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Nach 50 Jahren zurück am MarktDes Propheten DanielWunder in der Löwengrube
als symbolträchtiges Gleichnisfür das Volk IsraelRidinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). An dem in der Babylonischen Gefangenschaft der Juden aufgestiegenen, unter dem Perser Kyros I. von Neidern verleumdeten und der Löwengrube überantwortetem Daniel zeigt Jehovah, der Gott Israels, seine Macht und bringt den Hof auf der Empore zu ungläubigem Staunen. Lavierte Tuschpinselzeichnung in Graublau + Schwarz nebst Weißhöhung für Johann Daniel Herz I (1693 Augsburg 1754; ein „Kunstverleger mit Blick für Qualität“ [Rolf Biedermann, 1987], „[g]enannt seien besonders seine Blätter großen Formats“ [Thieme-Becker, 1923]). (1732.) Verlegerseits in Bister bezeichnet: Jo El. Riedinger (sic!) inv et del 1732. 837 x 533 mm + 32 x 20 mm zusätzliches Signaturfeld seitlich rechts unten. Provenienz Gräflich Faber-Castell deren Ridinger-Versteigerung 1958 mit deren Lot-Nr. 2 in Rot auf dem Untersatzkarton Eine der herausragendsten Ridinger – Zeichnungen – Das Exemplar Gräflich Faber-Castell – als spiegelbildliche Vorzeichnung zu dem von Johann Jacob Wangner („Iun.“, ca. 1703 Augsburg 1781; die zeitgenössischen Augsburger Künstler „lieferten ihm ebenfalls Zeichnungen zum Stiche“, Nagler) gestochenen und der Literatur erst 1910 durch das Exemplar der von Gutmann’schen Sammlung bekanntgewordenen, in seiner Wiedergabe gleichwohl offenbar weit hinter dem zeichnerischen Schmelz zurückbleibenden Blatte Schwarz 1440 (dessen Bildgröße bei etwas schmalerem Abschluß oben 793 x 557 [sic! oder Versehen?] mm gegenüber reiner Bildgröße hier von 820-822 x 507-509 mm). Die entgegen der Katalogisierung Faber-Castell (irrig zudem als 1737) nicht autograph signierte Arbeit zählt zu den größtformatigen des zeichnerischen Œuvre und folgt der Bibelüberlieferung Buch Daniel, Kap. 6 :
Wie dieser denn auch die ohnehin nicht mit Versklavung zu verwechselnde, die Juden gleichwohl mürbende Babylonische Gefangenschaft (597-537, also keine „70 Jahre“ wie Jeremia 25, Vers 11) seinem Volke zum Wohle gedeihen ließ, denn sie wurde
(Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., II [1888], 207). Unter letzterem Aspekt erweist sich denn auch das spektakuläre Löwengruben-Geschehen unabhängig seines tatsächlichen zeitlichen Ansatzes, siehe unten, als das bis auf den heutigen Tag fortwirkende Gleichnis von Jehovah’s schützender Hand über dem Volke Israel , dessen Thema einen Ridinger angesichts dessen 1723er Reflektions-Zeichnung zu Alexanders des Großen Umkehrbeschluß am indischen Hyphasis 326 v. Chr. umsomehr fascinieren mußte, als nach biblischer Lesart Daniel das mit Alexander zu identifizierende Großreich eines mächtigen Königs prophezeit hatte, welchem er zehn Jahre zuvor seinen Alexander-Zyklus – neben der Hyphasis-Zeichnung die seitens Jeremias Wolff Erben bzw. Herz I auch im Stich veröffentlichten Blätter der Belagerung von Halicarnassos und der Überquerung des Tigris – gewidmet, und welchem Thema er in den 30ern in Gemeinschaft mit Brockes mit den ersten vier Blättern der „Kämpfe reißender Thiere“ schließlich das Halali geblasen hatte. Aber auch rein formatmäßig steht sein imposantes Löwengruben-Blatt herrlichen Hochformates in Kontext zu jenen des Alexander-Zyklusses, von denen aber eben nur die beiden „heroischen“ anderwärts gestochen und veröffentlicht wurden, da zu jener Zeit noch nicht selbst in Kupfer arbeitend und verlegend. Gleichwohl blieb es auch beim späterem Löwengruben-Blatt bei solchem Procedere. All jenen „Fremdarbeiten“ gemein ihre exorbitante Seltenheit selbst noch im Stiche , wie denn auch für das Kupfer der „Löwengrube“ hier kein zweites Markt-Exemplar seit Schwarz (1910) nachweisbar ist. Gestochen fehlte es ausdrücklich also auch Gräflich Faber-Castell (1958). Die Wege der Vorzeichnungen wie der Platten waren – anders als die über Generationen von den Ridingers zusammengehaltenen und schließlich geordnet weitergegebenen Arbeiten – bestimmt von wechselnden Verlegerhänden bald früher, bald später und ihr Eingebettetsein in eine sich letztlich verlierende anonyme Mischproduktion. Ob solcher Vorgaben der Erhalt hiesiger Löwengruben-Zeichnung ein Ereignis absoluten Grades ist, dem der schon zu Zeiten Faber-Castells bei anschließender Verwahrung seitens lediglich einer sorgsamen Hand gegebene Erhaltungszustand nachzuordnen ist. So neben zwei als Abreibungen sichtbar gebliebenen geglätteten Horizontalfalten oben unterhalb der Empore und mittig unterhalb des Torbogens eine Vielzahl klein(st)er Abreibungen namentlich in den Randpartien, sodann, und hier bedingt auch störend, auf 2,5-3 cm Höhe im linken Blatteil oberhalb der Mittelfalte. Vom rückseitigem überwiegend nur stippenhaftem Stockfleckenbefall vorwiegend in der oberen Blatthälfte bildseits nur vereinzelte wenig größere durchscheinend, wahrnehmbar fast nur in der nur lavierten Freifläche zwischen Torbogen und Empore. Ganz vereinzelte kleine Randeinrisse hinterlegt. Gesamthaft die schlecht zu verwahrender Übergröße und höchster Seltenheit geschuldeten, gut und gern zu tolerierenden Runzeln der Jahrhunderte, überspielt von der bildhaften Großartigkeit der Komposition mit ihren, nicht zuletzt, 10 verschiedenen meisterhaften Löwen-Physiognomien (die des elften Löwen verdeckt). Und wie elitär einsam die überdies nur wenigen historischen Zeichnungen Ridingers aus dem noch immer beachlichen Gros seiner Tierzeichnungen herausragen , belegt ihr gänzliches Fehlen in nachfolgenden opulenten zeichnerischen Ridinger-Beständen : Weigel (1856, mit ca. 1849 Blatt – davon 17 Löwenblätter üblicher Art – umfangreichster Bestand, zurückgehend auf den 1832 von den Erben erworbenen zeichnerischen Nachlaß) – Coppenrath (1889/90, 66 Blatt) – Wawra (1890, 234 Blatt) . Erstmalige Marktpräsenz gelegentlich anstehender Löwengruben-Zeichnung denn 1958 bei Faber-Castell , mit weitem Abstand gefolgt von obiger gleichfalls hiesiger, Kunsthistorie schreibender Alexander-Zeichnung mit dem 326er Hyphasis-Geschehen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auch an Hans Möhle’s bereits 1947 gegebenen Hinweis, wonach „ die besondere Leistung des deutschen Barock auf dem Gebiet der Handzeichnung “ liege, worauf in neuerer Zeit Ruth Baljöhr wieder aufmerksam machte. Und so bleibt als résumé ein auch optisch großartiges Ridinger-Unikat voll ganzen zeichnerischen Könnens und adäquaten Inhalts kulturhistorisch größten Tiefgangs . Ruht doch das heutige Judentum auf eben jenen Säulen, die Früchte des, richtiger gesagt, Babylonischen Exils als Mitquelle auch der auf einem „denn er hatte seinem Gott vertraut“ basierenden Löwengruben-Manifestation sind. Denn, es sei wiederholt,
(Bryan S. Rennie , Westminster College, New Wilmington, PA, in seinem Internet-Beitrag [ca. 2005] „The Dating of the Book of Daniel“ – http://www.westminster.edu/staff/brennie/daniel.htm – bei Darlegung des sich als Nichtzeitgenosse erweisenden Autors der Überlieferung mit der Folge einer auch verwechselten Regierungsabfolge Kyros/Dareios, vor allem aber auch einer Zuweisung der Daniel-Geschichten in die Zeit des Seleukiden-Herrschers Babylons Antiochus’ IV. Epiphanes, der 167 v. Chr. den Tempel entweihte und zu dessen Zeit [176-163], die eben auch die Zeit des Autors des Buches Daniel sei, „Loyalität gegenüber den jüdischen Gesetzen und die Verweigerung der Anbetung anderer Götter – wie Ausgangspunkt des Löwengruben-Berichts – zur Frage von Leben und Tod wurde“). Womit sich der Bericht des Löwengruben-Ereignisses als eine Verknüpfung der religiösen Drangsalen zur Zeit des Antiochus mit den historischen Gestalten des Babylonischen Exils erweist. Denn für den um Daniel besorgten König kommt zwangsläufig nicht der Tempelschänder und Religionstyrann Antiochus in Betracht, sondern eben der Perser Kyros, der 539 König von Babylon wurde und 538 das schicksalwendende Kyros’sche Edikt (vgl. 2. Buch der Chroniken 36, Verse 22 f. bzw. Buch Esra 1, Verse 1-3) als ein „ entscheidendes Ereignis in der Geschichte der Religion Israel’s “ (Rennie) erließ, da schlußendlich den Hebräern die Rückkehr nach Israel erlaubend. Beide Fakten, Glaubensverfolgung unter Antiochus und königliche Hochherzigkeit unter Kyros, bilden den geistigen Gehalt des Löwengruben-Erlebnisses und dessen Botschaft, als auserwähltes Volk Gottes unter Jehovahs besonderem Schutze zu stehen , auch und gerade in den Löwengruben der Zeitläufte . Vgl. auch Rembrandts skizzenhafte Federzeichnung des Löwengruben-Ereignisses in Amsterdam (Kat. der ndrl. Zeichnungen des Rijksmuseums, Bd. I, Rembrandt en zijn School, 1942, Nr. 64 nebst Taf. 47) und die Zeichnung gleichen Themas seines Schülers Constantijn de Renesse in Rotterdam von „1652“, recte 1649 (Giltaij, The Drawings by Rembrandt and his School in the Museum Boymans-van Beuningen, 1988, 130 nebst [Farb-]Abb. SS. 243 + 257). Indessen findet sich für das von Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., Bd. XIV (1889), 1045 für die kaiserl. Galerie in Wien angeführte Löwengruben-Bild Frans Snyders‘ kein Hinweis bei Robels (1989). Für die hiesige Ausführung in Blau-Grau siehe Vredeman de Vries‘ 1574er blau aquarellierte Federzeichnung „Daniel und König Cyrus im Tempel von Bel“ in Wien (Ausst.-Kat. Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden, 2002, Nr. 130 nebst Farbabb.), entstanden möglicherweise in Kontext zu seinen vier Daniel-Vorlagen zu Radierungen des 1579er Thesaurus biblicus bei de Jode (Kat.-Nr. 131). Wie sich denn generell die apokryphen Episoden Daniel’s der Aufmerksamkeit der Alten Meister erfreuten. So haben wir Rembrandt’s 1633er Öl vom besagten gemeinsamen Tempelbesuch (Gerson, Gemälde Rembrandts, 1968, Nr. 59 nebst Abb.). Und zu Daniel 14, 4-22, beispielsweise, erschien eine gestochene Folge nach Maarten van Heemskerck 1565 bei Hieronymus Cock. Ridinger’s anstehende fulminante Zeichnung steht solchermaßen in alter und großer Tradition . Angebots-Nr. 14.859 / Preis auf Anfrage
(Sign. L. B., December 10, 2005) |