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Staatsgefährdende Hommage auf Friedrich II. von Preußen

erschienen fünf Jahre vor der Revolution

LETTRES D’UN SOUVERAIN PHILOSOPHE, A un véritable ami, à ses Ministres & à différens (sic!) Particuliers; Ouvrage qui peut être utile à tous les Gens en place, & principalement à l’éducation d’un jeune Prince. Par le Chevalier ****. 2 Bde. in 1. O. O. + Dr. 1784. Kl.-8° (16,5 x 10 cm). 2 Bll. Titel, 312 SS.; 3 Bll. Tit. + Vorw., 165, 1 (w.), IV SS. HFrz.-Bd. d. Zt.

Lettres d’un Souverain PhilosopheLettres d’un Souverain Philosophe

Nicht im 4-Bänder Barbier, Dictionnaire des Ouvrages Anonymes (1872/79) + der hier vorliegenden JdA-Jahrgänge 1950-1992, fehlend auch in British Museum und Library of Congress. – Auftrumpfend gleich mit (konfiszierten ?) vier Exemplaren indes Bibliothèque Nationale, wobei nicht klar ersichtlich, ob im eigenen Haus allein oder weiterem Umfeld. Und zwar keinen Autorenvorschlag vermerkend, doch zwei Druckzustände:

  1. wie oben, doch Bd. II nur mit 2 statt hier 3 Bll. („4“ [SS.] statt deren dann 6);
  2. wiederum gleich auch hier als 2 Bde. in 1, doch mit nunmehr gesamthaft 491 statt nur 477 reinen Textseiten. „différens“ nunmehr in „differents“ berichtigt und statt „& à différens“ „et à ...“. Also zeitlich nachzuordnender Druckzustand, „publiée la même année“. Sodaß „M. DCC. LXXXXIV.“ als 1794 ein offenbarer Schreibfehler. Und bringt a) das Inhaltsverzeichnis als Ganzes am Schluß von Bd. II, so b) apart zu Ende jedes Bandes.

Konnte hiesige Bibliotheks-Recherche für Europa nur obige Pariser Exemplare ermitteln, so müssen deren 11 in US-amerikanischen + 2 canadischen überraschen. Was den Schluß nahelegt, die Lettres seien gleich einer Bibel von den ihr Heil in Übersee suchenden mitgeführt worden. Ein weiteres zudem in Malaysia. Offengeblieben dabei, ob Erst- oder Zweit-Auflage betreffend.

Inhaltlich eine tour d’horizon in 106 — zumindest die letzten in abweichender Nummern-Abfolge bei Fehlen des 100., dafür 105 zweimal vergeben — Briefen zu allen Facetten eines gesellschaftlichen Zusammenlebens unter dem Titelblatt-Motto als eines zugleich versteckten Fingerzeigs:

„ Heureux les Peuples dont les Philosophes sont les Rois ,
& dont les Rois sont Philosophes “

( „ Glücklich die Völker , deren Philosophen die Könige ,
& deren Könige Philosophen sind “ )

aus Platons Traité de la République / Die Republik, welch frommer Wunsch dem anonymen Autor nur in Friedrich dem Großen von Preußen (1712-1786) als Zeitgenosse verwirklicht gesehen haben kann. Unterfüttert denn auch vom à l’éducation d’un jeune Prince, abzielend auf Friedrichs vorzeitig (1767) verstorbenen Lieblingsneffen Der junge Prinz (Heinrich), dessentwegen die Erbfolge geändert werden sollte und verewigt in leicht verfremdeten Scenen in Veit Harlans Der große König (1942).

Die Sprengkraft der Lettres im schon seit den frühen 1770ern brodelnden Paris

„ Am 10. Mai 1774 starb Ludwig XV. Gegen Ende seiner Regierung hatte es schon einer bedeutenden Polizeimacht bedurft, um Paris in Ruhe zu erhalten; er vermied es, die Hauptstadt zu besuchen. Heftige Flugschriften sprachen bereits von einer Revolution … Es war so weit gekommen, daß der Versuch zur Besserung nur das Signal zu dem längst gefürchteten Ausbruch der vorrevolutionären Leidenschaften gab … “
(Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., VI [1889], 553/I)

müssen Autor wie Verleger/Drucker sehr richtig eingeschätzt haben

als sie deren Veröffentlichung nur im Schutze allseitiger Anonymität wagten. Entsprechend bedingte deren begierige Marktaufnahme die unverzügliche Nachauflage.

Denn nicht umsonst gilt der mit 80 Seiten einsam längste 69. Brief als Beschluß des ersten Bandes einleitend den Finanzen, sodann der Wirtschaft. Und endet als einzig aufgefallen mit einem Quellvermerk als Klammerzusatz: „(Art. de J. J. Rousseau.)“ (Fettsatz/Sperrung nicht im Original). Welch Name für sich allein bereits Programm war :

„ … wenn wir uns zu dem Manne wenden, in dem die französische Aufklärung ihren größten Genius und ihren schneidendsten Kritiker hervorgebracht hat: zu Jean Jacques Rousseau (1712-1778) … nicht das Zukunftsziel der Materialisten … sondern das Vergangenheitsideal der ‚Natur‘ nimmt sein Denken und Streben gefangen. Dies hindert ihn jedoch nicht, daß die natürliche und der echten Menschennatur entsprechende Ordnung der Gesellschaft seinem … zugleich leidenschaftlichen, ja … echt revolutionären Temperament ein Ziel wird, das er mit gedanklicher Kraft umreißt und mit dem er der werdenden Revolution in weit tiefere Kreise hinein … das Programm gibt … gilt der Kampf den gesellschaftlichen Verhältnissen … zwischen denen, die die Machtmittel des Staates in der Hand haben und den anderen, die nur Untertanen sind. Trotz der leidenschaftlichen Anklage gegen die Institution des Privateigentums als dem Hauptquell des Übels schreitet Rousseau nicht zu sozialistischen Konsequenzen fort, wohl aber zum Entwurf einer radikal demokratischen Staatsverfassung, eines Staates, in dem die natürliche und unveräußerliche Freiheit und Selbstbestimmung im Wesen des Menschen mit dem Zwang und der Gewalt vereinbar ist, die vom Wesen des Staates nicht getrennt werden können (Der ‚Gesellschaftsvertrag‘ – , ‚Contrat social‘, 1762) “

(von Aster, Geschichte der Philosophie, 1954, 267-270).

„ … darum ist die Gesellschaft allein der Souverän, der Gesamtwille das höchste Gesetz. Der Zweck der Gesetze aber ist Freiheit und Gleichheit. Das Merkwürdigste ist, daß er seiner Republik eine Staatsreligion verleiht, und daß er Andersgläubige verbannt, Abtrünnige mit dem Tod bestrafen will. Wie diese Theorien sich in der Praxis ausnehmen, zeigten der Konvent und Robespierre; ein viel höherer Grad von Tyrannei war die notwendige Konsequenz solcher Lehren. Der Contrat social hatte einen großartigen Erfolg: der französischen Revolution diente er als Grundbuch. Aber das Geheimnis dieses Erfolgs liegt nicht bloß in der Kühnheit dieser Ideen, sondern vor allem in der vollendeten Form, dem prophetischen Ton, der Sicherheit seiner Logik, der Heftigkeit seiner Angriffe … Nicht bloß der französischenRevolution, auch der Sturm- und Drangperiode der deutschen Dichtung war er der geistige Führer “

(Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., XIII [1889], 1014).

Längere Briefe dann in Bd. II zu Kriminalverfahren und Bestrafung (SS. 46-62) und als Beschluß zur Gesetzgebung (121-163), gefolgt von zwei Seiten über das Regieren.

Einmal Rousseau, der bei Erscheinen hiesiger Lettres schon sechs Jahre tot war, in den Zeugenstand gerufen, machten Anonymität/Impressum und Thematik durchaus Sinn. Doch scheint jener durchweg mit offenem Visier in seine Gefechte gezogen zu sein und anonymisieren seine Lettre(s)-Schriften ggf. nur den Empfänger, hier übrigens ein Comte. Neben ganz einfacher Quellfunktion ließe sich der R.-Hinweis des 69. Briefes auch sowohl als Verfasserlüftung als auch verpackte Ablenkung eines Dritten lesen, wie letzteres im Absolutismus namentlich während Aufklärung/Vor-Sturm-und-Drang nicht nur bei Brockes/Ridinger Schönstes zum Blühen brachte.

„ Aber auch (Rousseau) teilte das Geschick aller Propheten. Aus Frankreich verbannt, wo das Parlament die Verbrennung des Émile und die Verhaftung des Verfassers dekretiert hatte, in seiner Vaterstadt (Genf nach früherem dortigen glänzenden Empfang), wo man seine Schriften öffentlich verbrannt hatte, geächtet, mußte er in dem damals preußischen Neuchâtel … Zuflucht suchen, günstig nahm ihn der Gouverneur … auf … Doch die Intrigen seiner Feinde ließen ihn auch hier nicht ruhen … schon wollte er sich auf die Einladung Friedrichs II. nach Berlin begeben … Mai 1767 landete er (nach englischem Aufenthalt) in Frankreich, erhielt 1770 die Erlaubnis, nach Paris zurückzukehren … 1794 wurden seine Gebeine im Panthéon beigesetzt, von wo sie unter der Restauration heimlich wieder entfernt sein sollen; seine Landsleute aber errichteten auf der nach ihm benannten Rousseauinsel in Genf ihrem größten Bürger ein Denkmal … Mehrere Schriften wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht … Mehr als Voltaire bestimmte R. die geistige Physiognomie des alternden 18. Jahrh. “

(Meyers, a. a. O., Seite 1013).

Und Teil eben eines solchen Ganzen denn auch hiesige gänzlich anonymisierte Lettres ,

denen Preußens Friedrich der Große als das Licht

am Ende ihres Vor-89er Bourbonen-Tunnels erscheinen mußte .

Die Gelenke des ansonsten nur wenig altersspurigen Einbands zu Mürbheit neigend, nur untere 2 cm des Vorderdeckels gebrochen. Im weißen Außenrand Seite 20 zwei zusammenhängende Druckerschmierflecken, die schwach auf verso und Vorblatt durchscheinen und zwei originale Oberrandecken-Einschläge wg. Blattübergröße bei unversehrtem Text (SS. 79/80 + 211/12). Ansonsten schönes frisches Exemplar.

Angebots-Nr. 16.223 / EUR  1380. / export price EUR  1311. (c. US$ 1585.) + Versand


„ Das Jahr 2014 geht zu Ende. Das gibt Veranlassung Ihnen sehr herzlich zu danken für viele jagdhistorische Informationen mit kunsthistorischem Charakter. Besonders dankbar bin ich für die Beschaffung des Bildes … “

(Herr W. W., 18. Dezember 2014)