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Das  unerhörte  Finale

Ridinger’s

schnörkellos  fulminantes  Hauptblatt

im  Exemplar  Gräflich  Faber-Castell

– erworben  mit  „Rchg  v. 14/3 1914“ –

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). OMNIA MIHI SUBDITA. Die Herrschaft des Todes. Grabgewölbe mit Tod, von dessen Kopf, auf welchem ein mit Fledermausflügeln versehenes Stundenglas steht, rückseits und seitlich ein Schleier herabwallt, thronend über all dem Zeugs dieser Welt – für die rechts außen eine Globushälfte steht – , als da sind Gold, Gut, Siegel + Orden, Kronen, Szepter, Reichsapfel + Waffen, Folianten + Priesterkleidung, wissenschaftliche + landwirtschaftliche Instrumente und nolens volens Malerstock + Palette mit Pinseln. Die Rechte aber hält einen hohen Inschriftenstein, auf dessen besagte Schlußworte OMNIA MIHI SUBDITA die Linke mit als „Presens“ gekennzeichnetem Pfeil weist. Schabkunstblatt + Umriß-Gravur von Johann Jacob Ridinger (1736 Augsburg 1784). Bezeichnet: Ioh. Iac. Ridinger sculps. / Ioh. El. Ridinger delin. et exc. Aug. Vind., ansonsten wie vor und unten. 55,7 x 42,2 cm.

Provenienz

Gräflich Faber-Castell

deren Ridinger-Versteigerung 1958
mit deren Lot-Nr. 146/2
sowie sammlungsseits in Bleistift „Rchg v. 14/3 1914“
auf dem Untersatzkarton

Radulf Graf zu Castell-Rüdenhausen

(1922-2004)

Stillfried (3. Nachtrag zu Thienemann, 1876) + Schwarz (Coll. Gutmann, 1910) 1427 (ohne Erwähnung von Umriß-Gravur), hier indes als beiden unbekannter II Zustand (von II); Reich auf Biehla 296 ( „Aeusserst selten“, 1894 ! Ohne Angabe zu Zustand/Version ); Wend, Ergänzungen zu den Œuvreverzeichnissen der Druckgrafik, I/1 (1975), 290 mit Kenntnisstand von Stillfried/Schwarz; Georg Hamminger 1886 (irrtümlich als St. 1527; „Aufgezogen. Von grösster Seltenheit“, 1895 ! Dito ohne Kenntnis von Zustand/Version); Faber-Castell 146 (ohne Erkennung als abweichender Zweitzustand, im übrigen zusammen mit Schwarz 1477); Niemeyer, Die Vanitas-Symbolik bei Johann Elias Ridinger in Wunderlich (Hrsg.), L’Art Macabre 2, 2001, Abbildung S. 105 (Explr. der SGS Mchn.).

Nicht bei Thienemann (1856) , Weigel, Kunstlager-Catalog, Abt. I-XXVIII (1838/57) , Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX (1885) , Slg. Coppenrath (1889 f.) , Helbing XXXIV (Arbeiten von J. E. und M. E. Ridinger, 1554 Positionen; 1900) , Schwerdt (1928/35) , Rosenthal, Ridinger-Liste 126 (1940).

Der  Stillfried  wie  Schwarz  unbekannt  gebliebene  Zweitzustand

der  bislang  unerkannt  gebliebenen  Erstversion

dieses  unglaublich  fascinierenden  Blattes

von der oben verkürzten Platte bei gleichzeitig geänderter Signatur, beides entsprechend auch dem Exemplar der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

Die Verkürzung betrifft 1,5 cm bildlose Plattenfüllung oberhalb des Gewölberundbogens. Innerhalb der Signatur sind die ursprünglichen „Iacob“ + „excud.“ bei jeweils „c“ abgekürzt. Ob die Abweichungen in Schreibweise und Zeichensetzung der von Schwarz nur ansatzweise zitierten Steininschrift, siehe unten, tatsächlicher Natur sind oder auf Inkorrektheit Stillfrieds beruhen, muß weitgehendst dahingestellt bleiben. Das von Stillfried wie Schwarz in der 1. Zeile hinter „curo“ geführte Komma fehlt hiesigem Exemplar.

Schwarz’ Annahme, die Abweichungen seiner Stillfried unbekannt gebliebenen Variante 1477 beruhten lediglich auf Überarbeitung der Platte, ist unzutreffend. Wie unten belegt, handelt es sich um eine in der Inschriftaussage gleichwohl entscheidend umgewichtete Wiederholungsversion von eigener Platte.

Bildlich  herrlicher  Zenit

der  auch  das  jagdliche  Œuvre  durchziehenden

Ridinger’schen  Vanitates

von großer kompositorischer Fülle, fußend auf eigener Zeichnung und im Einschluß der Malutensilien in die Vergänglichkeitsattribute über das 1767er zeichnerische „Selbstbildnis mit Tod“ des Berliner Kupferstich-Kabinetts (Farbabbildungen in L’Art Macabre 2, s. o., S. 94 + Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999, S. 54, sowie, s/w, per I.5, S. 61) hinausgehend.

Alles im strahlenden Lichte dessen, von dessen Haupte Fledermausflügel das abgelaufene Stundenglas hinwegführen werden, der „Presens“-Pfeil die Richtung vorgibt und der „Preteritum“-Pfeil zu Boden zeigt. Aber im Köcher steckt der Pfeil „Futurum“, wie immer sich diese auch anlassen möge. Und dessen Schriftfähnchen weht, konträr zu den hängenden beiden anderen, in munterer Gewißheit.

Johann Elias Ridinger, Omnia mihi subdita

Die  Steininschrift

wie folgt, wobei die Trennstriche der Schlußworte der ersten fünf Zeilen jeweils durch ein „lis“, der folgenden sechs durch ein „are“ zu ersetzen sind, wie pauschalierend seitlich verdeutlicht:

„ Sum qui non curo quis aut qua- / Nil mihi dignitas Papa- / Nec valet majestas Rega- / Stultus et sapiens æqua- / Dives et pauper est morta- / Non juvat hic se excus- / Nec ad Apostolicam sede(m) apell- / Dona promitere aut don- / Seu clam se velle alien- / Pacem non mecum est tract- / Nec dico quando quis vel qu- // OMNIA MIHI / SUBDITA “.

Der von der Linken des Skeletts geführte Präsens-Pfeil ist zwischen die Worte OMNIA + MIHI gerichtet. Bei der Wiederholung Schwarz 1477 hat Ridinger diese Aussage noch verdichtend präzisiert, indem die Pfeilspitze nunmehr unmißverständlich auf das M des MIHI weist.

Vorsorglich seien für das Inschriftzitat seitens Stillfried’s folgende dortige Schreib-/Zeichenabweichungen vermerkt: Komma nach curo (so auch bei Schwarz, hierselbst fehlend), Kleinschreibung von p, r, a bei papa-, rega- + apostolicam, der für m stehende Strich über dem e bei sede(m) als m ausgeschrieben, promitere mit doppeltem t, Komma nach quando, Großschreibung nur des O bei OMNIA MIHI SUBDITA sowie Schlußpunkt.

Die gewichtige Steintafel selbst typisch für Ridinger als wir solcher im Werk wiederholt begegnen bis hin zum programmatischen Eigen-Exlibris (Schwarz 1569) mit seinen Malutensilien, wo sie ein mit dem Malerstock bewaffneter Knabe hält, und sie des Meister’s absolutes Lebensbedürfnis bekundet: „Nulla dies sine linea“ – Kein Tag ohne Pinselstrich. Im Vergänglichkeits-Gerümpel anstehenden Blattes das Malergerät im übrigen ein abermaliger Gleichklang mit Hogarth, der sein graphisches Œuvre mit dem Blatte der Sterbenden Zeit (Tail Piece, or The Bathos) vom April 1764, also sechs Monate vor seinem Tode, abschloß, auf dem die Palette aber noch zusätzlich demonstrativ zerbrochen ist.

Das  druck-  wie  erhaltensmäßig

sehr  schöne  Exemplar

Gräflich  Faber-Castell

in samtenem Braun-Schwarz bei greifbar-plastischem Hell-Dunkel und mit den für zeitgenössische Abdrucke stehenden Wz. WANGEN und separater IV bei umlaufendem Rand von 4-8 mm. Die beiden Oberecken desselben mit hinterlegter Kleinläsur infolge früherer Lösung einer alten Eckmontage auf blauem Papier. Linksseits zudem hinterlegter minimaler Randeinriß außerhalb der Plattenkante. In der linken Unterecke schwacher, nur im weißen Rand und dem Signaturfeld sichtbarer Wasserrand. Im Bilde selbst ansonsten eine kleine, nur im Gegenlicht wahrnehmbare dünne Papierstelle und eine stecknadelkopfkleine Abreibung im Gewölbehintergrund.

Die  extreme  Seltenheit

des  Blattes

anstehendenfalls  potenziert

durch  seinen  hier  erstmals  beschriebenen  2.  Zustand .

Bezüglich der kostbaren Schabtechnik generell schließlich – im hier vorliegenden hs. Faber-Castell’schen Inventar-Verzeichnis per Ausrufezeichen + Unterstrich hervorgehoben als „Schabk!“ – resümierte schon vor 165 Jahren Thienemann mit den Worten:

„ Die  Schwarzkunstblätter  sind  im  Handel  fast  gar  nicht  mehr

… zu bekommen … sämmtliche von und nach Joh. El. Ridinger gefertigte (sind) so selten, dass sie fast nur in einigen öffentlichen, grossartigen Kupferstichcabineten zu finden sind. Ich habe die meisten der beschriebenen nur in dem berühmten Dresdner Cabinet angetroffen … “

(Seiten VIII + 270).

An welcher Situation auch etwaige Neuauflagen wenig zu ändern vermochten, da die sich technisch bedingt extrem schnell abnutzende Schabplatte nach Urteil des Praktikers Sandrart (1675) nur 50-60 gute Abdrucke ermöglicht.

So anstehendes Blatt denn eben auch erst 20 Jahre nach Thienemanns Kabinett-Besuchen von Graf Stillfried erstmals vorgestellt worden. Es dokumentiert den untrennbar-vielschichtigen Ridinger, den Künstler in seiner Ganzheit. Denn den „harmlosen“ Ridinger landläufigen Kunsthistorikerurteils hat es gottlob nie gegeben. Vielmehr blieb er

„ einer  der  wenigen  deutschen  Barockkünstler

… der … nie  in  Vergessenheit  geriet “

(Rolf Biedermann, Meisterzeichnungen des deutschen Barock, 1987, S. 338).

1914  –  1958  –  2019

Sie  müssen  sehr  jung  sein ,

sollten  Sie  meinen ,

bei  anstehendem  Blatte  zuwarten  zu  können .

Angebots-Nr. 16.253 / Preis auf Anfrage


“ Just received the James Figg item safely today. I have a couple questions. Art in general is new to me so I‘m asking you to educate me on this item … First of all I‘m happy with the item, just trying to understand it better … Thanks again ”

(Mr. A. C., March 27, 2008)

 

Die  Auslese  des  Tages