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Ridinger’s  Memento  Mori

im  Erstzustand

des  Exemplars  Gräflich  Faber-Castell

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Memento Mori. Auf der auf dem Tisch liegenden Bibel Totenschädel mit etlichen fehlenden Zähnen. Rechts davon Vase mit blätterndem Blumenbouquet, links, wie seltener, Schale mit Seifenblasen, auf der ein vierfingrig gezackter Stab ruht, sowie heruntergebrannte(s) Kerze/Lebenslicht, auf dessen Ständer eine Kerzenschere, dahinter Sanduhr und darüber Vorhang mit großem zackigen Ausriß für den Vorhang des Lebens, seit dem Mittelalter aber auch Symbol des Geheimnisvollen, dessen ggf. religiöser Trost von dem Loch indes schon wieder konterkariert wird. Unter der Bibel hervorschauend und über den Tischrand hinausragend ein unbeschriebenes, aber gesiegeltes Blatt Papier mit Einriß und Eselsohr, dessen Siegel über die Tischkante herabhängt. Schabkunstblatt. Bezeichnet: Ioh. Elias Ridinger inv. et exc. Aug. Vind., ansonsten wie vor und nachfolgend. 51,6 × 42 cm (20¼ × 16½ in).

Johann Elias Ridinger, Memento Mori

Provenienz

Gräflich Faber-Castell

deren Ridinger-Versteigerung 1958
mit deren Lot-Nr. 145 auf dem Untersatzkarton

Radulf Graf zu Castell-Rüdenhausen

(1922-2004)

Stillfried (3. Nachtrag zu Thienemann, 1876) + Schwarz (Coll. Gutmann, 1910) 1426, offenbar beide III (von III); Reich auf Biehla 295 ( „Aeusserst selten“, 1894 ! Ohne Zustandsangabe. ); Rosenthal, Ridinger-Liste 126 (1940), 434 (ohne Rand, wohl dito); Faber-Castell 145, Zustand I (von III) wie auch das Exemplar der Staatlichen Graphischen Sammlung München (1963:1644); Wend, Ergänzungen zu den Œuvreverzeichnissen der Druckgrafik, I/1, 289 (1975, Stillfried’s Beschreibung wiedergebend); Ridinger-Katalog Kielce (1997), 172, II (von III) nebst Abb.; Niemeyer, Die Vanitas-Symbolik bei Johann Elias Ridinger in Wunderlich (Hrsg.), L’Art Macabre 2, 2001, Abbildung S. 103 (III. Zustand).

Nicht bei Thienemann (1856) , Weigel, Kunstlager-Catalog, Abt. I-XXVIII (1838/57) , Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX (1885) , Slg. Coppenrath (1889 f.) , Slg. Hamminger (1895) , Helbing XXXIV (Arbeiten von J. E. und M. E. Ridinger, 1554 Positionen; 1900).

Mit  Untertext:

„ Quid q(uid) agis, prudenter agas et respice finem, Sir. 7.c.

Was du thust so bedencke das Ende, so wirst du nimmermehr übels thun .

(Sir. 7. Cap.) “

Früheste  Fassung

dieses  bildhaft-schönen  Vanitas-Stillebens

als

EINER  DER  INTERESSANTESTEN  RARITÄTEN  DES  RIDINGER-ŒUVRE ,

deren verschiedene Zustände von der hier vorliegenden Literatur bislang nicht erfaßt worden und nach derzeitigem hiesigen Kenntnisstand in ihren Abweichungen wie folgt zu ordnen sind :

  1. wie  hier  vorliegend , mit der Schere quer über dem Fuß des Kerzenständers, dem mit seinem vierzinkigen Kopfende auf der Seifenblasen-Schale aufliegendem Stab und dem über die Tischkante herabhängenden Siegel des unbeschriebenen Blattes Papier. Von den aufrecht stehenden Blumen fallen zwei Blütenblätter herab.
  2. Fortfall von Stab und Siegel. Das Blatt Papier in seiner Unterkante minimal verändert, dessen rechte Ecke statt der spitzen Erweiterung nach unten glatt geschlossen. Das Bouquet bei nur unwesentlich veränderter Zusammenstellung weiterhin aufrecht. Die dritte Zahnlücke des rechten Oberkiefers geschlossen. Der aus dem Buchblock herausragende Papierstreifen etwas verkürzt.
  3. Fortfall nun auch der Schere auf dem Kerzenständer und Vereinfachung des Inhalts der Seifenblasen-Schale. Der Kerzenständer ein wenig von der Tischkante zurückgesetzt und die vorgesetzte oberste, wulstige Kantenabstufung weniger betont. Im Gegensatz zu jeweils zwei weiteren Abstufungen bei I+II hier nunmehr drei. Die umgeschlagene linke Unterecke des Papierbogens nervös-spitz, die rechte ihrerseits wieder leicht spitz nach unten weisend. Das Bouquet weniger üppig und auch sonst verändert, die vier Hauptblumen, namentlich die linke der beiden Rosen als Vergänglichkeitssinnbild, betonen durch Neigung der Köpfe ihr Dahinwelken. Außer den beiden herabfallenden Blütenblättern, davon das untere deutlich verändert, nun bereits zwei auf der Tischplatte. Die rechte dritte Zahnlücke wieder geöffnet. Der Papierstreifen im Buchblock weiter verkürzt. Die Ziselierung des Kerzenständers zu Gunsten vereinfachter Formen aufgegeben, dabei das Fußdesign in seinem Hell-Dunkel-Spiel von geradezu neuzeitlicher Expressivität, wie sie erstmals auch in der breiten Quastenbordüre des Vorhanges ihren Widerhall findet, doch auch von der nochmals verstärkten Akzentuierung des Vasenbauches aufgenommen wird. Wie die Vase generell mit dem Kerzenständer so überzeugender korrespondiert als mit dessen Feinziselierung in den beiden Vorzuständen.

Daneben marginalere Abweichungen. Durchaus ausgehend von der Notwendigkeit von Überarbeitungen der sich technisch bedingt extrem schnell abnutzenden Schabplatte, die nach Urteil des Praktikers Sandrart (1675) nur 50-60 gute Abdrucke ermöglicht, nutzte Ridinger die Gelegenheiten gleichwohl zur Verdeutlichung seines geistigen Standortes, wobei die ursprüngliche niederländisch verankerte bürgerlich-schöne Bildkomposition, wie anstehend, zu einer radikalisierten Vergeistigung führte mit ab II. Zustand dem Papierbogen so nackt wie der Schädel. Eine Entwicklung vergleichbar den in der Konzeption abweichenden vier letzten Blättern seiner Fabel-Folge. Von ihm selbst erdacht und gezeichnet, ins Kupfer übertragen und postum veröffentlicht aber erst durch seinen Ältesten, Martin Elias.

Die bewußte Fortentwicklung eines Bildinhaltes hat in Bezug auf Ridinger aber auch seitens verschiedener Hände eine interessante zeitgenössische Parallele.

So ließ Sebastian Walch (1721-1788) bei, so Stillfried + Schwarz, Überarbeitung der Schabplatte des bekannten Haid’schen Ridinger-Portraits Th. XX, 2/Schwarz 3 bei gleichzeitiger Gesichtsalterung Diana und das landschaftliche Beiwerk außerhalb des Spiegels/Medaillons fort und diesen ohnehin schon auf Postament ruhenden auch noch in Mauerwerk ein. Womit er der ursprünglichen Bildaussage („die erlegten Tiere im Vordergrund lassen an Jagdstilleben denken und erinnern so an die Vergänglichkeit alles Irdischen“, Morét) regelrechten Sepulkralcharakter verlieh.

Und noch zu Lebzeiten Ridingers entstand hieraus das verkleinerte anonyme Brustbild-Medaillon Th.-St., 1876, S. 2, oben, Morét, Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, S. 57 nebst Abbildung, dem nunmehr außer dem Postament alles genommen ist. Also auch Palette und Staffelei innerhalb des Medaillons/Spiegels. Und anstatt in Mauerwerk ist es in einen schweren Vorhang mit Quaste eingelassen. Ein Weg also von bildharmonischem Ursprung zum nackten Kern von nur noch Portrait, Postament und, als Träger des Geheimnisvollen und Verborgenen, Vorhang. Nur noch in Umriß und sehr verkleinert findet sich diese anonyme Endversion schließlich 1775 als „3.“ bei Lavater, Physiognomische Fragmente, Bd. I, S. 253. An gleicher Stelle denn auch noch das Fenster-Vorhang-Portrait Th. XXI, 3 (s. 1876er Stillfried-Nachtrag S. 2, Mitte).

Ein anderes Beispiel von Überarbeitung einer Schabplatte durch Ridinger selbst begegnet uns in Schwarz 1499/1500.

Hier  denn  nun  der  Erstzustand

von  Ridinger’s  ureigenstem ,

im  Stil  der  niederländischen  Vanitates  gearbeitetem

MEMENTO  MORI

in tiefbraunem Druck schönster Plastizität auf festem Bütten mit Wz. WANGEN und separater IV, wie beide für zeitgenössische Drucke stehend. Mit seitlich 8-14 mm, oben 17 mm Rand, unten unter partiell leichtem Signatur-Anschnitt, doch Verlust des „Sir. 7. Cap.“ als Schlußzeile des Untertextes beschnitten. Althinterlegte kleine Ausrisse im freien Feld links außen des tonig-schönen Textunterrandes bei noch minimalem Hineinreichen in den Kantenabschluß des Tisches sowie innerhalb der beiden Zitatzeilen unter Fastverlust der Buchstaben „uid“ im zweiten „quid“ der ersten und minimaler Berührung der Buchstaben „as“ im „Was“ der zweiten Zeile. Im Bild selbst vereinzelte altbeigelegte Klein(st)läsuren, optisch haarrißartig deren vier im Vorhang oben links und einer im rechten Schädelauge, stecknadelkopfartige drei weitere an Schädelrand, auf der Bibel, im Vorhang. Eine weitere Kleinläsur in der weißen Tischkante rechts unten kaum wahrnehmbar, bildseits gar nicht einige wenige unversorgt gebliebene stecknadelkopfkleine Löchlein, wie auch die nicht ganz unübliche geglättete Mittelfalte nur im Schädel noch sichtbar. Von zwei hinterlegten Kleineinrissen im weißen Rand rechts einer 7 mm in die Bildausfüllung reichend. Ein leichter Braunanflug vom Fuß des Kerzenhalters an abwärts vom Druckbraun optisch nahezu eliminiert. Gesamthaft somit etwas zeitspurig, doch nicht allein rücksichtlich der zusätzlichen Seltenheit als Erstzustand und der ridingerbezogen bedeutsamen Provenienz durch und durch erwerbenswürdiges

herausragendes  Beispiel  aus  der  Gruppe

der  Vanitas-Arbeiten  und  Totentänze

und  großartiger  Beleg  für  den  „ verharmlosten  Ridinger “,

so der kunsthistorische hiesige Beitrag auf der Ridinger-Festveranstaltung der TU Dresden gelegentlich des 300. Geburtstages, aufzeigend zugleich des Meister’s tiefe Verwurzelung in der Emblematik der alten Niederländer, deren Werken er generell weit stärker verpflichtet ist, als bislang angenommen. Und hier nicht zuletzt dokumentiert durch sein die geistige Urheberschaft zweifelsfrei machendes inv(enit).

Und wie sehr diese Arbeiten nicht ausgrenzbarer Bestandteil des künstlerischen Credos des Meister’s sind, spiegeln all jene Symbole des Eitlen und Vergänglichen wider, denen wir im Œuvre durchgängig bis hinein in den Frieden des Kolorierten Thier-Reiches immer wieder begegnen. Siehe hierzu „Die Vanitas-Symbolik bei Johann Elias Ridinger“ als hiesiger Beitrag zur 6. Jahrestagung der Europäischen Totentanz-Vereinigung 2000 in Bamberg (teilillustrierte Fassung im Jahrbuch der Gesellschaft „L’Art Macabre 2“, April 2001). Ganz im Sinne der antiken und von Erasmus in den Adagien verbreiteten Vorstellung vom

Homo bulla – der Mensch eine Seifenblase .

Wie letztere denn hier ebenso im Bilde wie der dem Schädel gleichgewichtete Foliant als Gegenpol, als Hoffnung, auch wenn jener für diesen ein Basta vorzugeben scheint. Denn

„ Einzig das Buch als Bild für gelehrte Studien könnte ein Hinweis sein , daß nur

der Geist den Tod überwindet “

(Martina Brunner-Bulst und andere, Pieter Claesz Stilleben als Katalog-Buch zur Ausstellung in Haarlem/Zürich/Washington, Stuttgart 2004, Seiten 42/II + 72/II; vgl. zu letzterer auch Dieselbe, Pieter Claesz … Œuvrekatalog, Lingen 2004, Seite 154/1).

Bezüglich der kostbaren Schabtechnik generell schließlich – im hier vorliegenden hs. Faber-Castell’schen Inventar-Verzeichnis per Ausrufezeichen + Unterstrich hervorgehoben als „Schabk!“ – resümierte schon vor 165 Jahren Thienemanns mit den Worten:

„ Die  Schwarzkunstblätter  sind  im  Handel  fast  gar  nicht  mehr

… zu bekommen … sämmtliche von und nach Joh. El. Ridinger gefertigte (sind) so selten, dass sie fast nur in einigen öffentlichen, grossartigen Kupferstichcabineten zu finden sind. Ich habe die meisten der beschriebenen nur in dem berühmten Dresdner Cabinet angetroffen … “

(Seiten VIII + 270).

Anstehendes war nicht darunter. Und konnte erst 20 Jahre später von Graf Stillfried erstmals beschrieben werden. Es dokumentiert den untrennbar-vielschichtigen Ridinger, den Künstler in seiner Ganzheit. Denn den „harmlosen“ Ridinger landläufigen Kunsthistorikerurteils hat es gottlob nie gegeben. Vielmehr blieb er

„ einer  der  wenigen  deutschen  Barockkünstler

… der … nie  in  Vergessenheit  geriet “

(Rolf Biedermann, Meisterzeichnungen des deutschen Barock, 1987, S. 338).

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Die  Auslese  des  Tages