Der herrlich farbfrische ,
tiefgestaffelt prächtige Aufgalopp

Adam, Albrecht (Nördlingen 1786 – München 1862). Der Zug auf die Jagd. / Le départ pour la chasse. Ganz vorn dominante Dreiergruppe von Jagdherr auf exaltiertem Rappen nebst Gemahlin auf einem Falben und auserwähltem Gast. Die linksseits aus der Schloßallee gestaffelt nachfolgenden Gruppen angeführt wohl von der Schwester der Jagdherrin auf einem Schimmel. Weit zurückgesetzt rechts außen das Schloß. Aquatinta-Radierung in Verlags-Kolorit. (1806.) Bezeichnet: Augsburg im Verlag von J. L. Rugendas / No. I., ansonsten wie vor. 42,2 × 52,2 cm (16⅝ × 20½ in).

Albrecht Adam, Aus dem Leben eines Schlachtenmalers. Selbstbiographie. Hrsg. von H. Holland. Stgt., Cotta, 1886, SS. 23-25; Meyer, Künstler-Lexicon, 1872, Nr. 26 als nur dieses Blatt I, doch s. u.; Thieme-Becker I (1907), 58 + XXIX (1935; J. L. Rugendas), 180. – Teuscher (1998; J. L. Rugendas-Verlag) 882 nebst Abb. und generell Seite 205/I; Schwerdt I (1928; J. L. Rugendas, sic!), 152; Slg. Schoeller (1921; J. L. Rugendas, sic!) 544.

Albrecht Adam, Der Zug auf die Jagd

Der herrlich farbfrische, tiefgestaffelt prächtige Aufgalopp als Blatt I der 6blätt. Par force Jagd auf den Hirschen als neben einigen gleichzeitigen kleineren Stücken frühester Arbeit dieses Kommenden.

» … diese Blätter gehören zu dem Besten ,

was ich mit der Radirnadel machte ;

sie haben etwas Scharfes und Originelles in der Auffassung «,

so Adam in seiner Selbstbiographie, s. o. Und zuvor schon:

» Das Fürstenthum Oettingen-Wallerstein, welches um Nördlingen herum ein ausgedehntes Gebiet und besonders große Waldungen hatte, hegte in diesen ein ausgezeichnet schönes Hochwild. Wie nun die Franzosen [Napoleons], immer geschickt waren, alles ausfindig zu machen, was sie auf französischen Boden verpflanzen konnten, so wurde dem Fürsten [1806] im Namen des großen Kaisers der Wunsch ausgedrückt (soll wohl heißen der Befehl), eine beträchtliche Anzahl Hirsche lebendig einzufangen, um sie in Kästen nach Paris zu führen. Bei diesem Einfangen war ein großes Jagdpersonal betheiligt … im Ganzen eine malerische Wirthschaft, wobei alle Tage etwas Neues zu sehen war.

Ich zog mit den Jägern mehrere Wochen in den schönen Waldungen herum und zeichnete vieles.

Von allen Seiten wurde ich angegangen, meine Jagdscenen zu vervielfältigen … Die Lithographie kannte man damals noch nicht; ich machte mich daher, sobald das Einfangen zu Ende ging, daran,

sechs Platten von den interessantesten Momenten dieses Jagdwesens

in Kupfer zu radiren, was ich mit vieler Liebe und nicht ohne Erfolg that; denn diese Blätter gehören zu dem Besten, was ich mit der Radirnadel machte [lt. Meyer, Künstler-Lexicon, 1872, gesamthaft 84 Blatt] … Ich nahm sodann meine Platten unter den Arm und wanderte zu Anfang November bei einem ganz abscheulichen Wetter zu Fuße nach Augsburg, um sie dort drucken zu lassen … An Beschwerden und Entbehrungen gewöhnt, nahm ich mir diese eben nicht sehr angenehme Fußreise, bei welcher ich auch meinen Bündel etwas schwerer gemacht hatte, nicht besonders zu Herzen; ich kam zwar sehr ermüdet, aber wohlbehalten in Augsburg an … Zu Ende Juli 1807 beredete mich mein Freund Johann Lorenz Rugendas [Sperrung im Original] zu einer Fußreise nach München, wo er auf der Dult mit den Bilderhändlern Geschäfte machen wollte. Gern ging ich auf seinen Vorschlag ein … «

Und unter Verleger-Freund Rugendas’ Namen reüssier(t)en diese Blätter schließlich zunehmend bis in die Literatur hinein durch Generationen privat wie beruflich Befaßter bis auf den heutigen Tag. Geschuldet dem Anonymitätsbedürfnis ihres Urhebers, meinend, einem 22jährigen würde man den gebotenen Gegenwert noch nicht zugestehen. Und befördert von äußerster Seltenheit selbst nur einzelner Blätter, geschweige denn eines completten Ganzen. Wie’s denn bei niemeyer’s 36 Jahre bedurfte, um fünf Blatt zu vereinen. Durchaus unterschiedlichen Erhaltenszustandes. Um damit eines Kenners Augen aufstrahlen zu sehen. Abgegeben und erworben, natürlich, als Rugendasse. Um zehn Jahre später zunächst zu hören, sie seien von Albrecht Adam’s Hand. Dessen klitzekleines A im A seiner drei Doppel-As Nagler, Monogrammisten I, 98 habe er auf Blatt II entdeckt. Wie nicht ganz ungewöhnlich, hatte die Namenszurückhaltung also auch hier ihre Grenze. Und später ergänzend:

» Im Katalog des Schäfer-Museums habe ich eine Vorzeichnung von A. Adam entdeckt zu den Jagdbildern [deren Bl. II]. Danach ist nochmals bewiesen, daß diese von Albrecht Adam sind. «

Und mit diesem auf liberalste Weise vermittelten Wissen, rutschte auch hier ein überfälliger Groschen. Denn bei Durchsicht der Lorenz’schen Signaturen bei Teuscher hätte längst dessen offensichtlich penible Unterscheidung von Erfinder/Zeichner, Stecher und Verleger auffallen müssen. Womit er anstehendenfalls als Urheber/Stecher von Anfang an gar nicht hätte in Betracht kommen können/dürfen.

niemeyer’s ist stolz auf seine connoisseurs. Und darauf, nach 26 Jahren generellen Passenmüssens mit jenem 5blätt. Torso die einstigen Rugendasse als nunmehr korrekte Adams apart oder als Ganzes erneut offerieren zu können.

Johann Lorenz Rugendas’ verlagsseitiges Kolorit auch seitens Teuscher im Vorspann zu diesem bestätigt mit

» … arbeitete er oft nach eigenen Vorlagen in den verschiedenen Techniken, zunächst Kupferstich-Radierungen, einige Schabkunstblätter, dann meist in Aquatinta, die in Umrißradierungen angelegt, mit leichten Aquatintalavierungen versehen, häufig mit Handkolorierungen vollendet werden … «

Bezüglich der »Rugendas«-Folge Erfinder + Stecher übrigens offenlassend, ansonsten generell nur an Hand des Photo-Archivs der Augsburger Sammlungen dokumentieren könnend. Als selbst dort eben nichts in natura vorfindend. Denn ein Markterfolg scheint Adam auch via Rugendas nicht beschieden gewesen zu sein, wie die die Literatur seit spätestens 1872 (Meyer, s. o.) durchziehenden Hinweise auf die Seltenheit dieser Arbeiten belegen. Wie denn letzterer in seinem Künstler-Lexicon per Nr. 26 der Adam-Auflistung auch nur Blatt I dokumentiert, um per 27-34 gleich die 8 Blätter des Hirschfanges folgen zu lassen, zu Nr. 26 gleichwohl ausführt

» Diese Rad. war für eine Folge von 6 Bll. bestimmt, mit Scenen bei der Parforcejagd … Die Zeichnung derselben ist von A. Adam, die Platten sind wol ebenfalls [siehe schon Adam’s obigen Eigenbericht] von ihm vorradirt. Da Rugendas die Jagdstücke in Schwarzk(unst) herausgab [wie bis hin zu Teuscher hier nicht belegbar],

sind die Abdrücke von den radirten Platten sehr selten … «

(zitiert nach Adam’s obiger Selbstbiographie, Seite 24). Kulminierend denn auch gelegentlich eines 1970er 4blätt. Torsos in Christian M. Nebehays

» exceedingly rare … exceedingly fine contemporary colouring «

Für einen nur schleppenden Absatz der Blätter erscheinen mehrere Aspekte denkbar. Generell die Wirren der Napoleonischen Kriege und deren zusätzliche Einwirkung auf einen zunächst frei umhergetriebenen Schlachtenmaler, ab 1809 aber schon als Hofmaler in festen Diensten Eugène’s de Beauharnais, dem Stiefsohn Napoleon’s und Vicekönig von Italien mit Sitz in Mailand bis Mai 1812, dann mit diesem im Rußland-Feldzug bis Moskau, wo »er vierzehn Tage das fürchterliche Schauspiel der brennenden Stadt vor sich sah« (Nagler, Künstler-Lexicon I [1835], SS. 15 ff.). Dann wieder Mailand bis 1815. Worüber die frühen Arbeiten umso eher ins Hintertreffen geraten sein mögen, als lt. Lieb (Th.-B. XXIX, s. o.) sein Verleger überdies namentlich auf die eigenen Arbeiten konzentriert war. Und dieser 1826 frühzeitig verstarb und nur noch die Witwe die Geschäfte versah. Um 1830 scheint der Verlag auf Ferdinand Ebner dortselbst übergegangen zu sein, zumindest erscheinen Rugendas’sche Objekte nunmehr in dessen Verlagsverzeichnissen. Für Adams anstehende Par force Folge sind Abzüge mit Ebner-Adresse hier indes nicht bekannt geworden.

Wohl aber mit Quelle Dr. Tenner (1979; CXXIII/5493) als »um 1830« wohl ziemlich gleichformatige seitenrichtige Kopien der Blätter II + III als zweifellos Teile eines 4blätt. Ganzen, ausgeführt gleichfalls in Aquatinta von Jean Pierre Jazet (1788 Paris 1871) als »eine(m) der vorzüglichsten Künstler, dessen Aquatintablätter zu den imposantesten Leistungen der neuen französischen Schule gehören« (Nagler, Künstler-Lexicon VI, 1838, S. 425) und dessen Glanzzeit Thieme-Becker (1925) auf etwa 1819/30 datieren.

An der Marktbeliebtheit der Adam’schen Folge hat es also mitnichten gefehlt. Und daß Jazet gleichfalls in Johann Lorenz Rugendas deren Urheber wie lästigen Konkurrenten in einem sah, ergibt schlagartig deren Bezeichnung nach Grusande! Stehend als Anagramm für Rugendas!

Last, but not least, war Adam in erster Linie Maler. Und zwar »einer der besten Schlachten- und Pferdemaler seiner Zeit«, so Fr. Pecht in Thieme-Becker I, s. o. Und begründend schon Nagler:

» Die Liebe zur Pferdemalerei weckte besonders der damals sehr schön besetzte fürstlich Wallerstein’sche Marstall, und die fürstliche Familie liess dem Jünglinge … auch die erste Aufmunterung und Unterstützung angedeihen. «

Und dieser entwickelte sich denn auch zum Stammvater einer über vier Generationen bis tief ins 20. Jahrhundert hinein generell tätigen Künstler-Familie. Mit Start als abgeschlossener Nürnberger Konditor-Lehre als dem Beruf des Vaters. Des letzteren private Leidenschaft, dem Sammeln von Kupferstichen – Konditormeister Prehn (1749-1821) in Frankfurt läßt von noch ganz anderer Sammelebene grüßen – , die stärkere Sogwirkung ausübte. Und aus deren Startlöchern heraus denn auch heutiges Blatt I neben besagten weiteren vier seiner 6blätt. heimatlichen Par force Folge als einer der frühesten und deshalb nur höchst verklausuliert mit seinem Monogramm-Namen gekennzeichneten Arbeiten.

Auf 2,5-4 cm breitrandigem grundlos mit Japan dublierten schweren Papier. Das Untertextfeld, Platten- und Papierrand mehr/weniger stockstippig/fleckig, nur im linken Rand als breitestem zwei regelrechte Braunflecken, von denen der obere 2 x 3 cm in eine farbgleiche Wolke des Bildes einmündet. Weitere Erscheinungen im Bilde selbst farblich überdeckt. Mittig des unteren Papierrandes bleufarbige Wasserspur. Und von zwei früheren Passepartout-Rahmungen – wie solche auch hier Vorgenanntes optisch ausschlösse – Braunlinien auf Plattenkante bzw. innerhalb des Plattenrandes.

Alles letztlich vernachlässigbar gegenüber all der obigen Specifica. Gedeckelt vom Reichtum des Bildes. Als

eines der schönsten seiner Art und Zeit . Und seltensten ohnehin .

Angebots-Nr. 16.281 | Preis auf Anfrage


„ Ihr Jubiläumskatalog ist, wie überhaupt alle Ihre Kataloge, wieder in jeder Hinsicht anregend. Denn ‚niemeyer’s‘ ist, anders als es Curd Jürgens besang, nicht ‚… 60 Jahre und kein bißchen weise …‘, sondern weise und zugleich mutig genug, sich agenturgestalteter Hochglanzkataloge zu verweigern und stattdessen etwas herauszugeben, das fast schon eine eigene Kunst-Literatur-Gattung darstellt – informativ, unterhaltend, lehrreich, sprachlich prickelnd, angereichert mit (kunst)historischen und aktuellen Zitaten und Bonmots. Es ist ein Erlebnis, darin zu stöbern “

(Herr P. D., 27. Januar 2019)

 

Die Auslese des Tages