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Der Eremiten-Hieronymus „Schwarz 1549“

von

Gräflich Faber-Castell

als ungewisser Kantonist enttarnt

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). S. Hieronymus. Die Inspiration des Heiligen. Kniestück als Eremit nach rechts mit entblößtem Oberkörper an einem Tisch mit zwei Folianten, auf deren aufgeschlagenem rechten die eine Kielfeder haltende Linke ruht. Rechts daneben das Tintenfaß, links des Tisches gegen einen mächtigen Kardinalshut gelehntes Kruzifix. Der Hut seinerseits gegen ein zweifächriges Bücherbord gelehnt. Auf diesem Folianten, Sanduhr , Totenschädel + Martergeißel Christi. Der Heilige selbst blickt rückwärts nach links oben, von wo in der Ecke zwischen Wolken die Posaune des Jüngsten Gerichts ihm Inspiration vermittelt. Der Löwe blickt streng unter dem Tisch hervor. Das Ganze innerhalb eines Rahmens mit fleuralen Eckbeschlägen. Unten abschließend große Muschelkartusche innerhalb breiter Schrifttafel für Eintragungen individueller Natur, die hier aber beide leergeblieben sind wie für die erhaltenen Exemplare die Regel. Schabkunstblatt. Bezeichnet: in der in die obere Rahmenleiste eingelassenen Muschelkartusche S. HIERONYMUS. / rechts unten zwischen Rahmenleiste und Beschriftungsfeld Ioh. Elias Ridinger excud. Aug. Vind. 57,8 x 42,3 cm.

Johann Elias Ridinger, Hl. Hieroniymus

Provenienz

Gräflich Faber-Castell

deren Ridinger-Versteigerung 1958
mit deren Lot-Nr. 177
auf dem Untersatzkarton

Radulf Graf zu Castell-Rüdenhausen

(1922-2004)

Vergleiche Schwarz 1549 (51,1 x 38,5 cm; Schrift-Variante: „Elias“ abgekürzt nach „l“, im übrigen siehe unten); Faber-Castell 177 (unachtsam als Schwarz 1549); Wend, Ergänzungen zu den Œuvreverzeichnissen der Druckgrafik, I.1 (1975), 230 (wie Schwarz).

Weder Schwarz 1549 noch gar hiesiges Blatt bei Thienemann (1856) , Stillfried (1876) , Weigel, Kunstlager-Catalog, Abt. I-XXVIII (1838/57) , Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX (1885) , in den Sammlungen Coppenrath (1889 f.) , Reich auf Biehla (1894) + Hamminger (1895) , bei Helbing XXXIV (Arbeiten von J. E. und M. E. Ridinger; 1900) + Rosenthal, Ridinger-Liste 126 (1940).

Literaturunbekannte vergrößerte + spiegelbildliche Kopie von Schwarz 1549

auf tonigem Linien-Papier mit Lilien-Wz., denkbar zeitgenössisch, aber auch eher später. Anmerkenswert, daß sich das vergrößerte Format an anderen Ridinger’schen Heiligen-Blättern orientiert, wie etwa dem des von Johann Jacob geschabten Kardinals-Hieronymus nach Alessandro Marchesini (Schwarz 1548), ohne daß letzteres gleichfalls „eingerahmt“ wäre, oder das des hl. Markus Stillfried 1404, auf das ähnlicher Scenerie halber – übrigens auch Löwe und Totenkopf – ein Castell’scher Vergleichshinweis auf hiesiger Blattrückseite aufmerksam macht.

Herrlicher , tiefbrauner Druck mit umlaufend 1,5-2 cm breitem Rand bei tadelloser Erhaltung bei partiell minimalem Stippenanflug, drei schwach von rückwärts durchscheinenden Rostfleckchen und vier kleinen bis winzigen althinterlegten Löchlein am oberen Bildrand, verso links unten Montagerest, wie alles nicht zählend. – Auf dem Untersatzkarton neben Castell’schem Gutmann-Verweis (Schwarz) noch Beschriftung anderer Hand. Das Blatt scheint im englischen Handel erworben zu sein.

Sujet aus dem Mark der Kirchengeschichte

zu deren hervorragendsten Lehrern der mit jugendlicher Vergangenheit beladene Hieronymus (Stridon/Sdrin, Kroatien, um 340/42 – Bethlehem 420 [419?]) zählt.

„ … er (ist) nicht bloß der gelehrteste, sondern auch der beredteste unter den lateinischen Vätern … (und) in seinen Lebensbeschreibungen des heil. Paulus, Hilarion, Malchus (hat er)

recht eigentlich den frommen Roman begründet “

(Meyers Konv.-Lex., 4. Aufl., VIII [1888], 524.).

In seinen frühen Jahren „verweilte er eine Zeitlang zu Trier “ , in dessen berühmten Schulen er seine Studien fortsetzte und das Klosterleben kennenlernte. Seine Bischofsweihe wird in den Legenden des 15. Jhdts. als Kardinalswürde berichtet, worauf sich denn auch hiesiger Kardinalshut bezieht. Er spielte dann

„ in der katholischen Reformpolitik nach dem Konzil von Trient (1545/63) eine besondere Rolle und mag als Gelehrter, Büßer und erster Kardinal (beispielsweise) für Richelieu ein lebensanaloges Vorbild und Beispiel gewesen sein “

(Ekkehard Mai im Montreal/Kölner Richelieu-Katalog, 2002, Seite 157).

386 hatte er seinen Dauerwohnsitz in Bethlehem genommen, wo er ein Mönchs- und Nonnenklöster gründete.

„ Hier gab H. das erste Beispiel eines Mönchtums, welches sich die Pflege der Wissenschaft und Litteratur zur Hauptaufgabe macht. Er (übersetzte, sieben Sprachen beherrschend, wesentliche Teile der Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Lateinische [Vulgata],) schrieb eine ganze Reihe von alt= und neutestamentlichen Kommentaren, wertvolle Schriften archäologischen Inhalts, Legenden von Heiligen und Mönchen … “

(Meyers a. a. O.).

So wurde er, im Rang gern mit Augustinus verglichen, Patron wissenschaftlicher Vereinigungen, der Lehrer, Studenten + Schüler, der theologischen Fakultäten + Bibelgesellschaften, doch

auch gegen Augenleiden ,

im übrigen von Dalmatien + Lyon. Der 30. September als sein Sterbetag gilt den christlichen Religionen als sein Gedenktag, deren orthodoxen der 15. Juni.

Interessant hiesige Berücksichtigung aller Hieronymus-Attribute

als dem des Eremiten der übergroße Kardinalshut zur Seite gestellt ist und dem Löwen der Totenkopf. Eher gilt Eremit oder Kardinal + Löwe oder Totenschädel, wie denn auch auf obiger Ridinger-Wiedergabe des Marchesini-Bildes als Kardinal und nur mit dem Löwen, den Hieronymus einst von einem Dorn in der Pfote befreit habe. Letzteres wie auch die in die Legenden des 15. Jhdts. übernommene Kardinalswürde von der neueren Literatur wie folgt kommentiert:

„ Die Legende, er sei Kardinal gewesen, und bei einer Lesung vor seinen Schülern in Bethlehem habe sich ihm ein hinkender Löwe genähert, ist erst im 13. Jahrhundert entstanden. Der kirchliche Rechtsgelehrte Joannes Andreas von Bologna (um 1330-48) benutzte dies, um die Kardinalsfunktion und den Löwen als feste Attribute des Hieronymus zu propagieren “

(Dirk De Vos, Rogier van der Weyden, Mchn. 1999, S. 405).

Den löwenverewigenden Ridingers galt das Löwen-Attribut auf jeden Fall als eine leckere Zugabe in ihrem mehrheitlich ganz zu Unrecht vielfach bemäkelten Heiligen-Œuvre.

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„ nachdem die wunderbare Stangenabwurf-Folge (Wintter’s Aufsezen oder wachstum des Hirschgeweihes hiesiger Lieferung) nun meine Wand ziert, habe ich zwei (Desiderata-)Bitten an Sie. Es fehlt mir … Können Sie mir behilflich sein? “

(Herr C. R., 28. Januar 2015)

 

Die Auslese des Tages