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Affen — sie sind uns so menschlich

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Pracht und Herrlichkeit macht niemand gescheiter. Ein Affe mimt den Thronwürdigen und Hirsch, Pferd, Ziegenbock, Bär, Wolf, Hase, Ridinger-Hund und andere säugende Biedermänner sind es zufrieden. Doch der listige Fuchs läßt den Kater zum Verführer werden und den Affen „Allen höchst lächerlich“. Radierung mit Kupferstich. (1744.) Bezeichnet: Joh. El. Ridinger inv. del. et exc. Aug. Vind., ansonsten dt.-lat.-frz. wie vor. 34 x 25,6 cm.

Thienemann + Schwarz 777 (FABUL„.“ , Thienemann + Schwarz „:“, XIII); Metzner-Raabe, Illustr. Fabelbuch, 1998, Bd. II (Bodemann), 123.I. – Blatt 13 der geistig wie optisch überaus reizvollen „Lehrreiche(n) Fabeln aus dem Reiche der Thiere zur Verbesserung der Sitten

und zumal zum Unterrichte der Jugend “,

mit denen

„ Ridinger ein typisches Ziel seiner Epoche (verfolgte). Eine ‚Verbesserung der Sitten‘ durch die moralische Wirksamkeit der Kunst hatte – freilich auf ganz andere Weise – der mit Ridinger fast gleichalte William Hogarth in seinen Gemälden und graphischen Blättern versucht … Doch während Hogarth und Chodowiecki durch satirische Bildfolgen, wie ‚Das Leben eines Lüstlings‘, 1735 … ihren (gleichen) Vorstellungen Geltung zu verschaffen suchte, knüpfte Ridinger an die – ihm besonders gemäße (nämlich, so er selbst, ‚von den eisgrauen Zeiten des Alterthums an‘) – Tradition der Tierfabel an “

(Stefan Morét, Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, Seite 96).

Und Ridinger selbst in der Erklärung anstehenden Sujets:

Johann Elias Ridinger, Pracht und Herrlichkeit macht niemand gescheiter

„ Ein Affe fand einen königlichen Thron ledig stehen; weil er nun einsmals auf demselbigen den König hatte sitzen sehen, war er begierig, den auf dem Thron liegenden königlichen Schmuck genauer zu betrachten, der ihn ehedem in Verwunderung gesetzt hatte … Er trat demnach näher hinzu, legte die königlichen Kleider an, setzte die Crone auf, ergrief den Scepter, und befließ sich mit ernstlichen Minen und majestätischer Bezeugung, einen König vorzustellen … Der schlaue Fuchs merkte die Sache, darum rieth er, dem Könige eine Verehrung von Nüssen, Trauben und andern Früchten darzubringen … Als der Affenkönig dieses Präsent erblickte, sprang er vom Throne, und gieng auf die Früchte los … so daß er darüber Crone und Scepter vergaß. Der Fuchs als er dieses sahe … schrieh; sehet ihr Brüder: Ihro Majestät! “

Bildlich im übrigen läßt Ridinger, einen neuen Bildtypus kreierend, einmal mehr Tradition und Feld hinter sich. Denn, so Ulrike Bodemann in Metzner-Raabe,

„ Keine Ähnlichkeiten mit bisher bekannten Fabelillustrationen .

Riesige Bildformate werden fast völlig von der Darstellung eines zentralen Moments der Fabelerzählung gefüllt. Umgebung meist dichter, urwüchsiger Wald .“

Und Regine Timm, ebda., Bd. I, Seite 171 :

„ Ridinger hat in seinen großen Tafeln … zwar pflanzliches Wachstum oder auch Felsbrocken manchmal bildbestimmend in seine Illustrationen einbezogen, aber ohne dekorative Absicht. Die Pflanzen und Felsen bedeuten das Dickicht, die menschenferne Waldeinsamkeit, in der sich die seltsamen Geschichten unter den Tieren zutragen. “

Die große geistige Verwandtschaft mit dem bereits erwähnten Hogarth übrigens auch unmißverständlich zum Ausdruck kommend in Garricks Epitaph für diesen:

„ Whose pictured Morals charm the Mind ,

And through the Eye correct the Heart.“

Zeitlich in diesem Zusammenhang interessant, daß 1726 jenseits des Kanals John Gay, berühmt-berüchtigt für seine „Beggars Opera“ (Brecht, Dreigroschenoper!), mit seinen „Fables“ „das Bedeutendste (vorgelegt hatte), was bisher von englischen Dichtern in dieser Gattung geleistet worden war“ (Meyers Konvers.-Lex., 4. Aufl., VI, 960/II).

Die Folge besteht aus zwanzig Blatt, von denen Johann Elias gleichwohl nur die ersten sechzehn veröffentlichte. Vermutlich aus stilistischen Skrupeln. Denn mit den erst vom Ältesten, Martin Elias, auf Kupfer übertragenen und postum herausgegebenen vier letzten gibt er die Überfülle der vorangegangenen zu Gunsten einer für ihn völlig neuen, souverän konzipierten großflächigen Klarheit auf, womit auseinanderzusetzen er sich schlußendlich aber offenbar scheute. Und wohin ihm noch hundert Jahre später auch Thienemann nicht folgen mochte („haben weniger Kunstwerth, sind aber dennoch schätzbar und ihre Seltenheit zu bedauern“). Was hiesigerseits hingegen als ein bemerkenswert weiterentwickeltes künstlerisches Ausdrucksvermögen gesehen wird. Gipfelnd in dem Fascinosum, nicht allein ein neues Fabelbild geschaffen, sondern dieses in sich noch einmal zu neuem Ufer fortentwickelt zu haben.

Solchermaßen denn ein höchst gewichtiger Meilenstein innerhalb des „rund 900 Ausgaben (ausmachenden) Grundcorpus illustrierter Fabelbücher“ bis hin zu Chagall’s 200 Jahre späterem Lafontaine-Folio mit seinen 100 Radierungen als geradezu einem Schlaglicht für die Unsterblichkeit der Fabel-Illustration.

Daß Ridinger seine Folge ursprünglich gleichfalls wesentlich umfangreicher konzipiert hatte, belegen seine hier durchgelaufene Vorzeichnung zur 20. Fabel, die er mit „Fab 31“ bezeichnet hatte, jene mit „Fabel 29.“ bezeichnete zur 19. (Weigel, 1869, Nr. 384) und die Thienemann vorgelegene, mit „30“ genummerte, die gleich weiteren, unnumerierten, indes unverarbeitet blieb.

Superber Frühdruck noch ohne die Numerierung oben rechts, die Thienemann, Weigel, Helbing, Schwarz unbekannt blieb, doch später auftaucht. – Heftspuren eines Sammelbandes im etwas ausgerissenen linken schmalen Papierrand. Ein die Betitelung einbeziehender Unterrandeinriß säurefrei hinterlegt. – „Ein sehr gelungenes Blatt“ (Th.).

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(Mr. L. A. F., June 22, 2004)

 

Die Auslese des Tages