English

» 20. XII. 1920 «

Heinrich Stinnes | 20. XII. 1920

Vor 100 Jahren nimmt
Heinrich Stinnes
— Fürst der Nr. I —
den
» Venuswagen «
in Besitz.

Natürlich
Exemplar I/XL
Der Venuswagen
der Vorzugsausgabe
in bordeauxrotem Maroquin

Und markiert
Band für Band mit seinem Besitzvermerk auf dem Vorsatz,
und Grafik für Grafik mit seinem Monogramm-Stempel.

Welch eine Hand aber hat ihn geführt !

Imperiale Schriftzüge nannte sie, ins Schwarze treffend, Die Zeit am 5. Januar 1950 gelegentlich einer weiteren der seit 1932 laufenden Nachlaßauktionen (Zeit online). Und weiter

» Man erkannte sein Temperament auch an den Federzügen, die eine mächtige Klaue auf den Passepartouts oder auch auf den Blättern selbst angebracht hatte. In das Haus nämlich … gelangte kein graphisches Blatt, von dem nicht auf diese, fast manische Weise Besitz ergriffen worden wäre. «

So scheint’s in der Tat. Und findet seine Entsprechung im roten Sammlungs-Stempel (Lugt 4436) nebst 1/40 im Rand links unten

Heinrich Stinnes

einer jeden der 73 Graphik-Tafeln

Apropos Besitzeintrag erweist sich der ansonsten des Pudels Kern trefflich treffende Zeit-Schreiber indes als bibliophiler Ignorant, wenn er aufstöhnt:

» Nicht mit dem Bleistift etwa, den ein tilgender Radiergummi leicht hätte entfernen können ( sic ! ), sondern mit tief schwarzer Tinte und imperialen Schriftzügen, oder gar mit einem impertinenten Tintenstift, der sich mit Wollust in die Haut des edelsten japanischen Papieres eingrub. Eine Tätowierung, die alle Entfernungskünste der erfahrensten Restauratoren verhöhnt. «

Nur ein Jacobiner käme wohl – und mit Sicherheit – je auf den Gedanken, ein solches Autograph, eine solche Besitz-Trophäe blauesten Blaus unter die Guillotine eines Radiergummis zwängen zu wollen! Welch ein Sakrileg! Welch eine Entgleisung! Wo doch

» … diese kräftige Inbesitznahme

vielleicht der harten Hand des Bruders Hugo Stinnes (entsprach), die nach den Aktienpaketen der deutschen Industrieunternehmen griff? War das Vollständigkeitsstreben, das besitzende Beherrschen eines weiten Gebietes,

der Charakterzug ,

der die beiden sonst so verschiedenen Brüder verband ? «

Er war einer der Lannas, der Gutmanns, der Davidsohns, der Thyssens als den in der alten Welt

» ersten Sammler(n) der Weltkultur ,

die aus einer industriellen Welt komm(en)

… (und) mit keiner der früheren (fürstlichen) Sammlertypen (noch) etwas gemein (haben) «

(Lothar Brieger, Das Kunstsammeln, 3. Aufl., 1920, Seiten 10 ff.). Und, als denke er Heinrich Stinnes als den Prototypen schlechthin, fortfahrend,

» Er ist, mag er es auch nicht immer gerne hören, ohne den Händler nicht zu denken, schon aus dem Grunde, weil eigentlich der Händler der einzige Mensch war, mit dem er sich verstand … (Und) Hand in Hand mit der Kultivierung des Händlers ging (zugleich) die Entwicklung eines besseren Museumswesens …

» Denn in der Tat haben jene Sammler, die wir als die Väter unseres heute wieder aufgeblühten Sammlertums ansprechen dürfen, nichts gelebt, nichts geliebt und nichts genossen als Kunstwerke. «

Heinrich Stinnes war einer dieser Granden .

Reinblütig wie kaum ein anderer. Ein Prinzipal, wie Bruder Hugo auf seinem Felde. Doch, siehe da, zeitüberdauernder gleich einer Kopierstift-Nutzung blieb das seine. Wir verneigen uns in Ehrfurcht.

niemeyer’s ist stolz, aus dieser Provenienz, aus dieser Parade der »I«er, mit anstehendem Venuswagen abermals ein sammlerisches Flaggschiff absolutum aufgebracht zu haben. Gleich zu Anfang 1959 lief der erste »Stinnes« hier durch. Als ein früher Stolz dazu. Und unverändert frisch ist die Faszination gegenüber dieser Grandeur eines Sammlers, ja, gegenüber sammlerischer Provenienzen generell ob ihres kaum begrenzten Fortlebens weit über die Zeitlichkeit von Person und Sammlung hinaus, bereit zu vertrauter Zwiesprache mit einem der ihren, Einblick gewährend nicht zuletzt ins Innerste.

Heinrich Stinnes

Wie denn hier eben und nicht zuletzt vermittels Heinrich Stinnes’ (1867-1932) Band für Band auf dem Vorsatz von Erwerbsquelle + Preis begleiteter handschriftlicher Besitzeintrag in tiefschwarzer Tinte.

Das dem Aufgalopp des Venuswagens gleichen Jahres vorausgeeilte Prospektbuch von drahtgehefteten 33 Blatt mit verkleinerten Reproduktionen der Corinth-Lithographien zum namengebenden ersten Band »in einem Umschlag vom Aussehen einer Toilettenseifenpackung … als Vorgeschmack des zu Erwartenden« (Horst Stobbe) ist hier ebensowenig präsent wie der 1922er 14seitige Privatdruck Denkschrift betreffend Beschlagnahme des ›Venuswagens‹ von Alfred Weise. Letzterer, weil die Reihe brandfrisch ins Kölner Vorortdomizil des Industrieerben gelangt war, ersteres, weil dieser Gigant unter den Sammlern neuzeitlicher Graphik + Buchillustration ab etwa Goya – Lugt nennt rund 200.000 Blatt – sich seiner No. I sicher sein durfte. Welcher Verleger hätte es sich wohl versagen mögen,

diesem absoluten Bedürfnis dieses absoluten Charakters

umso selbstverständlicher zu entsprechen, als durch Aufnahme in diese erlauchte Versammlung seine Edition und damit sich selbst geadelt zu sehen.

Imprimé spécialement pour M. le docteur Stinnes lautete zusätzlich zur »I« das Impressum jenes 1959er ersten Bandes. Gurlitt, Kunstpapst seiner Zeit, nummerte anstehenden Falls nur nüchtern

» Dieses Exemplar der Vorzugsausgabe trägt die Nr. I «

wobei nur die »I« handschriftlich eingesetzt ist.

niemeyer’s ist aber auch stolz, mit diesem den Verleger 1000 Mark Unsittlichkeits-Strafe kostenden 9-Bänder zugleich

eine kulturgeschichtliche Fackel par excellence ,

die Iustitia’s Moralempfinden aufglühen ließ ,

angelandet zu haben, als habe die junge Republik, die Schrecken des Krieges noch hautnah vor Augen, nichts Dringenderes zu tun, als einer noblen Edition für einen kleinen Circel geistiger Elite wegen an den Strommasten aufzufahren, um der

Freiheit der Kunst

Saft und Kraft zu entziehen. Es gibt sie auch heute wieder. Diese Aufgeregtheiten, dieses panische Eifern, Dinge überhaupt erst ins Rampenlicht zu zerren, die die Republik sollte ertragen können.

Da hilft nur eines :

das Aufschließen der Seele. Des eigenen, des sammelnden, des kunstliebenden Ichs.

» Die Nacht ist am schönsten «

sagte der Pianist Eduard Erdmann, Büchersammler von Graden, einst zu seinem Oberkellner im Weinhaus Wiesel in Köln. Heinrich Stinnes läßt grüßen. Doch »Wenn ihr’s nicht fühlt«, so Faust, »ihr werdet’s nicht erjagen«. Hier und heute denn, dokumentiert mit aller objektgebührenden Sorgfalt wie nicht allerorten der Mühewaltung wert erachtet:

das ausschließlich römisch I genummerte
Stinnes-Exemplar des 9bändigen

Venuswagen / Deckelvignette

Venuswagen

Eine(r) Sammlung erotischer Privatdrucke

mit 78 Original-Graphiken

(73 Tafeln, davon 72 signiert + 1 von Corinth unsigniert geblieben wie auch Kat. Fischer 406, 1 illustr. Titel + 4 Vignetten). Herausgegeben als PRIVATDRUCKE DER GURLITT-PRESSE von Alfred Richard Meyer (Munkepunke). Erste Folge. 9 Bände (alles Erschienene). Berlin 1919/1920. 4o (30,7 × 25 cm [12⅛ × 9⅞ in]).

Bordeauxrote Orig.-Maroquin-Bände auf 5 Bünden

mit blindgeprägter Vorderdeckel-Vignette und ebensolcher Filete auf beiden Deckeln sowie, goldgeprägt, auf dem Rücken, wie auch die Titel, türkisgrün kaschierten Spiegeln + Vorsätzen, verschiedene der letzteren als Kaschierfolge schwach gewellt. Kopfgoldschnitt. Zweiseits unbeschnitten.

Provenienz

Doktor Heinrich Stinnes

mit Band für Band
auf dem Vorsatz der von Erwerbsquelle + Preis begleitete
autographe Besitzeintrag
in tiefschwarzer Tinte
sowie dem roten Sammlungs-Stempel (Lugt 4436) nebst 1/40 im Rand links unten
einer jeden der 73 Graphik-Tafeln

Literatur

Das Graphische Jahr, Fritz Gurlitt, 2. Aufl., Berlin 1922, SS. 73 f.; Hayn-Gotendorf, Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa, Bd. IX (1919), Hrsg. von Paul Englisch, SS. 600 f. + Einzelverweise bei den Titeln; Bilderlexikon der Erotik, Bd. II (1929), 868 f.; Paul Englisch, Geschichte der erotischen Literatur, Berlin 1927, S. 287, 3 + Einzelverweise bei den Titeln; Paul Englisch, Irrgarten der Erotik, Eine Sittengeschichte über das gesamte Gebiet der Welt-Pornographie, Leipzig 1931, S. 299 + Einzelverweise bei den Titeln; L. Lang, Expressionistische Buchillustration in Deutschland 1907-1927, Luzern (1975), SS. 90 f. + Einzelverweise bei den Titeln; Peter Josch, Alfred Richard Meyer, in Philobiblon, Jg. XXVI, H. 1, Hamburg 1982, C 5.

Eine der schönsten Buchreihen erotischer Literatur
des frühen 20. Jahrhunderts :

» Der Venuswagen hat kräftige Gewürze, saftige Kräuter aus Abendland und Morgenland geladen. Künstler mit Namen geben die Zukost, Herr Alfred Richard Meyer führt die Zügel. Erotik zieht – Erotik zieht besser denn je. Heia wird das eine Fahrt werden … «

(Horst Stobbe in Die Bücherstube, Jg. I, H. 2, SS. 71 f., zitiert nach Hayn-Gotendorf, a. a. O., S. 600).

Die Gerichte sahen das anders. Oder eben so. Wie man’s nimmt:

» Sämtliche (noch greifbaren) Drucke wurden beschlagnahmt «

(Englisch, Geschichte der erotischen Literatur).

Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel kommentierte die Beschlagnahmungsserie – der auch Ausgaben von G. A. Bürger, Verlaine und Zille zum Opfer fielen – am 25. November 1920 in der Weltbühne unter der Überschrift Der Zensor geht um!:

» Nun liegt die Ungerechtigkeit einer solchen Beschlagnahme darin, daß sie vor dem Spruch des ordentlichen Gerichts erfolgt … Das ist Zensur. Nun will ich mir aber nicht von Herrn Staatsanwalt Orthmann vorschreiben lassen, was ich lesen darf, und wenn das so weiter geht, dann haben wir in vier Wochen eine obrigkeitliche Bevormundung, die sich in gar nichts von Metternichs Zensur unterscheiden wird. Daß Lovis Corinth Präsident der Sezession und Akademieprofessor ist, braucht der Staatsanwalt nicht zu wissen; daß Georg Walter Rößner Lehrer an der staatlichen Kunstschule in Berlin ist, auch nicht. Aber er mag zur Kenntnis nehmen, daß die deutschen Schriftsteller, die deutschen Maler und die deutschen Verleger nicht gesonnen sind, sich den Bütteleingriff eines Mannes gefallen zu lassen, der außerstande ist, einen Nackttanz in der Motz-Straße von einer Radierung Corinths zu unterscheiden. Der dumpfe Ärger juristischer Spießer gegen alles, was in der Kunst frische Luft heißt, hat sich zu Hause auszutoben … In welcher Zeit leben wir? Wir leben in einer Zeit, wo dem stramm emporgereckten Philister erlaubt ist, einer Nation Kandare anzulegen. Wehrt euch! «

Hier indes nicht allein dem Zugriff Iustitias entzogen und solchermaßen ganz komplett, sondern überdies vorliegend in der

Nr. I/XL der VORZUGSAUSGABE

(einmalige Gesamt-Auflagenhöhe 740 Exemplare) auf meist starkem Bütten und in Leder (so hier) oder Pergament oder auch, wie nicht im Impressum vermerkt, in Seide gebunden. – Serien- wie Einzel-Titel meist in Rot + Schwarz. – Innerhalb der großzügigen Titelei auf Seite 3 jeweils Serien-Vignette – Bildinhalt der ersten Bände später abgeändert – in Lithographie. – Druck der Graphiken auf der Gurlitt-Presse. – Neben dem Vorsatz eingangs und am Schluß originär ein oder zwei zusätzliche weiße fliegende Blätter. Auf jedem dem vorderen Vorsatz folgenden fliegenden besagter virtuoser eigenhändiger Besitzeintrag (ca. 6 x 14 cm). Die Graphik-Angabe der Titel meist hs. beziffert. – Mit Ausnahme einer der Corinth-Tafeln, s. u.,

sämtliche Graphik-Tafeln sowie das Impressum

vom jeweiligen Künstler signiert .

» Für alle (Abgespanntheiten) des Geistes

giebt es keine bessere Mittel , als die Erzählungen des

la Fontaine , Boccaz , Grecourt , Hamilton , Crebillon ,

Voltaire , Dorat , Fielding , Cervantes , und einiger andern

Hippokratesse des Geistes ,

die man deswegen billig unter

die Wohlthäter des menschlichen Geschlechts

zählen muß. «

Wilhelm Heinse im Vorwort zu »Die Kirschen«

Friedrich Schiller

Der Venuswagen

Ein Gedicht. 1781.

Mit 8 (7 signierten, so auch Kat. Fischer 406) Farb-Lithographien

(15 × 25 bzw. [7] ca. 26 × 21-21,5 cm, 3 davon im Stein bezeichnet mit Ritsch Ratsch , Venusfinger bzw. Inquisitia) von Lovis Corinth (Tapiau 1858 – Zandvoort 1925). 33 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin. – DER VENUSWAGEN I.

H.-G. IX, 528 f.; Englisch I, 217 f.; E. II, 254 f.; Simon, Schillers ›Venuswagen‹, Euphorion 20/3 (1914); Schwarz L 383.

Kein Exemplar in der zu 297 Lots zusammengefaßten graphischen Corinth-Sammlung Beckmann=Bremen bei Puppel (Hollstein & Puppel), Berlin 1941.

Europa auf dem Stier versehentlich unsigniert geblieben. – Deckel leicht aufgeworfen, Bundstege leicht beschabt wie auch eine Stelle am oberen Kapital sowie kleine Läsur des Standkapitals unterhalb der Goldfilete.

» Wenn wir Schillers Werke nach dem Gedicht ›Der Venuswagen‹ durchblättern, werden wir es kaum finden. Schillers erste Verse sind stets verfemt gewesen. Der Dichter hat sie selbst unterdrückt. Dennoch – sie sind gerade für den Anfang des großen künstlerischen Schaffens überaus charakteristisch; ihr Wert ist nicht allein im literarischen Kuriosum zu suchen.

» Als Schiller im Dezember 1780 aus der Stuttgarter Militärakademie entlassen wurde, nahm er bei der Witwe eines Hauptmanns, bei Frau Luise Vischer, Wohnung, die wir als die berühmte ›Laura‹ anzunehmen haben. Zu derselben Zeit, als der Verfasser der ›Räuber‹ 1781 seine ›Phantasie an Laura‹ schrieb, muß auch der ›Venuswagen‹ entstanden sein … ›(Er) wendet sich in der feurig-schwunghaften Art, die Schillers Jugendgedichten eigen ist, und ohne in der Wahl der erotischen Ausdrücke irgendwie an sich zu halten, gegen die gesellschaftliche und kirchliche Heuchelei in geschlechtlichen Dingen. In die meisten Ausgaben von Schillers Gedichten ist es nicht mit aufgenommen‹ «

(Alfred Richard Meyer im hiesigen Nachwort).

Der zahme Aufgalopp

Lovis Corinth, Der Venuswagen

» Jünglinge , o schwöret ein Gelübde ,

Grabet es mit goldnen Ziffern ein !

Fliehet vor der rosigsten Charybde

Und ihr werdet Helden sein . «

» (Corinths) grobschlächtige Zeichnungen (so auch hier) … beschäftigen sich mit dem Weib als der dämonischen Bezwingerin des Mannes … (und) stellt er das Weib niemals als die Zärtlichkeiten des Mannes duldend dar, sondern unterstreicht mit starken Strichen des Weibes kraftstrotzende Vitalität, an der sich des Mannes Aktivität erst entzündet … Corinths ganzes Schaffen ist ohne die Brutalität seines stets ungestillten sinnlichen Verlangens nicht zu verstehen … Er empfindet das Göttergeschenk der Wollust viel eher als eine Qual, für die er den Dämon Weib verantwortlich macht …

Die Illustrierung des … ›Venuswagen‹ …

in dem Schiller gegen die wollüstige ›Metze Weib‹ vom Leder zieht ,

mußte ihm deshalb besonders gut liegen ,

und ausnahmsweise kann man diesmal der Auffassung des Gerichts beitreten, wenn es die Beschlagnahme der Bilder (hinter Bl. 12, 18, 20, 24) aus dem Grunde verfügte, weil der Nachdruck zu sehr auf das Geschlechtliche gelegt, zu deutlich die Lust am Geschlechtsverkehr und die Lüsternheit bei Mann und Frau auf ihren Gesichtern ausgeprägt sei (Akt. Z.: 2. b. J. 26/20 Ldg. II Berlin) «

(Englisch II, Seiten 252-255).

Nach 100 Jahren ist aber auch das relativ. Die Stolperschwelle der Empfindsamkeiten folgte der Stärke des dargebotenen Tobacks. Gleichwohl, niemeyer’s, unverändert gestrig in Estimierung des wirklich Sublimen, wird sich bei den Proben künstlerischen Einfallsreichtums eher zurückhalten, als mit dem Vollen zu locken und nicht vorwegnehmen, was erst noch entdeckt werden will. Kurz, er hält’s mit den Damen vom Kurfürstendamm in Günter Neumann’s unsterblichem Insulaner Kabarett: »Die Künstler sollen und müssen mit den Musen gehn. Aber wo gehen sie hin? … Wenn Goethe mal ordinär sein wollte, hat er drei Pünktchen gesetzt …«. 100 Jahre später freilich hätte er Herrn Alfred Richard Meyer gebeten …


E. Jouy = Victor Josephe Etienne
genannt nach seinem Heimatorte de Jouy

Sappho
oder
Die Lesbierinnen

(1799).

Mit Titel- + 6 signierten Tafel-Radierungen

(ca. 19,5 × 14,5 cm) sowie reizvollen Initialen von Otto Schoff (Bremen 1888 – Berlin 1938). Aus dem Französischen von Balduin Alexander Möllhausen. 25 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin. DER VENUSWAGEN II.

H.-G. IX, 309 f.; Englisch I, 287 + 425; E. II, 242 + 265-266; Fromm 13208; Brattskoven 15.

Die grünen Spiegel + Vorsätze mit Wasserrand oben. Vorn maximal 4 cm tief und abnehmend durchfärbend auf die ff. beiden weißen Vorsatzblätter, der Stinnes-Besitzeintrag hiervon ebenso unberührt wie hinten die makellose Impressum-Seite mit Römisch I + der Schoff-Signatur. Hinten ansonsten 11 cm tief und stark durchfärbend auf die beiden weißen Schlußblätter, deren erstes vorderseits aber nur noch gering betroffen. Schwach grüner Oberrand dann auf Seiten 9/10 + Folgeradierung, dann durchgängiger, teilweise praktisch nicht wahrnehmbarer schwacher schmaler Braunstreifen, die äußerste Oberkante gelegentlich auch angegrünt. – Je ein Seiden-Deckblatt rechts- bzw. unterrandig schadhaft. – Von den Einband-Wasserstreifen im Grunde nur erwähnenswert der leichte kleine Dunkelrand linkshälftig der Unterkante des Vorderdeckels, ordnungsgemäß registriert ansonsten noch Vorderdeckel oben + dreiseitig am Rückdeckel. Alles in allem gleichwohl nicht weniger, aber auch nicht mehr als ein partieller Ausrutscher bei makelloser Frische alles Übrigen.

Nach Jahren des Kriegshandwerks 1797 die Waffen niederlegend, widmet sich Jouy (1764-1848, Librettist von, u. a., Rossini’s Wilhelm Tell) der leichten Muse und wird einer deren Besten seiner Zeit.

Otto Schoff, Sappho oder Die Lesbierinnen

» Jetzt, 1799, stehen wir im Geburtsjahr seines köstlich erotischen Büchleins, der ›Galerie des Femmes‹, deren siebentem … Gemälde ›Sappho ou les Lesbiennes‹ Charles Monselet in seinen 1862 zu Paris erschienenen ›Galanteries du XVIIIe Siècle‹ ein längeres Kapitel widmete. Bei uns hat vor allem Iwan Bloch in seinem ›Sexualleben unserer Zeit‹ (10.-12. Aufl., Bln. 1919, S. 767) auf Jouys ›Lesbierinnen‹ aus der ›entzückenden Galerie des Femmes‹ als auf ein

klassisches Meisterwerk der erotischen Literatur

der ersten französischen Republik hingewiesen. Es soll nicht verschwiegen werden, daß Jouy sich später

dieses schönsten und gewagtesten seiner zahlreichen Werke

geschämt hat … «

(Balduin Alexander Möllhausen im hiesigen Nachwort).

Beschlagnahmt denn auch noch 120 Jahre später in Deutschland »wegen des Inhalts und der Radierungen von Otto Schoff … Ein junger Stutzer beschreibt darin seinem Freunde die Tribadenszene dreier Mädchen in wahrhaft klassischer Form. Der Inhalt ist … stark mit Erotik durchtränkt. Allein die allerliebste Sprache läßt den Leser die Gewagtheit des Stoffes vergessen« (Englisch I, 287 + 425). Und im übrigen fängt »Der Skandal … (überhaupt erst) an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht« (Karl Kraus, Sprüche und Widersprüche, Ffm., Suhrkamp, 1984, Seite 42). Hier denn in der Tat. Denn, so Englisch II, 265 f.:

» Die lieblichen Mädchenbildnisse, die er in erotischer Betätigung wiedergibt, haben viel von dem graziösen Strich Fragonards an sich … Seine bekanntesten Werke sind: 6 Radierungen zu … «, na, wozu wohl?

Und so qualifizierte sie H.-G.:

» Textbeginn-Initiale erotisch, nach Seite 10 (die obige) frei, nach Seite 12 erotisch, nach Seite 16 obszön, nach Seite 18 frei, nach Seite 20 erotisch. Zahlreiche freie Initialen. «


Pantschatantra

Fabeln aus dem indischen Liebesleben

Mit 10 signierten Farb-Lithographien

mit zusätzlichem Monogramm im Stein (19,5-22 × 16-17,5 cm) sowie einschlägigen großen Kapitel-Initialen und figürlichen Oberleisten + Schlußvignette von Richard Janthur (Zerbst 1883 – Berlin 1956). 47 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck Spamersche Buchdruckerei Leipzig. – DER VENUSWAGEN III.

Lang 144; Sennewald, Deutsche Buchillustratoren im ersten Drittel des 20. Jhdts., 19,3.

Durchgehende Wellung von schwachem Wasserrand im Oberrand, Anfangs- + Schlußblätter etwas stärker. Unten meist nur leichter gewellt und ohne Wasserrand, zudem auch nicht ganz durchgängig. Im Leder nur wenig störende Spur im Oberrand der Deckel. – Ein Seiden-Deckblatt im unteren rechten Rand und Unterrand schadhaft. Dies alles gleichwohl tolerierbar, überspielt von der schönen Typographie und … der starken Bildhaftigkeit der Illustrationen. Eingeschlossen selbst noch die Initialen.

Richard Janthur, Pantschatantra

Verehrung dem hohen Ganesa! – Drei Mißgeschick’ aus eigner Schuld – Der Weber als Wischnu – Was ein einziger Spruch wert ist – Der alte Ehemann und die junge Frau – Der Zimmermann und sein treuloses Weib – Der Brahmane und sein ehebrecherisch Weib – Wie eine Frau Liebe belohnt – Weiberlaunen – Die von ihrem Galan betrogene Ehebrecherin – Wunderbare Heilung eines Blinden, Buck’ligen und einer dreibrüstigen Prinzessin.

» In der Folgezeit, die mit einer Reise nach Griechenland (1911) begann, entwickelte (Janthur) sich zu einem Expressionisten, der besonders im Stilleben starke Wirkungen erzielt hat. Am eindringlichsten indessen wirkte sich seine Begabung als Graphiker (Radierer und Lithograph) aus; er schuf Illustrationen, die weniger den Text begleitenden als korrespondierenden Charakter haben. Mittels eines Systems erregter Linienführung, die sich nur vage an das naturalistische Vorbild hält, weiß er der jeweiligen Dichtung

die inneren Spannungen und seelischen Kräfte abzugewinnen .

In solcher ganz persönlichen Form hat er u. a. ›Gullivers Reisen‹ , ›Gilgamesch‹ ,

›Pantschatantra‹

… illustriert … Er beschickte in der Hauptsache die Ausstell(ungen) der Berliner, später Freien Sezession seit 1911 und stellte mit der ›Novembergruppe‹ seit 1919 auf der Gr(oßen) Berl(iner) Kunstausstell(ung) aus «

(Thieme-Becker XVIII [1925], 421).


Alfred Richard Meyer

Das Aldegrever=Mädchen

Eine Novelle. 1911.

Mit 8 signierten + kolorierten Lithographien

(»frei, aber nicht erotisch«, H.-G. IX, 400; 19,5-22 × 13-19 cm) von Georg Walter Rössner (Leipzig 1885 – Gundelsby 1972). und großer Eingangs-Initiale. 40 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin. – DER VENUSWAGEN IV.

Georg Walter Rössner, Das Aldegrever-Mädchen

Sennewald, Deutsche Buchillustratoren im ersten Drittel des 20. Jhdts., 19,6; G. K. Kobbe, Munkepunke-Bio-Bibliogr. (1933), 44.

Titelei in Karminrot + Schwarz. – Impressum korrekt vom Künstler signiert, nicht vom Autor, wie dort irrig vermerkt.

Hinterlegte kleine Randeinrisse, schwacher Braunstreifen im Bug, stellenweise minimal stockfleckig. Minimale Bereibung am oberen Kapital und drei kleine Kratzer am Vorderdeckel unten links.

»Das Aldegrever-Mädchen ist ein Juwel von Naturwahrheit, Humor und Lebendigkeit … Dafür würde ich auch öffentlich eintreten« (F. Wedekind).


Henry de Kock / Balduin A. Möllhausen

Der Mord
im Kastanienwäldchen
oder
Die Ereignislose Hochzeitsnacht

Mit 6 signierten Farb-Lithographien ,

davon nachfolgend eine der drei beschlagnahmten, mit zusätzlicher Signatur im Stein (18,5 × 15 cm) sowie illustriertem Titel von Franz Christophe (Wien 1875 – Berlin 1946). 52 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin. – DER VENUSWAGEN V.

Hayn-Gotendorf IX, 326; Englisch I, 508; Englisch II, 252; Sennewald 19,1.

Auf dem Vortitelblatt der Titel Henry de Kock / Die Geschichte vom Doktor Schultz. – Titelei in Grün + Schwarz. – Ohne die sammlungsspezifische hs. Angabe der Graphikanzahl auf dem Titel. – Anfangs minimale Stockstippen. – Minimale Abschabungen an oberem Kapital und drei Rückenstegen.

» Henry de Kock blieb an Lüsternheit nicht hinter seinem Namensvetter (Paul de Kock, tatsächlich der Vater) zurück … und schrieb auch manches andere freie Geschichtchen …

in dem das Blutrünstige und Erotische

Franz Christophe, Mord im Kastanienwäldchen

zu einer seltsamen Einheit sich zusammenfanden «

(Englisch I, 508).

Fußend auf einem authentischen, die Gemüter verstörenden Kriminalfall, der 1784 bei Mannheim seinen Anfang nahm und zehn Jahre später in Heidelberg seine eklatante Pointe fand.

» Christophe … entstammt einer Berliner französ. Refugiés-Familie … Er hat für die Jugend, den Simplizissimus … die Lustigen Blätter und andere Zeitschriften gezeichnet … 1911 war er auch in der Internat. Kunstausst. in Rom mit einigen Federzeichnungen vertreten … Vielen seiner Blätter gibt er durch Kolorierung einen besonderen Reiz.

» Der Einfluß Aubrey Beardsleys ist sowohl in seiner Zeichnung wie in vielen der gewählten Gegenstände unverkennbar «

(Thieme-Becker VI [1912], 549).

» Seine Zeichnungen und Radierungen sind von warmem Leben durchpulst, sehr sinnenfreudig, halten sich jedoch von jeder Spekulation durchaus fern … Er bemüht sich … insbesondere die machtvollste menschliche Gemütsbewegung, die Liebe, zu schildern. Und das gelingt ihm technisch ganz meisterhaft … Von seinen erotischen Arbeiten sind zu erwähnen … « Naaahh … ?

(Englisch II, 252).


Heinrich Lautensack

Erotische Votiftafeln

Mit 7 signierten Lithographien

mit zusätzlicher Signatur im Stein (11,5-20 × 14-15,5 cm) von Willy Jaeckel (Breslau 1888 – Berlin 1944). 32 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck Buchdruckerei Gustav Ascher, Berlin. – DER VENUSWAGEN VI.

Hayn-Gotendorf IX, 341 f.; Englisch I, 287; Lang 134; Sennewald 19,1; Stilijanov-Nedo 86.

Durchgängig in Rot + Schwarz. – Impressum entsprechend auf schwerem holländischen Bütten, nicht 1919er Zanders-Bütten wie von H.-G. vermerkt. – Anfangs nur ein zusätzliches, zudem in die Paginierung einbezogenes fliegendes Blatt. – Eines der Seiden-Deckblätter mit kleinem Ausriß und hinterlegtem Einriß im Unterrand.

Vilshofen’s »die Mama betrübender« (so Kristl in Bekenntnis zum sündigen Fleisch – H. Lautensack, in Börsenblatt für den Dt. Buchhandel, Frankfurter Ausgabe, Antiquariats-Beilagen, 1975) berühmt-berüchtigter Ausreißer Heinrich Lautensack mit

Mann und Weib – Das häßliche Mädchen – Onan – Maria Magdalena – Der Haremswächter – Pan – Die blinde Harfnerin bei den Felsen – Zeugung – Die Magd – Porträt aus Haaren verfertigt – Junge Jüdin – Das Korsett – Vom Übermut einer Tänzerin zur Nacht – Die Heiligsprechung der Hetäre – Der Traum der Eifersüchtigen – Caspar Münichs Liebe zu Lola Schmitt.

So denn gleichfalls

Willy Jaeckel, Erotische Votiv-Tafeln

» beschlagnahmt … wegen der Lithographien von Willy Jäckel «

(Englisch I, 287). Letzterer

» Kunst ist Geist ,

und der Geist braucht sich ganz und gar nicht

auf die Gesellschaft , die Gemeinschaft verpflichtet zu fühlen .

Eine Kunst , die ›ins Volk geht‹ ,

die Bedürfnisse der Menge , des kleinen Mannes , des Banausentums

zu den ihren macht ,

gerät ins Elend «

Thomas Mann

» Ließ sich … 1913 in Berlin nieder, wo er gleich bei seinem ersten Auftreten (in der Juryfreien Kunstschau 1913 u. in einer Kollektivausst. im Salon Fritz Gurlitt im gleichen Jahr)

als ein starker u. origineller Könner

die Aufmerksamkeit auf sich lenkte … Die Bilder der folgenden Jahre … zeigen eine intensive Weiterentwicklung … unter immer stärkerer Hervorkehrung der psychischen Ausdruckswerte seines erdenschweren, im Sinne einer mystischen Natursymbolik verwendeten menschlichen Gewächses … Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den triebhaft-urweltmäßigen Charakter des J.schen Menschen, der (selbst) bekleidet das Erdgeborene und Erdgebundene nicht verleugnet. Die knorrige Modellierung u. der harte, herbe Kontur geben dem schweren, kraftvoll-sinnlichen Geblüt seiner Menschen eine Gewalt der Geste u. einen Grad von Aktivität, die auch den unbewegt dargestellten Körper mit Energie förmlich geladen erscheinen läßt …

» Der starke innere Drang … war gewiß mit ausschlaggebend für diese geradezu leidenschaftliche Inanspruchnahme der Graphik, die ihm ermöglichte, in der breiten ausholenden Form der zyklischen Anordnung seine Ideen auszuspinnen. So entstanden … (unter anderen)

die 7 Lithogr(aphien) zu H. Lautensack: ›Erotische Votiftafeln‹ «

(Hans Vollmer in Thieme-Becker XVIII [1925], 324 f.).


(François-Marie Mayeur de Saint-Paul)

Die Königliche Orgie
oder
Die Österreicherin bei Laune

Eine Oper. Von einem Leibgardisten veröffentlicht am Tage der Pressefreiheit. 1789. In Musik gesetzt von der Königin.

Mit 6 signierten Tafel-Lithographien

(»erotisch und obszön«, H.-G.; 6,5-9 × 6-14,5 cm) sowie 3 reizvollen Vignetten-Lithographien von Paul Scheurich (New York 1883 – Brandenburg 1945). Zum ersten Male in die deutsche Sprache übertragen von Engelbert Nern und mit dessen Nachwort Die Kleinen Gemächer und der

Paul Scheurich, Die Königliche Orgie

Hirschgarten.

38 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin. – DER VENUSWAGEN VII.

Barbier I, 323; Hayn-Gotendorf IX, 438; Sennewald 19,5.

Der Autor von Herausgeber/Übersetzer unrecherchiert geblieben. – Serien-Vignette in Orange, Titelei in Orange + Schwarz. – Alle 6 Tafeln mit dem Sammlungs-Stempel wie Usus, doch nur fünf auch mit dem hs. 1/40. – Partiell schwacher Schatten eines schmalen Wasserrandes im Unterrand, im Impressum-Blatt und dem sich anschließenden weißen fliegenden etwas stärker. Eines der Seiden-Deckblätter schadhaft.

» Die vorstehende ›Opéra Proverbe‹ erschien (anonym und) ohne Ortsangabe 1789 unter dem genauen Titel L’Autrichienne en goguette ou l’orgie royale … Es handelt sich … um eine derbe Parodie jener kleinen Singspiele, die sich Ludwig XV. angeblich vorspielen ließ, und die in der Volksphantasie viel schamloser waren als gewiß in Wirklichkeit. Das Anekdotenhafte dieses Theaterchens der Wollust findet man in dem Buche

› Der Hirschpark oder das Serail Louis’ XV.
Eine Galerie geheimer Memoiren der jungen Mädchen,
welche in demselben eingeschlossen waren,
um zur Belustigung Ludwigs XV. zu dienen.
Ein Beitrag zur Chronique scandaleuse Frankreichs. ‹

» Die Volkslegende war so einfältig, daß sie den größten Teil der Bacchanalien auch auf Ludwig XVI. und Marie-Antoinette übertrug … Der abgelegene Pavillon, zu dem sich der König unerkannt begab, lag in dem Quartier des Hirschparks …

» Und die Oper von der königlichen Orgie, die zwei grundverschiedene Ludwigs verwechselt, (wollen wir getrost hinnehmen) als das, was sie ist: als ein Dokument der Revolution, eine freche Theaterszene, deren Urbild einmal

von viel zarterer Poesie war ,

wie sie der Kunst Paul Scheurichs wieder eigen ist «

(E. Nern in seinem Nachwort, »S. 27-38 interessante kulturhistorische Skizze des Übersetzers«, H.-G.). Und

» Trotz des kulturhistorischen Interesses (anstehenden Bandes)
verfiel (er) der Beschlagnahme «

(Az. 2. b. J. 26/20, wie vor).

Scheurich ist »Hauptsächlich bekannt durch s(eine) preziösen , im Rokokostil gebildeten Modelle für die Porzellanmanuf(akturen) Meißen, Karlsruhe, Nymphenburg u. Berlin. Seine graph(ischen) Mappenwerke bei Thieme-Becker genannt« (Vollmer IV, 183). Darunter denn auch Die Königliche Orgie.


Wilhelm Heinse

Die Kirschen

Mit 7 signierten Kreide-Lithographien

(»frei, aber nicht stark erotisch«, H.-G.; 17-20,5 × 10-19 cm) sowie Vignetten + Oberleisten-Bordüren von Wilhelm Wagner (Hanau 1887 – Bad Saarow 1968). 29 unnum. Blatt, 1 Blatt Impressum. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin. – DER VENUSWAGEN VIII.

Hayn-Gotendorf IX, 270; Englisch I, 191 f.; Sennewald 20,2.

Dem Inhalt angepaßte geänderte Serien-Vignette. – Titel in Rot + Schwarz. – Die schöne große Typographie eigens erwähnenswert. – Ohne die sammlungsspezifische hs. Angabe der Graphikanzahl auf dem Titel. – Nur ganz gelegentliche Stockstippen. Minimale Bereibung der Oberkante des Rückdeckels, die Deckel leicht aufgeworfen.

» Heinse (Pastorensohn + Wieland-Schüler, Langenwiesen, Thüringen, 1746 – Mainz 1803) trat für die Emanzipation des Fleisches ein. ›Liebe gestattet keine Moral. Wer über seiner Leidenschaftsbefriedigung stirbt, ist selig!‹ bekennt er. Goedeke sagt von ihm ganz richtig: ›Heinses Talent ist unverkennbar, aber ein Sinnentaumel ohne Liebe, Rausch ohne Gemüt ließen ihn nicht bis zur Schönheit der Seele und der Tat dringen …‹ … Er fertigte sein (anstehendes 1773er) Gedicht nach Dorat: Les Cérises et la double méprise, contes en verse … Dieser aber hat selbst zwei Vorgänger bzw. Vorbilder, nämlich Beroalde de Verville (Moyen de parvenir) und Grécourt. Das Sujet hat weite Verbreitung gefunden …

» Die lüsterne Schilderung der (hier in Wort + Bild) enthüllten weiblichen Reize ist für Heinse die Hauptsache. Aber in erotischer Hinsicht, in der Verherrlichung des freien Sinnengenusses, blieb Heinse nur ein Stümper. Seine Schriften sind auch

nur für einen geistig fortgeschrittenen Leserkreis berechnet .

» Seine Nachtreter und Nachbeter verstanden es besser, in die breiten Massen zu dringen, da sie dem Geschmacke des Lesepöbels sich willig anbequemten … «

(Paul Englisch). Und Robert Koenigs Deutsche Literaturgeschichte, 4. Auflage, 1879:

» (Von Italienreise) in die Heimat zurückgekehrt, trat er in den Dienst des aufgeklärten Kurfürsten von Mainz als Hofrath und Bibliothekar. Unter den Augen dieses geistlichen (Sperrung im Original) Herren schrieb er seine unsittlichen Bücher und las sie im Hofkreise mit großem Beifall vor. «

Wilhelm Wagner, Die Kirschen

» Es war im Julius , als Herr von Strahl ,
Ein Held , kurz Friedrichs General …
Der Stadt Betäubung überdrüßig ,
Von kriegrischen Geschäften müßig ,
Beschloß , auf’s Land zu ziehn
Aus seinem prächtigen Berlin «


J(oris) K(arl) Huysmans

Gilles de Rais

Deutsch von August Döppner.

Mit 15 signierten Lithographien

von Willi Geiger (Schönbrunn/Landshut 1878 – München 1971) mit zusätzlichem Monogramm im Stein (11-20,5 × 5,5-18 cm)

sowie nur steinsignierter großer figürlicher Schlußvignette

und figürlicher Eingangs-Initiale. 40 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin. – DER VENUSWAGEN IX.

Hayn-Gotendorf IX, 298; Englisch I, 523 f.; Englisch II, 257; Lang 70.

Nur der Serientitel in Rot + Schwarz bei gleichzeitigem Fortfall der Serien-Vignette. – Die irrige Impressum-Angabe bezüglich nur 35 Vorzugs-Exemplaren hs. in 40 berichtigt. – Ein Seiden-Deckblatt schadhaft. Rückdeckel mit schwacher langer Kratz- und drei minimalen Schabspuren, solche auch am oberen Kapital und den Rückenstegen.

Gilles de Rais’ (ca. 1405-1440) Eintritt unter die Augen der Öffentlichkeit war ebenso bemerkenswert, wie sein Ende schrecklich. »(V)on berauschender Schönheit, von seltener Eleganz … reichste(r) der Barone Frankreichs … (Beschützer Jeanne d’Arcs.) Er folgt ihr überall hin, steht ihr in der Schlacht zur Seite, selbst unter den Mauern von Paris, hält sich in Reims am Krönungstage (Karl VII.) neben ihr, wo ihn … der König mit 25 Jahren zum Marschall von Frankreich ernennt!«

» Er war ein gelehrter Latinist, ein geistvoller Plauderer, ein großmütiger und zuverlässiger Freund. Er besaß eine für jene Zeit, wo sich die Lektüre auf Theologie und das Leben der Heiligen beschränkt, ungewöhnliche Bibliothek. Wir haben das Verzeichnis einiger seiner Manuskripte: Sueton, Valerius Maximus,

ein Ovid auf Pergament – in rotes Leder gebunden

und mit vergoldetem Silberschloß und Schlüssel .

» In diese Bücher war er vernarrt; er hatte sie immer bei sich, wenn er reiste …

» Sein Tisch war für jeden Gast gedeckt; von allen Enden Frankreichs pilgerten Karawanen nach diesem Schloß (Tiffauges), wo Künstler, Dichter, Gelehrte eine fürstliche Gastfreundschaft fanden, Gemütlichkeit, Willkommsgaben und Abschiedsgeschenke …

» Sicher ist (aber auch), daß die Seele dieses Mannes mit mystischen Ideen gesättigt war; seine ganze Geschichte beweist es. Er lebte an der Seite jenes außergewöhnlichen Mädchens, deren Abenteuer zu bestätigen scheinen, daß ein göttliches Eingreifen in die Geschehnisse hienieden möglich ist … «

Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, bei alchemistischen Versuchen des Goldmachens, begibt er sich tiefer und tiefer in die Gesellschaft von Wunderversprechern und Ekstatikern. Er gleitet ab ins Verbrechen, folgend seinen inneren, seinen mystischen Stimmen. Und bittet am Ende seinen geistlichen Richter, eben Jean de Malestroit, um dessen »Fürbitte bei den Vätern und Müttern der Kinder, die er so grausam geschändet und gemordet hatte, daß sie ihm in seinem Tode beiständen«.

» Und dieses Volk, dem er das Herz herausgerissen hatte, schluchzte vor Mitleid. Es sah in diesem dämonischen großen Herrn nur noch einen armen Menschen, der seine Verbrechen beweinte … und am Hinrichtungstage zog es von neun Uhr morgens ab in langer Prozession durch die Stadt, sang Psalmen auf den Straßen und schwur in den Kirchen, drei Tage lang für die Seelenruhe des Marschalls zu fasten. «

Für Geiger war dies ein Thema, wie namentlich in Waldemar Bonsels Kyrie eleison hervortretend, »in dem das Thema des Lustmordes nach künstlerischer Gestaltung drängt. Ferner stammen von ihm die Radierungen zu den erotischen ›Novellen aus der italienischen Renaissance‹ und die Lithographien zu ›Huysmans, Gilles de Rais‹ (Sammlung ›Der Venuswagen‹ 1919) … Geigers Radierungen sind, vom erotischen Standpunkt aus betrachtet, reizlos, weil zu sehr das Gedankliche überwiegt und das sinnliche Moment dahinter zurücktritt« (Englisch). Letzteres für seinen nach H.-G. 1914 entstandenen Gilles de Rais durchaus ein Vorzug.

» Jean de Malestroit verließ seinen Sitz und hob den Angeklagten auf …

der Richter in ihm verschwand , nur der Priester blieb ;

er küßte den reuigen Sünder und beweinte seine Schuld …

Willy Geiger, Gilles de Rais

› Bete ,

damit der gerechte und furchtbare Zorn des Allerhöchsten schweige ;

weine ,

damit deine Tränen dein brünstiges Fleisch läutern. ‹ «

Unbeschadet beschriebener und, für sich allein gesehen, durchaus störender Erhaltensmängel zweier Bände erwartet Sie ein

denkbar frischer Erhaltungszustand + als Ganzes eine Augenweide ,

die besagte Mängel souverän überspielt. Dieses Exemplar ist schlichtweg

ein von Provenienz + Römisch I
einzigartig geadeltes Gesamtkunstwerk .

Zugedacht jenen ,

die » die Anordnung , die Gesten und die Formen von Figuren

Heinrich Stinnes | 20. XII. 1920

in einer Komposition … zu lesen verstünden «.

So Nicolas Poussin um 1637 an Jacques Stella. Hier denn jenen Wenigen zu lesen und zu verstehen ermöglicht dreihundert Jahre später an einem nach außen gekehrten Innersten eines Ihresgleichen.

Angebots-Nr. 29.125 | EUR 9885. | export price EUR 9391. (c. US$ 11353.) + Versand

Der Venuswagen | Verlag Fritz Gurlitt Berlin

  1. Hilliard T. Goldfarb im von ihm hrsg. Montreal/Kölner Richelieu-Katalog, 2002, S. 10/I.

“ Thank you for a most interesting Website … I am very interested especially in William Hogarth as I have recently discovered … Thank you once again for a most fascinating display on your Website ”

(Mrs. H. J. G., October 19, 2008)