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Vor 220 Jahren

Ringkampf der Virtuosen
Joseph Wölfl
Joseph Wölfl
Ludwig van Beethoven
Ludwig van Beethoven

im Hause Wetzlar in Wien

Seyfried, Beethoven-Wölfl-Duell

» Dort verschaffte der höchst interessante Wettstreit beyder Athleten nicht selten … einen unbeschreiblichen Kunstgenuß; jeder trug seine jüngsten Geistesproducte vor; bald ließ der Eine oder der Andere den momentanen Eingebungen seiner glühenden Phantasie freien, ungezügelten Lauf; bald setzten sich beyde an zwey Pianos. improvisirten wechselweise über gegenseitig sich angegeben Themas, und schuffen also gar manches vierhändige Capriccio, welches, hätte es im Augenblicke der Geburt zu Papier gebracht werden können, sicherlich der Vergänglichkeit getrotzt haben würde. —

» An mechanischer Geschicklichkeit dürfte es schwer, vielleicht unmöglich gewesen seyn, Einem der Kämpfer vorzugsweise die Sieges-Palme zu verleihen … Im Phantasieren verleugnete Beethoven schon damals nicht seinen mehr zum unheimlich Düsteren sich hinneigenden Charakter; schwelgte er einmal im unermeßlichen Tonreich, dann war er auch entrissen dem Irrdischen … jetzt brauste sein Spiel dahin gleich einem wild schäumenden Cataract, und der Beschwörer zwang das Instrument mitunter zu einer Kraftäusserung welcher kaum der stärkste Bau zu gehorchen im Stande war; nun sank er zurück, abgespannt, leise Klagen aushauchend … wieder erhob sich die Scala, triumphirend über vorübergehendes Erdenleiden, wandte sich nach oben in andachtsvollen Klängen … Doch, wer vermag zu ergründen des Meeres Tiefe? Es redet in geheimnisreicher Sprache, deren rethselhafte Hierogliphen nur der Eingeweihte zu lösen ermächtigt ist! —

» Wölfl hingegen, in Mozarts Schule gebildet blieb immerdar sich gleich; nie flach, aber stets klar, und eben deswegen der Mehrzahl zugänglicher … stets wußte er Antheil zu erregen, und diesen unwandelbar an den Reihengang seiner wohlgeordneten Ideen zu bannen. — & Wer Hummel’n gehört hat, wird auch verstehen, was damit gesagt seyn will. —

Seyfried, Beethoven-Wölfl-Duell

» Noch ein ganz eigenthümliches Vergnügen erwuchs dabey dem vorurtheilsfreyen, unbefangenen Beobachter im stillen Reflectiren beyder Mäcenaten (Fürst Lichnowsky von der Beethoven-, Baron von Wetzlar von der W.-Partei). Wie sie in gespannter Aufmerksamkeit den Leistungen ihrer Schützlinge lauschend folgten, beyfallspendende Blicke sich zusandten, und schlußentlich mit altritterlicher Courtoysie dem gegenseitigen Verdienste unbedingt volle Gerechtigkeit wiederfahren ließen «

Soweit der 3seitige Ohren- und Augenzeugen-Bericht von

Ignaz Ritter von Seyfried

Ignaz Ritter von Seyfried
1776 Wien 1841

als eines solchermaßen begnadeten Dabeigewesenen vom Klavier-Ringkampf zwischen den Virtuosen Ludwig van Beethoven und Joseph Wölfl im Winter 1798/99 im Hause Baron Raymund von Wetzlars innerhalb seines Autographs

Biographische Notitzen
+
Charakterzüge und Anekdoten zu Ludwig van Beethoven

Eigenhändige Manuskripte. (1831.) 12 SS. auf 3 Doppelblättern + ½ Bl. bzw. 13 SS. auf 9 (4 blauen) Einzelblättern. Dunkelbraune Ziegenleder-Mappe mit facsimiliertem Titel Biographische Notitzen / über / Ludwig van Beethoven in Blindprägung auf dem Vorderdeckel (37 × 23.5 cm [14⅝ × 9¼ in]) + goldgeprägt 13zeilig im Innenspiegel

Seyfried, Biographische Notitzen zu Beethoven

» Die ›Biographische(n) Notitzen‹ / Ignaz von Seyfried’s / (1776 Wien 1841) / als die zweitfrüheste ausführlichere Quelle / der Beethoven-Literatur / im 1831er autographen Manuskript / abweichend vom Druck 1832 / betreffend einen der / bewegendsten Momente im Leben Beethoven’s / Enthaltend u. a. auch / seinen fascinierenden Erlebnisbericht / vom / ›1798(er) Klavierwettkampf mit dem Virtuosen Wölffl‹ «

mit den Biographie-Manuskript-Blättern als originärer Einlage, der die Manuskript-Blätter der Charakterzüge + Anekdoten in ihren unterschiedlichen Formaten, Papieren + Farben per eigener beigefarbener Bütten-Mappe dergestalt paßgenau einverleibt wurden, daß deren neun Themen auf sieben von 1 bis 7 goldgeprägt numerierten Blättern mit Einstecklasche aufliegen. Goldgeprägt auch der Vorderumschlag der Mappe mit

» Ludwig van Beethoven / Charakterzüge und Anekdoten / mitgeteilt / von / Ignaz von Seyfried / Autographes Manuskript / 1831 «.

Publikation

Ludwig van Beethoven. Studien im Generalbasse … Aus dessen hs. Nachlasse gesammelt u. hrsg. von … Seyfried. (Nebst einem Anhange biographischer Notizen [»Früher Beitrag zur Beethovenliteratur«, Katalog Wolffheim II/1929, 423, in Sperrsatz] etc.) Wien, Haslinger, (1832, bei Vorabzeichnung durch 1214 Subskribenten!). Anhang SS. 3 ff.

Literatur

Nohl, Beethoven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen, 1877, SS. 25, 38-43, 182 f.; Thayer, Ludwig van Beethovens Leben, 2. Aufl., 1901; Kerst, Die Erinnerungen an Beethoven, 1913, per 15 Passagen lt. Index; Bettina von Seyfried, Ignaz Ritter von Seyfried, 1983/90; Honegger-Massenkeil VII (1982, revid. 1987), 346; Musik in Geschichte u. Gegenwart XII, 603 f.; Sadie, New Grove Dict. of Music and Musicians, 1980, XVII, 208 f.; Tia DeNora, The Beethoven-Wölfl piano duel, in David Wyn Jones, Music in eighteenth-century Austria (1996); ADB XXXIV, 113 ff. und, Beethoven, II, 251 ff.; Wurzbach XXXIV, 176 ff.; Prietznigg, Mitteilungen aus Wien – Zeitgemälde, 1835 (ausführlichere Darstellung Seyfried’s nebst Werkkatalog); Bauer, Ignaz Ritter v. Seyfried. Kurze Lebensgeschichte. Ca. 1950 (masch.-schriftl. Ms. im Musikwissensch. Institut Wien, nach B. v. Seyfried, wie auch Prietznigg); Rolland, L. v. Beethoven, 1918 + Beethoven the Creator, 1929.

Authentizität

Die Handschrift der Notitzen lag der Musikologin Bettina von Seyfried vor (s. Literatur). Sie ließ an der Echtheit derselben keinen Zweifel, wenngleich die Schrift nicht der gewohnten Qualität entspräche. Letzteres mag als mit dem Inhalt korrespondierender Ausdruck tiefer Rührung gewertet werden, wie entsprechend von dem schon an der Grabrede arbeitenden Grillparzer beim Vernehmen der Gewißheit überliefert: »Da tat es einen starken Fall in meinem Innern … und wie es mir auch bei sonstigen Arbeiten ging, wenn wirkliche Rührung mich übermannte: ich habe die Rede nicht in der Prägnanz vollenden können, in der sie begonnen war« (Kerst, a. a. O., Bd. II, Seite 249; gerade dieser unprägnante Schluß aus heutiger Sicht von größter Schönheit). Bedingt sicherlich aber auch als Ausfluß seiner die letzten fünfzehn Jahre überschattenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Ignaz von Seyfrieds

» … Notizen …

gewähren von Beethoven, der damals …

in der wunderbarsten Zeit seines Schaffens stand,

ein so deutliches und lebendiges Bild,

wie wir es von keinem andern

unserer großen Komponisten besitzen. «

Alexander Wheelock Thayer, Ludwig van Beethovens Leben

2. Aufl. (1910), SS. 569 f.

Joseph Wölfl (Salzburg 1772 – Mary-le-bone [London] 1812), ein »Clavierspieler außerordentlichster Art« (ADB), hatte Beethoven 1798 seine Trois Sonates pour le Piano-Forte, op. 6, gewidmet. Ob – wahrscheinlicher – vor oder erst während ihres Wettstreits im Hause Wetzlar, muß indes ebenso offenbleiben wie dessen genauer Zeitpunkt. Kerst verzeichnet »1798. Klavierwettkampf mit dem Virtuosen Wölffl«, während DeNora (s. u.) diesen auf März 1799 datiert. Thayer verweist in diesem Zusammenhang auf die höchst positive Kritik zu ersteren in der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung von Januar 1799 und zu letzterem auf einen ebda. unter dem Datum des 22. April 1799 abgedruckten Brief. Seyfrieds Augen- und Ohrenzeugenbericht läßt tatsächlich an wiederholte – »nicht selten« – derartige Soirees mit den beiden Virtuosen denken, die sich, im Gegensatz zu Berichten von anderen derartigen Wettkämpfen, offenbar gegenseitig schätzten, wenn Seyfried fortfährt:

» Die Protegirten selbst aber kümmerten sich darum blutwenig. Sie achteten sich, weil sie sich selbst am besten zu taxiren wußten, und als gerade, ehrliche Deutsche von dem lobwürdigen Grundsatze ausgingen: daß die Kunststraße für viele breit genug wäre, ohne sich wechselseitig auf der Wandelbahn zum Ziele des Ruhmes neidisch zu beirren. «

Ob – wie DeNora meint – in Folge Wölfls Popularität in Wien verblaßte oder, wie anderwärts angeführt, Schwierigkeiten in seiner im Vorjahr geschlossenen Ehe den Anlaß zu einer einjährigen Tournee gaben, mag dahingestellt bleiben. Immerhin kehrte er kurz nach Rückkehr im Sommer 1800 Wien für immer den Rücken, um schließlich über Paris nach England zu gehen.

Die musikgeschichtliche Bedeutung dieses Ringkampfes zwischen Beethoven und Wölfl über den Tag hinaus hingegen fand erst in neuerer Zeit die Beachtung der Wissenschaft:

» Dieser Wettkampf ist von der Beethoven-Forschung noch nicht eingehend als eigenständiges Thema betrachtet worden …

» Zum Zeitpunkt des Duells Beethoven-Wölfl trat Beethovens Stil, wie er von seinen Zeitgenossen geschildert wird, erstmals als etwas eigenständiges hervor, als eine Möglichkeit der Fortentwicklung im Gegensatz zu anderen Herangehensweisen und, speziell … zu einer eher dilettantischen Ideologie … Gleichzeitig half der Vergleich Beethoven-Wölfl, Beethovens künstlerische Identität innerhalb der musikalischen Welt Wiens weiter zu klären «

(Tia DeNora, a. a. O., SS. 259 f.).

Der faszinierende 3seitige Erlebnis-Bericht
des Ohren- und Augenzeugen dieses Ringkampfes
Ignaz Ritter von Seyfried
innerhalb seines 12seitigen autographen Manuskripts
»Biographische Notitzen« zu Ludwig van Beethoven

— siehe die umfassende, illustrierte Beschreibung

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“ ich habe kuerzlich Ihre web site über die Rugendasfamilie gefunden, welche ich von grosser inhaltlicher Qualität und Interesse finde … ”

(Señ. G. E., 19. Dezember 2003)