English

„ Das große Totentanzblatt “

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Das große Totentanzblatt. Als alles in einem: Kreiskettenreigen von neun Frauen plus Gerippen um geöffneten Sarg mit zwei Gerippen inner- und außerhalb der Friedhofsmauer als Mittelstück. Darüberhinaus, zurückgesetzt, Kapelle + Beinhaus (?) samt Mauern. In den Ecken Sündenfall – Golgatha – Ewiges Leben + Fegefeuer, dazwischen zwei Textkartuschen. Umgeben im Außenfeld von 12 Medaillons nebst Textkartuschen für den Tanz der Männer, getrennt von 8 (6 verschiedenen) Vanitas-Attributen. Schabkunstblatt von Johann Jacob Ridinger (1736 Augsburg 1784). Bezeichnet: Ioh. Iacob Ridinger sculps. / Ioh. El. Ridinger excud. Aug. Vindel., ansonsten wie nachfolgend. 65,3 x 48 cm.

Th.-Stillfried + Schwarz 1428; Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX, 2032 ( „Aeusserst selten“, 1885 ! ).

Abbildung in L’Art Macabre 2, Jahrbuch der Europäischen Totentanz-Vereinigung, D’dorf 2001, innerhalb des hiesigen Beitrags „Die Vanitas-Symbolik bei Joh. El. Ridinger“.

Ausstellung

Gegenwärtig als Präludium in Ausleihe innert der Ausstellung des Kunstmuseums Albstadt

ZYKLISCHES ERINNERN

ALFRED HRDLICKA (1928–2009)
»Wie ein Totentanz – Die Ereignisse des 20. Juli 1944«

GÜNTER SCHÖLLKOPF (1935–1979)
»Widerstand«

19. Mai – 13. Oktober 2019

II. Zustand (von 2?), wie auch das Explr. der Staatlichen Graphischen Sammlung München. – Die Exemplare Stillfried + Schwarz, Boerner und das der Versteigerung Gräflich Faber-Castell (1958 als

„ Das große Totentanzblatt / Hauptblatt “ )

an Hand ihrer Beschreibungen zustandsmäßig nicht fixierbar. Hingegen erweist sich das von Patrick Pollefeys im Internet vorgestellte als früherer, derzeit zu unterstellender Erstzustand.

Nicht bei Thienemann und in Dresden, siehe unten, fehlend den umfangreichen Beständen Weigel (1857) , Coppenrath (1889/90) , Wawra (1890) , Slg. Reich auf Biehla (1894; „Von allen [R.-Slgn.], welche seit langer Zeit [verhandelt wurden], kann sich keine in Bezug auf Vollständigkeit und Qualität auch nur annähernd mit der vorliegenden … messen … besonders die Seltenheiten und unbeschriebenen Blätter, welche in reicher Anzahl vertreten sind“; 1266 Blatt zuzgl. 470 Doubl. + 20 Zeichn.) , Hamminger (1895) , Helbing (1900) , Rosenthal (1940) u. a. m.

Typographisches + figürliches Wz. – Oben + rechts mit nahezu durchgehend feinem Rändchen, links + unten (hier gleichwohl bei 1,5 cm breitem Plattenrand) überwiegend auf Plattenkante geschnitten. – Hälftig alt per Eckmontage auf breitrandiges Bütten aufgelegt, wovon eine Ecke sich unter Rißbildung (restauriert) gelöst hat. Praktisch nicht störende Mittelfalte.

Das druck- und erhaltensmäßig sehr schöne Exemplar

einer qualitätvollen Sammlung von in allen Partien nuanciertem Hell-Dunkel. Und solchermaßen

von größter Seltenheit

nicht allein am Markt, wie oben belegt, sondern generell. Bezifferte doch schon 1675 der Praktiker von Sandrart „saubere Abdrucke“ der samtenen Schabkunst auf nur etwa „50 oder 60 (!). (H)ernach aber schleift (das Bild) sich bald ab, weil es nicht tief ins Kupfer gehet“. Entsprechend denn 1856 Thienemann (SS. VIII + 270) :

„ Die Schwarzkunstblätter sind im Handel fast gar nicht mehr …
zu bekommen … sämmtliche von und nach Joh. El. Ridinger gefertigte
(sind) so selten, dass sie fast nur in einigen öffentlichen,
grossartigen Kupferstichcabineten zu finden sind.
Ich habe die meisten der beschriebenen
nur in dem berühmten Dresdner Cabinet angetroffen … “

Nicht einmal dort denn aber das hier vorliegende,

das erst 1876 Graf Stillfried bekanntmachte .

Die dortigen Zitate nicht ganz akkurat.

Das erste der großformatigen zweiblätterigen Folge

mit der hier nicht präsenten „Allegorie der Lebensalter“ als Gegenstück

(Th.-St. + Schwarz 1429; Abbildung des Exemplars in Augsburg in L’Art Macabre 2 wie oben)

als dem Höhepunkt der Ridinger’schen Vanitates

in aktualisierter Wiederholung eines anonymen Flugblattes des späten 16. oder frühen 17. Jahrhunderts, jedenfalls „vor 1623“, als der

„ nachweisbar früheste(n) und bekannteste(n) Totentanzillustration

dieser Art im deutschsprachigen Raum “

(daß bezüglich „nachweisbar“ hierbei tatsächlich, gleichwohl sicherlich irrigerweise, nur an die Nachfolge jenes Anonymus seitens des Nürnberger Verlages von Paulus Fürst gedacht wird, findet unten Erwähnung), nämlich „jener Sonderform des Totentanzes, in der beide Darstellungsformen – der Reigen in Kreisform und der Tanz im paarweisen Aufzug der Lebenden und der personifizierten Tode als den beiden wichtigsten unter den Totentänzen – kombiniert werden“ und damit die „einzige Form (bildet), die in der Lage ist, den Totentanz ‚vollständig‘ darzustellen … (wobei die) Kapelle mit Umfassungsmauer am Horizont (deren Komplex Ridinger hier mittels besagten zweiten Gebäudes nebst eigener Ummauerung erweitert hat) … (als) eine dritte Perspektive … eingeblendet wird … (dies alles entlehnt) der (der Darstellung auf Friedhofsmauern als Ursprung folgenden) geläufigen linearen Form der Buchtotentänze … aber dennoch in Kreisform angeordnet“ (siehe Imke Lüders, Totenreigen-Totentanz, Totentanzillustrationen auf Flugblättern des Barock und ihre Rezeption, in L’Art Macabre 1, D’dorf 2000, nebst Abbildungen, zu denen siehe unten).

Die Kartuschen-Texte jeweils in latein. + deutscher Version. – Im Mittelstück zwischen Golgatha + Ewigem Leben „Der Todt Christi zu nicht hat gemacht / Den Todt, und Sleben wider-bracht.“ + unten zwischen Südenfall + Fegefeuer „Den Todt und ewige höllische Pein / Hat veruhrsagt die Sünd allein.“

Das Außenfeld führt im Uhrzeigersinn die gesellschaftlichen Stationen des großen Endeinerleis von 1-12 vor, wobei die Statussymbole achtlos auf der Erde liegen. Nur dem Narren ist die Schellenkappe belassen und umfaßt die Rechte die Pritsche.

Johann Elias Ridinger, Das große Totentanzblatt

„ Papa. / Pabst. … Des Pabst gewalt den Tod nicht halt. // Imperator. / Kayser. … Das haupt der welt dem Tod heim fällt. // Rex. / König. … Des haupts gekront der Tod nicht schont. // Cardinalis. / Cardinal. … Den Cardinal ich auch hin hal. // Episcopus. / Bischoff. … Byder (nicht Stillfried’s ‚Vader‘; latein.: Et Episcopalis mitra juris est mei), Bischoff, führ ich aufn Frythoff. // Dux. / Herzog. … Seyst Herr oder Fürst dem Tod zletz wirst. // Comes. / Graf. … In Graffn und Knecht der Tod hat recht. // Nobilis. / Edelman(n). … Kein Edel blut dem Tod ist zu gut. // Civis. / Burger. … Kein mensch hie hat ein bleibend Statt. // Rusticus. / Baur. … Der baur auch muß unters Tods fuß. // Mendicus. Bettler. / Miles. Kriegsman(n). … Kriegsman(n), Bettler, gleich halten her. // Stultus. Narr. / Enfans. Kind. … Kindt Narrn Zugleich gehören in mein reich. “

Als die wesentlichen Bindeglieder seien erwähnt oben/unten Mitte, jeweils untereinander, Zeituhr (12 Uhr 25), Stundenglas, Totenschädel, Knochen + Totenschädel mit aufsitzendem Kelch/Trichter (?), mit Flüssigkeit gefüllter Eimer mit Rührstab. Links/rechts Mitte gekreuztes Totengräberwerkzeug zwischen Totenbahre + Sarg mit Bahrtuch, von vier Leuchtern flankiert.

Im Gegensatz zur zeit-, mehr noch artikeltypisch klischeehaften Flugblatt-Vorlage entspricht das Erscheinungsbild des Ridinger Tanzes in seinem anstehenden 2. Zustand sowohl seiner Zeit als auch einem anderen künstlerischen Anspruch. Die bei aller Grundform individuell ausgeformten Gesichter sind bis hin zu Naturhaar die lebender, neuzeitlicher Gestalten. Aber auch sonst erweist sich dieser Zustand als der zeitlich wie bildlich jüngste in der hier vergleichsweise heranziehbaren, vom besagten Flugblatt vor 1623 angeführten Reihe. Siehe dieses bei Imke Lüders, mutmaßlich irrigerweise vorgestellt als nur eine Kopie desselben „vom Ende des 17. oder frühen 18. Jahrhunderts aus dem Verlag der Erben Johann Peter Wolffs“ (1655 – nach 1702) in Nürnberg, obgleich

„ Nicht zu Unrecht dieser Reigen … in der Vergangenheit auf das Ende des 16. Jahrhunderts datiert (wurde), denn sowohl die Ausführung der Graphik als auch die Kostümierung der Standesvertreter lassen einen solchen Schluß durchaus zu. “

Denn sicherlich ist diese Wolff-Erben-„Version“ die für verloren gehaltene Originalfassung. Wobei Imke Lüders lediglich den Verlegerbrauch übersah, alten Platten Dritter, gegebenenfalls austauschend, die eigene Adresse einzugravieren. Mit der Folge, daß die Wolff-Daten sie zu irritieren vermochten. Dies ergibt nicht zuletzt ein Vergleich mit der von ihr gegenüberstellend abgebildeten Kopie des „sogenannten Monogrammisten ‚J.W.‘“ – sicherlich der Augsburger Kunst-Verleger + Stecher Jeremias Wolf(f), 1663-1724, zu dem in seiner Frühzeit Ridinger in Werkkontakt stand – „aus dem späten 17. Jahrhundert“ nach dem oben schon eingeführten Stich aus dem Verlag Fürst’s (ca. 1605 – 1666), mit dem dieser seinerseits dem später denn auch von Wolff Erben „kopierten“ frühen Original nachfolgte. Diese vor Wolff Erben gefertigte Monogrammisten-Kopie der Fürst-Variante ist moderner als jene sich erst anschließende, deren Ursprung somit in früherer Zeit zu suchen ist. Die sich bei dieser Überlegung ergebenden Komplikationen, nämlich insbesondere daraus, daß die Fürst-Variante im Mittelfeld noch der hochbedeutsamen Attribute von Friedhofsmauer, Sarg + Kapelle entbehrt, seien an dieser Stelle als für das Ridinger-Schabblatt von nur noch nachgeordnetem Interesse übergangen.

Belangreich hingegen, daß Ridinger sowohl die Wolff Erben-„Kopie“ der Urfassung jener neuartigen Totentanzdarstellung als auch die Monogrammisten-Kopie nach Fürst bekannt gewesen sind, letzterer er auch textlich vorrangig folgt. So etwa in der oberen Textkartusche mit „… zu nicht hat gemacht Den Todt, und SLeben widerbracht“ + im Herzog-Medaillon „… dem Tod (bei ‚J.W.‘ Todt) zletz wirst“, wohingegen es bei Wolff Erben heißt „… hat gemacht, den Tod u. das Leben …“ + „… Dem Tod zuletz wirst“.

Denn über die schon gedachte und auch als üblich anzusehende Zeitanpassung der Gestalten bei Ridinger hinaus, weicht dessen Version zumindest in anstehendem Zweitzustand auch anderwärts von jenen beiden Vorlagen ab. So zeigt er die unscheinbare Kapelle des Hintergrunds bei Wolff Erben nicht allein, wie auch Golgatha, als erhabener gelegen, sondern gestaltet sie generell dominanter und ergänzt sie um das gleichfalls ausgeformte Zweitgebäude mit u. a. einem Kreuz und einer sich anschließenden eigenen Ummauerung. In der Kartusche darüber Christus mit Kreuz. Darunter, unverständlich gegebenenfalls auch in seiner Distanz zur Kapelle, ein Kreuz inmitten nur schemenhafter Andeutung von Blattwerk, sofern die Phantasie hierin nicht einen Geisterzug mit dem vorangetragenen Kreuz zu sehen geneigt ist. Geändert und reicher die Fegefeuer-Figuration. Von reicher Prägnanz und Ausführlichkeit schließlich die den Ständen zugeordneten Gebäudekomplexe in den Medaillons. Der eleganter dargestellte Sarg zur Rechten auf Kosten der beidseits jeweils zwei Fackeln nunmehr von vier Leuchtern flankiert. Letztere fehlen bei Wolff Erben, sind aber, und zwar zusätzlich zu den Fackeln, bereits präsent auf der Monogrammisten-Kopie, deren Sarg noch unverändert kistenförmig ist. Im Gegensatz zur diesbezüglich miteinander korrespondierenden Kartuschen-Lage bei Wolff + Kopie liegen diese bei hiesigem Ridinger-Exemplar analog zu dem in München direkt an der Einfassungslinie.

Hingegen hat das Exemplar bei Pollefeys (1. Zustand) noch Fackeln und Leuchter, den Sarg kistenförmig, die Lage der Kartuschen à la Wolff Erben + Monogrammisten-Kopie und zwar modifizierte Perücken, doch noch kein Naturhaar. – Zusammengefaßt

das hier erstmals aufliegende großartige Blatt reichster Thematik .

Angebots-Nr. 28.933 | Preis auf Anfrage


„ Ganz herzlichen Dank für Ihre netten Wünsche und die sehr interessante Lektüre (Wild + Hund 23/2008), über die ich mich sehr gefreut habe. Mein Glückwunsch zu diesem schönen Artikel über Ihr Ridinger Wirken und die damit verbundene und verdiente Anerkennung. An meiner ‚Ridinger – Sammlung‘ erfreue ich mich stets aufs Neue. Schon deshalb war die Anschaffung des Pompadour Bandes (1998) ein guter Kauf … Mit besten Grüßen, Ihr … “

(Herr O. v. L., 5. Januar 2009)

 

Die Auslese des Tages