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„ Ein  kleiner  Umstand

hat  sehr  offt  das  Blatt  gewendet ! “

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Der wilde Büffel und das Crocodil. Im Kampf auf Leben und Tod am Nil. Radierung mit Kupferstich. (1760.) Bezeichnet: Joh. El. Ridinger inv. et del. / M. El.Ridinger sculps. Aug. Vind., ansonsten wie vor + unten. 35,1 x 28,2 cm.

Thienemann + Schwarz 722; Stubbe, Ridinger, 1966, SS. 16 f. nebst Taf. 34; Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, IV.7 nebst Abb. – Blatt 7 der seit altersher von der Literatur als sehr selten qualifizierten 8blätt. Folge der Kämpfe reißender Thiere, Th. 716-723, deren vier letzte Blätter vom Ältesten, Martin Elias, nach erst nachgeschobenen 1760er väterlichen Vorlagen – Pos. 389-392 des Ridinger-Appendix des 1869er Katalogs der von J. A. G. Weigel hinterlassenen Zeichnungen mit hiesiger 390er in Feder + Bister – aufs Kupfer übertragen wurden. Woraus zugleich gefolgert werden darf, daß nicht nur die Zeichnungen nebst Texten zu den gesellschaftspolitisch hochbrisanten Blättern 1-4 längst fertig dagelegen hatten, sondern selbst auch schon deren Platten.

Der Ergänzung jener riskanten Urfolge um vier weitere, textlich nurmehr à la Barthold Heinrich Brockes,

Johann Elias Ridinger, Der wilde Büffel und das Crocodil (Th. 722)

„ Dem falschen Crocodil, das trüglich menschlich weint, Wenn es auf Menschen laurt und sie zu fangen meint, Scheint dießmal seine List und Anfall nicht zu glücken: Es liegt unterm Fus des Büffels auf dem Rücken. Doch, Büffel, jauchze nicht! Sein ungeheurer Biß Trifft deinen Fuß bereits und raubt dir ihn gewiß. Dein Horn mit dem du dich sonst tapfer weist zu schütze(n), Kan(n) dir bey diesem Fall und Umstand wenig nüzen. Du hast vielmehr verspielt, und, gieb dich nur darein, Scheinst in gar kurzer Frist des Unthiers Raub zu seyn. Darum frolocket nie, eh ihr den Sieg vollendet: Ein kleiner Umstand hat sehr offt das Blatt gewendet! “

und damit unverfänglich, begleitete Blätter lag neben dem Wunsche nach einer komfortableren Handelseinheit ganz sicher und wohlbewußt auch die Absicht zu Grunde, die Eklatanz der Botschaft der ersten vier weniger demonstrativ aufscheinen zu lassen. Die Aufstockung also als eine zugleich letzte Außenverpackung.

In Martin Elias hierbei die treibende Kraft zu sehen, harmoniert bestens mit seiner in eben jenen Jahren für die Folge der „Wundersamsten“ übernommenen Motorrolle. Denn als der Vater in den 50ern die Lust an diesem Großprojekt zu verlieren begann und die Folge während des 7jährigen Krieges nur noch mit ganzen fünf Novitäten dahindümpelte, war es Martin Elias, der um 1763 mit dem Hubertusburger Dachsen als Blatt 74 (Th. 316) das Vorhaben wieder unter Dampf setzte und von den letzten 27 Blättern denn in der Tat mit 21 den Löwenanteil auf die Platten übertrug. Damit aber gewinnt Martin Elias für den Ridinger-Verlag eine Kontur, die sichtbar über sein bisheriges Bild als vornehmlich nur als mitarbeitend ausführender Stecher, so noch jüngst Stefan Morét im 1999er Darmstädter Ausstellungskatalog (Seiten 62/3), hinausführt.

Eines Stechers zumindest gleichwohl höchster Qualität. So feiert Wolf Stubbe mit dem geschulten Auge als eines späteren Direktors des Hamburger Kupferstich-Kabinetts

den  graphisch-künstlerischen  Zenit  anstehenden  Blattes

mit den Worten

„ Zu den spätesten Arbeiten des Künstlers (1760) gehört das Tierkampfblatt ‘Der Wilde Büffel und das Crocodil’. An ihm ist leicht zu demonstrieren, wie Licht und Linie durch Zusammenspiel zur Vitalisierung der Erscheinung beitragen. Die eindrucksvolle Silhouette des angegriffenen (Büffels) … wird … optisch unterstützt von den zügigen hellen Kurven des Bündels aus Nilschilf rechts vom Büffel und noch einmal mehr durch den

mit  diesen  Kurven

konzentrisch  verlaufenden  Bogen  des  Krokodilschwanzes .

Zur Tiefe hin dann eine, ebenfalls mit Schilfblättern begründete, optische Dramatisierung, denn im Mittelgrund läuft ein diesmal dunkles Schilfbündel in kurvigem Gegenzug, und schließlich erscheinen im Hintergrund – jetzt wieder hell – die Spitzen eines anderen Schilfbündels abermals im Gegenzug, also wiederum parallel geführt zu den hellen Schilfblättern ganz vorn. “

Da Stubbe an Hand des von Martin Elias gearbeiteten Kupfers, nicht der zeichnerischen Vorlage, urteilte, hat dieser vollen Anteil an dem, womit Stubbe hinsichtlich der von ihm für die Mitfünfziger angenommenen Par Force Jagd-Folge „Ridingers reife Stecherkunst“ umriß.

Als möglicherweise in Zusammenhang mit der Kämpfe-Folge entstanden sieht Rainer Michaelis im Kritischen Bestandskatalog der „Deutschen Gemälde des 18. Jahrhunderts“ der Staatlichen Museen Berlin das dort 1985 aus altem Leipziger Familienbesitz erworbene faszinierende Öl „Raubtiere und gerissener Hirsch“ der lfdn. Kat.-Nr. 2272 (Bln. 2002, SS. 173 f. nebst Farbabb.).

Der plastisch-kräftige, warmtonige Abdruck eines alten adeligen Sammelbandes alter Abdrucke fast ausschließlich, so denn auch hier, einheitlichen Büttens unterschiedlicher Wasserzeichen, hier Großer Anker nebst J H (nicht bei Heawood). Als im Gegensatz zu den ersten vier Blättern der Folge schon innerhalb der 1824/25er Engelbrecht-Herzberg’schen Ridinger-Neuausgaben und erst recht in deren späten ab den 1850ern – in diesen auch die Bll. 1-4 nicht mehr präsent – fehlend, sind die Blätter 5-8 zusätzlich rar. Die Weigel-Zustände 40 B + C (Kunstlager-Cat. XXVIII [1857], Rid.-Appendix) für spätere bzw. neue Abdrücke als jeweils 8blättrig zeitlich hier nicht einordbar, da 1824/25 eben nur 4blättrig und in denen der 1850er als zeitgleich zu Weigel ganz fehlend. – Oben + unten 5-5,9 und seitlich 2,3 cm breitrandig.

Angebots-Nr. 15.703 / EUR  1780. / export price EUR  1691. (c. US$ 2044.) + Versand


„ Danke für den wunderbaren (Ridinger-)Scan … der meine Argumentation zur Verwechslung in der Staffierung der Porzellane dokumentarisch bestens belegt. Darf ich um Ihre Zustimmung bitten, ihn in meiner Arbeit zeigen zu dürfen? “

(Herr J. R., 7. Juni 2004)

 

Die  Auslese  des  Tages