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„ Das  programmatische  Schabkunstblatt “

mit  selten  schöner  Wiener  Provenienz-Geschichte

nahe  dem  unsterblichen  Beethoven

Ridinger – Bergmüller, Johann Georg (Türkheim, Schwaben, 1688 – Augsburg 1762). IOH. ELIAS RIDINGER / Pictor et Scalptor (sic!) Augustanus / solertissimus Naturae Indag(ator) / ejusque in Animalium praeser(tim) / Delineatione Æmulator / felicissimus / natus Vlmae Suevorum / d. XVI. Febr. A.S. MDCXCVIII / Ars Artifici(s) Amic(us). Kniestück, sitzend, mit Pinseln + Palette als von der zur Rechten sitzenden Diana gehaltenes Medaillon in Staffelei-Spiegel, vor dem künstlerischen Auge einen kapitalen Hirsch schon auf der Leinwand sehend wie er als nebst Keiler von Diana erlegt unterhalb eines Postaments liegt. Auf letzterem sitzend und dem Meister vertraulich zugewandt ein behaubter Falke nebst seitlichem gebeizten Reiher sowie erlegter Wildgans. Und Mitte unten natürlich ein Ridinger-Hund. Das Ganze vor waldigem Hintergrund. Schabkunstblatt von Johann Jacob Haid (Kleineislingen 1704 – Augsburg 1767). Bezeichnet: I. G. Bergmüller invent. / I. Iac. Haid ad vivum pinx. fecit et excud. A. V., ansonsten wie vor. 39,7 x 26,6 cm.

Mit bis zu 4 mm feinem Rändchen rundum und in diesem beidseits unten und oben links druckfarbenartige kleine Fleckchen, von denen einige auch, sichtbar nur unten links, im Bild selbst erscheinen, linksseits auch ein 1,5 cm ins Bild reichender professionell beigelegter Einriß.

Thienemann XX, 2; Schwarz, Porträts, 3 + Abb.; Le Blanc 94; Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX, 2057 ( „Geschätztes schönes Blatt … Selten“, 1885 ! ); Reich auf Biehla 2 (1894); Helbing XXXIV (1900), 2; Slg. Schoeller 523 („Sehr schönes Schabkunstblatt … Selten“, 1921); Schwerdt III (1928), 133; Kataloge Ausstellungen Ridinger: Augsburg (1967) 81 + Abb. 1 sowie 82; Kielce (1997) 1 + Frontisp.; Darmstadt (1999) I.2 + Abb. – Niemeyer, Die Vanitas-Symbolik bei Joh. El. R. in L’Art Macabre 2 (2001), 94 ff.

Nicht in Slg. Coppenrath (1889/90) + bei Rosenthal (1940).

Lugt-Marken der Wiener Ritter von Franck: 946 f. (Alfred) , 1152 (Gustav) , 949 (Johann Jakob).

Kalischer (Hrsg.), Beethovens Sämtliche Briefe, 1907 ff.:

V, SS. 241-244, betr. als Bankier + Kommissionär des späten Beethoven Johann Jakob von Franck, den Vater von Alfred + Gustav, in Briefen vom Juli 1826 an Schott Söhne in Mainz:

„… worin Sie mir anzeigen, daß Sie mir die erste sogleich zu erhebende Hälfte des Honorars für mein neuestes Quartett bey Herrn Frank hier bereits angewiesen haben, melde ich Ihnen, daß das erwähnte Werk vollendet ist und zur Ablieferung bereit liegt. Es erübriget sich also nichts als daß Sie so gütig sind mir eine Anweisung auf die zweyte in 2 Monathen zu erhebnde Hälfte (vierzig Ducaten) zu übermachen, sobald ich selbe erhalten werde, werde ich nicht säumen das Werk an Herrn Frank zu überliefern … / … ich erwarte hiezu noch Ihre Anweisung auf die Herrn Frank hier um nach deren Empfang meinen Vorsatz unverzüglich auszuführen … / … melde ich Ihnen, daß ich in einigen Tagen das Quartett, wie auch Ihr Schreiben an Hern Frank abliefern werde; dies würde schon geschehen seyn, wenn nicht mein Bestreben … mich bestimmte, es noch ein Mahl auf das Genaueste durchzusehen. Für die Uebermachung Ihres Wechsels danke ich Ihnen herzlich …“

Der Bankier (Sohn des in den frühen 1770ern nach Österreich übergesiedelten gleichnamigen Vaters aus dem damals eidgenössischen Mülhausen/Mulhouse, Elsaß, wo dieser Mitglied des Großen Rates war) ist der Schwager von

Beethoven’s  „Dorothea=Cäcilia“ ,

der  Baronin  Dorothea  von  Ertmann ,

als  Schülerin  und  dann  maßgeblicher  Pianistin  Beethoven’s ,

der letzterer 1804 einen ersten Neujahrsgruß sandte und ihr 1816 die Sonate für das Pianoforte oder Hammerclavier Nr. 28 A-dur op. 101 als „der ersten des großen Satzes der (5) späten Klaviersonaten“ (Thayer) widmete (siehe hierzu auch III, SS. 92-96: „die A-dur-Sonate, so Kalischer Beethovens Bemerken gegenüber dem Verleger Steiner aufgreifend, wird Stutzen und Staunen bewirken. – Und das ist ihr reichlich bis auf diesen Tag zuteil geworden.“ Und der Meister selbst: „ Wegen  der  Dedication  bitte  ich  das  größte  Stillschweigen  zu  beobachten , da  ich  eine  Überraschung  damit  machen  will .“).

Das Haus des Bankiers galt seiner Zeit als einer der „Mittelpunkt(e) geistigen Verkehrs in Wien. Literaten und Musiker (gingen) ein und aus, darunter (wie auch im Hause Ertmann, siehe unten) auch Ludwig van Beethoven“ (Wikipedia).

Betr.  die  Ertmann , gebürtige Graumann aus Frankfurt, 1778-1848, = I, SS. 130 f. Siehe hierzu auch Kalischer in der Musik, 2. Märzheft 1904 (III. Beethoven-Heft) + S. 266 sowie III, SS. 22 f.„Der berühmte Brief … Original in der Autographen=Sammlung von Dorothea=Cäcilias Neffen Alfred Ritter von Frank in Wien“; dortselbst seinerzeit auch der frühe B.-Brief 130 in Sachen einer weiteren Oper ) + S. 133.

Siehe auch Kalischers „umfassende Monographie über Beethovens Dorothea=Cäcilia“ in der Deutschen Musiker=Zeitung 4. 6.-20. 8. 1904.

Kerst (Hrsg.), Die Erinnerungen an Beethoven, 1913:

I, SS. 50 f. (nach den Erinnerungen des Komponisten, Musikpädagogen und Lehrers Franz Liszts Karl Czerny, 1791-1857: „Unter den damaligen Damen war … (von 1800-1820) die Baronin Ertmann die trefflichste Spielerin der Beethovenschen Werke . Sie und ihr Gemahl … gehörten (während der letzten 25 [!] Jahre, nicht im Original) zu seinen intimsten Freunden und sie war vermutlich seine Schülerin, denn sie spielte (bei großer physischer Kraft) seine Werke ganz in seinem Geiste.“ Dazu diese selbst – SS. 237/39 – in Wiedergabe durch ihre Nichte, „die berühmte Sängerin Mathilde Marchesi, in ihrem Buche (Seite 10) ‚Erinnerungen aus meinem Leben‘ (1877)“:

„ ‚Anfänglich,‘ so erzählte sie mir, ‚wurde viel gegen den großen Meister … geeifert … Begierig, seine neuen Sonaten kennen zu lernen, ging ich eines Tages in die Musikalienhandlung des Herrn Haslinger (damals noch Steiner & Comp.), ließ mir einige derselben vorlegen und spielte sie sogleich auf einem dort stehenden Flügel. In meinem Eifer hatte ich einen jungen Mann nicht bemerkt, der schüchtern in einer Ecke stand und sich mir dann leise näherte. Wer malt mein Erstaunen, als er plötzlich meine Hand faßte und mir in den wärmsten Ausdrücken für die gelungene Wiedergabe seiner Sonaten dankte . Es war Beethoven. – –

Von  diesem  Momente  an  wurden  wir  Freunde . Nie werde ich vergessen … welch warmes und inniges Interesse Beethoven mir und den Meinigen bezeigte. Es schien mir daher unbegreiflich, daß er nach dem Tode meines einziggeliebten Kindes mich nicht besuchte. Nach mehreren Wochen erschien er endlich. Mich stumm grüßend, setzte er sich an das Klavier und fantasierte während langer Zeit.

Wer könnte diese Musik beschreiben! Man glaubte Engelschöre zu hören, welche den Eingang meines armen Kindes in die Welt des Lichtes feierten. Dann, als er geendet, drückte er wehmütig meine Hand und ging stumm, wie er gekommen. (Lt. brieflicher 1831er Mitteilung Felix Mendelsohn’s habe sich diese intime Kondolation auf Einladung Beethoven’s bei diesem selbst abgespielt.) – –‘

‚Während einer langen Reihe von Jahren,‘ so erzählte meine Tante weiter, ‚war Beethoven täglicher Gast in unserem Hause …‘“, wie auch seitens Mendelsohn’s in Schilderung seiner dortigen Besuche bestätigt: „Zwischendurch bringt er [der General] die schönsten Geschichten von Beethoven, wie er abends, wenn sie ihm vorspielte … “

I, Seite 260: „Die Baronin Ertmann … schien uns in Rücksicht des Vortrags alle zu übertreffen“, so der Bremer Pädagoge W. Chr. Müller über seinen 1824er Aufenthalt in Wien.

II, S. 193 (nach 1852er Erinnerung von Dr. Bertolini, von 1806/16 Beethoven’s Freund und Arzt): „Beethoven ließ seine Sonaten am liebsten durch Frau von Ertmann spielen, er selbst tat es schon nicht gern.“ + SS. 258-260: „Gespräch über des Meisters Freundin und beste Schülerin, die Generalin Ertmann, deren Gatte den nach dem Selbstmordversuch gesundeten Neffen als Kadett unterbringen sollte ([Konversations-]Heft 109, April 1824)

Schindler: Op. 97, ich spielte es letzthin mit der Generalin Ertmann … Es würde Ihnen (also Beethoven) viel Freude machen, die Ertmann jetzt hören zu können. – (Heft 37, Ende 1825.) Karl Holz: Die Ertmann ist jetzt nicht hier … (Heft 10, Ende 1825.) (Derselbe): Die Ertmann wird täglich erwartet. – (Heft 100, Sommer 1826.) Anregung einer Anleihe bei Ertmanns. Schuppanzigh: Was macht der Ertmann 4000 . / Sie hat auch großes Vermögen. – / Ihr Vater ist einer der reichsten Leute in Frankfurt. – / Der Frank*) (*Ritter von Frank) der geizige, hätte ihre Schwester nicht geheiratet, wenn sie kein Vermögen gehabt hätte. – … / (Heft 116, Juli 1826.) Derselbe: Hat Er die Ertmann schon gesehen? – / Sie wünscht seine sehr neuen Quartette zu hören. – (Heft 128, Juli 1826.) Karl Holz: Mylord sagte, die Ertmann wünsche ein Quartett zu hören; sie will sogar dafür bezahlen. – (Heft 129, Ende Sommer 1826.) Neffe Karl: Wann sprichst du mit Ertmann? – Gewiß kann er viel tun, entweder unmittelbar oder auch indirekt … Auch wird dem Eintritt als Kadett kein Hindernis in den Weg gestellt werden … (Dasselbe Heft.) Karl Holz: Ich sprach gestern selbst mit Ertmann in der Stadt. Sie möchten sich nicht zu ihm bemühen, er wird morgen vormittag … die Ehre haben, Sie zu besuchen. – “

Fett-Markierungen nicht im Original. – Die Ritter von Francks sind nicht zu verwechseln mit dem Arzt Dr. Joseph von Frank und dessen als Sängerin gefeierter Frau Christine geb. Gerardi, die bis etwa 1804 in Wien lebten. – Dies denn der vorweggenommene

für  Ridingeriana  ganz  außergewöhnliche  Beethoven’sche  Teil

der  unten  fortgeführten  generell  selten  schönen  Provenienzgeschichte ,

hier in Verbindung mit dem allein schon optisch großartigen

reichen  schönen  Bildnis

Johann Georg Bergmüller, Johann Elias Ridinger

des  früheren  Schülers  Haid

der ab 1726 noch einige Jahre als Geselle bei Ridinger verblieb und 1744 die malerische Version (Lwd., 66 x 48 cm, Kunstsammlungen Augsburg, Inv.-Nr. 8610) schuf, die dann Bergmüller samt des Kopfes eines Jagdhundes aus einer Ridinger-Zeichnung von 1728 als Vorlage diente, die dann wiederum Haid aufs Kupfer übertrug,

welch  doppelte  Haid’sche  Urheberschaft

zusätzlich  zu  dessen  jahrelanger  Nähe  zum  Meister

dem  Blatte  seinen  besonderen  originären  Rang  sichert .

Der hier im Staffelei-Spiegel als vorerst noch nur geistige Vision nur in Umrissen skizzierte Hirschkopf ist im Öl schon fertig ausgeführt. Bergmüller’s diesbezügliche rückwärts gerichtete Ausführung sicher nicht zufälliger Natur, vielmehr, konform auch zum Gesichtsausdruck des Künstlers, den Schöpfungsprozeß verdeutlichend.

„ Es ist eines von zahlreichen Schabkunst-Porträts von Augsburger Künstlern, die (Haid als)

auf  diesem  Gebiet  führende(r)  Meister  des  deutschsprachigen  Kunstbereichs

zusammen mit Johann Georg Bergmüller entwarf. Letzterer schuf jeweils die rahmende Komposition “

(Anke Charlotte Held, Georg Philipp Rugendas … Gemälde und [ausgewählte] Zeichnungen, 1996, Seiten 28 + 34).

Erinnert sei interessehalber im übrigen an das gleichfalls von Haid nach Bergmüller geschabte gleichartig aufgebaute Porträt des großen Zunftkollegen Georg Philipp Rugendas I Und an den Gemeinschafts-Nachruf der Augsburger Presse vom 29. Dezember 1767 auf Ridinger + Haid: „Unsere Stadt und das ganze gelehrte Deutschland hat vor einiger Zeit

2  berühmte  Künstler  verlohren;

Hr.  Joh.  Ridinger … und  Herr  Joh.  Jac.  Haid … “

Wobei des letzteren Ridinger-Bild sichtbar über dessen Untertext hinausgeht, der in Thienemann’s Übersetzung wie folgt wiederholt sei:

„ J. E. Ridinger … der eifrigste Naturforscher und glücklichste Nachahmer vorzüglich in Abbildung der Thiere … Die Kunst des Künstlers Freundin. “

Denn zugleich verleiht

„ Die Kombination von Bildnismedaillon und Inschriftentafel … der Darstellung den Charakter einer Gedenktafel, die erlegten Tiere im Vordergrund lassen an Jagdstilleben denken und erinnern so an die Vergänglichkeit alles Irdischen “

(Stefan Morét in Katalog Darmstadt).

Was Morét von der Tierstaffage ableitet, wird bei späterer Weiterentwicklung dieses Bildnisses auf Ridinger unmittelbar ausgedehnt. Denn die von Sebastian Walch von der überarbeiteten Platte, so Stillfried und Schwarz (Th., Nachtrag 3, S. 1 f. + Schwarz I, XX, 4), geschaffene Variante läßt bei gleichzeitiger Gesichtsalterung Diana und das landschaftliche Beiwerk außerhalb des Medaillons fort und den ohnehin schon auf einem Postament ruhenden Spiegel auch noch in Mauerwerk ein, womit er dem Bildnis selbst Sepulkralcharakter verleiht.

Und noch zu Lebzeiten Ridinger’s entstand hieraus das verkleinerte anonyme Brustbild (Th.-St. S. 2; Kat. Darmstadt I.1 + Abb.), dem nunmehr außer dem Postament alles genommen ist: also auch Palette und Staffelei innerhalb des Medaillons/Spiegels. Anstatt in Mauerwerk ist es in einen schweren Vorhang mit Quaste eingelassen. Diese von mehreren Händen vorgenommene reduzierende Fortentwicklung von reichsten Bildinhalten zum nackten Kern von nur noch Porträt, Vorhang und Postament belegt auf selten einzigartige Weise die gelegentlich des Selbstbildnisses Th. XXI, 3 zum Vorhang(-Fenster)-Aspekt vorgetragenen Gedankengänge. Wie diese Versatzstücke aus Grabmal- oder Denkmalkunst direkt zu der Söhne postume Titelblätter zu den Wundersamsten (Th. 242; Schwarz I, Tafel XII) und zum Kolorierten Thier-Reich (Th. 974; Schwarz I, Tafel XXX) als „graphischer Denkmäler für den Vater“ (Morét) führen.

Womit das Haid-Bergmüller’sche Ridinger-Bild gleichwohl noch nicht ausgelotet ist.

Noch Palette + Pinsel in ihrer hiesigen schönen Harmlosigkeit führen zum tieferen Kern des Selbstverständnisses des Meister’s.

Vorab zum programmatischen Eigen-Exlibris (Schwarz 1569 + Bd. I, Frontispiz) mit der sein absolutes, von den ökonomischen Zwängen des Alltags gleichwohl verwässertes Lebensbedürfnis ausdrückenden Steininschrift (!) „Nulla dies sine linea – Kein Tag ohne Pinselstrich“, einem Bekenntnis, das auch in der verworfenen, hier 1998 erstmals aufgelegten Kupferarbeit der „Hippokrene“ seinen Niederschlag fand.

Sodann zur Wiederbegegnung mit Palette, Pinseln und der im herkömmlichen Werk immer wieder aufscheinenden großen Steintafel im schaurig-großartigen Finale, der „Herrschaft des Todes“ (Th.-St. 1427; Abb. Niemeyer, a. a. O., S. 105) als mittels des „del(ineavit).“ ausdrücklich bestätigter Eigenarbeit)!

Das Malergerät nunmehr inmitten des Gerümpels! Der Schritt hinaus über das Berliner „Selbstbildnis mit Tod“ (Kat. Darmstadt I.5 + [Farb-]Abbildungen)! Als ein Gleichklang mit Hogarth, der sein grafisches Œuvre mit dem Blatte der Sterbenden Zeit (Tail Piece, or The Bathos) vom April 1764, also sechs Monate vor seinem Tode, abschloß.

Wie der im späten „Selbstbildnis im Arbeitszimmer“ mitbestimmend eingesetzte schwere Vorhang als seit dem Mittelalter eines Trägers des Geheimen und Verborgenen bis in die Frühzeit, in das Titelblatt zur 1722er Reitschule rückbelegbar ist, so hier denn die Malutensilien. Beides auf ersten Blick hin Repoussoirs selbstverständlichster Art. Doch mit welch einem Tiefgang bei näherer Nachschau!

Das  Exemplar  Gustav  Ritter  von  Franck’s

(Wien 1807 – London 1860) mit dessen rundem Monogramm-Stempel GF rückseits unten links, darunter sicher dessen eigenh. Wertung

Ridinger-Porträt / Provenienz-Teilrückseite 2

„belle  Epr(euve)“

in Bleistift (der Praktiker Sandrart 1675 hinsichtlich der nur kleine befriedigende Auflagen gewährenden samtenen Schabkunst: „50 oder 60 … saubere Abdrucke“).

Ebenfalls rückseits oben Mitte in Bleistift „franck“, darunter innerhalb eines Ovals „24 Xbr (1)823“ als Hinweis auf Weihnachten, womit eine hiervon abgesetzte paraphenartige geschnörkelte Notiz mit möglichem Anfangsbuchstaben A in Verbindung stehen dürfte, was auf den

Bruder  Alfred  als  denkbaren  Schenker , aber  wohl  auch  Schreiber ,

verwiese und mit dessen eigenen Sammlungsinteressen + Signaturen korrespondierte, siehe unten. Nicht ausschließbar aber auch,

daß  das  Blatt

Ridinger-Porträt / Provenienz-Teilrückseite 1

zunächst  Alfred  gehörte

und dieser es erst später dem Bruder weiterreichte.

Außerhalb des Ovals schließlich die Zeile „Luitr (?) M(onsieur) Artaria.“ als offensichtlicher Quellenverweis auf die 1770 gegründete dortige Kunsthandlung, die 1836 in drei Partien die qualitativ hochbedeutende Porträt-Sammlung des 1828 verstorbenen Vaters, siehe oben, versteigerte (4533 Nrn.). Daß anstehendes Blatt dessen Sammlung entstammte, erscheint schon deshalb unwahrscheinlicher, als nicht dessen Sammlungs-Stempel „J. J. v. Franck / Portraits-Sammlung / Nro“ aufweisend.

Dieser  nun  unmittelbare  Provenienz-Teil  seinerseits  bemerkenswert

zunächst  als Vater und beide Söhne („Ses deux fils … étaient également de grands collectionneurs“) literaturbekannt importante Sammlungen formten. Gustav Graphik + Münzen, Alfred (1808-1884) Zeichnungen, Graphik und eben, siehe schon oben, Autographen. Unter ersteren 11 Blatt Leonardo-Karikaturen, Altdorfer, van Dyck, Botticelli, etliche Dürer, mehrere Rembrandts, Verschuring und innerhalb des 18. Jhdts.

„ beaucoup  de  Ridinger , puis  Rugendas , Tiepolo “.

Beide seiner rückseitigen handschriftlichen Bleistift-Sammlungs-Marken legen in Beiziehung der Lugt-Wiedergaben „franck 5. Nov.“ mit Schnörkel-Unterstrich + „Afranck [1]863“, die Ziffern in geschlossenem Oval – wenngleich in Unkenntnis Gustav’scher Autographen – die Annahme sehr nahe, obige Einstandsvermerke könnten von der Hand Alfred’s stammen, wenngleich hierfür neben dem Stil nur das Anfangs-f der ersteren Marke und beider k-Ausläufe in Schnörkel/Oval sprechen. Aber Alfred war 1823 auch erst 15jährig! Sein Werdegang, begonnen als Schüler der Wiener Ingenieur-Akademie, wechselte zwischen Militärdienst und der Hingabe an die Kunst, privatim und professionell. Letzteres u. a. als Professor für Zeichnung an der Wiener Militär-Akademie und Kunstlehrer Kaiser Franz Joseph’s. Seine Arbeiten in Öl + Zeichnung galten namentlich dem Landschafts-, doch auch dem Porträtfach, ansonsten auch Kupfern und einigen Lithographien. Seine Zeichnungs-Sammlung wurde 1889 durch Prestel in Frankfurt/M verkauft.

Gustav’s Lebenslauf begann mit Studien der Philosophie und der Rechte in Wien mit Promotion 1828 in Padua, Tätigkeit als Advokat und Eintritt in die Armee, doch bedingte ein Duell einen Richtungswechsel. Nach Reisen auf dem Balkan und nach Algerien trat er in die Direktion eines Theaters in Budapest ein, wo er die Chanseuse Wirnser ehelichte. 1843 zurück in Wien, redigierte er 1845/47 die Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur und Mode. Die 1848er Ereignisse vertrieben ihn außer Landes, in Leipzig publizierte er den Wiener Bote(n), um anschließend nach London weiterzuziehen, wo er denn zeitlebens blieb, obgleich ihm 1858 die Rückkehr nach Österreich gestattet wurde. Lugt kennt wohl den Erlös aus dem Verkauf seiner Sammlungen, doch nicht dessen nähere Umstände.

Resümierend  schließlich  vermittelt diese innerfranck’sche Provenienz die schöne Botschaft von

Aufgriff + Fortführung  einer  väterlichen  Leidenschaft

seitens der nächsten Generation als Ausfluß kultivierten Selbstverständnisses mit dem Faktum als Kern,

daß  die  Neffen  von  Beethoven’s  „Dorothea=Cäcilia“

zeitgleich  zu  jenen  großen  Tagen

sich  als  15/16-jährige  mit  Kunst  (gegenseitig)  glücklich  machten

und ein Leben lang ihr verbunden blieben.

Und ganz en passant die Selbstverständlichkeit, mit der Sammler von Graden

„ viel  Ridinger , gefolgt  von  Rugendas “

zwischen Meistern wie oben um sich versammeln. Gestern wie heute. Wo sich die gegenwärtig qualitativ wie quantitativ wohl führende unter den lebenden Ridinger-Versammlungen eingebettet sieht in eine graphische Altmeister-Sammlung erster Güte, angeführt von Dürer. Übernommen und in Glanzlichtern fortgeführt als zweite Generation.

Daß am Anfang der Franck’schen Ridingeriana „das programmatische Schabkunstblatt“ (Gode Krämer) Th. XX, 2 stand, setzt eben diesem ihrem nun hier erwerbbaren Exemplar das letzte Tüpfelchen.

Allein dieser Teil der Geschichte somit so einzigartig wie selten in Verbindung mit einer Graphik-Rückseite. Den Didaktiker Ridinger hätte sie glücklich gestimmt. Hatte er doch 80 Jahre zuvor seine Fabel-Suite „zur Verbesserung der Sitten (‚durch die moralische Wirksamkeit der Kunst‘, Stefan Morét) und zumal zum Unterrichte der Jugend“ herausgegeben. Als Ganzes indes

eine  Provenienz-Konstellation  von  eigen  großartigem  Charme .

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„ Best her Niemeyer, De prenten zijn vanmiddag in goede staat gearriveerd. Alleen al het uitpakken is een genot! Ze zien er prachtig uit (vooral The Idel ’prentice is een juweel) … Wat dat betreft, zijn eigenlijk alle prenten die u mij hebt toegezonde, van uitstekende kwaliteit … “

(Mijnheer P. E., 1. Februar 2008)

 

Die  Auslese  des  Tages