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» Zurück zu den Quellen, zu den Müttern «

(Gottfried Benn)

Johann Elias Ridinger, Der mit dem Schlagbaum gefangene Dachs

Hiesige originale Druckplatte zu Th. 91
entschleierte das Geheimnis der abgedeckten Schrift

Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Der mit dem Schlagbaum gefangene Dachs. Kupferdruckplatte im Gegensinn. Offenbar vor 1728. Bezeichnet: I. El. Ridinger inv. del. & sculp. / verlegt in Augsburg bey Martin Engelbrecht, ansonsten wie vor und mit dem nachfolgenden 4zeil. Untertext. 25,6 × 36,1 cm (10⅛ × 14¼ in).

Die optisch hervorragend erhaltene originale Druckplatte zu Blatt 23 (Radierung mit Kupferstich, Thienemann + Schwarz 91) der nur schwer komplettierbaren Fangarten-Suite von 1750

im rotgoldenen Glanze ihres nahezu 300 Jahre alten Kupfers .

Und kostbares, hier weit über Thieme-Becker (Bd. XXVIII, 1933, S. 308) + Thienemann (1856, S. XXIII) hinaus nahtlos direkt bis in den Ridinger-Nachlaß selbst recherchiertes, weltweit unikates Sammlungsstück von Graden dazu, bietet die Platte zusätzlich die entscheidende Lösung

zu einem der interessantesten Ridinger-Geheimnisse

betreffend die vier rätselhaften Abweichungen (Th. 74, 75, 89, 91) der Folge, die schon frühzeitig die Adresse von Martin Engelbrecht (1684-1756, der gleichnamige Verlag 1719-1827) in Augsburg tragen und mit Ausnahme von Thienemann + Schwarz sowie für Th. 74 + 91 auch bei Hamminger innerhalb Pos. 1529 nur in Abdrucken ohne den erläuternden Untertext

» Der Mensch muss oft mit der List in Bund treten um das arglose Geschöpf, welches er sich für seine Jagd-Lust ausersehen hat, zu erhaschen. Unter die verschiedenen Arten des Dachsfanges gehört auch eine eigene Vorrichtung welche einem Schlagbaum gleicht, der vor der Röhre des Dachsbaues errichtet wird. Zwischen vier Pfählen befindet sich der bewegliche Fallbaum, welcher mittelst eines, an einem Strick befindlichen, Holzes gestellt wird. Will der Dachs sein Loch verlassen, so wirft er, indem er sich bemüht durch die erwähnte Vorrichtung zu kriechen, das Holz um, die Schlagstange fällt herab und das arme Thier wird zerquetscht von dem bedeutenden Gewicht dieser tödtlichen Maschine «

bekannt sind und daher bislang überwiegend als »vor der Schrift« (Hamminger für Th. 75 + 89; »Aeusserst selten!«, 1895), »Proofs« (Schwerdt, 1928, für Th. 74, 75 + 89), »Frühe Drucke vor dem Text« der im übrigen »erst später erschienen(en) vier Blätter« (L’Art Ancien, 1939, gelegentlich der Offerte des Schwerdt-Exemplars), »Drucke vor der Schrift, nur mit Künstlername u. Adresse« (Gräflich Faber-Castell, 1958), »Zustandsdrucke auf Linienpapier mit Signatur + Engelbrecht-Adresse, doch vor Titel und Untertext« fehlqualifiziert wurden.

Letzteres 1978 auch noch hierselbst. Zwar mit erstmaligem Hinweis auf die unzulänglich beschriebenen Merkmale und die Rangfolge der Zustände, doch bei Fehlgewichtung von Weigels Kunstlager-Catalog, Abt. XXVIII (1857), Ridinger-Appendix, 7 B, wonach bei der Folge »in späteren Abdrücken bei den Nr. Th. 74, 75, 89 und 91 die Unterschrift zugelegt worden ist, und diese die Adresse von Engelbrecht tragen«. Wobei wiederholt sei, daß die Engelbrecht-Ausgabe von ca. 1824 auf linienfreiem Papier abgezogen worden ist, die fraglichen vier untertextfreien Blätter ihrer Druck- und Bütten-/Linien-Qualität halber indes selbst von Kennern für Frühdrucke angesehen wurden.

Thienemanns (1856) »zuweilen« trügen diese vier Blätter keine Unterschrift und die Engelbrecht-Adresse deute auf neuere Abdrucke hin, kann daher nur gegenteilig interpretiert werden. »Zuweilen« gibt’s tatsächlich Drucke mit der Schrift. So offenbar das Exemplar Weigel XXVIII, Ridinger 7 A, auf das sich Thienemann gestützt haben wird. Sodann Schwarz (1910) für Th. 74, 89 + 91, doch alle bereits mit der Engelbrecht-Adresse, 74a, konform zu obigen, nur mit Künstlernamen und Engelbrecht-Adresse als »vor« (!) der Schrift.

Dies alles aber ausdrücklich nur auf diese Vierer-Gruppe bezogen. Optisch gleichartige anderweitige Varianten, wie etwa Gutmann’s Otter-Exemplar der Folge, Schwarz 93a (vor jeglicher Schrift), betreffen eigenständige Zustands-Merkmale.

Recherche-Schwerpunkt solchermaßen, daß die Texte in ihrer nur 4zeiligen Kürze wie auch stilistisch ebenso von den übrigen Blättern der Folge abweichen wie Ridinger’s Signatur mit latinisiertem »I« wie nur selten und dann für wohl zumeist frühe, teils noch nicht von ihm selbst radierte Arbeiten nachgewiesen. Wohingegen Engelbrechts »verlegt bey« statt des üblichen »excudit« eher an die Zeit nach Ridinger denken läßt, als um 1824/25 bei Engelbrecht-Hertzberg eine Neuauflage veranstaltet wurde. Wobei die Fangarten-Suite aber nur noch 28 Blatt zählte.

Nicht zu vergessen auch, daß Ridingers früheste und noch seltenere Jagdfolge, die noch drittseits gestochene Großer Herren Lust in allerhand Jagden, Th. 1-8, um 1722 von Engelbrecht publiziert worden war. Woraus sich summa summarum herauskristallisierte,

daß diese vier Platten zu Ridinger’s frühesten Eigen-Kupfern zählen müssen ,

geschaffen also zwischen ca. 1724 und 1728 als erstmaligem Aufscheinen seiner Signatur als auch Radierer/Stecher (»sculps. Aqua forti«, so für die Viehstücke nach Joh. Hch. Roos, Th. 793-802), bis 1728 noch für Dritte. Hier denn für den ohnehin befreundeten Martin Engelbrecht als eine weitere dessen gern von Vers-Untertexten begleiteten Vierer-Sätzen. Welchem Kanon sie sich indes offenbar nicht recht einpaßten, sodaß sie erst später im größeren Rahmen von Ridinger’s eigener 1750er Fangarten-Folge reüssierten, ohne indes dem Anspruch deren anderen Untertexten genügen zu können. Mit der Folge von dessen Abdeckung beim Druck, wie seitens Weigel überliefert. Und die Seltenheit von Untertext-Exemplaren jener vier Erstlinge erklärte. Und zugleich einen zwar möglichen, gleichwohl nicht recht einsehbaren generellen Zeitdruck ihrer Herausgabe. Erschienen die umfangreicheren Folgen doch in der Regel peu à peu.

Wenn dennoch auf Ausschliff und Neustich der Untertexte verzichtet wurde, ist der Grund nur in jener stressigen Arbeitsauslastung zu suchen, die Ridinger schon als gerade einmal Fünfzigjährigen um diese Zeit einen gewichtigen Folge-Auftrag in Öl seitens Zarin Elisabeth Petrowna, Tochter Peters des Großen, am liebsten hätte ausschlagen lassen. So dieser mit Brief vom 29. 6. 1748 an Johann Georg Wille in Paris.

Und 1750 Empfang der Tiepolos auf deren Durchreise zum Großauftrag nach Würzburg als dem höchstbezahlten — 25000 rhein. Gulden, 3000 Gulden Reisegeld, standesgemäß freie Kost + Logis und alle Materialkosten ohnehin — in der Karriere des legendären Giambattista und dem »größte(n) Fresko überhaupt, das er (oder irgend ein anderer Künstler) je malte … Die Kassen des Hofes waren völlig erschöpft« (Ludwig Wagner, Wie kam der Superstar in die Provinz).

Welch ein Schlaglicht auf Ridinger !

Von dem denn auch verschiedene Tiere aus den Kupfern brandfrisch auf einigen der Würzburger Fresken Giambattista’s erscheinen, um dann von den späten 1750ern bis in die 1790er von Giandomenico für Fresken des Familienlandsitzes in Zianigo weiterverwendet zu werden!

Und welch immer neues Zutagetreten zu Ridinger !

Wie nun denn das Auftauchen hiesiger originaler Platte zu Th. 91

als der bislang einzigen der vier

aller bisherigen Spekulation nunmehr den festen Boden verschaffte, daß sie, und damit auch die drei übrigen, tatsächlich mit dem Texte existiert, wie beispielhaft für Schwarz und Hamminger schon oben belegt. Und dieser somit erwiesenermaßen für alle »Proofs« und »Frühdrucke« lediglich abgedeckt worden ist. Mit Ausnahme sicher von Schwarz 93 a, »vor aller Schrift«. Womit sich diese hiesige Platte für die Ridinger-Forschung als

der Eckstein eines hochinteressanten Details

erweist, unschätzbar wertvoll für jede Ridinger-Sammlung von Graden! Und vor allem: diese Platte ist noch erwerbbar!

Dies denn im Gegensatz zu dem hier schon weitergegebenen und heute in Augsburg befindlichen Paar zu Th. 389/90 als nicht minder merkwürdiger Parallele bei gleichwohl entgegengesetztem Vorzeichen. Denn während die Blätter obiger Platten als ohne Text seit jeher diskutiert wurden und das Auftauchen einer der letzteren, eben hier anstehender, die entscheidende Antwort gab, boten die Blätter Th. 389/90 mit ihrem Text bislang keinerlei Auffälligkeiten. Bis dann auch für sie ihre Druck-Platten zu sprechen begannen. Doch im Gegensatz zu der sich kooperativ erweisenden hiesigen, erwiesen jene zwei sich als alles andere denn konsensträchtig. Denn bei ihnen ist aus unverändert unbekanntem Grunde der Untertext – und zwar einschließlich der Signatur – nun tatsächlich, und noch deutlich sichtbar, ausgeschliffen. Ohne aber, daß hier bislang Abdrucke ohne Schrift bekannt geworden wären!

» Es ist immer wieder atemberaubend , was für Angebote Sie machen können «

so schon bei früherer Ridinger-Gelegenheit ein internationaler Verleger. Und allein schon für ganz durchschnittliche Platten stellte Dr. Morét im Katalog Darmstadt (S. 63) fest:

» Erhaltene originale Druckplatten aus dem 18. Jahrhundert sind eine große Seltenheit. «

Wie denn erst eine solche wie anstehende!

Siehe im übrigen die Darmstädter Katalog-Kupferdruckplatten I.13, I.8 + I.11, Farbabbildung 6 + Abbildungen Seiten 63 f. Und speziell zu denen Ridinger’s fortfahrend:

»Vom hohen technischen und qualitativen Niveau der Werke Ridingers und seiner Söhne, die im Verlag vor allem als Stecher mitarbeiteten, künden die (nur noch sehr partiell) erhaltenen Druckplatten noch heute.«

Im selben Sinne schon vorher Bernadette Schöller in Der Kölner Graphikmarkt zur Zeit Wenzel Hollars innerhalb Wenzel Hollar – Die Kölner Jahre, hrsg. von Werner Schäfke, Köln 1992, S. 19:

» Die Kupferplatten,

die aufgrund ihres Materialwertes wie auch der darin investierten Arbeitszeiten

eine weit höhere Wertschätzung genossen

als etwa eine allzu oft achtlos behandelte Vorzeichnung … «

Entsprechend hieß es hierselbst gelegentlich des Wiederauftauchens von Teilen des sogenannten Thieme-Becker-Blocks Ridinger’scher Druckplatten »Einer der sensationellsten Funde der Kunstgeschichte … Ridinger’s originale Druck- (sic!!!) Platten«. Daß anstehende

vom Meister eigenhändig allein gearbeitet ist

sei eigens erwähnt. So, wie denn auch entsprechend obiger Signatur dokumentiert.

Mittels feinen Lackauftrags vor Anlaufen geschützt, ist die Kupferdruckplatte im Rahmen ihres altersmäßigen Gebrauchs generell noch druckfähig. Angeboten und verkauft wird sie indes als Kunstwerk und Sammlungsstück, also unbeschadet ihrer schlußendlichen Druckqualität. – Kurz,

ein denkbar faszinierendes , weltweit unikates Absolutum

von exceptionell hohem Belegwert

und solchermaßen für eine wohl eher schon reife Sammlung .

Ihnen angetragen mit der Empfehlung zeitlos-eleganter rahmenfreier Hängung (Vorrichtung anbei), um Sie der jeweiligen Licht-Reflexe auf Bild und Schrift am schönsten teilhaftig werden zu lassen.

Angebots-Nr. 15.011 | Preis auf Anfrage

Und was

schrieben private Platten-Erwerber denn auch generell?

» … haben Sie mich überrascht «,

so ein Vorsitzender Richter i. R. und zwei dieser Zimelien erstehend, von denen er auch Abzüge machen ließ
(siehe Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, I.10 + I.12).

» Ich möchte mich bei Ihnen bedanken,

die Platten sind schöner, als ich erwartet hatte,

ich übernehme beide, gar keine Frage «,

so ein Unternehmer, der zwischenzeitlich drei weitere erwarb.

Und die Kunstsammlungen Augsburg präsentierten 2001 den erworbenen 12er Satz zur Paradies-Folge innerhalb der Ausstellung »KUNSTREICH« als den bedeutenden Erwerbungen des letzten Jahrzehnts (Katalog KUNSTREICH Nr. 102, SS. 198-201).

Entstammend im übrigen

dem nach der »Wende« wiederaufgetauchten sogenannten Thieme-Becker-Block — »444 Kupferstichplatten (im Gegensinn) gegenwärtig (1933) in Privatbes(itz). in (Berlin-)Charlottenburg« — und hier nahtlos bis in den Ridinger-Nachlaß recherchiert, unter Berichtigung all’ der von Thienemann (1856) angenommenen Verlust-Zuweisungen.

Johann Elias Ridinger, Der mit dem Schlagbaum gefangene Dachs

– – – Dasselbe in einem zeitgenössischen Abdruck auf festem Linienpapier ohne den erläuternden Untertext. Bezeichnet: I. El. Ridinger inv. del. & sculp. / verlegt in Augsburg bey Martin Engelbrecht, ansonsten wie vor u. unten. 22,9 × 35,1 cm (9 × 13⅞ in). – Unten innerhalb des breiten weißen Plattenrandes, oben auf Plattenkante geschnitten, seitlich mit feinem Rändchen um den ca. 5 mm breiten weißen Plattenrand. – Siehe auch die ausführliche Beschreibung.

Angebots-Nr. 16.156 | Preis auf Anfrage