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Rhino „Clara“ — farbig

vor 265 Jahren von Ridinger

ALS ERSTE WISSENSCHAFTLICHE DARSTELLUNG

DES RHINOCEROSSES

( Oudry’s berühmtes Schweriner Dreimeteröl folgte erst ein Jahr später )

„ nach dem Leben gezeichnet “

womit er „demjenigen Dürers als dem bislang unverändert für maßgeblich gehaltenen eine … den wissenschaftlichen Anprüchen seiner Zeit entsprechende Darstellung

von  größerer  Naturwahrheit  entgegen(setzte)“ (Stefan Morét) .

Johann Elias Ridinger, Nashorn (liegend)

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Asiatisches Nashorn. Vor Schilf- und Baumkulisse hingestreckt liegend nach links. Kolor. Radierung + Kupferstich. Bezeichnet: RHINOCEROS. / Nasehorn. / Rhinocerot. / Familia III. Dreÿhufige. / Joh. El. Ridinger fec. et exc. A. V. 31,4 x 21,1 cm.

Thienemann + Schwarz 1028. – IM  RIDINGER’SCHEN  ORIGINAL-KOLORIT  des seit 1754 entstandenen und nicht vor 1773 endgültig postum abgeschlossenen, unnumerierten Kolorierten Thier-Reichs („Vollständige Exemplare sind fast unauffindbar“, so Weigel, Kunstkat., Abt. XXVIII, Ridinger-App. 63a als lediglich 120blätt. Torso, 1857 ! , doch auch nur schon Einzelblätter nur sehr selten am Markt, bei niemeyer’s derzeit gleichwohl das eine wie die andern). – Eine entgegen Ankündigung unkoloriert gebliebene Zweitausgabe von den nunmehr unter Fortfall selbst von Tieren verkürzten und ohne die Ridinger-Signatur anders betitelten, jedoch numerierten Platten erschien 1824/25 bei Engelbrecht/Herzberg in Augsburg.

Mit Wz. C & I Honig unter wohl bekröntem Lilien-Wappen als jener festen holländischen Papier-Qualität, wie sie Ridinger entsprechend seiner Vorrede zu den Hauptfarben der Pferde

„wegen  der  feinen  Illumination“  für  die  kolorierten  Werke

verwandte, „weil es hiezu das anständigste und beste ist“. – Dreiseits 2-2,7 cm, unten 4,7 cm breitrandig. – Linke weiße Papierrand-Außenkante mit kaum erwähnenswerten Braunstippen/-fleckchen, sonst bestens.

Dargestellt  ist  das  seltene  Panzernashorn  „Jungfer Clara“

(Rhinoceros indicus Cuv. / R. unicornis L.), das Douwe Mout van der Me(e)r als Kapitän der Knapenhoff der Ostindischen Kompanie 1741 aus Asien nach Holland mitgebracht und bis zu dessen Tode 1758 (so Morét im Katalog Darmstadt; Rieke-Müller in Das XVIII. Jhdt. „Um 1741/48“) in Europa herumgezeigt hatte. Wobei er

„ als geschickter Schausteller Meßzettel und Stiche mit Beschreibungen … drucken (ließ, ‚war um 1745 wohl der erste, der seinen Namen auf Kupferstichen vom Rhinozeros ‚Jungfer Clara‘ erwähnen ließ und damit bewußt aus der Anonymität heraustrat‘, Rieke-Müller) … Interessanterweise orientierte man sich bei der Mehrzahl der in den 1740er Jahren entstandenen graphischen Darstellungen des Nashorns an Dürers berühmte(m) Rhinoceros-Holzschnitt von 1515 (Hollstein, Abb., + Meder 273; Katalog Darmstadt S. 24 mit Abb.). Dies ist insofern nicht verwunderlich, als die Dürer’sche Darstellung in zoologischen Werken bis ins 18. Jahrhundert hinein immer wieder kopiert worden war und somit die Vorstellung vom Aussehen des Tieres nachhaltig beeinflußt hatte.

Ridinger  nun  setzte  mit  seinem  Rhinoceros  demjenigen  Dürers

eine nach dem Leben gezeichnete und den wissenschaftlichen Ansprüchen seiner Zeit entsprechende Darstellung von größerer Naturwahrheit entgegen “

(Morét), nachdem er es bei dessen Präsentation Mai/Juni 1748 „In Augspurg lebendig … gesehen (hatte), da ich es

in  (6)  zerschidenen (sic!)  stellungen

nach  dem  Leben  gezeichnet ,

in der höhe habe ich es 5½. in der laenge 11½. Schuh befunden, von farbe ware es dunckelbraun unten am Leibe an der Brust und in der tieffe der übereinander liegenden falten ist es gebrochen rothlicht …“ um es, stehend nach links, brandaktuell seiner lieferungsweise erscheinenden Vorstellung der wundersamsten Hirschen sowohl als anderer besonderlicher Thiere als erster wissenschaftlicher Darstellung des Rhinocerosses und damit eines Meilensteins zoologischen Wissens hinzuzufügen (Th. 295; vgl. Pos. 50-55 des Ridinger-Appendix des 1869er Katalogs der nachgelassenen Zeichnungen). Aber  vorerst  eben  nur  in  Schwarz/Weiß !

Wobei es nicht sein Bewenden haben mußte, als ab 1754 sein Koloriertes Thierreich erschien, in welchem er nun

zwei  seiner  weiteren  Clara-Zeichnungen  erstmals  veröffentlichte .

Und  eben  nun  in  Farbe !

Die hiesige Clara, hingestreckt, und Clara springend nach rechts. Letztere originalgetreu mit nur einem Horn, indes des Meister’s Söhne getreu ihrer Vorrede (Seite 23)

„ Einige  von  diesen  Thieren  haben  nur  ein  Horn ,

einige  aber  haben  zwey  Hörner  auf  ihrer  Nase “

der hingestreckten noch ein zweites verpaßten, was Thienemann streng rügte:

„ Es gibt bekanntlich mehrere Nashörner mit zwei Hörnern, aber alle haben eine andere Haut, Farbe, nicht die Falten, wie das unsrige … Auch finden wir die Zeichnung, nach welcher diese Tafel gefertigt ist, in der Weigelschen Sammlung, und auf ihr nur ein Horn … Mart. El. Ridinger hat sich also erlaubt aus eigener Phantasie dem Thiere zwei Hörner zu verleihen, was ganz unrecht und naturwidrig ist. “

An Vorzeichnungen nennt Thienemann (S. 279, gg) als sich auf den Weigel’schen Bestand stützend 1856 noch 2 Blatt, der 1869er Nachlaßkatalog der Weigel’schen Sammlung von Original-Handzeichnungen, per Rid.-Appendix 709 hingegen nur noch eine (Ein liegendes Nashorn, schwarze Kreide).

Seinem naturwissenschaftlichen Range folgend, ist

Ridinger’s  Rhinoceros

in  allen  seinen  Formen  ein  thematisch  wie  künstlerisch

gesuchtes  Sammlungsobjekt  von  Graden .

So schnellte die für die Übertragung auf die Platte bestimmte Vorzeichnung zum S/W-Blatt Th. 295 (Weigel 54) bei ihrer Versteigerung 1991 bei Sotheby’s, London, von geschätzten 2-3 Tausend Pfd. auf 20,000 Pfd. an Sammlung Ratjen, Vaduz (2007 von der National Gallery Washington erworben). Sie entstammte dem 95blätterigen Zeichnungs-Corpus der Gräflich Faber-Castell’schen Ridinger-Sammlung, der als Ganzes, darunter zwei weitere Rhinoceros-Zeichnungen (!) bei deren Versteigerung 1958 mit 7800 (!) Deutschmark bezahlt worden war. Und noch in jüngerer Zeit erst steigerte sich in deutscher Auktionsrunde, die Schätzung verdoppelnd, ein Exemplar des S/W-Kupfers Th. 295 auf einen Endpreis von runden 1850 Euro!

Entsprechend spektakulär („Spectacle müssen sein“, Maria Theresia, „halb resignierend“) die seinerzeitige Darbietung der „Jungfer Clara“ in Augsburg, welch letzterem damit zugleich die Reverenz als Metropole erwiesen wurde :

„ ‚Fremde‘ Tiere besaßen … auch außerhalb der höfischen Lebenswelt einen besonderen Kulturwert, wenn sie zur Steigerung der Attraktivität einer Weltstadt wie Wien und zur Zerstreuung ihrer Bewohner beitrugen … ‚Alle Ergetzlichkeiten, welche auf eine unschuldige Art die Sinne vergnügen … gehören unter die Annehmlichkeiten und Vorzüge großer Städte, die den Einwohnern und Fremden den Aufenthalt angenehm machen‘, hieß es in einer juristischen Abhandlung “

(Annelore Rieke-Müller in „‚ein Kerl mit wilden Thieren‘ – Zur sozialen Stellung und zum Selbstverständnis von Tierführern im 18. Jahrhundert“ in Das XVIII. Jahrhundert, wie vor, worin R.-M. auch auf die Konkurrenzsituation solch städtischer Veranstaltungen gegenüber den Höfen aufmerksam macht, wie denn der französische nur zu gern „Jungfer Clara“ für seine Menagerie in Versailles erworben hätte, auf Grund der hohen Kosten für solche Exoten, 100.000 ecus für selbige, 2000 Gulden 1690 für einen Elefanten, aber hatte verzichten müssen.

Entsprechend war die 2monatige Schau für Augsburg denn auch eines der ganz großen lokalen Ereignisse. War „CLARA“ doch nach Rieke-Müller

das  einzige  Rhinoceros  des  18.  Jahrhunderts

auf  dem  europäischen  Kontinent !

Den von R.-M. für die 2. Hälfte des Jahrhunderts reklamierten und per 1775 ff. belegten Aspekt einer en vogue werdenden „zunehmend naturkundlichen Wißbegierde“ hatte Ridinger im übrigen – als lediglich weiteres Beispiel – per Titel zu seiner Fabel-Suite schon 1744 vorweggenommen.

Wie er andererseits mit seinem Der Elephant und das Nashorn (Th. 721) die Alten mit Plinius an der Spitze bestätigt, wonach das Nashorn von den beiden im Grunde sich ebenbürtigen kolossalen Dickhäutern dank seines Horns im Kampf letztlich der vom Elefanten denn auch gefürchtete Stärkere bleibt. Belegt ist der diesbezügliche Wunsch König Manuels I. von Portugal nach einem Schaukampf zwischen einem Elefanten und dem ihm aus Goa 1515 zugekommenen Nashorn. Ersterer, allerdings noch jung an Jahren, nahm Reißaus, als er des letzteren auch nur ansichtig wurde.

Hiesiges freundliches Bild also – „Sie sagen auch das der Rhinocerus … auch Lustig sey“, so Dürer in seinem Flugblatt mit dem von ihm gleichwohl sichtbar genug nicht nach dem Leben wiedergegebenen Manuel-Rhinoceros – von höchst gewichtigem Gehalt. Ridinger — Künstler + Didaktiker. Und Vorwegnehmer, auch hier, von erst Kommendem. Denn was für die Epoche des Sturm und Drang steht, findet sich längst schon in seiner 8blätterigen, aus nur zu gutem Grund jahrzehntelang zurückgehaltenen, bis in die 1730er zurückreichenden (Bll. 1-4, betextet von Brockes, † 1747) Folge der Kämpfe reißender Thiere (Th. 716-723, hier aufliegend als complett von größter Seltenheit). Eine ihresgleichen suchende Attacke auf Willkür und Machtmißbrauch einer Gesellschaftsform, der er seines und Brockes’ Fanal für Freiheit und Menschlichkeit entgegenschleudert. Wofür denn auch, wenngleich als abgeschwächte Eigentextung für die späten Blätter der 1760er, der Aufgalopp zum Elephant und das Nashorn steht:

„ So  groß  und  mächtig  ist  kein  Wesen  in  der  Welt ,

Das  seinen  Feind  nicht  hat , der  ihm  die  Wage  hält .“

Für Komplettext nebst Abbildung siehe Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, IV.6, Seite 95.

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