English

Dédié
Johann Georg Wille
Dieses machte dem Herrn Zingg zum Angedenken sein freund J. G. Wille in Paris den 26 merz 1766

à Monsieur Wille
Graveur du Roi

5. April 2018
Johann Georg Wille
Biebertal bei Gießen 1715 – Paris 1808
zum 210. Todestag

» (H)eimlicher Vertreter deutscher Kultur in Frankreich «

» Eine Sondergruppe unter (den) Parisdeutschen bildeten die Künstler und Kupferstecher, und unter diesen ist besonders die zentrale Figur Johann Georg Willes zu nennen, dessen Bedeutung als Vermittler zwischen deutscher und französischer Kultur im 18. Jahrhundert weit über die soziale Gruppe der Künstler und Stecher hinausreicht …

» (Sein Tagebuch) enthält … unter anderem eine präzise Chronik der deutschen Parisreisenden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Denn kaum einer der Deutschen wollte darauf verzichten, den alsbald zu Berühmtheit gelangten deutschen Kupferstecher in seinem Hause am Quai des Augustins aufzusuchen … Dabei war sein Haus zu einer Art Kulturinstitut, einer Informations- und Vermittlungszentrale für deutsche Künstler geworden. Bekannte Kupferstecher aus deutschsprachigen Ländern, die später Karriere machten … hatten bei Wille ihre Ausbildung abgeschlossen und in Paris in seinem Haus gelebt. Für solche Schüler war er zu einem künstlerischen Vater geworden, dessen Ruhm sie dann in Europa verbreiteten …

» J. G. Wille war ein leidenschaftlicher Briefschreiber … Wille befand sich in der Tat im Zentrum eines weitverzweigten Kommunikationsnetzes, durch welches er ästhetische, politische oder wirtschaftliche Mitteilungen umlaufen ließ …

» (N)ebenbei baute sich Wille selbst eine bedeutende eigene Sammlung auf … der Schwerpunkt (lag) wiederum bei den Niederländern des 17. und 18. Jahrhunderts und natürlich bei deutschen Künstlern … Gerade für das Gebiet der Landschaftszeichnungen läßt sich feststellen, daß er einer der Pioniere war, die sich für den Aufschwung und die wachsende Beliebtheit dieses künstlerischen Mediums … erfolgreich eingesetzt haben …

» … die Landschaftskunst (verkörperte) die Gattung, in der sich die künstlerischen Ambitionen frei entfalten konnten … Wille selbst hatte an den Landschaften in der Pariser Umgebung Gefallen gefunden und ging mit seinen Schülern oft in die Gegend südlich und westlich von Paris, um nach der Natur zu zeichnen … diese regelmäßigen Exkursionen (waren) ein wesentlicher Bestandteil des in seiner Schule erteilten Unterrichts …

» Kunsthistorisch bedeutsam wurden insbesondere seine deutschen Schüler, welche die in Frankreich ausgebildeten Kunstauffassungen wieder nach Deutschland verpflanzten und dort produktiv umsetzten, indem sie einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung einer spezifisch ›deutschen‹, romantischen Naturdarstellung leisteten «

(Décultot et al. [Hrsg.], Joh. Gg. Wille, Briefwechsel, 1999, SS. 1, 6, 13 f., 33, 35 + 40).

Schon 50 Jahre zuvor hatten Thieme-Becker gleichfalls auf dieses »europäische Netz von Verbindungen« hingewiesen:

» Die Beziehung zur deutschen Heimat hat W. zeitlebens aufrecht erhalten. Wie die deutschen Reisenden in Paris (neben Fürsten u. Aristokraten auch Künstler u. Gelehrte wie Mengs, Gluck, Herder) nicht versäumten, sein Atelier aufzusuchen, so

unterhielt er auch einen deutschen Briefwechsel

… der sein Interesse an deutscher Literatur bezeugt. Er tauschte mit Wieland u. Klopstock seine Stiche gegen Bücher; seine Schätzung Goethes wurde durch das Lob der ›Väterlichen Ermahnung‹ in den ›Wahlverwandtschaften‹ … erwidert … W.s in französ. Sprache von 1759 bis 1793 … geführtes ›Journal‹ … registriert … auch Korrespondenzen … «

(Thieme-Becker XXXVI [1947], 11 f.).

Dédié à Monsieur Wille
Franz Edmund Weirotter, Suite de Paysages I
Suite de Paysages
voll herrlicher Atmosphäre

Franz Edmund Weirotter (Innsbruck 1733 – Wien 1771). Suite de Paysages. Land- und Flußstücke während verschiedener Jahreszeiten mit dominierenden Anwesen, auch ganzen Orten, teils reichst bevölkert mit Figurinen zu Wasser + zu Lande. Folge von 12 Radierungen auf 4 Blatt. Titel-Radierung bezeichnet: Dessinés d’après Nature, et gravés par Fr. E. Weirotter., ansonsten wie vor +

Dédié à Monsieur Wille,
Graveur du Roi, de l’Academie Royale de Peinture et de Sculpture, et Membre de l’Academie Royale des Sciences, Belles Lettres et Arts de Rouen.
Par son tres humble serviteur Weirotter.

9,6-11,9 × 18,2-19,6 cm (3¾-4¾ × 7⅛-7¾ in). – Nagler 19.

Eine der schönsten Weirotter-Folgen,

Franz Edmund Weirotter, Suite de Paysages V

gewidmet seinem Lehrer Johann Georg Wille.

Die Landschaftsradierung erlebte mit Weirotter einen schönen Höhepunkt und Schmutzer, seinerzeitiger Direktor der Wiener Akademie, empfahl Maria Theresia 1766 die Berufung des noch jungen Künstlers an die Akademie, damit er dort das Landschaftsfach übernehmen könne. Laut Schmutzers Bericht an die Kaiserin verdiente der Mittdreißiger

» mit seinen geätzten Landschaften ,

welche in England , Holland und Deutschland gerne gekauft würden ,

jährlich 4-5000 fl. «.

Der Berufungsvorschlag wurde vom Staatsrat umgehend angenommen, da Weirotter sonst »bereits einen Ruf nach Sachsen in Händen habe«. Bei seinem allzu frühen Tode jedoch fand »sein gesamter künstlerischer Nachlaß in Wien keine Abnehmer; er ging nach Paris. Kenner und Freunde seiner Blätter

mußten die Abdrücke einzelner Blätter theuer bezahlen …

Franz Edmund Weirotter, Suite de Paysages VII

Als Radierer zählt Weirotter zu den hervorragendsten Künstlern … «

(ADB XLI [1896], 520 f.),

wobei er »auf den beiden ihm (in Wien) zugewiesenen Gebieten, der Landschaftszeichnung und der Radirung, eine wahrhaft staunenswerte Tätigkeit entwickelt

u. Impulse gegeben (hat) , die heute noch fortwirken «

(Thieme-Becker XXXV [1942], 309, Carl von Lützow zitierend).

Franz Edmund Weirotter, Suite de Paysages XIII

Sein ganzes Können spiegeln die Arbeiten nach eigener Vorlage wider (wie denn auch hier). Seine Hochschätzung bei den Zeitgenossen ergeben

Briefe von und an Wille

als dem in Paris residierenden deutschen Kunstpapst. So Winckelmann gelegentlich Weirotters Aufenthalt in Rom »Herr Weirotter hat mir … ein Geschenk mit eigenen Arbeiten gemacht, die ich zu den besten in der Art rechne … Dieser junge Künstler wird seinem Vaterlande Ehre machen«. Und in Rückblick auf den vorangegangenen

Pariser Ausbildungsaufenthalt bei Wille (1759/63)

dieser an Hagedorn in Dresden »Er ist so fertig im Zeichnen geworden, daß seine Zeichnungen weit leichter als seine Gemälde aussehen«. Und als Sammler der Leipziger Bankier Gottfried Winckler »Ich zweifle nicht, daß uns H(err).

Weirotter nach der Italienischen Reise wird vil schönes liefern «.

(Décultot et al., a. a. O., SS. 314, 316, 318, jeweils aus 1764).

Franz Edmund Weirotter, Suite de Paysages VI

» Weirotter – so Gerson, Ausbreitung und Nachwirkung der holländischen Malerei des 17. Jhdts., 2. Aufl., 1983, S. 338 – arbeitete auch nach P. Molijn, Jan van Goyen, Aert van der Neer – und Dietricy.

Franz Edmund Weirotter, Suite de Paysages X

Seine eigenen Erfindungen sind entsprechend holländisch . «

Franz Edmund Weirotter, Suite de Paysages XI

Die unendliche Poesie des platten Landes einfangend ,

ist eine intime Hängung sowohl als 4er (mit Zwischenstegen unter Passepartouts) als auch 12er-Serie gegeben. Sehr schön auch für Täfelungen oder Glastüren .

Angebots-Nr. 29.049 / Preis auf Anfrage

Franz Edmund Weirotter, Vues de la Normandie I

» AParis chés Wille Graveur du Roi «

Franz Edmund Weirotter (Innsbruck 1733 – Wien 1771). Vues de la Normandie. Folge von 10 (statt 12) Landschafts-Radierungen + Aquatinten (2). Bezeichnet: dessiné d’après Nature / et Gravé par F. E. Weirotter /

AParis chés Wille Graveur du Roi Quay des Augustins.
Par son très Humble et très Obéissant Serviteur Weirotter

(Bl. 1) bzw. F. E. Weirotter fecit. Ca. 15 × 21 cm (5⅞ × 8¼ in).

Nagler 12. – Ohne die Blätter 11 + 12, doch nicht störend. – Mit der Dedikation an M. Brillon Duperon, Ecuyer, und der Adresse Johann Georg Willes.

Franz Edmund Weirotter, Vue de la Normandie 6

Schöne Küstenlandschafts-Szenerien , angereichert mit den bei ihrer Beschäftigung beobachteten Fischern und Landleuten.

Die Landschaftsradierung erlebte mit Weirotter einen schönen Höhepunkt und Schmutzer, seinerzeitiger Direktor der Wiener Akademie, empfahl Maria Theresia 1766 die Berufung des noch jungen Künstlers an die Akademie, damit er dort das Landschaftsfach übernehmen könne. Laut Schmutzers Bericht an die Kaiserin verdiente der Mittdreißiger

» mit seinen geätzten Landschaften ,

welche in England , Holland und Deutschland gerne gekauft würden ,

jährlich 4-5000 fl. «.

Der Berufungsvorschlag wurde vom Staatsrat umgehend angenommen, da Weirotter sonst »bereits einen Ruf nach Sachsen in Händen habe«. Bei seinem allzu frühen Tode jedoch fand »sein gesamter künstlerischer Nachlaß in Wien keine Abnehmer; er ging nach Paris. Kenner und Freunde seiner Blätter

mußten die Abdrücke einzelner Blätter theuer bezahlen …

Franz Edmund Weirotter, Vues de la Normandie IX

Als Radierer zählt Weirotter zu den hervorragendsten Künstlern … «

(ADB XLI [1896], 520 f.),

wobei er »auf den beiden ihm (in Wien) zugewiesenen Gebieten, der Landschaftszeichnung und der Radirung, eine wahrhaft staunenswerte Tätigkeit entwickelt

u. Impulse gegeben (hat) , die heute noch fortwirken «

(Thieme-Becker XXXV [1942], 309, Carl von Lützow zitierend).

Sein ganzes Können spiegeln die Arbeiten nach eigener Vorlage wider (wie denn auch hier). Seine Hochschätzung bei den Zeitgenossen ergeben

Briefe von und an Wille

als dem in Paris residierenden deutschen Kunstpapst. So Winckelmann gelegentlich Weirotters Aufenthalt in Rom »Herr Weirotter hat mir … ein Geschenk mit eigenen Arbeiten gemacht,

Franz Edmund Weirotter, Vues de la Normandie III

die ich zu den besten in der Art rechne

… Dieser junge Künstler wird seinem Vaterlande Ehre machen«. Und in Rückblick auf den vorangegangenen

Pariser Ausbildungsaufenthalt bei Wille (1759/63)

dieser an Hagedorn in Dresden »Er ist so fertig im Zeichnen geworden, daß seine Zeichnungen weit leichter als seine Gemälde aussehen«. Und als Sammler der Leipziger Bankier Gottfried Winckler »Ich zweifle nicht, daß uns H(err).

Weirotter nach der Italienischen Reise wird vil schönes liefern «.

(Décultot et al., a. a. O., SS. 314, 316, 318, jeweils aus 1764).

» Weirotter – so Gerson, Ausbreitung und Nachwirkung der holländischen Malerei des 17. Jhdts., 2. Aufl., 1983, S. 338 – arbeitete auch nach P. Molijn, Jan van Goyen, Aert van der Neer – und Dietricy.

Franz Edmund Weirotter, Vues de la Normandie IV

Seine eigenen Erfindungen sind entsprechend holländisch . «

Angebots-Nr. 15.452 / EUR  1200. / export price EUR  1140. (c. US$ 1378.) + Versand

» à Monsieur ,
Johann Elias Ridinger, Brief an Johann Georg Wille
Monsieur J: George Wille ,
Graveur du Roy «

Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Eigenh. Brief m. Unterschrift an Johann Georg Wille in Paris. Augsburg 21. Juni 1765. Bister. 230 × 186 mm (9 × 7⅜ in). 3 Seiten zuzgl. Anschriftseite auf Doppelbogen.

Provenienz

Theodor Oswald Weigel

Leipzig 1812 – Hosterwitz/Pillnitz 1881

E. + R. Kistner, Nürnberg

Hans Dedi

Basel 1918 – Fürth 2016

Feingeripptes Büttenpapier entsprechend den von Ridinger für die späten illuminierten Folgen der Hauptfarben der Pferde und des Kolorierten Thier=Reichs verwandten holländischen Papieren mit Wasserzeichen Gekrönter Schild mit Posthorn an Schnur nach heraldisch rechts und darunterhängendem Bienenkorb, darunter zweikonturig „C & I Honig“ (vgl. Heawood 2747 f. [? Holland after 1727 bzw. England] und Wasserzeichenkatalog SLUB Dresden, W-DI-854 [1744; ohne Abb.]).

Fehlend in Décultot, Espagne, Werner (Hrsg.), Johann Georg Wille, Briefwechsel, Tübingen 1999, denen aus wohl zwanzig Jahren anhaltender Korrespondenz lediglich vier Briefe zuzüglich eines der Söhne bekannt geworden sind.

Ridinger-Autographe sind generell von großer Seltenheit .

So lassen sich hiesigerseits neben anstehendem lediglich drei Briefe Ridingers am Markt nachweisen, von denen einer Mitte der 50er in öffentliche Sammlung ging (Décultot 8), während die beiden anderen – eine wegen Änderung der Reiseroute des Überbringers offenbar verzögerte Zahlung betreffend – Anfang der 80er im deutschen Handel figurierten, deren einer erneut nochmal Anfang der 2000er.

Die dreiseitige Ausführung mit der Anschrift auf der vierten in Einklang mit dem generellen Befund (Décultot et al., S. 14):

„ Die durchschnittliche Brieflänge betrug vier Seiten, wobei die vierte Seite oft als Kuvert diente. “

Am Oberrand letzterer rotes Siegel mit Portraitbüste nach links als hier bislang

Johann Elias Ridinger, Siegel

nicht nachgewiesene Eigenbild-Marke Ridingers

auf der Anschriftenseite (15 × 20 mm [⅝ × ¾ in]) mit korrespondierendem halbgroßen Ausriß am Unterrand. – Innerhalb der Anschrift schwacher Stempel „d’ALLEMAGNE“. – Jeweils zwei geglättete Längs- und Querfalten der ursprünglichen Brieffaltung. – An der weißen Bugfalte der ersten Seite oben und unten schmaler Klebstreifenrest, rückseits auf der Anschriftseite ebda. Spuren bzw. Reste eines braunen Klebestreifens, der schwach auf den weißen Rand von S. 3 durchlägt.

Flüssig und gut lesbar geschriebener, auch vereinzelte Streichungen aufweisender, ebenso

inhalts- wie umfangreicher Altersbrief Ridingers

als möglicherweise zugleich letztem an den seit 1736 in Paris ansässigen Johann Georg Wille.

Die Verbindung Ridingers zu Wille bestand seit spätestens 1746. So gehört denn auch Ridingers Brief vom 12. Feb. 1747, in dem er Bezug nimmt sowohl auf einen Brief Willes vom 3. Jan. ds. Js. als auch einen früheren eigenen, zu den allerfrühesten bei Décultot et al. überhaupt. Und obwohl Décultot nur drei weitere aus den Jahren 1748, 1761 + 1762 bekannt geworden sind, muß die Verbindung regelmäßiger und enger gewesen sein, wie auch Verweise auf Früheres erkennen lassen. Und unmittelbar nach Ableben des Vaters schreiben die Söhne Martin Elias und Johann Jacob bereits am 12. April 1767 an Wille:

„ … ich weiß wie viele Achtung Sie für den Teuschen aufrichtigen Ridinger … getragen haben … verbindet mich Dero schätzbahre Gunst und Geneigtheit so Selbige für meinen herrn Vatter getragen, es Ihnen so bald zu überschreiben … “

(Décultot et al., a. a. O., 394 f.). Wille erwiderte denn auch umgehend am 20. April.

Johann Elias Ridinger, Eigenh. Brief an Johann Georg Wille

Hier nun im Vergleich zu Willes Wahlheimat Frankreich von besonderem Interesse Ridingers eingeschobene

Bemerkungen zum Stand der Künste in Deutschland:

„ Gewiss es fehlet unseren wackeren Deutschen zumal der Noblesse nicht an Verstand und willen wohl aber an dem Genie wegen ermanglung der Leuthe so sie in früher jugend zu einer gründlichen einsicht der Kunst anführen könten, da es fehlet dem grösten theil derselben das sie selbst nichts davon wissen …

„ Sie haben also eine glückliche wahl getroffen

das Sie in einem Lande zu leben sich entschlossen darinn in disem Punkt eine weit grössere Heiterkeit herschet. doch es ist nichts weiters zu thun als das jeder mit seinen Schicksalen die ihme die vorsehung bestimt zu frieden seÿe. “

» Leute von armseliger Einsicht

können allein behaupten ,

daß die Künste nur zur Anmuth und dem Zeitvertreibe da wären .

Wir kennen Nationen ,

bey denen dieses kein Mensch fast mehr

zu behaupten sich gelüstet «

Johann Georg Wille

an

Christian Ludwig von Hagedorn ,

8. Februar 1764 ,

zitiert nach Décultot et al. (Hrsg.), Joh. Gg. Wille, Briefwechsel, Seite 315

Außerordentlich aufschlußreich für Ridingers Werk wie Charakter

schließlich die Passage zu der von dem Freund, Mezzotintokünstler und Künstlerbiographen Georg Christoph Kilian (1709 Augsburg 1781) verfaßten und ohne Wissen und Zustimmung Ridingers offenbar abschriftlich an Wille gesandten Biographie:

„ beÿ der erwähnung Mr. Kilian als meinem Guthen Freunde muss ich ich im vertrauen mich über ihne in etwas beschwehren da er meine Lebens um Stände wie ich glaube aus recht guther meinung aber ohne mein wissen an Sie gesant, ich aber sie in manchen dingen als ich sie durch gelesen allzuviel übertrieben gefunden so ersuch ich Sie ohne meine correction nicht von handen kommen zu lassen, bis von mir das übertriebene ausgemustert worden dise Gefæligkeit bitte ich mir von Ihnen als meinem besten u: wahren Freunde ergebenst aus, und Sie werden mir darunter besonderen Favor erweisen wan(n) Sie es in geheim beÿ sich ligen lassen. “

So findet sich denn auch am Rande einer mit dem Zeichnungsnachlaß in den Besitz von Rudolf Weigel in Leipzig gelangten weiteren Abschrift dieser Biographie Ridingers von den Söhnen bei Abdruck im Vorspann zum Kolorierten Thier-Reich indes nur teilweise befolgte Anmerkung von November 1764

„ dise passage mag gantz weg bleiben , weil sie vor mich viel zu hoch ist .“

In diesem Sinne denn auch in hiesigem Brief an Wille fortfahrend, zugleich die (Tier-)Maler François Desportes, Jean-Baptiste Oudry, Frans Snyders, Jan Fyt und Carl Ruthart als neben Adam Frans van der Meulen, Parrocel und weiteren seine Vorbilder benennend.

Bezeichnend für Ridingers Selbstverständnis als Künstler

die Nennung von ausschließlich Malern als seinen Vorbildern, wie er denn bereits 18 Jahre zuvor an Wille schreibt:

„ … so wird es mir grossen vergnüegen geben zu mahlen wann meine geringe arbeit von denen spirituosen Geisteren derer Herren Franzosen nur in etwas günstig angesehen wird, vertretten sie meine Stelle und bedeuten ihnen das ich nicht als ein Virtuose im Graviren

sonderen als ein Mahler arbeite …

Ich bethaure das ich im Kupfer dahin noch nicht gelangen können wozu ich im Zeichnen gekommen bin Doch suche ich was ich thue mit Mahlerhaftem verstande zu thun … “

(12. Februar 1747, zitiert nach Décultot et al., a. a. O., S. 72).

So führt in jüngerer Zeit denn auch Ellen Spickernagel bei Betrachtung der Landschaftsgestaltung – „vor dramatisch inszenierten Landschafts-Kulissen im Stil der Niederländer des 17. Jahrhunderts“, so auch U. Heise 2017 im Allgemeinen Künstlerlexikon – den Kupferstecher und Radierer Ridinger unübersehbar auf den Maler und vor allem seine Vorbilder zurück:

„ … anspruchsvollere Kompositionen in der verfeinerten Technik von Radierung und Kupferstich, mit der eine differenziertere Darstellung von Licht, Bewegung und Stofflichkeit zu erreichen war. Er verband damit

die Adaption niederländischer Landschaftskunst des 17. Jahrhunderts …

Sie stellte im Stil des Realismus vielfältige Landschaftstypen zur Verfügung … Bei Jan Breughel d. Ä., Gillis van Coninxloo (III), Abraham Govaerts und vielen anderen Malern waren die dichten, dämmrigen Waldinterieurs … vorgegeben “

Ganz im Einklang mit seinem künstlerischen Selbstverständnis zeichnet er denn auch die Titelblätter zu den verschiedensten Folgen als

Johann Elias Ridinger , Mahler(n) in Augspurg .

Erst mit Ernennung zum evangelischen Akademiedirektor 1759 erscheint der zudem um ein „auch der Augspurgischen Academie Directori“ ergänzte Zusatz „und Kupferstecher“ wie von den Söhnen in den Titelblättern der postum abgeschlossenen bzw. herausgegebenen Folgen und auch in Johann Jacobs postumem 1767er Altersportrait des Vaters am Zeichentisch im Fenster des Ateliers als dem wichtigsten der Portraits des Meisters fortgeführt.

Anstehender , solchermaßen denn nur als ein Marktereignis der Extraklasse zu wertender

literaturunbekannter Altersbrief

mithin also auch ein Blick zurück auf mehr als 50 Jahre künstlerischen Schaffens und schlichtweg

Werkrésumé + Charakterbild in einem.

Siehe auch die ausführliche Beschreibung.

Angebots-Nr. 16.215 / Preis auf Anfrage

» Dem Herrn Zingg zum Angedenken
Johann Georg Wille
sein freund J. G. Wille in Paris
den 26 merz 1766 «

Stammbuch Adrian Zinggs 1757-1790. Einträge von mehr als 60 Zunftgenossen in, vereinzelt auch mehreren, gesamthaft 69 Zeichnungen, Aquarellen und Gouachen nebst Zueignung auf teils zusätzlichem Blatte, davon eine eineinhalbseitig. 122 × 185 × 22 mm (4¾ × 7¼ × ⅞ in). Faksimileausgabe im Originalformat und den Originalfarben. (Mit Nachwort von Erwin Hensler.) Lpz., Insel, (1923). 85 unnum. Bll., 31 SS., Impr. Allseits reich vergoldeter grüner OMaroquin.-Hand.-Einbd. mit farbig gesprenkeltem Vorsatz + A.Z.-Monogramm auf dem Vorderdeckel sowie braunem Schutzumschlag in braunem OSchuber. Goldschnitt.

Adrian Zingg, Stammbuch

Andreas Diesend, Stammbuch des Adrian Zingg 1757-1790, in Kuhlmann-Hodick u. a. (Hrsg.), Adrian Zingg. Wegbereiter der Romantik/Ausstellungskatalog Dresden/Zürich, 2012, SS. 98 f. nebst 2 Abb. – Eins der 300 hs. arabisch numerierten Exemplare der Gesamtauflage von 320, deren 20 nicht für den Handel bestimmte römisch numerierte in Saffian. – Originalgerechte Ausführung »in vielfarbigem Lichtdruck unter Leitung von Fritz Goetz«. – Kanten von Umschlag + Schuber leicht bis etwas mehr bestoßen/abgeschabt, die Bindung kaum nennenswert gelockert, wie Querformaten gern eigen.

Adrian Zingg (St. Gallen 1734 – Leipzig 1816) war 1759 mit seinem zweiten Lehrer, Johann Ludwig Aberli, nach Paris gekommen, wo er in die

Aberli, Flußlandschaft
Zu freundschaftlichem angedencken beÿgesetzt von J. L. Aberli Paris, den 4 9bris 1759.

Werkstatt Johann Georg Willes eintrat,

bei dem er bis 1766 verblieb, nachdem ihn dieser erfolgreich an eigener Statt Christian Ludwig von Hagedorn – dem Ridinger in einziger Eigen-Dedication seine Folge der Vier Tageszeiten der Hirsche widmete – als dem Generaldirektor der Künste in Sachsen als Lehrer für Kupferstecherkunst an der neugegründeten Kunstakademie in Dresden empfahl, wohin er schließlich nach Jahren hartnäckigen Verhandelns «frühestens am 24. April 1766« schweren Herzens aufbrach, begleitet von zwanzig Zeichen der Freundschaft im Stammbuch.

Meinem Freund von mir den besten Kuß!

Eil unverwand dahin wo von der Elbe Fluß

Der Sachsen fürstenstadt getheilet stehet,

Dort warten Ehre, Glück, nach deinem werth, auf dich

(Wann es nach meinem Wunsche gehet)

und neue freunde — freund — nur Liebe mich!

Johann Georg Wille 1766 Adrian Zingg zum Abschied

» Mitte Juli 1766 scheint Zingg in Dresden eingetroffen zu sein. Die Beiträge Handmanns in Bern, Geßners und Füßlis in Zürich sowie Ridingers in Augsburg und Dietzschs in Nürnberg gestatten, seine Reise über diese Städte vom 11. Mai bis zum 12. Juli zu verfolgen « (Hensler, hierselbst Seite 13).

Ridingers sinnfälliger Beitrag eines auf schöner Waldlichtung halb aufgerichteten Kapitalen in laviertem Bister trägt die Unterschrift

Ridinger, Hirsch

»Meinem Wehrtesten Freunde Herren Zingg von J. E; Ridinger 1766. Die 6 July in Augspurg«.

Zingg hat Ridinger somit zweimal besucht. Zunächst gleich am Ankunftstag (3. Juli), dann am Tag vor der Abreise, als der Meister ihm sein Stammbuch mit eigens angefertigter Zeichnung zurückgab. In verschiedenen anderen Fällen sind solche aufmontiert, wurde also auf bereits Vorhandenes zurückgegriffen.

» Johann Elias Ridinger aus Augsburg …

erkundigte sich bei Wille nach den Möglichkeiten,

Zeichnungen der ausländischen

in Versailles gehaltenen Tierarten

anfertigen zu lassen «

Décultot et al. (Hrsg.), Joh. Gg. Wille, Briefwechsel, SS. 35 f.

Jacob Philipp Hackert
Zum andencken von Ihren Freund und Diner Jacob Philipp Hackert Paris 1766.

» Das Stammbuch Adrian Zinggs ist mit seinen Eintragungen und bildlichen Widmungen von sechzig internationalen Künstlern eines der bedeutendsten seiner Zeit. Besonders die Vielfalt und die hohe Qualität der Zeichnungen, die fast lückenlose Verfolgbarkeit der Stationen in seinem Leben sowie der Einblick in die Künstlerkreise, in denen sich der Künstler bewegte,

verhelfen diesem Stammbuch zu seiner herausragenden Stellung …

Welch wichtigen Stellenwert das Stammbuch für seinen Besitzer hatte, wird an der einzigen persönlichen Eintragung deutlich: ›66. Zeichnungen als Erinnerungen und andenken von die freunden A. Zingg.‹ «

(Andreas Diesend, a. a. O.).

Klengel, Dresden
„ Zur Erinnerung. nach dem Leben v. J. C. Klengel. 1779. “
Blick aus Zinggs früherer Wohnung im Dresdner Akademiegebäude

Konträr zur Faksimileausgabe bildet letztere »im Originalband die letzte Seite, während dort C. A. Graffs (Schenkungs-)Vermerk auf der ersten sich befindet. Tatsächlich sind es nicht ›66 Zeichnungen …‹ sondern auf 83 Blatt stehen 69 … von 60 Künstlern und eine handschriftliche Widmung … Mit je zwei Beiträgen sind vertreten D. Chodowiecki, S. Freudenberger, Chr. G. Geißler, J. C. Hedlinger, J. Chr. Klengel (darunter aus 1779 Blick auf Dresden aus Zinggs ehemaliger Wohnung im Akademiegebäude), J. W. Meil, Fr. E. Weirotter, mit dreien J. H. Ramberg« (Hensler innert hiesigen Begleittextes, S. 19).

Choffard, Stilleben
Die persönlichste Eintragung:
Choffard’s („eine ewig neu sprudelnde Quelle geistreicher Erfindung“, Th.-B.) „programmatisches Stilleben als Lob auf das künstlerische Schaffen“ (K.-H.) mit Zeichen- und Stecherutensilien samt Kupferplatte zu Zingg’s berühmter 2jähr. Arbeit Les Bergeres nach Dietricy

Mit 20 Einträgen besonders gut dokumentiert die in Paris um Wille Versammelten »mit ihren durchweg

reizvollen Darstellungen eindrucksvoll das künstlerische Schaffen

und die Vielseitigkeit der Stile, Gattungen und Themen des Wille-Kreises« dabei nicht zuletzt die Exkursionen dokumentierend, die der Meister – so Hensler Seite 5 – mit ihnen oder sie allein nach St. Denis, St. Germain, an die untere Seine, in die Picardie + Normandie, zu den Ruinen der Abtei St. Maur etc. unternehmen, was alles die Skizzenbücher der Kommenden füllt und in den Œuvre seinen Niederschlag findet.

Jean Michel Moreau le jeune
fait a Paris le 7 fevrie 1766. par son ami Moreau le jeune
Pierre Alexandre Wille
fait par P. A. Wille … 1766 pour mr Zingg

1757 angelegt, wuchs das Stammbuch bis 1790, um dann als abgeschlossen bis zum 11. Juni 1815 zu ruhen, an welchem Tage es Zingg seinem Schüler und Patenkind Carl Anton Graff (1774 Dresden 1832), zweiter Sohn seines jahrzehntelangen Freundes und Dresdner Kollegen Anton Graff, schenkte, mit dessen Eintrag »Zum freundschaftlichen Andenken erhalten vom H. Professor Zingg« es endgültig endet, ohne indes platzmäßig ausgeschöpft zu sein.

Moreau l’ainé 1766
Louis Gabriel Moreau l’ainé 1766

Auf der Graff’schen Nachlaßversteigerung im November 1832 erstand es der damalige Kronprinz und spätere König Friedrich August II. von Sachsen. Zur Zeit seiner Faksimilierung besaß es Prinz Johann Georg, Herzog zu Sachsen, um 2003 schließlich via Schweizer Handel im Kunstmuseum Basel vor bleibenden Anker zu gehen.

Seinen Umfang beziffert K.-H., a. a. O., Seite 98, mit 140 Blatt gegenüber nur 85 anstehender Faksimileausgabe, die logischerweise die freien Blätter fortläßt, die Dicke des Bandes gleichwohl über die Papierstärke ausgleicht. Das genannte Längsformat mit 195 mm statt hiesiger 185 möglicherweise inkorrekt. Die »70« Zeichnungen offenbar inclusive des eineinhalbseitigen hs. Eintrags. Hiesige Bindung in grünem Leder indessen abweichend vom roten Franzband des Originals, wie vielleicht den 20 Vorzugs-Exemplaren in Saffian vorbehalten worden.

Weirotter
Willage de la Normandie, desiné pour son ami. par Weirotter. 1766. à Paris.

Sein kunst- und kulturhistorischer Wert festgeschrieben von allseitiger Literatur bis hin zur Erwähnung von Einzelblättern, so etwa Thieme-Becker gelegentlich zweier 1784er Sepia-Landschaften Jacob Mechaus der Slg. Speck von Sternburg als Vorgänger »ähnliches Aquar. im Album Adr. Zinggs vom 12. 10. 1783«. Und ebda. zu Zingg selbst »sein durch Hensler bekanntgemachtes ›Stammbuch‹ mit wertvollen Beiträgen 1757-90 …«. Sodaß Hensler Seite 16 seinerseits zu Recht resümiert:

» Welche wirbelnde Fülle der Eindrücke vermittelt dieser Band !

Ein Gegenstück wird sich ihm kaum an die Seite stellen lassen. «

Angebots-Nr. 16.072 / EUR  945. / export price EUR  898. (c. US$ 1086.) + Versand

Jean Houel, Horseman
fait aparis par hoüel Son ami Le 9 fevrier 1766

  1. Ellen Spickernagel, Dem Auge auf die Sprünge helfen. Jagdbare Tiere und Jagden bei Johann Elias Ridinger (1698-1767), in Annette Bühler-Dietrich, Michael Weingarten (Hrsg.), Topos Tier: Neue Gestaltungen des Tier-Mensch-Verhältnisses, Bielefeld 2015, S. 111).
  2. Bd. 98 (2017), SS. 472 f.

“ I am pleased to inform you that I received the book in good order and it is very beautiful, I have looked at it now many times and it is very useful for my studies. ”

(Mevr. E. E., June 29, 2002)