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Johann Elias Ridinger, Rhinoceros

Johann Elias Ridinger (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Asiatisches Nashorn. Vor Schilf- und Baumkulisse springend nach rechts. Kolor. Radierung mit Kupferstich. Bezeichnet: RHINOCEROS. / Nasehorn. / Rhinocerot. / Q(uadrupedum). D(ispositio). s. (seitens Th.’s mit »§.« umbezeichnet) XI. / Familia III. Dreyhufig. / Joh. El. Ridinger ad vivum del. (Fettsatz nicht im Original) fec. et exc. Aug. Vind. 30,8 × 20,8 cm (12⅛ × 8¼ in).

Thienemann (Schriftabweichungen s. u.) + Schwarz (ohne Schriftzitat) 1027; J. H. Niemeyer, Joh. El. R. im Reiche der kolor. Thiere / Entstehung und Vollendung einer Folge, Seiten 25 f. als Heft 22 der schriften der ridinger handlung niemeyer.

IM RIDINGER’SCHEN ORIGINAL-KOLORIT des seit 1754 entstandenen und nicht vor 1773 endgültig postum abgeschlossenen, unnumerierten Kolorierten Thier-Reichs (»Vollständige Exemplare sind fast unauffindbar«, so Weigel, Kunstkat., Abt. XXVIII, Ridinger-App. 63a als lediglich 120blätt. Torso, 1857 ! , doch auch nur schon Einzelblätter nur sehr selten am Markt, bei niemeyer’s derzeit gleichwohl das eine wie die andern). – Eine entgegen Ankündigung unkoloriert gebliebene Zweitausgabe von den nunmehr unter Fortfall selbst von Tieren verkürzten und ohne die Ridinger-Signatur anders betitelten, jedoch numerierten Platten erschien 1824/25 bei Engelbrecht/Herzberg in Augsburg.

Thienemann unbekannt gebliebener FRÜHSTZUSTAND der ERSTAUSGABE vor Fortfall nicht nur des auch schon von Th. zitierten »Q. D. S. XI.« als Verweis auf das Standardwerk Quadrupedum dispositio brevisque Historia Naturalis, sondern auch noch mit dem ausgeschriebenem Familia + Dreyhufig als von Th. mit »Fam. III. Dreyhufige« zitiert. Als etwa auch Th. 1030 solchermaßen nach dem m abgekürzt, explicit nicht aber Th. 1029, ist von Zitier-Korrektheit auszugehen. Im endgültigen Zustand der Erstausgabe lautet die infolge Fortfalls des Q. D. S. XI. innerhalb des Untertextes leicht nach oben verschobene Zeile von Th. 1027 Familia III. Dreÿhufige.

Bezüglich der Q. D. S. XI.-Verweise vermerkt Thienemann im Thierreich-Vorspann (S. 200) im übrigen, man fände diese »auf einigen Tafeln noch«, wie denn für ihn für sieben derselben auch nur belegbar geblieben. An Hand des hiesigen Exemplars der Sammlungen Pfeiffer/Weinberg konnten dem auf einen Schlag gleich sieben bzw. acht weitere als solchermaßen Frühest-Zustände hinzugefügt werden!

Perlen also für Sammler, als detektivisch geradezu spannend für Entwicklung, Fortschreiten und Endgültigkeit der Originalausgabe des Werkes, erweisen sich dessen bald feine, bald drastische textliche Unterschiede, wie sie dem Kenner noch alten Schrots und Korns auf der Zunge zu zergehen pflegen, ihn fiebern lassend auf der Jagd nach solchen, als gelte es der Wiederkehr eines Dresdner 66-Enders.

Mit dem für seine Sammlungen berühmten Klein (»Plinius Gedanensium«, Königsberg 1685 – Danzig 1759; Danziger Stadtsekretär, später Direktor der von ihm mitbegründeten Danziger Naturforscher-Gesellschaft, Mitglied der Royal Society, London, und Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg; ADB XVI, 92 ff.) stand Ridinger in regem Kontakt und wurde von diesem auch für sein Thierreich-Unternehmen vielfältig unterstützt, wobei er dessen von Linnés anatomischer Systematik überholter Klassifizierung nach Art und Zahl der Gliedmaßen folgte. So hebt er denn auch per Vorwort in seinen Dankesworten »insonderheit die ungemein schöne Sammlung des Herr P(rofessor). Klein aus der Ludolphischen Verlassenschaft, welche lauter Original=Stücke enthält«, hervor.

Auf wasserzeichenfreiem C & I Honig-Papier als jener festen holländischen Qualität, wie sie Ridinger entsprechend seiner Vorrede zu den Hauptfarben der Pferde

» wegen der feinen Illumination « für die kolorierten Werke

verwandte, »weil es hiezu das anständigste und beste ist«. – Dreiseits 2,2-3,5 cm, unten 3,7 cm breitrandig. – Nicht erwähnenswerter Anflug gleichmäßig zarter Bräunung, so man sie partout wahrnehmen möchte.

Dargestellt ist das seltene Panzernashorn »Jungfer Clara«

(Rhinoceros indicus Cuv. / R. unicornis L.), das Douwemout van der Meer als Kapitän der Knappenhof der Ostindischen Kompanie 1741 dreijährig aus Indien nach Holland mitgebracht und bis zu dessen Tode 1758 (so Morét, s. o., hingegen Rieke-Müller zu kurzfristig »Um 1741/48«; 1756 skizzierte es noch Cornelis van Noorde auf der Haarlemer Kirmes, s. Sliggers) in Europa herumgezeigt hatte.

Gearbeitet nach der spiegelbildlichen, hinsichtlich der verschiedenen Stellungen mit »6« präzisierten, Zeichnung in schwarzer Kreide Weigel (1869) 54. Die dortigen Positionen 50-55 (Th. IX, 11) dürften besagten sechs Positionen entsprechen. Dem Nashorn-Komplex zugehörend des weiteren die drei Zeichnungen Weigel 707/09, davon eine mit 1754 datiert, sowie die beiden Bleistift-Umrisse Th. XII, 7, von denen einer vermutlich die Zeichnung des Kupferstichkabinetts Berlin betrifft (Bock, 1921, 8437; Katalog Darmstadt III.12 mit Abb.).

Seinem naturwissenschaftlichen Range folgend, ist Ridinger’s Rhinoceros in allen seinen Formen ein thematisch wie künstlerisch gesuchtes Sammlungsobjekt von Graden. So katapultierte die Ratjen Foundation Vaduz 1991 in London eine der mit »6« präzisierten Clara-Vorzeichnungen von geschätzten 2-3000 Pfd. auf 20000 Pfd, erworben schließlich 2007 von der National Gallery Washington. Und noch in jüngerer Zeit erst steigerte sich in deutscher Auktionsrunde, die Schätzung verdoppelnd, ein Exemplar des S/W-Kupfers Th. 295 auf einen Endpreis von runden 1850 Euro!

Entsprechend spektakulär (»Spectacle müssen sein«, Maria Theresia, »halb resignierend«) die seinerzeitige Darbietung der »Jungfer Clara« in Augsburg, welch letzterem damit – so Rieke-Müller – zugleich die Reverenz als Metropole erwiesen wurde:

» Clara war ein in Assam geborenes Rhinozeros, das größte der drei asiatischen Nashornarten … Angesichts der regelmäßigen und großzügigen Fütterung wog Clara wahrscheinlich etwas mehr als ihre Artgenossen im Durchschnitt, die zwischen 1.800 und 2.700 Kilogramm schwer sind … (Ihr Erscheinen in Europa) löste eine Welle der Rhinomanie aus, wie die vielen Aufträge, das Tier in Gemälden, gedruckt, als Porzellan, Bronze und Stoffen festzuhalten, beweisen. Claras erster Auftritt in Paris (1749), der Modemetropole der westlichen Welt, war sensationell … Oudry skizzierte Clara auf der Messe (von Saint-Germain) zwischen Februar und Ende April 1749 als Vorbereitung für das Gemälde, das er im kommenden Salon (1750) vorstellen wollte … Oudry zeichnete das außergewöhnliche Tier mehrfach, um es genau zu analysieren «

(Kornelia von Berswordt-Wallrabe, Oudrys gemalte Menagerie – Porträts von exotischen Tieren im Europa des 18. Jhdts., 2007/08, Seiten 142-144 + V f. incl. Text- + 2 dblgr. Farbabb.).

Wie letzteres mittels besagter sechs Zeichnungen Ridinger schon im Jahr zuvor

für sein Kupfer Th. 295 praktiziert hatte, dessen Veröffentlichung noch gleichen 1748er Jahres erfolgte und seine Clara-Veröffentlichung zu einer deren frühesten Wiedergaben beförderte. Sofern nicht gar unverändert als deren erste wissenschaftlichen Anspruchs beließ. Basierend aber, es sei wiederholt, nachdem er es »In Augspurg lebendig … gesehen (hatte), da ich es in (6) zerschidenen (sic!) stellungen nach dem Leben gezeichnet, in der höhe habe ich es 5½. in der laenge 11½. Schuh befunden, von farbe ware es dunckelbraun unten am Leibe an der Brust und in der tieffe der übereinander liegenden falten ist es gebrochen rothlicht …« um es dann, stehend nach links, brandaktuell seiner lieferungsweise erscheinenden Vorstellung der wundersamsten Hirschen sowohl als anderer besonderlicher Thiere konträr zu Dürer und damit als eines Meilensteins zoologischen Wissens hinzuzufügen. Aber vorerst eben nur in Schwarz/Weiß!

Womit es nicht sein Bewenden haben mußte, als ab 1754 sein Koloriertes Thierreich erschien, in welchem er nun

zwei seiner weiteren Clara-Zeichnungen erstmals veröffentlichte .

Und eben nun in Farbe !

» Es ist eine recht gelungene Abbildung, springend, und trefflich colorirt. Schade, dass sie so wenig bekannt und für naturhistorische Werke benutzt worden ist « (Th. 1856).

Hiesige vom Meister selbst noch ins Kupfer übertragene Clara also springend. Gefolgt von hier nicht aufliegender hingestreckter nach wieder links (Th. 1028), doch originalwidrig mit von den Söhnen hinzugefügtem und von Thienemann streng gerügtem zweiten Horn.

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  1. „berühmtes Werk, welches der verdiente Naturforscher Jacob Theodor Klein in Danzig unter dem Titel: Quadrupedum Dispositio brevisque Historia Naturalis 1751 … herausgab. Er hatte es vermehrt und verbessert selbst ins Deutsche übersetzt, und sein Freund Gottfried Reyger gab es 1760 unter dem Titel heraus: J. Th. Klein’s Natürliche Ordnung und Vermehrte Historie der Vierfüssigen Thiere. Ridinger stand in genauer Verbindung mit Klein, wurde bei diesem (Thierreich-)Unternehmen vielfach von ihm unterstützt und richtete sich nach Klein’s System“ (Th., S. 200)
  2. Etwa eines Julius Hofmanns, »Verfasser des besten (graphischen) Goya-Katalogs«, dem der große Max Lehrs 1922 gelegentlich der Auflösung dessen Sammlung auch das nachrief: »Er glaubte noch an die Wichtigkeit der Etats, der spitzen oder gerundeten Plattenecken … Stichelglitschern, Ätzflecken, polierten Rändern … wie sie nur der vertraute Verkehr mit einem alten Freunde zeitigt« (Boerner CXXXVIII).
  3. Gebaut 1731 für die Kamer van Amsterdam auf der dortigen VOC-Werft als Heckboot von 130 Fuß Länge für 650 Tonnen Ladegewicht und 150/180 Mann Besatzung. 1754 verkauft nach Batavia.
  4. Annelore Rieke-Müller, ›ein Kerl mit wilden Thieren‹ – Zur sozialen Stellung und zum Selbstverständnis von Tierführern im 18. Jahrhundert in Das XVIII. Jhdt. XXIV, 2 (2000), SS. 163 ff.
  5. Bert Sliggers, Het schetsboek van Cornelis van Noorde (1731-1795), 1982, Seiten 146 f.
  6. Aus Jean-Baptiste Oudry’s (Paris 1686 – Beauvais 1755) Umkreis hier aufliegend eine zeichnerische Bärenhatz.