English

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Vorsichtige Klugheit überwindet Arglistigkeit! Der sich als Gelehrter drapierte Fuchs versucht vergebens, den Haushahn zu übertölpeln. Dieser selbst in reich besetztem Federviehhof, darunter Pfaue, Truthühner, astrachan’sche Gänse, türkische Enten. Radierung mit Kupferstich. Bezeichnet: J. El. Ridinger inv. del. sculp. et excud. 1743, ansonsten dt.-latein.-frz. wie vor. 33,5 x 25,8 cm.

Thienemann + Schwarz 765; Metzner-Raabe, Illustr. Fabelbuch, 1998, Bd. II (Bodemann), 123.I. – Blatt 1 der geistig wie optisch überaus reizvollen „Lehrreiche(n) Fabeln aus dem Reiche der Thiere zur Verbesserung der Sitten

und zumal zum Unterrichte der Jugend “,

mit denen

„ Ridinger ein typisches Ziel seiner Epoche (verfolgte). Eine ‚Verbesserung der Sitten‘ durch die moralische Wirksamkeit der Kunst hatte – freilich auf ganz andere Weise – der mit Ridinger fast gleichalte William Hogarth in seinen Gemälden und graphischen Blättern versucht … Doch während Hogarth und Chodowiecki durch satirische Bildfolgen, wie ‚Das Leben eines Lüstlings‘, 1735 … ihren (gleichen) Vorstellungen Geltung zu verschaffen suchte, knüpfte Ridinger an die – ihm besonders gemäße (nämlich, so er selbst, ‚von den eisgrauen Zeiten des Alterthums an‘) – Tradition der Tierfabel an “

(Stefan Morét, Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, Seite 96).

Und Ridinger selbst in der Erklärung anstehenden Sujets:

Johann Elias Ridinger, Vorsichtige Klugheit überwindet Arglistigkeit!

„ Der Fuchs hatte eine Zeitlang aller Beuthe entrathen müssen, weil die Wachsamkeit der Menschen und Hunde ihm in dem Wege stand. Sein heisser Hunger und leckerhafter Schlund erweckten ihm eine Lust nach Feder=Vieh, und seine Verschlagenheit gab ihm Mittel an die Hand, diejenigen zu berücken, welche seine Tücke kannten, und sich daher vor ihm fürchteten und in acht nahmen. Er gedachte von ihrer Schwachheit Vortheil zu ziehen, und ließ ihnen durch die Krähe wissen, sie möchten auf den morgenden Tag erscheinen, um eine Lobrede anzuhören, in welcher eine beredte Zunge die Vortrefflichkeit des Feder=Viehes, und dessen Vorzug vor andern Thieren, in einer Versammlung anpreisen würde. Sie entschlossen sich auch alle zu erscheinen, weil ein jegliches hoffte, von seiner Vortrefflichkeit einen Lobspruch zu vernehmen. Der Fuchs kam des anderen Tages, in verkleideter Gestalt, damit er das Geflügel nicht schüchtern machen möchte. Nachdem er nun etwas von dem Nutzen und Schönheit des Hauß=Geflügels geredet, kam er insbesondere auf den Hahnen, er rühmte dessen Tapferkeit, Munterkeit und Wachsamkeit, und lud ihn ein, mit ihm in genaue Freundschaft zu tretten. Der vorsichtige Hahn erkannte auch unter der verstellten Larve den arglistigen Fuchs; er wußte, mit wem er zu thun hatte und nahm dahero seine Zuflucht zu der Klugheit … “

Bildlich im übrigen läßt Ridinger, einen neuen Bildtypus kreierend, einmal mehr Tradition und Feld hinter sich. Denn, so Ulrike Bodemann in Metzner-Raabe,

„ Keine Ähnlichkeiten mit bisher bekannten Fabelillustrationen .

Riesige Bildformate werden fast völlig von der Darstellung eines zentralen Moments der Fabelerzählung gefüllt. Umgebung meist dichter, urwüchsiger Wald .“

Und Regine Timm, ebda., Bd. I, Seite 171 :

„ Ridinger hat in seinen großen Tafeln … zwar pflanzliches Wachstum oder auch Felsbrocken manchmal bildbestimmend in seine Illustrationen einbezogen, aber ohne dekorative Absicht. Die Pflanzen und Felsen bedeuten das Dickicht, die menschenferne Waldeinsamkeit, in der sich die seltsamen Geschichten unter den Tieren zutragen. “

Die große geistige Verwandtschaft mit dem bereits erwähnten Hogarth übrigens auch unmißverständlich zum Ausdruck kommend in Garricks Epitaph für diesen:

„ Whose pictured Morals charm the Mind ,

And through the Eye correct the Heart.“

Zeitlich in diesem Zusammenhang interessant, daß 1726 jenseits des Kanals John Gay, berühmt-berüchtigt für seine „Beggars Opera“ (Brecht, Dreigroschenoper!), mit seinen „Fables“ „das Bedeutendste (vorgelegt hatte), was bisher von englischen Dichtern in dieser Gattung geleistet worden war“ (Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., VI, 960/II).

Die Folge besteht aus zwanzig Blatt, von denen Johann Elias gleichwohl nur die ersten sechzehn veröffentlichte. Vermutlich aus stilistischen Skrupeln. Denn mit den erst vom Ältesten, Martin Elias, auf Kupfer übertragenen und postum herausgegebenen vier letzten gibt er die Überfülle der vorangegangenen zu Gunsten einer für ihn völlig neuen, souverän konzipierten großflächigen Klarheit auf, womit auseinanderzusetzen er sich schlußendlich aber offenbar scheute. Und wohin ihm noch hundert Jahre später auch Thienemann nicht folgen mochte („haben weniger Kunstwerth, sind aber dennoch schätzbar und ihre Seltenheit zu bedauern“). Was hiesigerseits hingegen als ein bemerkenswert weiterentwickeltes künstlerisches Ausdrucksvermögen gesehen wird. Gipfelnd in dem Fascinosum, nicht allein ein neues Fabelbild geschaffen, sondern dieses in sich noch einmal zu neuem Ufer fortentwickelt zu haben.

Solchermaßen denn ein höchst gewichtiger Meilenstein innerhalb des „rund 900 Ausgaben (ausmachenden) Grundcorpus illustrierter Fabelbücher“ bis hin zu Chagall’s 200 Jahre späterem Lafontaine-Folio mit seinen 100 Radierungen als geradezu einem Schlaglicht für die Unsterblichkeit der Fabel-Illustration.

Daß Ridinger seine Folge ursprünglich gleichfalls wesentlich umfangreicher konzipiert hatte, belegt seine hier durchgelaufene Vorzeichnung zur 20. Fabel, die er mit „Fab 31“ bezeichnet hatte. Und Thienemann lag eine mit „30“ genummerte vor, die gleich weiteren, unnumerierten, unverarbeitet blieb.

Ohne die Numerierung oben rechts, die allgemein unbekannt blieb, doch später auftaucht. – Figürl. Wz. – In der 2. H. des 19. Jhdts. auf blau-grauem Bütten des frühen 18. Jhdts. mit Wz. SICKTE (die von Veltheim’sche Papiermühle dortselbst) nebst nach links offenem C unter Krone mit Kreuz + Reichsapfel aufmontiert worden, auf dem es jetzt lose aufliegt. – Bei rund 5 mm weißem Plattenrand überwiegend auf dessen Kante geschnitten. Ganz vereinzelt minimale Braunstippen, kleiner Ausriß oben links im weißen Plattenrand.

Angebots-Nr. 12.502 | EUR 445. | export price EUR 423. (c. US$ 511.) + Versand


„ ich danke Ihnen sehr, daß Sie sich mit meinem Anliegen so viel Mühe gemacht haben, was ja keinesfalls selbstverständlich ist. Ihre ausführlichen Erläuterungen sind mir als Laien des Kunstmarktes sehr nützlich, wofür ich nochmals danke “

(Herr R. L., 6. Februar 2019)

 

Die Auslese des Tages