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„ Was nicht durch die Phantasie umgestaltet wird ,bleibt Abklatsch “Rubens–Urständ bei RidingerRidinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Vos estis Lux Mundi Matth. 5. V. 14. Dicht beieinander stehende Vierergruppe je eines Papstes + Kardinals sowie zweier Bischöfe, davon der vordere mit Krummstab, in Dreiviertelfigur, der Auslegung des Kardinals von „Narrantes carmina scripturarum Eceti. 44. V. 5“ lauschend, wie in dem von ihm gehaltenen Buch auf auch vom Papst umfaßter aufgeschlagener Seite zu lesen. In Rahmenfassung mit blumenumwundenem gerundeten Oberteil nebst Muschel-Kartusche mit Titel als Mittelstück. Schabkunstblatt nach Details zweier Öle von Peter Paul Rubens (Siegen 1577 – Antwerpen 1640). Bezeichnet: Rubens pinx. / Ioh. Elias Ridinger excud. Aug. Vind., ansonsten wie vor. 55,4 cm Blatthöhe x 47,4 cm Plattenbreite. Provenienz Gräflich Faber-Castell deren Ridinger-Versteigerung 1958 mit deren Lot-Nr. 116 in Rot auf dem Untersatzkarton Radulf Graf zu Castell-Rüdenhausen (1922-2004) Thienemann 1289; Gräflich Faber-Castell 116 („Selten“, 1958); Rosenberg, Rubens, 2. Aufl. (1906), 230 + 288 (Fehlpag. 228) nebst Abbildungen. Nicht bei Weigel, Kunstlager-Catalog I-XXVIII (1838/57) , Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX (1885) , Slg. Coppenrath (1889 f.) , Reich auf Biehla (1894) , Helbing XXXIV (Arbeiten von J. E. und M. E. Ridinger; 1900) , Schwarz (1910) , Rosenthal, Ridinger-Liste 126 (1940) . Das hier seit Thienemann (1856) einzige nachweisbare Exemplar
nach seiner 47jährigen Marktferne hier vor Anker gegangen mit allen Merkmalen 250jährigen Durchfahrens der Wellenkämme der Zeit. So denn mit namentlich vertikal sichtbarer sowie horizontaler Falte, indes die die Blumengirlande im oberen Bildabschluß durchziehende horizontale kaum auffallend und solchermaßen auf dickem wolkigen Papier altmontiert. Zweiseits mit 5-9 mm Rändchen, rechts auf Plattenkante geschnitten und unten unterhalb der Signaturen und der oberen Einfassung der dortigen Muschel-Kartusche unter etwa 6-8 cm Verlust der für Eintragungen individueller Natur gedachten, gleichwohl bei den erhaltenen Exemplaren in der Regel leergebliebenen – und hier denn offenbar als bildentbehrlich empfundenen – Schrifttafel. Der an sich sehr schöne Druck selbst stippenhaft berieben bei kleiner Papierabschabung ohne Buchstabenverlust innerhalb der Titelkartusche sowie einige haarrißfeine geglättete Fältchen und kleine Randeinrisse. Alles in allem nahe einer Ruine, gewiß, doch ebenso gewiß, daß Ruinen vielfach sehr reizvoller Betrachtung sicher sein dürfen. Ganz so wie anstehendenfalls der bildhafte Charme dieses sympathischen Sujets mit dem Ridinger nach Bezogenheiten etwa auf Watteau, Roelant Savery, Jacob van Ruisdael ein weiteres Mal seine – hier ausgesprochen geistvolle – Könnerschaft zeigt, sich Einflüssen zu bedienen, die gleich Fürsten- und Adelsgeschlechter eben auch die Kunst durchziehen, wie schon Goethe fürs eigene Werk bekennend. Hier denn nach Rubens . Doch während Thienemann – „Die Idee von Rubens’ Gemälde entnommen“ – nur an eine Vorgabe dachte, sind es zumindest deren zwei. Am augenfälligsten inspiriert von der rechten Bildhälfte dessen „Die Taufe Konstantins“ (Rosenberg 230), vorgenommen seitens des Papstes, dem zwei Bischöfe und ein Kardinal zur Seite stehen, davon letzterer im zweiten Glied, wie einer der beiden Bischöfe bei Ridinger. Thematisch und kompositionell gleichwohl noch näherstehender die Sechsergruppe „Die Verteidiger des Abendmahls“ (Rosenberg 288), innerhalb derer der Kardinal zwar zur Rechten separiert steht vom linksseitigen Papst nebst den beiden Bischöfen, doch ebenfalls in aufgeschlagenem Buche liest. Und Ridinger’s Einfassung seiner Vierergruppe in oben gerundetem und drapiertem Rahmen mit Muschel-Mittelstück entspricht ganz der Komposition Rubens’, der seine Scenerie wie auf einer Bühne arrangiert, beidseits betont begrenzt von je zwei Säulen, oben innerhalb von Kopfarchitektur vorhangartig gerundet und einschließlich Früchten verschiedenfältig drapiert mit großem Muschelstück als Aufsatz. Und wenngleich Ridinger seine Heiligen-Blätter bestimmungsgmäß nach unten ziemlich generell mit unterschiedlich breiter Schrifttafel nebst Muschelstück abschließt, so kommt anstehendenfalls dieser – hier abgeschnittene – Abschluß jenem bei Rubens sehr nahe, der den Bühnencharakter seiner Komposition nach vorn/unten mittels von Dekorationsstück unterbrochenem Mauerwerk unterstreicht. „ Was nicht durch die Phantasie umgestaltet wird – notiert Otto Modersohn 1897 in seinem Tagebuch – , bleibt Abklatsch “ (zitiert nach Katalog Ausstellung Fischerhude, 1978, Seite 347). Hier denn Ridinger’s gänzlich autonome, unter das schöne Wort aus der Bergpredigt „Ihr seid das Licht der Welt“ gestellte Komposition, gedanklich entnommen zwei Werken des Rubens. Und solchermaßen von zusätzlichem Dokumentationswert bei – für Ridinger wie für Rubens – zugleich hohem Seltenheitsrang.
(Seiten VIII + 270. An welcher Situation auch etwaige Neuauflagen wenig zu ändern vermochten, da die sich technisch bedingt extrem schnell abnutzende Schabplatte nach Urteil des Praktikers Sandrart (1675) nur 50-60 gute Abdrucke ermöglicht.
(Mr. J. R. L., June 11, 2004) |