlt. Deren Gründung 1770 fiel in die Spätzeit des maßlosen Regierungsstils des Herzogs, der dann per 50. Geburtstag 1778 seine von den Kanzeln verkündete Mäßigung gelobte. Dieses allseits bekannte Beispiel steht indirekt in Bezug auch zu Ridinger. Denn mit den Blättern Th. 288, 326 + 327 ist später auch Karl Eugen im Œuvre vertreten, ist er zeitunabhängig ein klassisches Exempel jenes Teils der Klientele, der Ridinger-Brockes ihren Vierersatz der „Kämpfe“ zugedacht haben. Die zumindest für Ridinger mit hohem wirtschaftlichen Risiko einhergehende Gefährlichkeit solchen Handelns ist offensichtlich. Thienemann, hundert Jahre später, übersah solche Aspekte lieber und dedicierte seinem Landesherrn mit seinem Ridinger-Buch das Bild eines Biedermanns. Unerfaßt in seiner Komplexität, unterschätzt in seinem Künstlertum, unzulänglich gewürdigt in seiner Persönlichkeit. Das Faszinierende an dieser Vierer-Gruppe der „Kämpfe“ ist schließlich auch hier ihre Frühzeitigkeit. Denn natürlich stehen sie bereits in Kontext zum „Freiheits- und Humanitätsdrang (ihres) Jahrhunderts“ (Meyers), der Sturm-und-Drang-Epoche ihrer alten und der Geburtsstunde der neuen Welt. Aber all das bestimmte erst die zweite Häfte des Jahrhunderts! Da war Brockes schon tot, lagen seine Texte und Ridinger’s Vorlagen längst fertig da! Wie an anderer Stelle belegt wurde, daß Ridinger’s einziges in Farben gedrucktes Schabkunstblatt (Schwerdt III, Tafel 214) zugleich das erste in Deutschland gefertigte war, seine samt zweier noch traditioneller Schlachten-Kupfer zum „Heldenmüthigen Alexander“ dem Kämpfe-Verdikt als Auftakt vorangegangene 1723er Zeichnung „Alexander der Große im Herbst 326 v. Chr. am Hyphasis in Pandschab“ David’s als erstes reflektierendes Historienbild gefeierten „Belisar“ von 1780/81 um sechzig Jahre vorwegnahm, so war er auch bezüglich der „Kämpfe“, gemeinsam mit Brockes, den in der Luft liegenden Strömungen seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Beider sich immerhin über mehrere Folgen erstreckenden Zusammmenarbeit nachzugehen, könnte namentlich für Ridinger weiteres Neuland erschließen. Es selbst im spektakulären und somit hier nun erstmals dokumentierten Ansatz der Kämpfe-Folge unterlassen zu haben, ist umso rügenswerter, als in der Sache nicht ohne Vorbild. So führte beispielsweise gegen Mitte des 16. Jahrhunderts die in den Niederlanden entbrannte Debatte über das soziale Auseinanderdriften der Gesellschaft den furchtlosen Publizisten und Gelehrten Dirk Coornhert mit dem Maler + Kupferstecher Maarten van Heemskerck zusammen, wobei ersterer
(Borggrefe aus vorgenanntem Obigen, SS. 140 f., Fettdruck nicht im Original).
(Dirk de Vos zu Compassio und Imitatio als Form , Form als Symbol in Rogier van der Weyden, 2002, S. 142).
Bilden die KÄMPFE REISSENDER THIERE solchermaßen das geistige und gesellschaftspolitische Credo eines gänzlich neuen Ridinger , so feiert Stubbe an Hand von Th. 722 dessen künstlerischen Zenit :
Da Stubbe an Hand des von Martin Elias gearbeiteten Kupfers, nicht der zeichnerischen Vorlage, urteilte, hat dieser vollen Anteil an dem, womit Stubbe hinsichtlich der von ihm für die Mitfünfziger angenommenen Par Force Jagd-Folge „Ridingers reife Stecherkunst“ umriß :
So bündeln die KÄMPFE REISSENDER THIERE eine erlesene Rarität , ein Credo zeithistorischen Zuschnitts + einen künstlerischen wie technischen Zenit , welch letzterer das Ridinger’sche Zusammenspiel neu beleuchtet . Als möglicherweise in Zusammenhang mit der Folge entstanden sieht Rainer Michaelis im Kritischen Bestandskatalog der „Deutschen Gemälde des 18. Jahrhunderts“ der Staatlichen Museen Berlin das dort 1985 aus altem Leipziger Familienbesitz erworbene faszinierende Öl „Raubtiere und gerissener Hirsch“ der lfdn. Kat.-Nr. 2272 (Bln. 2002, SS. 173 f. nebst Farbabb.), in felsigem Ambiente ein Löwen- und Tigerpaar im Kampf um die Beute zeigend. Sujetmäßig stehen deren weibliche Kontrahenten der „bey ihren Jungen von einem Bären überfallenen Löwin“ (Thienemann 718) nahe und das männliche Paar bedingt Th. 717, „Der Auer Ochs und der Tieger“, für beider zeichnerische Entstehung die 30er Jahre bis längstens 1747 angenommen werden, siehe oben.
(Señ. G. E., 19. December 2003)
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