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„ Das programmatische Schabkunstblatt “(Gode Krämer)Ridinger — Bergmüller, Johann Georg (Türkheim, Schwaben, 1688 – Augsburg 1762). IOH. ELIAS RIDINGER / Pictor et Scalptor (sic!) Augustanus / solertissimus Naturae Indag(ator) / ejusque in Animalium praeser(tim) / Delineatione Æmulator / felicissimus / natus Vlmae Suevorum / d. XVI. Febr. A.S. MDCXCVIII / Ars Artifici(s) Amic(us). Kniestück, sitzend, mit Pinseln + Palette als von der zur Rechten sitzenden Diana gehaltenes Medaillon in Staffelei-Spiegel, vor dem künstlerischen Auge einen kapitalen Hirsch schon auf der Leinwand sehend wie er als nebst Keiler von Diana erlegt unterhalb eines Postaments liegt. Auf letzterem sitzend und dem Meister vertraulich zugewandt ein behaubter Falke nebst seitlichem gebeizten Reiher sowie erlegter Wildgans. Und Mitte unten natürlich ein Ridinger-Hund. Das Ganze vor waldigem Hintergrund. Schabkunstblatt von Johann Jacob Haid (Kleineislingen 1704 – Augsburg 1767). Bezeichnet: I. G. Bergmüller invent. / I. Iac. Haid ad vivum pinx. fecit et excud. A. V., ansonsten wie vor. 39,7 x 26,7 cm. Thienemann XX, 2; Schwarz, Porträts, 3 + Abb.; Le Blanc 94; Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX, 2057 ( „Geschätztes schönes Blatt … Selten“, 1885 ! ); Reich auf Biehla 2 (1894); Helbing XXXIV (1900), 2; Slg. Schoeller 523 ( „Sehr schönes Schabkunstblatt … Selten“, 1921 ); Schwerdt III (1928), 133; Kataloge Ausstellungen Ridinger: Augsburg (1967) 81 + Abb. 1 sowie 82; Kielce (1997) 1 + Frontisp.; Darmstadt (1999) I.2 + Abb. – Niemeyer, Die Vanitas-Symbolik bei Joh. El. R. in L’Art Macabre 2 (2001), 94 ff. Nicht in Slg. Coppenrath (1889/90) + bei Rosenthal (1940). Das reiche schöne Bildnis
des früheren Schülers Haid der ab 1726 noch einige Jahre als Geselle bei Ridinger verblieb und 1744 die malerische Version (Lwd., 66 x 48 cm, Kunstsammlungen Augsburg, Inv.-Nr. 8610) schuf, die dann Bergmüller samt des Kopfes eines Jagdhundes aus einer Ridinger-Zeichnung von 1728 als Vorlage diente, die dann wiederum Haid aufs Kupfer übertrug, welch doppelte Haid’sche Urheberschaft zusätzlich zu dessen jahrelanger Nähe zum Meister dem Blatte seinen besonderen originären Rang sichert. Der hier im Staffelei-Spiegel als vorerst noch nur geistige Vision nur in Umrissen skizzierte Hirschkopf ist im Öl schon fertig ausgeführt. Bergmüller’s diesbezügliche rückwärts gerichtete Ausführung sicher nicht zufälliger Natur, vielmehr, konform auch zum Gesichtsausdruck des Künstlers, den Schöpfungsprozeß verdeutlichend. Erinnert sei interessehalber im übrigen an das gleichfalls von Haid nach Bergmüller geschabte gleichartig aufgebaute Porträt des Malers und Radierers Joachim Franz Beich. Und an den Gemeinschafts-Nachruf der Augsburger Presse vom 29. Dezember 1767 auf Ridinger + Haid („Unsere Stadt und das ganze gelehrte Deutschland hat vor einiger Zeit 2 berühmte Künstler verlohren; Hr. Joh. Ridinger … und Herr Joh. Jac. Haid … “ Wobei des letzteren Ridinger-Bild sichtbar über dessen Untertext hinausgeht, der in Thienemann’s Übersetzung wie folgt wiederholt sei:
Denn zugleich verleiht
(Stefan Morét in Katalog Darmstadt). Was Morét von der Tierstaffage ableitet, wird bei späterer Weiterentwicklung dieses Bildnisses auf Ridinger unmittelbar ausgedehnt. Denn die von Sebastian Walch von der überarbeiteten Platte, so Stillfried und Schwarz (Thienemann, Nachtrag 3, S. 1 f. + Schwarz I, XX, 4), geschaffene Variante läßt bei gleichzeitiger Gesichtsalterung Diana und das landschaftliche Beiwerk außerhalb des Medaillons fort und den ohnehin schon auf einem Postament ruhenden Spiegel auch noch in Mauerwerk ein, womit er dem Bildnis selbst Sepulkralcharakter verleiht. Und noch zu Lebzeiten Ridinger’s entstand hieraus das verkleinerte anonyme Brustbild (Th.-St. S. 2; Kat. Darmstadt I.1 + Abb.), dem nunmehr außer dem Postament alles genommen ist: also auch Palette und Staffelei innerhalb des Medaillons/Spiegels. Anstatt in Mauerwerk ist es in einen schweren Vorhang mit Quaste eingelassen. Diese von mehreren Händen vorgenommene reduzierende Fortentwicklung von reichsten Bildinhalten zum nackten Kern von nur noch Porträt, Vorhang und Postament belegt auf selten einzigartige Weise die gelegentlich des Selbstbildnisses Th. XXI, 3 zum Vorhang(-Fenster)-Aspekt vorgetragenen Gedankengänge. Wie diese Versatzstücke aus Grabmal- oder Denkmalkunst direkt zu der Söhne postume Titelblätter zu den Wundersamsten (Th. 242; Schwarz I, Tafel XII) und zum Kolorierten Thier-Reich (Th. 974; Schwarz I, Tafel XXX) als „graphischer Denkmäler für den Vater“ (Morét) führen. Womit das Haid-Bergmüller’sche Ridinger-Bild gleichwohl noch nicht ausgelotet ist. Noch Palette + Pinsel in ihrer hiesigen schönen Harmlosigkeit führen zum tieferen Kern des Selbstverständnisses des Meister’s. Vorab zum programmatischen Eigen-Exlibris (Schwarz 1569 + Bd. I, Frontispiz) mit der sein absolutes, von den ökonomischen Zwängen des Alltags gleichwohl verwässertes Lebensbedürfnis ausdrückenden Steininschrift (!) „Nulla dies sine linea – Kein Tag ohne Pinselstrich“, einem Bekenntnis, das auch in der verworfenen, hier 1998 erstmals aufgelegten Kupferarbeit der „Hippokrene“ seinen Niederschlag fand. Sodann zur Wiederbegegnung mit Palette, Pinseln und der im herkömmlichen Werk immer wieder aufscheinenden großen Steintafel im schaurig-großartigen Finale, der „Herrschaft des Todes“ (Th.-St. 1427; Abb. Niemeyer, a. a. O., S. 105) als mittels des „del(ineavit).“ ausdrücklich bestätigter Eigenarbeit)! Das Malergerät nunmehr inmitten des Gerümpels! Der Schritt hinaus über das Berliner „Selbstbildnis mit Tod“ (Kat. Darmstadt I.5 + [Farb-]Abbildungen)! Als ein Gleichklang mit Hogarth, der sein grafisches Œuvre mit dem Blatte der Sterbenden Zeit („Tail Piece, or The Bathos“) vom April 1764, also sechs Monate vor seinem Tode, abschloß. Wie der im späten „Selbstbildnis im Arbeitszimmer“ mitbestimmend eingesetzte schwere Vorhang als seit dem Mittelalter eines Trägers des Geheimen und Verborgenen bis in die Frühzeit, in das Titelblatt zur 1722er Reitschule rückbelegbar ist, so hier denn die Malutensilien. Beides auf ersten Blick hin Repoussoirs selbstverständlichster Art. Doch mit welch einem Tiefgang bei näherer Nachschau! Herrlicher Druck dieses allein optisch schon so großartigen Blattes mit seitlich 2 , oben + unten 2,5 cm breitem Rand wie für die im übrigen nur kleinste befriedigende Auflagen gewährende samtene Schabkunst (Sandrart 1675: „50 oder 60 … saubere Abdrucke“) eigens erwähnenswert. – Bildseits nur partiell leicht sichtbare schwache Querfalte auf Höhe Podest-Unterbereich. Der weiße Rand ein wenig angeschmuddelt.
(Herr W. S., 29. August 2002)
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