Ferdinand Knieriem, Wien 1847
Ferdinand Knieriem, Wien 1847

Die Stammbuch-Blätter
der A. Müller in Aschersleben

behütet in ganz bemerkenswerter Kassette von mythologischem Goldwächter Greif
und Realiter-Äquivalent Löwe in Verbindung mit einer Hasenjagd

Aschersleben – Müller – Album Amicorum – Stammbuch-Blätter der Schülerin A. Müller in Aschersleben. Deutsche Handschrift in Tinte auf dünnem Papier. Aschersleben 1845-1851 + 1869 (1 x, seitens der Tochter Emma Weber; rechtsrandige hinterlegte Läsur mit vereinzeltem Buchstabenverlust). Ca. 66 × 112 mm (2⅝ × 4⅜ in). Auf Innenspiegel kaschiertes gedrucktes farb. Deckblatt mit Mädchen mit wohl Kätzchen im Arm auf mit dann Mutter-Katze geteilter Aussichtsterrasse mit Blick auf berggesäumte feine Stadtsilhouette +

43 lose Blätter mit dito Eintragungen,

davon eine zweiseitig. Mit 6 befestigten Haarkränzen über Bandschleife bzw. rosa Wollauffächerung (1, auch den Kranz selbst durchsetzend) + 3 (2 farb.) Zeichnungen. Dunkelbraune HLdr.-Kassette d. Zt. (7,6 × 12,7 × 1 cm [3 × 5 ×⅜ in]) mit vergoldeter Rücken- + Deckelfilete, die Deckel mit jeweils eigener reicher figürlicher + ornamentaler Blindprägung mit

Stammbuch (Aschersleben): Hasenjagd (Vorderdeckel)

Hasenjagd

+

Präsentation des erlegten Hasen an Hausfrau + Töchterchen

als rautenförmigen Mittelstücken sowie springendem Löwen bzw. Greif vor (Akanthus-)Rankenwerk in den vier Ecken. Gepunzter Goldschnitt.

G. Müller (Aschersleben 1845)
G. Müller (Aschersleben 21. Januar 1845)

Der Nachname der Eignerin ergibt sich eingangs aus Blättern der Brüder G. + Heinrich Müller vom 26. 1. 1845, vornamenergänzt durch gelegentliche A. Müller in Bleistift im Oberrand links. Dagegen unterzeichnet am 6. 1. 1845 eine Louise Müller als Freundin und am 4. 3. 1846 ein Rudolph Müller als Freund. Den Schülerinnen-Status ergibt der jahrgangslose Eintrag von Lehrer Heineke (?) eines 3. Aprils (wohl 1846, s. u.) »beim Abgang aus der Schule«. Lehrerseits des weiteren Ober-Prediger Wagner »als Lehrer & Seelsorger« vom 4. 4. 1846, Rütte (2. 4. 46) sowie

G. Finett (Aschersleben 1846)
G. Finette (Aschersleben 10. März 1846)

G. Finette’s (?) aus heutiger generell wieder omnipotenter Verbots-Hybris unseliger Venuswagen-Erinnerung vor 100 Jahren nach dem Staatsanwalt gierendes »zum Andenken an Deinen Dich liebenden Lehrer …«.

Bertha Müller (Aschersleben 1851)
Bertha Müller (Aschersleben 22. Januar 1851)

Unter den meist von Freundinnen beigesteuerten Blättern Emilie Breitschuh – Ida Opitz – Therese Walkhoff – Minna + Therese Kühne – A. Karstedt – P. Lüddeckens – Louise Schlettau – B. Bockemüller – Clara Hornung – Caroline Wayner – Bertha Keubler – Friederike Heckmann – Friederike Mehl – B. Mühlradt – Wilhelmine Algermissen – Elisabeth Strauch – Ethlinde von Schach – A. + B. Temme – Seifensieders’ Minna Kuntze – Friederike Quasthoff – Agnes Thermann – Emma Hufenhäuser – Bertha Beyse – Doris Stange – E. Maerker (Seifensieder G. M., Breite Straße) – die Schwester Bertha am 22. Januar 1851 – die Freunde G. Messerschmidt, Theodor Deeke sowie – zweiseitig – Ferdinand Knieriem aus Wien (Wagenfabrikation Edelkarossen für ganz Europa).

B. Temme (Aschersleben 1846)
B. Temme (Aschersleben 13. Januar 1846)

Blattbezogen alles was und wie den Reiz eines Stammbuches ausmachend. Hierüber hinausgehend indes

die für ein Mädchen-Stammbuch so ungewöhnliche Kassetten-Prägung

als rücksichtlich des mit Untertext

Wahre die Unschuld der Seele , Dass Dir der Segen nicht fehle .

gedruckten Deckblattes für ein solches offenbar fabrikationsmäßig gefertigt, gesamthaft aber auf ersten Blick hin doch eher entschieden männlicher Ausstrahlung. Gleichwohl stehen Greif und Löwe generell für Schutz-Attribute. Und noch bis um 1850 verwies der um 1680 einsetzende Dianen-Kult den Hl. Hubertus als Schutz-Patron der Jäger auf den zweiten Platz. Unter diesem Aspekt aber wäre der den geschossenen Hasen schließlich Hausfrau + Tochter präsentierende Jäger eine Fehlbesetzung, eingeschränkt gleichwohl von der häusliche Wärme vermittelnden Rückdeckel-Prägung mit eben einem kleinen Mädchen als eines inhaltlichen Fingerzeigs auf den Inhalt der Kassette. Die denn, alles in allem, eine ebenso individuelle wie mit ihren großen, miteinander korrespondierenden Prägestempeln aufwendige Fertigungsnote verrät. Womit

der Hintergrund der Prägung in der Familie Müller läge .

Vertieft vom mythologischen und damit der Romantik nahestehenden Greif-Symbol. Und in Kontext mit diesem hier denn dem Löwen lediglich eine Wappen-, nicht Schutz-Funktion zuweisend. Gilt dem Greif doch der ihm darstellungsmäßig gar nicht einmal fremde Löwe als eine Verkörperung des Bösen.

Stammbuch (Aschersleben): Erlegter Hase Hausfrau + Tochter präsentiert (Rückdeckel)

» Der Greif ist ein in vielen altorientalischen Kulturen (Elam [Altertum], Ägypten, Babylonien, Assyrien, Hethiter, Anatolien) bekanntes Fabelwesen. In der Ägyptischen Kunst wird er seit dem Ende des vierten Jahrtausends v. Chr dargestellt. Von dort angeregt, gelangte er im frühen 2. Jahrtausend nach Syrien …

» In bildlichen Zusammenhängen kommt er, wie schon in der Antike, häufig in der Wächterrolle vor (z. B. als Hüter des Grabes, des Lebensbaums [siehe den starken Baumausschlag hiesigen Deckblattes] oder -brunnens). Vor allem aber in der Romantik erscheint er als starkes und wachsames Tier, das dort, wo es beispielsweise als säulentragendes Wesen die Portale zahlreicher italienischer Kirchen flankiert, alles Böse in Gestalt von Löwen, Schlangen und Basilisken überwindet und abwehrt …

» Die ganze Geschichte hindurch sind Stärke und Wachsamkeit Eigenschaften des Greifs. Es gibt Vermutungen, dass in der Antike Nomaden (Skythen) beim Goldschürfen in den weiten Wüsten Zentralasiens Fossilien von Protoceratops fanden, einem Dinosaurier, dessen Überreste in den kreidezeitlichen Ablagerungen dieser Region häufig anzutreffen sind. Derartige Fossilien, wie sie noch heute in der Wüste Gobi am Rand des Altaigebirges (mongolisch: »Goldene Berge«) in gutem Erhaltungszustand gefunden werden können, könnten die Grundlage für den Mythos des Greifen (hier ursprünglich als Goldwächter) gewesen sein. Protoceratops besaß wie alle seine Verwandten einen großen Schnabel und einen Körper, der Menschen an den eines Löwen erinnert haben könnte. Der Nackenschild des Dinosauriers könnte für Flügel gehalten worden sein. Zudem finden sich in der Mongolei zahlreiche fossile Dinosauriereier, und so erzählte man sich in der Antike, wie die Greifen grimmig ihre auf dem Boden mit Gold ausgekleideten Nester bewachten. Ob und wie diese Vorstellungen nach Westen gelangten, durch Erzählungen von Reisenden oder durch Bilder auf gehandeltem Kulturgut, bleibt allerdings hypothetisch «

(Deutsche Wikipedia 15. 11. 2019; Fettsatz nicht im Orignal).

Theodor Deeke (Aschersleben 1845)
Theodor Deeke (Aschersleben 6. Mai 1845)

Mit all dem aber gibt er einem Mädchen-Stammbuch den Doppel-Sinn von Behütetsein und Wohlstand. Als einer Widerspiegelung all der ein Stammbuch durchziehenden guten Wünsche.

Höchst selten nur dürfte ein solchermaßen verbildlichter Tiefgang

den Gegenstand der Hülle von Stammbuch-Blättern bilden .

Rückverweisend damit auf die Ascherslebener Familie Müller. Als Anreiz diesbezüglicher lokaler Recherche. So sei ein ratsfähiger Stadthauptmann Valentin Müller unter Graf Otto von Ballenstedt, dem Vater des Askaniers Albrecht des Bären, 1115 in der Schlacht bei Köthen gegen die Wenden gefallen. Wozu Carl Scheller innert Ascherslebener Familienkunde und die Schlacht bei Köthen 1115 eines datumslosen Tageblatt-Torsos anmerkt, daß die unteren Stände vor 1200/1300 im allgemeinen keine bestimmten Familiennamen geführt hätten, für Aschersleben Gegenteiliges urkundlich bislang nicht belegt sei und gedachte Namen denn auch nicht im 1377er Bürger-Verzeichnis aufschienen. So erstmals ein Ratsmitglied Müller 1477.

Schon oben besagte seitliche Anränderung eines Blattes bei minimalem Buchstabenverlust und gelegentliche leichte Blatt-Patina. Kassetten-Gelenke innen leicht brüchig, die Innen-Spiegel oxydiert.

Stammbuch-Eintrag Ferdinand Knieriem (Wien)
Ferdinand Knieriem (Wien 1847)

Résumé

Die begehrenswert-reizvollen Stammbuch-Blätter der A. Müller in Aschersleben zu Ende ihrer Schulzeit aus der um just 1848 auslaufenden literarischen wie kunsthistorischen Epoche der nicht zuletzt als Folge eines zur Ideologie verkommenen Globalismus wiederentdeckten Romantik. Sprich,

geistig eingebettet in mythologische Ferne.

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G. Messerschmidt (Aschersleben 1848)
G. Messerschmidt (Aschersleben 27. Januar 1848)


„ Beste heer Niemeyer, Hartelijk dank voor de snelle terugboeking (concerning a bill paid for already one year ago). Zoiets schept altijd vertrouwen! Beste groeten “

(Mijnheer P. E., 3. Februar 2009)